Neue Studie Frauen verdienen nur halb so viel wie Männer

Der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern ist wesentlich größer als bisher angenommen. Zu dem Ergebnis kommt Wirtschaftsforscher Stefan Bach vom DIW. An eine schnelle Besserung der Lage glaubt er nicht.

Ein Interview von Pauline Schinkels

Seltene Konstellation: Sie Karriere, er Haushalt
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Zur Person
  • DIW
    Der Volkswirt Stefan Bach ist seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Er lehrt als Privatdozent an der Universität Potsdam.
KarriereSPIEGEL: Sie sagen in Ihrer neuen Studie, dass der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern wesentlich größer ist als zunächst vermutet: Frauen verdienen nur 49 Prozent vom Pro-Kopf-Bruttoeinkommen der Männer. Bisher ging man von einem Unterschied von 22 Prozent aus. Wie kommen Ihre Ergebnisse zustande?

Stefan Bach: Wir berücksichtigen erstmals alle Einkommensarten, also auch Gewinn-, Arbeits- und Vermögenseinkommen. Das hat bisher niemand gemacht für Deutschland. Anders als bei anderen Studien zum sogenannten Gender Pay Gap gehen wir nicht vom Stundenlohn, sondern vom Jahreseinkommen aus. Für die Studie beziehen wir auch erstmals Spitzeneinkommen ein.

KarriereSPIEGEL: Worin sehen Sie die Ursachen für die verschärften Einkommensunterschiede?

Bach: Da muss man unterscheiden. Bei den Spitzenverdienern, also ab einem Jahresgehalt von über 500.000 Euro, gibt es nur vier Prozent Frauen. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass es noch immer sehr wenigen Frauen gelingt ins Top-Management aufzusteigen.

KarriereSPIEGEL: Und bei Normalverdienern?

Bach: Frauen ergreifen häufig die schlechter bezahlten Berufe. Männer lassen sich zum Mechatroniker ausbilden, Frauen werden Frisöse; er studiert Ingenieurs-, sie lieber Geisteswissenschaften.

KarriereSPIEGEL: Ist der Niedriglohnsektor demnach weiblich?

Bach: Ja das kann man so sagen, jedenfalls überwiegend. Frauen arbeiten häufig in Pflege- oder Handwerksberufen, die schlechter bezahlt sind. Zudem setzen gerade Frauen häufig familienbedingt aus. Danach arbeiten viele in Teilzeit. Aber wenn Sie ein paar Jahre aus dem Beruf raus sind, dann ist die Karriere futsch.

KarriereSPIEGEL: Was müsste passieren, damit sich die Gehälter angleichen?

Bach: Die heutigen Gehaltsunterschiede sind auf strukturelle Effekte und kulturelle Traditionen zurückzuführen. Auf der einen Seite kümmert sich in Deutschland noch immer hauptsächlich die Frau um die Familie, auf der anderen Seite gelingt es berufstätigen Frauen selten in Top-Positionen vorzudringen, viele bleiben im mittleren Management hängen. Das ist die "gläserne Decke". Hier müsste ein kultureller Wandel stattfinden. Das passiert aber nicht von heute auf morgen.

KarriereSPIEGEL: Gehen Frauen nicht auch häufig zu defensiv in Gehaltsverhandlungen?

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Bach: Ja das ist wohl häufig so. Das soll man Frauen nicht zum Vorwurf machen, aber schon an sie appellieren, dass sie sich mehr trauen sollten.

KarriereSPIEGEL: Derzeit beklagen viele Unternehmen den Fachkräftemangel. Verstecken sich da nicht die besser bezahlten Positionen, die von Frauen besetzt werden könnten?

Bach: Das ist schwer zu prognostizieren. Langfristig werden Frauen sicher zunehmend die Lücken füllen und besser bezahlte Fachkräftepositionen übernehmen. Dafür müssten aber noch mehr Frauen technische und naturwissenschaftliche Fächer studieren.

KarriereSPIEGEL: In zehn Jahren führen Sie wieder so eine Studie durch, Ihre Prognose?

Bach: Die Einkommenslücke wird geringer sein, vermutlich aber nicht viel.

KarriereSPIEGEL: All die Diskussionen um Quoten und neue Geschlechterrollen führen zu nichts?

Bach: Doch, sicher, denn das ist wichtig für den Bewusstseinswandel und da sind wir auf einem guten Weg. Aber die Aufgabe ist gewaltig: Langfristig etwas an den Gehaltsunterschieden zu ändern, das ist ein Projekt für eine ganze Generation.

  • Das Interview führte Pauline Schinkels (Jahrgang 1990). Sie studiert in Köln Sozialwissenschaften und absolviert parallel an der Kölner Journalistenschule eine Ausbildung zur Journalistin für Wirtschaft und Politik.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
spon-1280943165745 27.08.2014
1.
Das sind doch nichts neues. Das wird sich wohl auch leider so schnell nicht wesentlich ändern. Die Gründe für die Differenz von 22 zu 49% sind damit m.E. nicht erklärt. Der Grund liegt in der Änderung der Definition was Verdienst ist. Wenn nämlich alles (z.B. Zinsen, Dividende) eingerechnet wird ergibt sich natürlich ein anderes Bild. Es stellt sich aber die Frage ob das z.B. in einer Ehe korrekt ist.
karlaschnikow 27.08.2014
2. Komisch
Meine Erfahrungen im Freundeskreis sind genau umgekehrt: Die Männer (meist Ingenieure) verdienen hier fast durchgängig wesentlich weniger als ihre Frauen (Marketing, Finanzen, Anwältin). Die Kinderauszeiten nehmen somit meist die Männer. In Gehaltsverhandlungen gehen die Damen recht offensiv vor! Entweder werden wir mal wieder von sog. Studien getäuscht oder ich habe die falsche Freunde!:)
karlaschnikow 27.08.2014
3. Frauen
Frauen sind weiterhin bekanntlich wesentlich konsumfreudiger. So häufen sie weniger Vermögen an und erreichen logischerweise geringere "Vermögensgewinne"!
FocusTurnier 27.08.2014
4. Na sowas
Lese ich da wirklich folgende Punkte, warum Frauen im statistischen Mittel weniger verdienen als Männer? - falsche Wahl der Ausbildungs- und Studienfächer - zu defensive Gehaltsverhandlungen - Teilzeit oder gar zeitweiliger Ausstieg aus dem Beruf Also nix mit patriarchaler Unterdrückung? Dann lagen ja fast alle Parteien und die Gewerkschaften daneben, oder? Den Nachweis der "gläsernen Decke" bleibt das DIW aber auch diesmal schuldig. Ist das den Zahlendrehern vom DIW zu schwer oder können die wirklich keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen Gleichberechtigung und Gleichverteilung erbringen?
M. Michaelis 27.08.2014
5. Irreführung
Bei gleicher Qualifikation, gleichen Berufsjahren und gleicher Arbeitszeit vereinen die meisten Frauen gleich.
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