Didi Hamann über sein Englisch "Manchmal habe ich gar nichts verstanden"

Per Wechsel ins Ausland forcieren viele Profifußballer ihre Karriere - auch mit nur mauen Sprachkenntnissen. Das kann haarig werden. Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann spricht über seine erste Zeit in England.

Ein Interview von

Dietmar Hamann im Jahr 2000 im Spiel England-Deutschland - er schoss das letzte Tor im alten Wembley-Stadion, bevor es abgerissen wurde
REUTERS

Dietmar Hamann im Jahr 2000 im Spiel England-Deutschland - er schoss das letzte Tor im alten Wembley-Stadion, bevor es abgerissen wurde


Nur das bisschen Schulenglisch - und dann für den Job ins Ausland: So ergeht es vielen Menschen. Aber die meisten müssen keine Fragen live vor der Kamera beantworten. Profifußballer schon. Das kann sprachlich unsichere Kicker direkt in die Zitatehölle führen - wie Lothar Matthäus, der beim Wechsel zu den New York Metro Stars eine glückliche Saison herbeisehnte, mit den legendären Worten "I hope we have a little bit lucky".

Fußball-Denglisch: Listen and repeat!

Thomas Müller: "We have a big breast."
November 2013. Bayern München hatte in der Champions League gegen ZSKA Moskau 3:1 gewonnen. Als Thomas Müller, Wirbelstürmer von Bayern München, in englischer Sprache die Überlegenheit seiner Mannschaft rühmen wollte, hatte er wohl vor, etwas mit "breiter Brust" zu sagen. Das ging, nun ja, ziemlich schief.

Pep Guardiola: "When we have ein Titel, I will smoke a cigar."
Der FC Bayern München war schon vorzeitig fürs Achtelfinale der Champions League qualifiziert, in der Bundesliga der Konkurrenz enteilt - und trotzdem wirkte Bayern-Trainer Pep Guardiola nach eben jenem Sieg gegen ZSKA Moskau angespannt. Auf die Frage, warum er sich nicht wie Bayern-Chef Uli Hoeneß mal eine Zigarre gönne, antwortete der Spanier mit diesem bestechenden Mix aus Deutsch und Englisch.

Lothar Matthäus: "I hope we have a little bit lucky."
Mit diesem Satz wird Lothar Matthäus nicht nur vielen Amerikanern in Erinnerung geblieben sein. Er hatte 1999 gerade als Trainer der New York Metro Stars angeheuert. Immerhin sagte er auch: "My English is not so good, my German is much better."

Roman Weidenfeller: "I think we have a grandios saison gespielt."
Mit diesen fast schon legendären Worten kommentierte BVB-Torwart Roman Weidenfeller im April 2011 den BVB-Titelgewinn in einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender "Dubai Sports". Der Clip wurde ein YouTube-Hit, Dortmunder hängten Plakate mit dem Spruch auf, Fans ließen ihn sich auf T-Shirts drucken.

Lukas Podolski: "We used a lot of balls."
Als Lukas Podolski 2012 nach dem Gewinn von Aresenal gegen Montpellier von einem britischen Journalisten interviewt wurde, war es schwer, zwischen den vielen Ähs überhaupt ein englisches Wort herauszuhören. Zwei Jahre später hörte sich das schon ganz anders an, da ließ sich Poldi sogar dabei filmen, wie ihm Arsenal-Veteran Ray Parlour Cockney-Slang beibringt.

Mesut Özil: "I don't know what I can in English."
Mesut Özil weiß, dass er nichts weiß. Bei seiner offiziellen Vorstellung beim FC Arsenal im September 2013 antwortete er lieber auf Deutsch. Als er von einem Journalisten gebeten wurde, einen Satz auf Englisch an die Fans zu richten, sagte er "I am a Gunner." Alles richtig gemacht. Und so schreibt denn auch der "Guardian", Özils Englisch sei besser als er selbst behaupte. An ihm können sich viele ein Beispiel nehmen.

Mario Götze: "What do you do so?"
Diesen schönen Satz schrieb Mario Götze auf Facebook unter ein Foto von sich im Bademantel. "Ein bisschen Zeit für den Spa Bereich. Sauna und Schwimmen. Was macht ihr so?", lautete der deutsche Eintrag - und damit es auch die englischen Fans verstehen, gab es direkt darunter die englische, äh, Übersetzung. Der Fehler wurde schnell korrigiert, die bissigen Kommentare blieben.

