Alltagsrassismus in den USA "Trump hat gewonnen, ich gebe auf"

Geschäftsmann Antonio kam aus Mexiko in die USA, gründete eine Firma, stellte Leute ein, baute sich ein Leben auf. Doch in den letzten Jahren haben ihn Anfeindungen und rassistische Angriffe zermürbt. Er kehrt zurück in seine Heimat.

Rassistisches Graffito
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Rassistisches Graffito

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Antonio, 40, bewegt sich gegen den Strom. Während weiterhin viele Migranten aus Lateinamerika in die USA wollen, hat er den Rückzug angetreten - nach mehr als 20 Jahren in Texas, wo der gebürtige Mexikaner als Self-made-Mann eine Firma gründete, eine Amerikanerin heiratete und mit ihr und drei Kindern in einem noblen Vorort von Dallas wohnte. Antonio ist wieder nach Mexiko gegangen.

Seit Oktober 2016 ist diese Entscheidung in ihm gereift. Sie hat verschiedene Gründe, aber einer ist aus seiner Sicht ausschlaggebend: die rassistischen Anfeindungen, die er seit Donald Trumps Amtsantritt vor zwei Jahren erlebte. "Trump hat gewonnen, ich gebe auf", sagt Antonio. Er hat seine Angestellten entlassen, sein Unternehmen aufgegeben und sich von seiner Frau getrennt. Er will in Mexiko noch einmal ganz von vorne anfangen.

Die permanente Stimmungsmache des US-Präsidenten gegen Migranten, die dieser vor den Midterm-Wahlen noch mal massiv verstärkte, habe Rassismus in Texas offen zutage gefördert, sagt Antonio, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen möchte, aus Sorge, das könne Nachteile für seine Kinder haben, die noch in den USA leben. Von zunehmendem Hass berichten auch etliche Nicht-Regierungsorganisationen wie etwa das Bordernetwork Human Rights.

Bereits in den ersten Tagen nach Trumps Wahlsieg begannen die Pöbeleien, Drohungen und Übergriffe, wie Antonio damals dem SPIEGEL berichtete. "Ich möchte gern glauben, dass sich der Spuk in drei bis vier Wochen gelegt hat. Aber ich fürchte, so wird es nicht sein", sagte er 2016. Zwei Jahre später meldet er sich wieder: Er habe recht behalten. Leider. Es sei sogar alles noch viel schlimmer geworden. So empfindet er es.

Ich wurde immer wieder angespuckt

"Beim Einkaufen, im Auto, auf der Straße - ich wurde immer öfter beleidigt, angerempelt, bedroht und sogar angespuckt. Mir wurde gesagt, dies sei nicht mehr mein Land, ich solle zurück nach Mexiko gehen. Es war furchtbar, das zu erleben, vor allem, wenn meine Kinder dabei waren. Ich habe mich sehr gedemütigt gefühlt und wusste nicht, wie ich reagieren soll - auch wegen der Angst, die ich seit Trumps Amtsantritt habe.

Auf Hilfe von der Polizei habe ich nicht gehofft. Im Gegenteil. Wenn ich im Auto fuhr, ist oft eine Polizeistreife hinter mir hergefahren. Die Cops haben mich gestoppt und dann rüde aufgefordert, meine Papiere zu zeigen. Sie akzeptieren nur meinen US-Pass. Ich bin seit Jahren amerikanischer Staatsbürger, mit meinen Papieren ist alles in Ordnung. Deshalb ließen sie mich weiterfahren.

Aber das hat dazu geführt, dass ich immer Angst hatte, meinen Ausweis zu Hause zu vergessen - und bei jedem Polizeiwagen, der hinter mir fuhr, ein beklemmendes Gefühl bekam. Ich bin ein ängstlicher Mensch geworden, was die Polizei betrifft."

Antonios Angst und Misstrauen gingen so weit, dass er seinen Kindern einschärfte, sie sollten nie etwa vor Polizisten wegrennen - aus Sorge, diese könnten auf sie schießen, weil sie nicht weiß seien. Er erzählt all dies in einem langen Gespräch am Telefon, hörbar wütend, aber auch verzweifelt, verletzt und entsetzt darüber, wie sich seine Wahlheimat verändert hat - und auch er selbst ist anders geworden. Vor zwei Jahren klang er wie ein freundlicher Mann, der nach den ersten Pöbeleien nicht richtig fassen kann, was ihm passiert. Jetzt ist sein Ton hart, unversöhnlich.

Kontrollen an der US-mexikanischen Grenze
REUTERS

Kontrollen an der US-mexikanischen Grenze

Immer wieder fallen ihm Situationen ein, in denen er sich diskriminiert fühlte: Im Restaurant habe er eine größere Summe Bargeld vorzeigen müssen, bevor seine Bestellung aufgenommen wurde. In der Schule seien seine Kinder aufgrund ihres "mexikanischen Aussehens" ausgegrenzt worden. Im Unternehmen habe er viele Kunden verloren, darunter ältere Texaner aber auch wohlhabende Mexikaner, die weiter Richtung Grenze oder ganz nach Mexiko gezogen seien.

So wurde das Geld knapp - und außerdem noch seine Ehe kompliziert.

Trump hat zu meiner Scheidung beigetragen

"Meine Frau hat nicht verstanden, wie es mir geht und was mir Angst macht. Sie und ihre Familie haben immer die Republikaner gewählt, ich immer die Demokraten. Das war lange Zeit kein Problem. Aber Trump hat die Menschen stark polarisiert - auch in meiner Familie. Man kann nicht sagen, Trump hätte meine Ehe ruiniert. Aber er hat entscheidend zur Scheidung beigetragen.

