Duales Studium Studenten auf zwei Gleisen

"Lern' erst was Richtiges, bevor du studierst" - wer diesen Satz beherzigt, könnte auch ein duales Studium machen. An vielen Einrichtungen bekommt man da beides: Eine abgeschlossene Lehre und einen Hochschulabschluss. Allerdings müssen die Absolventen ein strammes Pensum bewältigen.

Öde Vorlesung? Duale Studiengänge bieten mehr Praxisbezug
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Öde Vorlesung? Duale Studiengänge bieten mehr Praxisbezug


In den Semesterferien mit dem Rucksack durch Australien oder zum Sprachkurs nach Barcelona - davon kann Martin Nagel, 23, nur träumen. 20 Tage Urlaub hat er im Jahr, 800 Euro verdient er pro Monat, in den ersten beiden Jahren waren es nur 500 Euro. Trotzdem möchte Nagel mit seinen Kommilitonen nicht tauschen. Er hat sich bewusst für ein duales Studium entschieden.

An der Beuth Hochschule für Technik in Berlin lernt er für den Bachelor of Engineering, parallel arbeitet er bei Siemens. "Nur die Theorie zu hören, erschien mir recht langweilig", sagt er. Schon im ersten Semester fühlte er sich bestätigt: Die Grundlagen in Elektronik zu pauken, fand er vor allem anstrengend. Richtig begeistern konnte er sich erst, als er die Transferaufgabe bekam, für Siemens einen fahrerlosen Roboter zu entwickeln, der Fehler in Rohrleitungen erkennt. So sollte die Produktentwicklung simuliert werden. "Das war für uns Studenten eine sehr große Herausforderung, aber es hat richtig Spaß gemacht", sagt Nagel.

Duale Studiengänge sind zurzeit groß in Mode. Im Jahr 2011 gab es nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) 929 Angebote für Schulabgänger, die eine Ausbildung oder Praxisphasen in einem Betrieb mit einem Hochschulstudium kombinieren. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs von rund 20 Prozent. Insgesamt verzeichnete die Datenbank im Jahr 2011 bereits mehr als 61.100 Studenten in Kombi-Ausbildungen. Im Jahr 2010 waren es noch 10.400 weniger.

Am Ende ist der Job oft so gut wie sicher

Das duale Studium sei für Unternehmen und Studenten eine Win-Win-Situation, sagt Jochen Goeser vom BIBB. Die Unternehmen zögen mit den jungen Schulabgängern ihren Firmennachwuchs so passgenau heran, wie sie ihn brauchen. Für die Schulabgänger sei das kleine monatliche Gehalt attraktiv - und die guten Übernahmechancen. Nach der Ausbildung ist der Job oft so gut wie sicher.

Bei rund jedem zweiten dualen Studiengang kooperiert das Unternehmen mit einer Fachhochschule. Ansonsten besuchen die Schulabgänger für die Theorie meist eine Berufsakademie. Die Kooperation mit Universitäten ist bislang noch ausgesprochen selten. Von den 929 Angeboten gab es nur 28 duale Studiengänge, in denen Firmen mit Universitäten kooperieren.

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Für eher gemütliche Schulabgänger ist der straff strukturierte Stundenplan in einem dualen Studiengang allerdings nichts. "Die Theoriephasen sind ziemlich hart", sagt Martin Nagel. Er müsse viel Stoff in relativ kurzer Zeit lernen.

"Das duale Studium ist eine sehr fordernde Ausbildung", sagt Jörg Ruthardt, Berufsberater bei der Arbeitsagentur Stuttgart. "Viele der Studenten haben hinterher zwei Abschlüsse: eine abgeschlossene Lehre und ein abgeschlossenes Studium." Um das zu schaffen, brauche es ein gutes Zeitmanagement und viel Selbstdisziplin.