Jürgen Klopp: "Sometimes the one comes to the other."
Schon während er den Satz sprach, musste der BVB-Trainer über sich selbst lachen. "Manchmal kommt eines zum anderen", dieses Sprichwort kann man so wörtlich nicht ins Englische übersetzen. "Von den englischsprachigen Zuhörern hat ihn niemand verstanden, aber das war eigentlich auch egal", schrieb der "Guardian" nach dem Auftritt im November 2014. Mit seinem Lachanfall hatte Klopp zu diesem Zeitpunkt schon alle Herzen gewonnen.

In der englischen Premier League hadern deutsche Fußballer häufig mit der Sprache - zumal mit speziellen Dialekten wie dem Scouse aus Liverpool, dem Brummie aus der Gegend um Birmingham oder dem Londoner Cockney (hier eine amüsante Lehrstunde mit Ex-Arsenal-Spieler Lukas Podolski). Auch der langjährige Nationalspieler Didi Hamann, heute TV-Experte und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, tat sich zunächst schwer.

KarriereSPIEGEL: Als Sie in die Premiere League kamen, wie lief's da mit der Verständigung?

Hamann: Am Anfang hatte ich große Sprachprobleme, mein Wortschatz war sehr begrenzt. Englisch war sogar eines meiner Prüfungsfächer im Abitur, aber sprachlich bin ich nicht sehr begabt. Das Schulenglisch hat mich kaum auf Großbritannien vorbereitet und mir höchstens ein Grundverständnis der Sprache gegeben. Mehr nicht.

KarriereSPIEGEL: Erinnern Sie sich ans erste Interview auf Englisch?

Hamann: Oh Gott, nein - zum Glück nicht. Aber es war sicher sehr zäh. Wenn man einer Sprache nicht mächtig ist, sollte man auch keine Interviews geben. Dazu kam: In Newcastle sprechen die Leute einen starken Slang, dort im Norden leben zudem viele Schotten - denen konnte ich noch schwerer folgen. Manchmal habe ich einfach gar nichts verstanden.

Zur Person
  • DPA
    Dietmar "Didi" Hamann (Jahrgang 1973) gab 1993 sein Bundesligadebüt für den FC Bayern. Fünf Jahre später wechselte er in die Premier League, wo er für Newcastle United, den FC Liverpool und Manchester City spielte. Hamann absolvierte 59 Länderspiele und wurde 2002 Vizeweltmeister. Heute lebt er in der Nähe von Manchester, arbeitet als Experte für den Sender Sky und kommentiert für SPIEGEL ONLINE regelmäßig Entwicklungen in der Bundesliga und im internationalen Fußball.
KarriereSPIEGEL: Und wie haben Sie sich beholfen?

Hamann: Am Anfang habe ich mich mehr auf das Zuhören beschränkt. Wenn ich mal zwei, drei Bier getrunken hatte, habe ich mich auch ab und zu getraut und geredet.

KarriereSPIEGEL: Dann gab es sicher auch Probleme im Verein, oder?

Hamann: Nein, auf dem Platz hat das kaum eine Rolle gespielt. Die paar wichtigen Vokabeln hatte ich schnell drauf. Wir hatten viele Legionäre im Team - da hat der Verein sehr viel Rücksicht genommen, und der Trainer hat gedrängt, dass die Ausländer Unterricht bekommen. Ich habe das gern angenommen. Ich wollte ja eine neue Kultur, neue Menschen und eben auch eine neue Sprache kennenlernen, das waren alles Gründe für meinen Wechsel.

KarriereSPIEGEL: Haben Ihnen die Mitspieler geholfen, die Sprache zu lernen?

Hamann: Das nicht. Aber der Belgier Philippe Albert war schon vier, fünf Jahre in Newcastle, als ich kam. Er sprach perfekt, nur mit leichtem Akzent. Das war ein Ansporn, so wie er wollte ich auch Englisch können. Dass es so lange dauern würde, habe ich damals nicht erwartet.

KarriereSPIEGEL: Wie lange?

