Thore Schölermann Dürfen Moderatoren Wahlempfehlungen geben?

ProSieben-Moderator Thore Schölermann hat dazu aufgerufen, wählen zu gehen, "nur nicht die AfD". Nun hat ihn der Sender ermahnt. Zu Recht?

Thore Schölermann
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Thore Schölermann ist jetzt Volksverräter und Feind des deutschen Vaterlands. Zumindest in den Augen einiger AfD-Anhänger, denn mit diesen Worten haben sie den Moderator des ProSieben-Lifestyle-Magazins "taff" bedacht. Schölermann hatte am vergangenen Dienstag während der Live-Sendung dazu aufgerufen, wählen zu gehen, "nur nicht die AfD". Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

Neben den Anwürfen der AfD musste der Moderator auch Kritik vom Sender einstecken. Außerdem ging eine Beschwerde bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) gegen Schölermann ein. Nun ist eine Diskussion um die Frage entbrannt, was Moderatoren dürfen und was nicht.

Alexander Filipovic, Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München sagt, die wichtige Aufgabe eines Moderators sei es, einen neutralen Blick zu haben und Kontakt zum Publikum herzustellen. Journalisten dürften zwar Wahlempfehlungen geben, etwa in klar gekennzeichneten Meinungsstücken oder auch in Nachrichtensendungen. Aber die müssten gut begründet sein.

Journalisten könnten etwa Kriterien für eine gute und gerechte Politik nennen und schauen, ob Parteien diesen Kriterien gerecht werden. Auf diesem Weg könnten sie für oder gegen eine Partei argumentieren.

Schölermanns Äußerung sei jedoch sehr explizit und journalistisch nicht angemessen gewesen, sagt Filipovic. Er verteidigt damit die Entscheidung des Senders, den Moderator zu kritisieren.

Keine beruflichen Konsequenzen

Beruflich schaden dürfte ihm die Aktion allerdings eher nicht. Die Kritik des Senders ist nicht mit einer Abmahnung zu verwechseln, sie weist Schölermann auf sein Fehlverhalten hin und warnt ihn davor, es zu wiederholen. Eine Abmahnung dagegen würde zur Personalakte genommen und könnte arbeitsrechtliche Folgen haben, etwa wenn einmal über eine Kündigung zu entscheiden wäre.

Die Deutsche Journalisten-Union, die zur Gewerkschaft Ver.di gehört, kann nicht erkennen, wie sich der Fall arbeitsrechtlich auswirken sollte: "Prinzipiell ist die Aussage durch die verfassungsrechtlich garantierte Meinungsfreiheit gedeckt", sagte Sprecherin Cornelia Haß.

Das sieht die Medienanstalt Berlin-Brandenburg, die für die Beschwerde zuständig ist, offenbar ähnlich. Zwar prüft sie den Fall derzeit noch und will während des laufenden Verfahrens keine Bewertung abgeben. Aber Anja Zimmer, Direktorin der mabb, erklärt: "Ganz grundsätzlich können wir sagen, dass Aussagen eines Moderators im Rahmen eines Lifestyle-Magazins unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen. Eine Äußerung, wie die von Ihnen zitierte, stellt aus unserer Sicht keinen Verstoß gegen den Rundfunkstaatsvertrag dar."

Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalistenverbands (DJV), sieht das Verhalten des Moderators durchaus kritisch. "Der Sender kann verlangen, dass sein Moderator die neutrale und berichtende Position, die er als Journalist eingenommen hat, nicht verlässt." Zumindest kann er so etwas nicht ohne Absprache machen, wie es hier offenbar der Fall ist.