Ich konnte und wollte irgendwann einfach nicht mehr so weitermachen, vor allem nachdem ich verprügelt worden bin.

Als ich im Supermarkt am Telefon mit einem Freund Spanisch sprach, pöbelten mich drei junge Frauen an: 'Speak American!' Ich drehte mich um und sagte: 'Fuck off'. Sie grummelten, verzogen sich aber - dachte ich. Nachdem ich gezahlt hatte, ging ich auf den Parkplatz, und da kam ein Pick-up auf mich zugerast.

Die Tür ging auf, drei Männer sprangen heraus, rissen mich zu Boden, schrien, ich sei ein 'Bad Hombre' (ein böser Mann) und solle zurück nach Mexiko gehen. Sie traten immer wieder auf mich ein, während ich auf dem Boden lag. Ich sagte ironisch, ich hoffte, sie seien stolz auf das, was sie da täten, und dass sie wohl zu dritt sein müssten, um einen Mexikaner mittleren Alters zu verprügeln. Sie sind dann ins Auto gesprungen und weggefahren.

Mehrere Menschen haben das Ganze beobachtet, aber angeblich hatte sich niemand das Nummernschild gemerkt. Die Polizei kam, und auch die Cops meinten, sie könnten nichts tun. Auf den Überwachungsvideos des Supermarkts sei nichts zu erkennen, außerdem habe ich den Streit womöglich angefangen. Ich antworte unfreundlich: 'Vielen Dank, dass ihr mich so gut beschützt.'

Erst später habe ich die Wunde versorgen lassen. Sie musste mit zwölf Stichen genäht werden. Ich bin nach dem Vorfall direkt in mein Büro gefahren, habe zu meinen Mitarbeitern gesagt: 'Tut mir leid, ihr seid gefeuert', und dann habe ich zu Hause zu meiner Frau gesagt: 'Ich gehe zurück nach Mexiko.'"

Es verlassen mehr Mexikaner die USA, als einreisen

Migranten aus Mittelamerika (Symbolbild)
DPA

Migranten aus Mittelamerika (Symbolbild)

Antonio ist nicht allein mit dieser Entscheidung. Nachdem die Zahlen mexikanischer Einwanderer in den USA über mehrere Jahrzehnte gestiegen waren, setzte etwa um das Jahr 2010 eine Trendwende ein. Im Jahr 2017 waren 11,3 Millionen mexikanische Migranten in den Vereinigten Staaten - 300.000 weniger als im Vorjahr, wie das Institut für Migrationspolitik in Washington auf seiner Website schreibt.

Inzwischen würden mehr Mexikaner die USA wieder verlassen als einreisen. Die Wirtschaft entwickle sich in dem lateinamerikanischen Nachbarstaat positiv. Ältere Studien belegen zudem, dass Familie und Heimatgefühle Motive für eine Rückkehr sind. Dazu kommt: Nicht alle Mexikaner reisen freiwillig aus. Die Trump-Administration setzt Abschiebungen besonders rigide um.

Antonio hat im Vergleich zu vielen anderen mexikanischen Einwanderern vergleichsweise gute Startbedingungen in seiner Heimat: eine solide Ausbildung, gute Kontakte, Eltern, die in wohlhabenden Verhältnissen leben und ihm helfen.

Seit drei Monaten wohne er jetzt in Mexiko, sagt er, überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben - allen Widrigkeiten zum Trotz. Lebensstandard und Einkommen sind hier im Schnitt deutlich niedriger als in den USA, Probleme mit Gewalt und Kriminalität umso größer. Trotzdem: Er habe ein ganz anderes Ansehen als in Texas und erlebe keine Diskriminierung, sagt Antonio.

Nach dem Gespräch wird er Fotos von der mexikanischen Küste schicken, wo er gerade das Wochenende verbringt. Strand. Blick aufs Meer. Er will zeigen, dass er optimistisch in die Zukunft sieht, dass Trump ihn trotz allem nicht ganz besiegt hat - auch wenn das Gefühl großer Bitterkeit bleibt.

"Der amerikanische Traum ist für mich zerplatzt"

"Ich dachte immer, ich hätte den amerikanischen Traum gelebt: Ich bin von Mexiko aus fürs College in die USA gegangen, habe in Europa studiert, mehrere akademische Abschlüsse, spreche Englisch, Französisch und Spanisch. In Texas habe ich ein eigenes Unternehmen mit zehn Angestellten aufgebaut. Ich habe immer gearbeitet, Steuern gezahlt, bin zur Wahl gegangen.

Trotzdem bleibe ich in den USA offenbar ein Fremder, einer, der nie richtig dazugehört, der unerwünscht ist - und das in einem Land, das sich fast nur aus Einwanderern zusammensetzt. Für mich ist der amerikanische Traum geplatzt. Ich bin fast 40 Jahre alt und muss hier in Mexiko noch einmal ganz neu anfangen - ohne meine Kinder, die ich schrecklich vermisse. Ein ignoranter US-Richter glaubt, sie seien in Mexiko nicht sicher.

Ich weiß: Nicht alle Texaner, geschweige denn alle Amerikaner, sind Rassisten. Mein Nachbar zum Beispiel, ein Kriegsveteran, der mich beim ersten Übergriff im Supermarkt beschützt hat, ist ein guter Freund geworden. Ich weiß auch: In anderen US-Bundesstaaten ist die Stimmung eine andere als in Texas, viele Menschen wehren sich gegen Rassismus, und bei den Midterms haben die Demokraten zumindest einen Teilsieg errungen.

Trotzdem: Ich werde ganz sicher nie wieder einen Fuß in die USA setzen."

Im Video: US-Ureinwohnerin vs. Donald Trump

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