Siezen oder Duzen? So sprechen Dax-Konzerne Bewerber an

Schüler werden gesiezt, Ältere geduzt: Wissenschaftler haben untersucht, wie Dax-Konzerne potenzielle Bewerber im Internet begrüßen. Das Ergebnis - großes Chaos.

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Wenn sich Schweizer mit ihren Geschäftspartnern auf das Du einigen, nennen sie das "Duzis machen". Ein schöner Ausdruck für ein Problem, das manche Mitarbeiter zum Grübeln bringt: Duzt man den älteren Kollegen, siezt man den jüngeren Chef? Nicht nur Kollegen sind sich unsicher, wen sie duzen oder siezen können - sondern auch die Unternehmen selbst, wie Hochschuldozent Murtaza Akbar festgestellt hat.

Der Kommunikationswissenschaftler der Hochschule Darmstadt hat untersucht, wie die 30 Dax-Konzerte Schüler, Auszubildende, Studenten, Berufseinsteiger und Berufserfahrene auf den eigenen Karriere-Webseiten und auf ihren Social-Media-Kanälen ansprechen und dabei herausgefunden: Es herrscht ein großes Du-Sie-Chaos.

Murtaza Akbar: "Der Kanal ist den Konzernen wichtiger als die Menschen"
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Murtaza Akbar: "Der Kanal ist den Konzernen wichtiger als die Menschen"

Die Allianz und VW wechseln die Ansprache je nach Plattform: Auf der eigenen Webseite werden alle Zielgruppen gesiezt, auf den Social-Media-Kanälen werden sie geduzt. "Gewinnen Sie einen Eindruck - mit einem Schülerpraktikum bei Volkswagen", schreibt der Autokonzern auf seiner Webseite und siezt damit Schüler. Auf dem Facebook-Kanal heißt es dagegen: "Du bist ein echtes Verkaufstalent? Dann bewirb Dich als Key Account Manager/in International bei Volkswagen".

Studie zur Ansprache von Bewerbern
Welche Plattformen wurden untersucht?
Um zu analysieren, wie ein Dax-Konzern seine Bewerber anspricht, wurden sowohl der offizielle Karrierebereich seiner Webseite als auch die entsprechenden konzerngeführten offiziellen Karriere-Social-Media-Kanäle oder, sofern nicht vorhanden, die klassischen offiziellen Social-Media-Kanäle im Zeitraum vom 1. Mai 2017 bis 26. März 2018 überprüft.
Welche Zielgruppen wurden unterschieden?
Es wurde zwischen den fünf Zielgruppen Schüler, Auszubildende, Studenten, Berufseinsteiger, Berufserfahrene unterschieden und untersucht, ob sie mit "Du" oder "Sie" angesprochen werden.
Was wurde untersucht?
Es wurde der Frage nachgegangen, welche Unterschiede es bei der jeweiligen Zielgruppenansprache gibt und inwieweit sich Ansprachen auf den Karriere-Webseiten der Konzerne von ihren Social-Media-Kanälen unterscheiden.

"Der Kanal ist den Konzernen wichtiger als die Menschen, sonst würden sie besser bei der Ansprache unterscheiden und nicht alle über einen Kamm scheren", sagt Akbar. Nur sieben der 30 Konzernen variieren ihre Ansprache auf den Social-Media-Kanälen und nutzen je nach Zielgruppe das Du oder das Sie.

"Du bist ein echtes Verkaufstalent!"

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Fünf Dax-Konzerne sind besonders unsicher bei der Bewerberansprache:

  • Die Lufthansa duzt und siezt auf Twitter sowohl Berufseinsteiger als auch Berufserfahrene.
  • Die Deutsche Börse duzt und siezt Studenten auf Instagram,
  • E.on duzt und siezt Studenten auf Facebook,
  • Infineon duzt und siezt Studierende auf Twitter,
  • Deutsche Post siezt und duzt Berufseinsteiger auf Twitter.

"Eine individuelle Strategie bei der Bewerberansprache ist bei vielen Dax-Konzernen nicht zu erkennen", sagt Akbar und warnt Unternehmen davor, sich mit dem Duzen bei Zielgruppen auf den Social-Media-Kanälen anzubiedern. Er rät den Unternehmen daher, Bewerber stets passend anzusprechen. Das sei zwar anstrengend, wirke aber glaubwürdiger.

kha



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
PeterPe 26.06.2018
1. Bewerbungsschreiben mit „Du“ funktionierte auch
Ich sah eine Stellenanzeige eines eher konservativen Großkonzernes mit „Du“ und habe die gleiche Anrede auch im formalen Anschreiben der Bewerbung genutzt. Das hat der Sache keinen Abbruch getan. Nur wurde ich ersten telefonische Gespräch auch sehr schnelle geduzt.
harryholdenwagen 26.06.2018
2.
Bei Social Media duzt man gerne. Wenn es dann um den Job geht, sieht das anders aus. Es gibt sicherlich Unternehmen, die gleich duzen, aber dann muss es vom Unternehmen ausgehen. Bewerbungen habe ich selten mit Du geschrieben. In Vorstellungsgesprächen wurde ich aber schon öfter geduzt. Ich versuchte dann neutral zu bleiben. Hängt aber auch ein bisschen von der Branche ab.
chrismuc2011 26.06.2018
3.
Ich mag ja altmodisch sein, aber wenn ich eine Stellenannounce lese, in der ich geduzt werde ( ich meine damit keine hippen StartUp Unternehmen, dann nehme ich von einer Bewerbung Abstand. Oft kommt es genau in den Stellenangeboten zusätzlich zu Rechtschreibfehlern, woran ich merken kann, dass die Announce von einem jungen Menschen geschrieben wurde,, und es nicht Korrektur gelesen wurde. Man gibt sich also keine Mühe. Und Firmen wie Allianz und VW, die verkrustete und hierarchische Strukturen haben, machen sich mit so einer Anzeige lächerlich. Oder darf ich den Vorstandsvorsitzenden duzen, wenn ich den Job bekommen habe? Eben nicht. Also zeigt mir diese Firma, dass sie keinen Respekt für Ihre Mitarbeiter haben. Man duzte auch Sklaven oder ein Herr Krupp hat seine Mitarbeiter sicher auch geduzt nach Gutsherrenart.
Lagrange 26.06.2018
4. Das "Sie" gehört in die Mottenkiste
Im Zuge der Internationalisierung verschwindet das Sie glücklicher Weise immer mehr. Ich finde es total nervig, wenn sich manche Kollegen Siezen und manche Duzen und man in der Mitte steht und gar nicht mehr weiß was Sache ist. Ganz blöd wird es, wenn man mit Kollegen, die man wenn man Deutsch mit ihnen spricht, englisch spricht. Mr. XYZ sagt kein Mensch mehr. Naja wird hoffentlich bald rum sein
m82arcel 26.06.2018
5.
Unternehmen sollten (potentielle) Bewerber so ansprechen, wie sie selbst auch angesprochen werden wollen. Ich finde es irritierend, wenn auf den Kanälen geduzt wird, man sich im Unternehmen aber mit Herr Prof. Dr. Sowieso anspricht. Auf der anderen Seite kenne ich mindestens ein Unternehmen, welches sich online höchst förmlich gibt, wo aber von der Reinigungskraft bis zur Chefetage konsequent geduzt wird und auch sonst eine ausgesprochen entspannte Atmosphäre herrscht - als Bewerber, der da mit Anzug und Krawatte auftaucht, ist man direkt overdressed und fühlt sich dadurch unwohl.
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