Frage nach Schwangerschaft Entlassene Kosmetikerin erhält 10.800 Euro

Eine Kosmetikerin soll die Leitung eines Studios übernehmen. Und verrät, dass sie heiraten will. Weil die Firma mit baldiger Schwangerschaft rechnet, folgt die Kündigung. Wegen Diskriminierung bekommt die Mitarbeiterin nun eine Entschädigung.

Die Klägerin vor Gericht (mit ihrer Anwältin Alexandra Schriefers, rechts): "Heirat = Schwangerschaft, zeigt die Erfahrung"
DPA

Die Klägerin vor Gericht (mit ihrer Anwältin Alexandra Schriefers, rechts): "Heirat = Schwangerschaft, zeigt die Erfahrung"


Beruflich wie privat hatte Stephanie K. (Name geändert) große Pläne. Die Heilpraktikerin und frühere Medizinstudentin arbeitete stundenweise in einem Düsseldorfer Kosmetikstudio und wollte dort in Vollzeit Standortleiterin werden. Sie beendete ihre Heilpraktiker-Tätigkeit und freute sich auf die neuen Aufgaben. Auch im Privatleben lief alles rund, die Hochzeit sollte in wenigen Wochen stattfinden, im Oktober 2011.

Davon erzählte sie ihrem Chef. Ein fataler Fehler - der sie am Ende ihren Job kostete.

Denn bereits wenige Tage später bekam Stephanie K. eine E-Mail ihres Vorgesetzten mit dem Betreff "Berufs- vs. Familienplanung". Darin schrieb der Arbeitgeber:

"Wie Sie mir gesagt haben, werden Sie Ende Oktober heiraten und damit einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Ich will ganz offen sein. Für eine Frau in Ihrem Alter ist es 'normal' schwanger zu werden und Kinder zu bekommen (...) Den 'Neuaufbau' des Standortes Düsseldorf würden wir gerne mit Ihnen machen - aber das funktioniert natürlich nicht, wenn Sie 2012 wegen einer Schwangerschaft ausfallen. Bitte teilen Sie mir mit, welche Pläne Sie haben: Ist eine Schwangerschaft 2012 möglich bzw. gewollt - oder können Sie das für das nächste Jahr ausschließen?"

Was folgte, waren Mail-Wechsel, in denen die Kosmetikerin ihren Wunsch nach Ausbau ihrer Karriere betonte. Die Arbeitszeit von Stephanie K. wurde dennoch nicht erhöht - vielmehr erreichte sie Ende November 2011 die Kündigung. Angeblicher Grund: "Die geringe Nachfrage an den Standorten Düsseldorf und Dortmund".

"Heirat = Schwangerschaft"

In einer der Mails hatte der Arbeitgeber Stephanie K. zuvor mitgeteilt, eine "Neuausrichtung des Standortes mit Ihnen im Mittelpunkt" sei nicht sinnvoll, "insbesondere auch deshalb nicht, weil wir in den kommenden zwölf Monaten mit einer Schwangerschaft bei Ihnen rechnen müssen (das zeigt einfach die Erfahrung in anderen Standorten - Heirat = Schwangerschaft)".

Fotostrecke

12  Bilder
Buhmann Baby: Schon wieder schwanger - zwölf Mütter erzählen
Dagegen klagte die Kosmetikerin. Und bekam 10.800 Euro Entschädigung wegen Diskriminierung zugesprochen; verlangt hatte sie ursprünglich 28.600 Euro. Am Mittwoch zog der Arbeitgeber vor dem Landesarbeitsgericht in Düsseldorf seine Berufung zurück, nachdem ihm das Gericht geringe Erfolgschancen bescheinigt hatte.

Die 10.800 Euro waren der Kosmetikerin bereits in erster Instanz zugesprochen worden. Die Summe soll die Arbeitnehmerin entschädigen und gleichzeitig eine abschreckende Wirkung auf den Arbeitgeber haben, so die Urteilsbegründung des Arbeitsgerichts Düsseldorf (Aktenzeichen Ca 7393/11).

