Diskriminierung im Job "Männer neigen dazu, sich benachteiligt zu fühlen"

In Großbritannien haben Männer erfolgreich gegen Diskriminierung im Job prozessiert. Ist das auch in Deutschland möglich? Anwalt Ulrich Tödtmann rät von Klagen ab - die Chancen hält er für gering.

Ein Interview von Anja Tiedge

Schmollen nützt nichts: Männer müssen kleinere Ungerechtigkeiten hinnehmen
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Schmollen nützt nichts: Männer müssen kleinere Ungerechtigkeiten hinnehmen


Zur Person
  • privat
    Ulrich Tödtmann (Jahrgang 1964) ist Rechtsanwalt für Arbeits-, Gesellschafts- und Energierecht bei der Sozietät Eimer Heuschmid Mehle. Er ist Honorarprofessor an der Universität Mannheim, wo er unter anderem Arbeitsrecht lehrt.
KarrierreSPIEGEL: Herr Tödtmann, in Großbritannien haben 18 Männer, die an einer Universität arbeiten, erfolgreich wegen Diskriminierung geklagt. Gibt es solche Fälle auch in Deutschland?

Tödtmann: Es gibt Fälle, in denen Männer sich wegen ihres Geschlechts benachteiligt fühlen und klagen. Das kommt bislang aber selten vor. Zum Beispiel hat ein Erzieher vor einigen Jahren ein Mädcheninternat verklagt, das in der Ausschreibung explizit nach Frauen gesucht und seine Bewerbung deshalb abgelehnt hat.

KarriereSPIEGEL: Was ist dabei rausgekommen?

Tödtmann: Das Bundesarbeitsgericht wies die Klage ab. Das leuchtet mir in diesem Fall ein. Ein anderer Fall ist der eines Lufthansa-Piloten, der seine Mütze nicht aufsetzen wollte, weil seine Kolleginnen auch keine tragen müssen. Die Lufthansa mahnte ihn deshalb ab, woraufhin der Pilot seinen Arbeitgeber wegen Diskriminierung verklagte. Das Gericht entschied in zweiter Instanz, dass man männlichen und weiblichen Mitarbeitern sehr wohl unterschiedliche Dienstkleidung vorschreiben darf.

KarrierreSPIEGEL: Das klingt ja nicht gerade, als hätten Diskriminierungsklagen von Männern Aussicht auf Erfolg.

Tödtmann: Die Politik will erst einmal eine wirkliche Gleichstellung von Männern und Frauen erreichen - was bedeutet, dass Männer vorerst kleinere Ungerechtigkeiten hinnehmen müssen.

KarriereSPIEGEL: Das verstößt aber doch gegen geltendes Recht: Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz steht, dass Benachteiligungen wegen des Geschlechts zu verhindern sind.

Diskriminierung: Was Männer nervt
  • Seit Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) 2006 gingen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes rund 2600 Beschwerden von Menschen ein, die sich wegen ihres Geschlechts benachteiligt fühlten. 730 davon stammen von Männern und rund 1500 von Frauen. Die übrigen kamen entweder von Transsexuellen, Intersexuellen und von Bürgern, die ihr Geschlecht nicht angegeben haben.

    Keine der Beschwerden, die von Männern eingereicht wurden, drehte sich um ungleiche Bezahlung. Zwei Drittel betrafen arbeitsrechtliche Fälle; die meisten hatten diskriminierende Stellenausschreibungen zum Thema. Die restlichen Beschwerden drehten sich beispielsweise um Partnerschaftsagenturen oder Frauenparkplätze.

    Stand: April 2014
Tödtmann: So steht es im ersten Paragrafen. Was dort verboten wird, wird weiter hinten aber wieder erlaubt: Paragraf fünf besagt, dass bestehende Nachteile ausgeglichen werden sollen. Das heißt im Klartext: Wenn es zu viele Männer im Unternehmen gibt, dürfen weibliche Bewerber bevorzugt werden. An dieser Vorschrift darf man unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten gewisse Zweifel haben.

KarriereSPIEGEL: Vertreten Sie Männer, die sich diskriminiert fühlen?

Tödtmann: Wie viele Anwälte rate ich Männern von einer Klage ab, weil die Erfolgschancen relativ gering sind. Gerade Männer neigen dazu, sich ungerecht behandelt zu fühlen, und führen eine Absage gerne mal auf Diskriminierung zurück. Aber wenn man sich die Stellenanzeige ansieht, stellt man fest, dass sie eine der geforderten Hauptqualifikationen nicht erfüllen. Aber auch wenn sie tatsächlich benachteiligt werden, ist das schwer zu beweisen.

KarriereSPIEGEL: Warum?