Hamann: Es waren schon zwei, drei Jahre. Die ersten sechs Monate hat eine Lehrerin mir zwei- bis dreimal pro Woche Unterricht gegeben. Außerdem war ich fast nur mit Engländern unterwegs, hatte niemanden, mit dem ich Deutsch reden konnte. Deutsche im Ausland hängen ja viel zusammen, das ist falsch - man muss rausgehen und sprechen. Der Schlüssel zum Englischen sind die Phrasal Verbs.

KarriereSPIEGEL: Warum?

Hamann: Wer einmal die Zusammensetzungen von etwa turn off, put up, put on verstanden hat, hat die Sprache halbwegs gemeistert. Auch viele Schlagzeilen in der englischen Presse basieren darauf. Außerdem kann man mit diesen Wörtern alles umschreiben - selbst wenn mir einmal eine wichtige Vokabel nicht eingefallen ist. Im Deutschen funktioniert das nicht.

KarriereSPIEGEL: Nach ihrer Zeit als Spieler sind Sie in England geblieben und leben in der Nähe von Manchester. Was gefällt Ihnen an der Sprache?

Hamann: Damit kann man im Englischen besser spielen als auf Deutsch - und sehr viel schlagfertiger sein. Nur ein kleines Wort, schon ist der Sinn eines Satzes auf den Kopf gestellt. Das mag ich. Ich spreche und höre die Sprache sehr gern. Selbst mit Deutschen spreche ich lieber Englisch, zumindest wenn sie es ganz gut können.

KarriereSPIEGEL: Und mit Ihrer Familie?

Hamann: Mal Deutsch, mal Englisch. Ich probiere, bei meinen Kindern, die ja nach acht Jahren Großbritannien wieder in München leben, das Englische zu erhalten.

KarriereSPIEGEL: Wenn Sie Deutsch sprechen, hört man Ihren bayerischen Dialekt sehr deutlich. Wie läuft's nach 17 Jahren England mit der deutschen Sprache?

Hamann: Seit ich regelmäßig im deutschen Fernsehen als Experte für Sky arbeite, wieder besser, allmählich fühle ich mich sicherer. Davor sind mir oft Wörter nicht eingefallen. Zu Anfang habe ich im Kopf probiert, aus dem Englischen zu übersetzen. Da hab' ich mich wie ein Ausländer gefühlt.

KarriereSPIEGEL: Englisch hat Sie also sehr geprägt?

Hamann. Ja, das ist jetzt meine Sprache. Ich denke schon ewig auf Englisch, persönliche Notizen schreibe ich längst auf Englisch. Und seit etwa zehn Jahren träume ich auch auf Englisch.

  • Das Interview führte Jörg Römer (Jahrgang 1974), freier Journalist in Hamburg.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
in-teressant! 21.05.2015
1. Irgendwie...
...passt die Überschrift "Manchmal habe ich gar nichts verstanden" auch zu den Prognosen, die Hamann seit Wochen in seiner SPON-Kolumne von sich gibt, da er ja fast immer daneben liegt.
pepperich 21.05.2015
2. Man mag es kaum glauben,
aber Lothar Matthäus hat in New York tatsächlich noch als Spieler angeheuert.
KJB 21.05.2015
3. Perfekt
Die Artikelüberschrift ist sehr gelungen, passt zu allen Artikeln mit und von Hamann. "Guardiola geht im Sommer sicher zu Man City...weiß ich aus sicherer Quelle...Blabla". Stuss ohne Hand und Fuß und das am laufenden Band.
Crom 21.05.2015
4.
Schlimmer sind nur noch die, welche dann auch noch in Foren ihre Kommentare dazu abgeben. ;)
ar_crazy 21.05.2015
5. Erwachsene, die gerne Fußball spielen. ..
....sind also nicht intelligent? Was für ein Blödsinn. Überlegen einige Leute eigentlich bevor sie was schreiben. Was das "Englisch leben" angeht: stimme nur zu. Ging mir nach 8 Jahren in England (wo u.a. ich auch mit Didi Hamann auf Englisch gesprochen habe, als ich ihn in Manchester traf) nicht anders. Man lebt mit seinen Eindrücken und die Sprache lernen fällt einfacher als in der Schule. Profitiere heute noch davon.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.