Diskriminierungsgrund "praktisch auf dem Tablett" präsentiert

Der Arbeitgeber habe den Zusammenhang zur Schwangerschaft und damit den Diskriminierungsgrund "mit seltener Deutlichkeit praktisch auf dem Tablett" präsentiert, sagte der Vorsitzende Richter. Weil das Kosmetikstudio die Berufung zurückgezogen hat, ist die Entscheidung rechtskräftig.

Rechtsanwältin Alexandra Schriefers vertrat Stephanie K. vor Gericht und nannte das Verhalten des Arbeitgebers "unfassbar in dieser Direktheit". Noch beim Gütetermin sei ihrer Mandantin eine fristlose Kündigung überreicht worden. Auch hält Schriefers die vom Gericht erhoffte abschreckende Wirkung der Strafe für nicht besonders nachhaltig: "Die Gegenseite zeigt keine Einsicht, sie sprechen heute noch von 'kleinsten Diskriminierungsmotiven'." Der Arbeitgeber behauptete schließlich vergebens, die Arbeitszeit sei aus anderem Grund nicht erhöht worden, nämlich wegen schlechter Umsatzzahlen.

Ihr sei die Vollzeitstelle als Standortleiterin mündlich zugesagt worden, sagte die 35-jährige Klägerin. Daraufhin habe sie ihre eigene Praxis als Heilpraktikerin aufgegeben. Aber als sie ihre Hochzeitsvorbereitungen erwähnt habe, sei plötzlich alles anders gewesen.

Besonders absurd dabei: Einbußen durch Schwangerschaft einer Mitarbeiterin müssen Arbeitgeber nicht fürchten, weil sie dank eines Ausgleichsverfahrens alle Bezüge aus dem Mutterschutz zurück bekommen können. Über die sogenannte Umlage U2 erstattet die Krankenkasse die Entgeltfortzahlung und den Arbeitgeberanteil der Sozialversicherung. Rechtsanwältin Schriefers sieht keinen Grund für Arbeitgeber-Sorgen, "dass eine schwangere Frau sie finanziell schwer belastet - und den Rest kann man organisieren".

dpa/end

insgesamt 141 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PH-sauer 05.09.2013
1. Gut so....
Zitat von sysopDPAEine Kosmetikerin soll die Leitung eines Studios übernehmen. Und verrät, dass sie heiraten will. Weil die Firma mit baldiger Schwangerschaft rechnet, folgt die Kündigung. Wegen Diskriminierung bekommt die Mitarbeiterin nun eine Entschädigung. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/diskriminierung-moegliche-schwangerschaft-ist-kein-kuendigungsgrund-a-920385.html
...und viel zu wenig! Die Leibeigenschaft ist schon lange abgeschafft!
fatherted98 05.09.2013
2. Na toll...
....10.800 Euro...und die werden dann natürlich auf das ALG angerechnet....also was solls. Wenn mal eine 0 mehr dranhängt, dann ist das eine Erfolgsmeldung....bis dahin nur ein Armutszeugnis der Arbeitsgerichte.
gumbofroehn 05.09.2013
3. Diskriminierungsklagen treffen nur die wirklichen Dummen!
Gut, dass das Urteil so ergangen ist. Allerdings muss man sich schon sehr über die galoppierende Dämlichkeit der Führungskraft wundern, in Form einer E-Mail Beweise für die Diskriminierung schaffen.
flymetothemoon 05.09.2013
4. Willkommen in Deutschland
Am Liebsten haben Arbeitgeber junge Menschen, die nie krank werden, alle leben, 12 Stunden am Tag arbeiten zzgl. Bereitschaft und dafür nicht mehr als 1000 € Brutto verlangen. Schöne neue Welt... Hätte die Richterin auch nur ansatzweise Mitgefühl und nicht solche soziale Kälte gezeigt, hätte sie dem Arbeitgeber noch eine dicke fünfstellige Strafe dazu aufgebrummt und die vollen 26.800 € verordnet. Bei welchem AG haben denn bitte läppische 10.000 € irgendeine Wirkung? Das ist doch geradezu ein Freifahrtschein... Schmeiß' die Muttis raus! Kostet Dich nichtmal nen Jahresgehalt...
bansky 05.09.2013
5. Schade...
dass das Unternehmen nur 10.800 Euro zahlen mussten. Da hätte gerne noch ein Null dranhängen dürfen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.