Tödtmann: Selbst wenn eine Abteilungsleiterin nur Frauen einstellt, ist Diskriminierung schwer nachzuweisen, solange die Stellenausschreibung neutral gehalten wurde. Es kann nun mal viele Gründe geben, warum eine Bewerberin besser ist als ein Mann. Wer sich diskriminiert fühlt, sollte deshalb Gespräche genau dokumentieren. Falls es zu einer Klage kommt, müssen Sie beweisen können, dass Sie diskriminiert wurden. Sie können den Chef auch unter Zeugen fragen, warum er Sie nicht genommen hat. Schlaue Arbeitgeber werden Ihnen dazu aber keine Auskunft geben. Das ist wie mit Banken: Die werden Ihnen in aller Regel auch nicht sagen, warum sie Ihnen kein Darlehen geben.

KarriereSPIEGEL: Kritiker der Frauenquote in Führungspositionen befürchten, dass Männer bei Einstellungen und Beförderungen übergangen werden. Wird es dadurch mehr Klagen von Männern geben?

Tödtmann: Auf jeden Fall. Wenn Frauen bevorzugt werden, ist die Gefahr groß, dass Unternehmen bei Ausschreibungen und Einstellungen justiziable Fehler machen. Die kann ein übergangener männlicher Bewerber zu seinen Gunsten nutzen. Einen Punkt übersehen wir in der ganzen Diskussion aber oft: Niemand wird je hundertprozentig nach objektiven Kriterien einstellen. Die Chemie zwischen Menschen können Sie nicht gesetzlich regeln. Da hilft auch kein Diskriminierungsverbot.

  • Das Interview führte Anja Tiedge (Jahrgang 1980), freie Journalistin in Hamburg.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
a.weishaupt 29.04.2014
1. Neigung?
Woher hat dieser Herr seine Infos? Die Neigung, sich unberechtigt diskriminiert zu fühlen, ist bei Frauen ja wohl kaum schwächer. Im Gegenteil, einige der angesprochenen Fälle würden bei vertauschten Geschlechtern sicherlich erfolgreiche und vor allem zahlreichere Klagen nach sich ziehen.
braamsery 29.04.2014
2. Frauen haben das natürlich nicht...
Oder warum werden sogar Texte geändert damit man sich nicht benachteiligt fühlt... Was ich nicht verstehe ist, dass wieder so getan wird als ob Männer als hinnehmen müssen. Z.B. Bin ich absolut kein Fan von Mützen, ich würde mich zwar nicht diskriminiert fühlen, aber auf jeden Fall ungerecht behandelt. Ein extrem gutes Beispiel sind hierfür Frauenparkplätze. Ich benutze die auch als man weil ich das ungerecht finde, aber Vorteile anschaffen werden Frauen da ja nicht.
jujo 29.04.2014
3. ...
Zitat von sysopCorbisIn Großbritannien haben Männer erfolgreich gegen Diskriminierung im Job prozessiert. Ist das auch in Deutschland möglich? Anwalt Ulricht Tödtmann rät von Klagen ab - die Chancen hält er für gering. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/diskriminierung-im-job-maenner-klagen-gegen-frauen-bevorzugung-a-966118.html
Die beiden Beispiele sind eigentlich nicht geeignet. Die Klage des Lufthansa Piloten ist abwegig, dazu braucht es keine Juristen, die Lehrerstelle am Mädcheninternat nur für eine Frau ist auch klar, denke ich. Im allgemeinen ist meine Meinung zur (angeblichen) Diskriminierung was Männer angeht so, das macht nur ein "Weichei", Was Frauen angeht ist sie so, das machen nur "Heulsusen"
say_whaaaaat 29.04.2014
4.
Zitat von a.weishauptWoher hat dieser Herr seine Infos? Die Neigung, sich unberechtigt diskriminiert zu fühlen, ist bei Frauen ja wohl kaum schwächer. Im Gegenteil, einige der angesprochenen Fälle würden bei vertauschten Geschlechtern sicherlich erfolgreiche und vor allem zahlreichere Klagen nach sich ziehen.
Hätte auch gerne seine Quellen gewusst. Tatsächliche und gefühlte Wahrheit...
marthaimschnee 29.04.2014
5.
Und was ist mit Fällen, in denen sich 9 Männer und 1 Frau auf eine Stelle bewerben und die Frau trotz teilweise erheblich besserer Qualifikationen einiger Männer diese aufgrund von "Frauenquote" oder zynisch "Weibchenbonus" genannt, bekommt? Das ist ja eindeutig Diskriminierung und wird durch politische Entscheidungen hinsichtlich verbindlicher Frauenquote sogar gefördert. Gleichberechtigung bedeutet eben auch, daß man eine Frau nicht aus dem Grund bevorzugen darf, daß sie eine Frau ist!
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