Wettbewerb um wenige Plätze

Dennoch ist das Interesse bei den Schulabgängern groß. "Es gibt viel mehr Bewerber als Plätze bei den dualen Studiengängen", so Goeser vom BIBB. Er schätzt, dass im Bereich Wirtschaftswissenschaften bis zu 120 Bewerber auf einen Studienplatz kommen können. Im Bereich Maschinenbau seien es 20 bis 30 Studenten, in der Informatik kämen lediglich drei bis fünf Bewerber auf einen Platz. Oft müssen Schulabgänger daher ein Assessment-Center durchlaufen, um an einen Studienplatz zu kommen.

Martin Nagel musste etwa bei Siemens erst eine Online-Bewerbung schicken und dann einen Online-Test in Mathe und Physik machen, bevor er zum Assessment Center in Erlangen eingeladen wurde. Dort standen noch einmal Einzelgespräche mit Personalern von Siemens an sowie Gruppendiskussionen, um die Soft Skills der Bewerber zu testen.

Martin Nagel setzte sich durch - obwohl sein Abiturdurchschnitt mit 2,6 nicht eben überragend ist. "Die Abiturnote ist im dualen Studium nicht immer entscheidend", sagt Goeser vom BIBB. Sehr wichtig sei in der Regel, dass die Bewerber überzeugend auftreten und gut begründen können, warum sie ein duales Studium machen wollen und wie beide Seiten davon profitieren werden.

Martin Nagel würde das duale Studium jedem Schulabgänger empfehlen. "Wer vom Lerntyp eher praktisch orientiert ist, für den ist das auf jeden Fall die richtige Wahl."