Meinung als Kaufargument

Das hat gute Gründe. Explizite Wahlempfehlungen seien zu konfrontativ und lösen eher formalen Streit als eine gute inhaltliche Meinungsbildung aus, sagt Medienethiker Filipovic. In Sendungen wie etwa im "Neo Magazin Royal" oder in der "heute-show" seien es die Zuschauer gewöhnt, dass es um Meinung und Satire gehe. Da dürften die Moderatoren Kritik üben - aber für die Zuschauer muss immer klar sein, was da gerade passiere. Schölermann aber habe eine Unterhaltungssendung moderiert und da kam seine Äußerung zur Wahl überraschend.

Natürlich werde in Medien regelmäßig auch Meinung artikuliert, sagt DJV-Sprecher Zörner, bei vielen Zeitungen sei die politische Grundausrichtung ja sogar ein Kaufargument. Eine Wahlempfehlung oder Wahlwarnung gehe aber einen Schritt darüber hinaus: "Auch als die 'Financial Times Deutschland' bei Bundestagswahlen Empfehlungen abgab, hat sie eine Grenze überschritten", sagt Zörner. Zum Beispiel empfahl die inzwischen eingestellte Tageszeitung Edmund Stoiber als Bundeskanzler.

Die Kritik des Senders sei daher durchaus verständlich, so Zörner. Allerdings kann er Schölermanns Aussage gut nachvollziehen: "Die AfD ist eine journalisten- und pressefeindliche Partei. Das war sie von Beginn an, noch bevor sie in die Landtage gewählt wurde."

Thore Schölermann hat sich am Freitag in einem Video, das er auf Facebook teilte, für sein Verhalten entschuldigt: "Denn da habe ich tatsächlich meine Neutralität als Moderator verloren. Das war falsch." Doch privat stehe er zu seiner Meinung. Die Wähler sollten sich genau überlegen, ob sie solchen Menschen, die auf Wahlveranstaltungen "ungehemmt rechte Propaganda in den Mund nehmen", ihre Stimme geben.

Von Sendersprecher Christoph Körfer heißt es auf Anfrage des SPIEGEL: "Es war sicher nicht professionell, dass Thore Schölermann als Moderator in einer ProSieben-Sendung seine persönliche politische Meinung geäußert hat. Sehr professionell war, wie er diese über seinen Facebook-Account eingeordnet hat." Unabhängig von aller Parteipolitik trete ProSieben mit Thore Schölermann allen entgegen, die denken, ihn jetzt unflätig zum Beispiel als 'Volksverräter' beschimpfen zu können.

Der Sender, das Magazin "taff" und Schölermann würden weiter Haltung zeigen, sagt Körfer. Gegen Fremdenhass, gegen Intoleranz, gegen Homophobie - für eine freie Gesellschaft.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
lokisflatmate 18.09.2017
1. man kann es garnicht oft genug sagen …
Wenn ein Moderator in einem Privatsender den Mumm hat, seine Meinung laut zu sagen, hat er meinen Respekt. Es soll diesmal niemand sagen dürfen, er (oder sie) hätte nicht gewusst, was für eine Partei da in den Bundestag will.
rainer_daeschler 18.09.2017
2. Neutralität ist oberstes Gebot
Dürfen Journalisten Wahlempfehlungen geben? Wenn sie weiter als Journalisten gelten wollen, nein. Was sie selber an der Wahlurne machen, ist Privatsache und geht niemanden etwas an.
Sportzigarette 18.09.2017
3. Man darf doch wohl vor Nazis warnen!
Neutralität ist eigentlich richtig, aber wenn er vor Nazis im Bundestag warnt, hat er doch Recht und meinen Respekt verdient!
Luna-lucia 18.09.2017
4. Zu recht?
nein! Als Journalist darf er Tatsachen berichten, aber keine eigene Meinung dazu äußern, oder gar Empfehlungen aussprechen!
blueberryhh 18.09.2017
5.
na ja, was so ein Knabe von einem Privatsender als ein Moderator einer ja wirklich qualitativ hochwertigen, seriösen und investigativen Sendung sagt, ist natürlich schon enorm wichtig und beeinflussend!
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