Management trifft Mensch "Ich bin doch nicht sexistisch. Oder?"

Diversität ist ein beliebtes Schlagwort für Manager. Schließlich gelten bunte Teams als kreativ und leistungsfähig. Aber beim Vielfalt-in-die-Firma-Bringen kann ganz schön viel schiefgehen.

Männlich und grauhaarig, so kennt man deutsche Firmenchefs (Symbolbild)
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Männlich und grauhaarig, so kennt man deutsche Firmenchefs (Symbolbild)

Eine Karriere-Glosse von


Stuber ist einer, den andere gerne als "knorrigen Unternehmertyp" bezeichnen. Er betreibt eine florierende Speditionsfirma im Schwäbischen, hält sich konsequent von allen Management-Trends fern und fährt dennoch - "trotzdem, mein Lieber, trotzdem!", wie er gerne sagt - regelmäßig üppige Gewinne ein. Aber natürlich wäre Stuber nicht Stuber und auch nicht so erfolgreich, wenn er nie auf andere hören würde. Deshalb hat er in seinem Unternehmen schon vor vielen Jahren einen Beirat eingerichtet.

Für eine Firma wie seine ist kein Aufsichtsrat vorgeschrieben; aber ab und zu mal eine andere Sicht auf die Dinge kann nicht schaden, dachte sich Stuber. Um unnötige Streitereien zu vermeiden, sitzen in dem Beirat seine Skatkumpels, dazu seine beiden besten Freunde aus der Grundschule und noch ein paar Leute aus den örtlichen Vereinen. Das Geschäftliche ist meist schnell erledigt, so dass der Runde ausreichend Zeit und Muße bleibt, die neuesten Kreationen eines Beiratsmitglieds zu verkosten, der passenderweise Winzer ist.

Alles wunderbar also, bis sich Stuber neulich mit Maier unterhielt, seinem Freund und Konkurrenten seit Studientagen.

"Stuber, so geht das nicht", sagte Maier. "Du brauchst Diversity, gerade in den Gremien. Zahlreiche Studien belegen, dass gemischte Teams viel bessere Ergebnisse bringen."

"Warum? Unsere Gespräche sind immer sehr harmonisch", entgegnete Stuber.

"Eben drum", triumphierte Maier. "Ihr schmort im eigenen Saft. Alte weiße Männer, ohne Ausnahme. Nur aus der Vielfalt können neue Impulse kommen."

In der Tat war es so, dass Stuber in den vergangenen Monaten die ein oder andere Entwicklung übersehen hatte. Nichts Besorgniserregendes, aber doch genug, um ihn über Maiers Diversity-Gerede länger nachdenken zu lassen.

Als er zu Ende gedacht hatte, ersetzte er die Vereinsleute durch einige befreundete Unternehmerinnen sowie einen Bekannten aus Vietnam. Und die Grundschulfreunde durch einen Schwulen und einen Technik-Nerd, weil seine Tochter ihm versicherte, keiner kenne sich so gut mit der Digitalisierung aus wie er. Um ein Haar hätte Stuber noch den Austauschstudenten aus Ruanda in den Beirat berufen, der gerade ein Praktikum in der Firma machte, aber man muss ja nicht gleich übertreiben.

Stuber ist ein höflicher Mensch, und so war ihm in der ersten Sitzung des neuen Beirats daran gelegen, die neuen Mitglieder gleich einzubinden - mit Sätzen wie "Was meinen Sie als Frau zu diesem Thema?" oder "Sie als Kenner des asiatischen Kulturkreises" oder "Wie käme diese Idee denn Ihrer Meinung nach in der Gay Community an?".

Als die Sitzung zu Ende und Stuber noch ganz berauscht war von der Fülle neuer Eindrücke, nahm ihn Frau Billinger unauffällig zur Seite.

"Mein lieber Stuber, so geht das nicht", sagte sie. "Ihr Verhalten war sexistisch und fremdenfeindlich."

Stuber war geschockt: "Aber ich wollte doch nur höflich sein."

"Mag sein, aber Sie dürfen die Beiratsmitglieder doch nicht so plump auf ihr Geschlecht oder ihre Herkunft reduzieren", entgegnete Frau Billinger und brauste empört davon.

Stuber war ratlos. Wie sollen neue Impulse entstehen, wenn man die Vielfalt nicht nutzen, die Unterschiede nicht ansprechen darf?

In der nächsten Beiratssitzung hielt er sich nun zurück und wartete darauf, dass sich die unterschiedlichen Perspektiven von selbst zeigen würden. Doch die Unternehmerinnen, der Herr aus Vietnam und auch der Vertreter der Gay Community machten keinerlei Anstalten, neue Blickwinkel in die Debatte einzubringen. Im Gegenteil: Sie taten sich durch besonders konservative Sichtweisen hervor, als gäbe es einen Wettbewerb, wer am konventionellsten zu argumentieren verstand.