Kristin Kruthaup/dpa/vet/mamk

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Seite 1
daskänguru 10.08.2012
1. Da stimmt was nicht.
Zitat von sysopDPA"Lern erst was Richtiges, bevor du studierst" - wer diesen Satz beherzigt, könnte auch ein duales Studium machen. An vielen Einrichtungen bekommt man da beides: Eine abgeschlossene Lehre und einen Hochschulabschluss. Allerdings müssen die Absolventen ein strammes Pensum bewältigen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,849228,00.html
1. 20 Tage Urlaub bei Siemens, selbst die Praktikanten haben 30 Tage Urlaub bei Siemens. 2. Und bei den Bezügen sind auch die Nettobezüge genannt worden.
OlafKoeln 10.08.2012
2. Nicht immer win-win
Sicher, wer finanziell keine Freiheiten hat oder sonstige Bedenken, ist beim dualen Studium auf jeden Fall gut aufgehoben. Aber es hat auch Nachteile für den Absolventen. Es ist deutlich zugeschnitten auf den Arbeitgeber. Also unter Umständen noch schmalspuriger als ein normales (eh schon schmalspuriges) Bachelor-Studium. Der Absolvent hat ein Problem, sollte er nach dem Studium nicht oder nur für einen kurzen Zeitraum übernommen werden. Das kann ja auch Gründe haben, welche nicht beim Absolventen liegen - aber das dürften Bewerbungsempfänger oft anders sehen. Und zu letzt - kaum einer der Absolventen dürfte im Anschluß die Zustimmung des Arbeitgebers für einen Master-Studiengang bekommen. Er muß also beim AG antreten. Der Master-Abschluß ist nicht möglich, nur mit erheblichen Aufwand berufsbegleitend oder man muß nach der Mindestlaufzeit des Arbeitsvertrages kündigen, um dann zu studieren. Letzteres mag in den USA normal sein, in Deutschland aber wohl kaum anzutreffen und anzuraten.
spon-facebook-256400001 10.08.2012
3. Also ich kann den Vorteil der zwei Abschluesse nicht unbedingt erkennen
Das einzige was ich sehe ist das die Studenten bzw Ingenieure besser Arbeitszeiten zb fuer die Konstruktion (oder Produktionsfluss) einschaetzen koennen. Das wuerde ein erweitertes Praktikum auch schon bringen. Ich kann mir nicht vorstellen das man dann aber nachher mit dem Gesellenbrief auf Jobsuche geht, oder fuer zwei Abschluesse bezahlt wird. Im Gegenteil ich finde es nachteilig das die sonst so breiten und vielfältigen Ingenieursstudien so sehr auf einen Arbeitsgeber zugeschnitten werden.
an.wi. 10.08.2012
4.
Auch ich war Dualer Student, allerdings in einem etwas anderen Modell (ohne Ausbildung). Ich kann absolut nicht bestätigen, dass man nach dem Studium, sollte man keine oder nur eine befristete Übernahme bekommen, Probleme am Arbeitsmarkt hat. Ganz im Gegenteil. Die Absolventen der Dualen Hochschule Baden-Württemberg werden nahezu umworben. Da sind Einsiegsgehälter von 45k-50k für einen Bachlor keine Seltenheit. Meistens jedoch werden von den Ausbildungsunternehmen die Studenten nahtlos in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen. Ich weiß beispilesweise in einem Jahrgang von ~100 Studenten lediglich von 10, dass sie nicht übernommen wurden wobei ca. 5 ein anschließendes Master Studium an einer Universität angetreten haben (und das ohne Probleme) und somit gar nicht übernommen werden wollten.
MartinS. 10.08.2012
5. ...
Zitat von spon-facebook-256400001Das einzige was ich sehe ist das die Studenten bzw Ingenieure besser Arbeitszeiten zb fuer die Konstruktion (oder Produktionsfluss) einschaetzen koennen. Das wuerde ein erweitertes Praktikum auch schon bringen. Ich kann mir nicht vorstellen das man dann aber nachher mit dem Gesellenbrief auf Jobsuche geht, oder fuer zwei Abschluesse bezahlt wird. Im Gegenteil ich finde es nachteilig das die sonst so breiten und vielfältigen Ingenieursstudien so sehr auf einen Arbeitsgeber zugeschnitten werden.
Naja - ein Student, der sich durch einen dualen Studiengang gebissen hat, punktet auch nicht mit dem Gesellenbrief, sondern schlichtweg damit, dass er eben im Gegensatz zu regulären Absolventen schon praktische Erfahrungen gesammelt hat. Damit hat er aber einen gewaltigen Vorsprung gegenüber jemandem, der frisch aus dem Hörsaal kommt, sich für Gottes Geschenk an die Menschheit hält und alles besser weiß.... aber ein tatsächliche Arbeitsumfeld VIELLEICHT mal drei Monate in nem Praktikum vom Rande mit angesehen hat. Darüber hinaus hat er bereits unter Beweis gestellt, dass er belastbar ist und Durchhaltewillen hat. Wir haben bislang wirklich NUR gute Erfahrungen mit unseren Studenten aus dualen Studiengängen gemacht und ausnahmslos alle übernommen. (was man von anderen Studenten jetzt nicht unbedingt sagen kann - und das auch vollkommen unabhängig davon, ob diese jetzt nen Bachelor, Master oder Diplom gemacht haben) Wieso denken sie eigentlich, dass der Studiengang dann "nur auf einen Arbeitgeber zugeschnitten" wäre? Der Studiengang wird davon doch gar nicht beeinflusst - der findet immer noch an der Hochschule statt. Der praktische Teil ist halt natürlich bei dem Arbeitgeber... was aber kaum ein Problem darstellt. Wer sonst ein Praktikum bei BMW macht, lernt auch nur spezifisch BMW dort kennen. Jeder, der ne reguläre Ausbildung macht, macht diese bei einem ausbildenden Unternehmen... und wenn man sich nach ein paar Jahren Arbeitszeit irgendwo anders bewerben will - oh Wunder... hat man den Arbeitgeber und die Tätigkeiten der letzten Jahre als Refernz. Was jetzt daran negativ sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Oder greift das Argument ihrer Meinung nach auch gegen eine Ausbildung bei Siemens? Weil dann wurde man ja hinther speziell auf die Belange des Unternehmens ausgebildet?
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