Diskriminierung in Stellenanzeigen "Gesunder Löwe" gesucht

Wie diskriminierend sind Stellenanzeigen? Damit beschäftigt sich eine neue Studie. Ergebnis: Es ist nicht alles schlecht.

Bauarbeiter_innen (Symbolbild)
Getty Images/Cultura RF

Bauarbeiter_innen (Symbolbild)


Es gibt Unternehmen, die "Anpacker", "Durchstarter" oder "gesunde Löwen" einstellen wollen. Es gibt Krankenhäuser, die einen "Assistenzarzt" brauchen oder Hotels, die eine "flexible Servicekraft/Hotelfachfrau/Restaurantfachfrau (m/w)" suchen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat 5667 Stellenanzeigen danach ausgewertet, ob sie diskriminierend sind oder nicht. Laut der Studie, die an diesem Montag in Berlin vorgestellt worden ist, konnten nur 125 von ihnen als diskriminierend eingestuft werden, das sind 2,2 Prozent.

Diese Stellenanzeigen verstießen demnach gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das heißt Bewerber wurden aufgrund ihrer ...

  • ethnischen Herkunft beziehungsweise aus rassistischen Gründen,
  • des Geschlechts,
  • der Religion oder Weltanschauung,
  • einer Behinderung,
  • des Alters oder
  • der sexuellen Identität

benachteiligt.

Allerdings enthielt jede fünfte Stellenanzeige ein Diskriminierungsrisiko. Ein Risiko liegt vor, wenn etwa einzelne Personen von der Bewerbung ausgeschlossen werden könnten. Das wäre dann der Fall, wenn etwa nach Menschen mit fünf oder zehn Jahren Berufserfahrung gesucht wird, da dies jüngere Bewerber abschrecken könnte.

Diskriminierung in Stellenanzeigen
Wer hat die Studie in Auftrag gegeben?
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes.
Wie viele Stellenanzeigen wurden ausgewertet?
Es wurden 5667 Stellenanzeigen bundesweit inhaltsanalytisch ausgewertet.
Wann und wo sind die Anzeigen erschienen?
Die Stellenanzeigen stammen aus dem Zeitraum vom 23. Oktober bis 10. November 2017. Es wurden Stellenanzeigen in Printmedien als auch in großen Online-Jobportalen berücksichtigt. Um einen regionalen und bundesweiten Überblick zu gewährleisten, wurden bei den Printmedien sowohl lokale als auch überregionale Zeitungen ausgewertet.

Die Mehrheit der als diskriminierend eingestuften Stellenanzeigen (80 Prozent) adressieren meist nur ein Geschlecht - etwa wenn ein Unternehmen "Redner", "Brückenbauer" oder "Berater" sucht oder "medizinische Fachangestellte", selbst dann, wenn dahinter der Zusatz (w/m) gesetzt wird.

Die Wissenschaftler konnten vor allem in weiblich dominierten Branchen diskriminierende Stellenanzeigen entdecken: bei Bürofachkräften, Krankenpflegekräften und Sprechstundenhilfen.

Nur zehn Prozent der Stellenanzeigen enthalten einen neutralen Jobtitel wie "Leitung der Station" oder "Assistenz der Geschäftsführung". Meist werden die Jobtitel mit dem generischen Maskulin bezeichnet und tragen den Zusatz wie (w/m), zum Beispiel Softwareentwickler, Techniker, Mechaniker.

Diskriminierung aufgrund des Alters

In jeder fünften diskriminierenden Stellenanzeige wurde auf ein spezielles Alter angespielt, etwa wurden hier die Bewerber geduzt, es wurde eine "junge Servicekraft" gesucht oder das Unternehmen stellte sich selbst als jung dar ("Junges Team sucht").

Auch mit Fotos kann in Stellenanzeigen diskriminiert werden. Rund jede fünfte der untersuchten Stellenanzeigen enthielt ein Foto von Personen. Auch wenn die Fotos mehrheitlich Frauen und Männer zusammen darstellten, ist auf mehr als einem Viertel (28 Prozent) der Fotos nur ein Mann oder mehrere Männer und auf knapp einem Fünftel (19 Prozent) nur eine Frau oder mehrere Frauen zu sehen. Dabei sind Fotos, die nur ein Geschlecht abbilden, vor allem in Stellenanzeigen für männer- beziehungsweise frauendominierte Berufsgruppen zu finden.

Ebenfalls knapp ein Fünftel (19 Prozent) der Stellenanzeigen mit einem Foto stellen nur jüngere Personen dar und können daher ein Diskriminierungsrisiko für ältere Bewerber darstellen.

Fotos, auf denen jüngere Frauen zu sehen sind, finden sich demnach überdurchschnittlich oft in Stellenanzeigen für Bürofachkräfte, Pflege- oder Verkaufspersonal. Fotos von jungen Männern sind dagegen oft in Stellenanzeigen mit starkem IT-Bezug zu sehen.

kha



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Fuxx81 08.10.2018
1. Nur 2%?
Also ich sehe ziemlich oft die Aussage: "Bei gleicher Eignung werden Frauen bevorzugt." Das ist ohne jeden Zweifel offen diskriminierend.
mwroer 08.10.2018
2.
Berufserfahrung ist ein Diskriminierungsrisiko? Ich war der Meinung das wäre eine legitime Anforderung. Darf man noch Abitur fordern oder ist das auch schon grenzwertig?
dasfred 08.10.2018
3. Hauptsache Neutral
Neutrale Bewerbung, Stellenausschreibung, Einladung zum Bewerbungsgespräch, alles nur Formalitäten. Profis haben den idealen Bewerber oder die Bewerberin längst im Hinterkopf und sortieren jeden aus, der nicht ins Bild passt. Entweder ohne Begründung oder mit dem fadenscheinigen Argument der Überqualifikation. Dagegen kann keiner klagen. Jeder weiß, wie es läuft, trotzdem sucht man noch nach Fallen, in die der kleine Unternehmer tappt, um noch ein paar Euro wegen Diskriminierung rauszukitzeln.
strandeule 08.10.2018
4. Man kann es auch übertreiben
Nur weil in einer Stellenanzeige geduzt wird, ist das noch lange nicht diskriminierend. Es gibt inzwischen viele Unternehmen, die intern duzend und das nach und nach auch konsequent im Recruiting machen. So kenne ich es unter anderem von meinem eigenen Arbeitgeber in einer eher konservativen Branche. Und in wie weit eine Angabe zu Berufserfahrung diskriminierend ist, erschließt sich mir auch nicht. Wenn ich jemanden im gehobenen Management suche, dann gehört dazu auch, dass man den Job oder vergleichbares schon einige Jahre macht. Es gibt 30-jährige, die schon 5 Jahre Erfahrung haben und 35-jährige, die gerade den Hochschulabschluss gemacht haben. In dem Fall will ich niemanden, der "älter" ist, sondern erfahren.
ansv 08.10.2018
5.
Zitat von mwroerBerufserfahrung ist ein Diskriminierungsrisiko? Ich war der Meinung das wäre eine legitime Anforderung. Darf man noch Abitur fordern oder ist das auch schon grenzwertig?
Danke, das war auch mein Gedanke. Als ich mir mit Mitte 40 einen neuen Job suchen musste, fand ich es eher hilfreich, wenn aus der Anzeige hervorging ob Erfahrung oder Jugend gesucht wird. Jeder Berater kann erklären, wie wichtig eine gut gemischte Altersstruktur für ein Unternehmen ist, aber gezielt suchen darf ich nicht? Für wen ist es denn wichtig, dass sich die 10 passenden Bewerbungen zwischen 200 unpassenden verstecken?
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