Stuber musste neu nachdenken. Als er zu Ende gedacht hatte, verfasste er ein höfliches Schreiben an die kürzlich neu ernannten Beiratsmitglieder, in dem er ihnen für die erfolgreiche Zusammenarbeit dankte und ihnen alles Gute wünschte. Dann berief er die ursprünglichen Mitglieder zu einer außerordentlichen Sitzung ein. Dort teilte er ihnen mit, dass sie alle wieder mitmachen dürften, aber unter einer Bedingung. Jeder solle sich für eine gesellschaftliche Gruppe verantwortlich fühlen und deren Perspektive konsequent in die Beirats-Diskussionen einbringen.

Alle sagten zu und ließen den Abend mit diversen Gläschen Wein ausklingen. Um alles muss man sich selbst kümmern, dachte Stuber auf dem Heimweg, sogar um die Diversity.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
FranzGeorgA5 27.09.2017
1. Oje,...
... ganz gefährlicher Beitrag... vor ein paar Wochen ist ein Google-Mitarbeiter (wissen Sie noch?) für genau diese Aussagen gefeuert worden... Herr Werle ich hoffe dass es Ihnen nicht auch so ergeht, denn der Beitrag ist gut und zeigt auf, dass Diversity "unterschiedliche Gedanken und Sichtweisen" bedeutet.
Bakturs 27.09.2017
2. Diversity ist wichtig, aber ...
Diversity - oder bleiben wir doch einfach bei dem schönen deutschem Wort "Vielfältigkeit" - ist wichtig in einem Unternehmen. Gerade wenn Entscheidungen getroffen werden sollen oder die Meinung abgefragt werden soll, sind vielfältige Ansichten wertvoll. Dies kann aber nur funktionieren - und darum auch das "aber" in der Headline - wenn es eine anständige Streitkultur im Unternehmen gibt, welche aktiv gelebt wird. Ist der Chef ein stursinniger Patriarch, welcher von seinen Untergebenen (nein - nicht MITarbeitern) seine Meinung bestätigt haben möchte, sind vielfältige Meingungen natürlich ein Graus. Dieses Verhalten zieht sich leider bis runter in die kleinsten Abteilungen und letztendlich nickt jeder Teilnehmer einer Teamrunde nur noch mit dem Kopf, weil eh jeder Gegenvorschlag missbilligend aufgenommen und man selber als Störenfried wahrgenommen wird. Dabei wäre es gerade wichtig, kritische Meinungen zu erhalten, um sein eigenes vorgefertigtes Weltbild bei z. B. einer Produkterneuerung nicht bestätigt sondern kritisch hinterfragt zu bekommen.
veronika.franz01 27.09.2017
3. Wie geht Diversity und wie nicht
Zitat von FranzGeorgA5... ganz gefährlicher Beitrag... vor ein paar Wochen ist ein Google-Mitarbeiter (wissen Sie noch?) für genau diese Aussagen gefeuert worden... Herr Werle ich hoffe dass es Ihnen nicht auch so ergeht, denn der Beitrag ist gut und zeigt auf, dass Diversity "unterschiedliche Gedanken und Sichtweisen" bedeutet.
Und genau das denke ich nicht. Werle zeigt in seiner Glosse, worauf es bei Diversity ankommt und worauf eben nicht. Es geht im Grunde nicht um die Vielfalt als Eigenschaft, sondern das Zulassen anderer Perspektiven und Blickwinkel unabhängig von Herkunft und Co. Jeder hat grundsätzlich aus z. B. eigenen Bedürfnissen oder Erfahrungen heraus andere Sichtweisen. Würde man jemandem sagen "Sagen Sie mir mal als Frau", dann schränken wir automatisch den Blickwinkel bzw. den Rahmen, in dem sich eine Frau mit ihrer Bewertung bewegen darf, ein und erfassen damit nicht eine spezifische Meinung in all ihren Facetten, sondern nur Teilfacetten: Wir abstrahieren die Quellinformation bereits in ihrer Entstehung. Aber zum Zeitpunkt der Entstehung kann man ja noch gar nicht wissen, was abstrahiert werden kann und was nicht, wenn das Ziel und die Anforderungen von Anfang an nicht feststehen und das tut beides beim Brainstorrming und der Ideenfindung bspsweise nicht. Eine Person ist nicht nur Frau, nicht nur Christ oder Muslim, nicht nur Mann, nicht nur Afrikaner, nicht nur Europäer oder Franzose. Eine Person ist beispielsweise: Europäer, Deutsche, Mutter, Studentin, alleinerziehend, atheistisch, jedoch mit religiösem Hintergrund etc. Und die Gesamtheit der Eigenschaften färbt eine Meinung, nicht nur das "Frau sein". Deswegen haben auch Frauen unterschiedliche Meinungen, vielleicht auch weil manche Eigenschaften stärker prägen, andere wieder nicht. Sie als Moderator können das aber nicht vorschreiben und als "Sprecher" oder Moderierter sollte man sich genauso wenig auf eine Eigenschaft reduzieren lassen dürfen. Und das ist Diversity.
biber555 29.09.2017
4. mehr Humor und Gelassenheit
Anstelle sich aufzuregen, wenn man angesprochen wird mit "was sagen Sie als Frau dazu...", könnte man auch schlagfertig reagieten, z.B. als Frau finde ich...und als Mensch und Mitarbeiter finde ich...Das ganze mit einem Lächeln und schon läufts. Ich kann es sagen als Frau in einer beruflichen Welt mit vielen Männern.
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