Erst E-Book, dann Bestseller Das Buch der Zukunft

Wie wird ein Bootsbauer zum Bestseller-Autor, ohne jemals mit einem Lektor gesprochen zu haben? Der Amerikaner Hugh Howey veröffentlichte eine Science-Fiction-Story als E-Book. Jetzt reißen sich die Verlage um "Silo", Ridley Scott will den Stoff verfilmen. Eine Geschichte über die Macht der Leser.

Von Christian Endres

Hugh Howey: "Der Grad des Erfolgs hat mich überrascht, nicht der Prozess dahinter"
Amber Lyda

Hugh Howey: "Der Grad des Erfolgs hat mich überrascht, nicht der Prozess dahinter"


Schon mit zwölf Jahren träumte Hugh Howey davon, Autor zu werden. Er las Shakespeare und Orwell, und dann war da natürlich noch Star Wars. Doch irgendwie kam ihm immer etwas dazwischen: Der Schulabschluss, ein Jahr am College und seine Jobs - Buchhändler, Dachdecker, schließlich Bootsbauer und Skipper in New York, auf den Bahamas und in Kanada.

Erst Amber, Howeys spätere Ehefrau, lotste den heute 37-Jährigen in ein geregeltes Leben in Florida mit Haus und Hund. Und Howey fing an zu schreiben. Jetzt wollte der Amerikaner keine Zeit mehr verlieren: Im Juli 2011 veröffentlichte er seine erste Novelle in Eigenregie über Amazons Kindle-Plattform - für 99 Cent pro Text. Dort, online, wurde sein Science-Fiction-Verschwörungsthriller "Silo" (englischer Titel: "Wool") schnell zum internationalen Riesenerfolg. Zunächst nur als einzelner Text geplant, sah sich Howey ob der großen Nachfrage seiner Leser gezwungen, die Geschichte fortzuspinnen - bis er letztlich einen 500 Seiten starken Roman beisammen hatte und diesen Anfang 2012 als Sammelband erneut als E-Book offerierte.

Plötzlich sprang die ganze Maschinerie an: Große Verlage wurden auf den elektronischen Erfolgstitel aufmerksam und kauften die Rechte an dem Dauergast in Amazons Top-Charts. Heute ist Howeys Geschichte der Menschheit, die in der Zukunft unter der Erde lebt und hier genauso fröhlich intrigiert und verschwört wie eh und je, ein Bestseller, der in 20 Sprachen übersetzt wurde. Regisseur und Produzent Ridley Scott, ("Blade Runner", "Prometheus") soll den Stoff verfilmen.

Damit wird die moderne Selbstvermarktungsstrategie, bei der die Leser schon vor den Lektoren über ein Werk entscheiden, beinahe interessanter als die Story des Buches, das sich einreiht in den derzeitigen postapokalyptischen Boom.

Sollen die Agenten und Verlage doch zum Autor kommen

Ein Protest gegen die Verlagsbranche sei dieser Weg keinesfalls, sagt Howey. Er wollte seine Zeit einfach lieber zum Schreiben nutzen, anstatt sie darauf zu verwenden, mühsam einen Verlagsdeal an Land zu ziehen. "Sollten meine Geschichten große Bekanntheit erlangen, könnten Agenten und Verlage ja zu mir kommen", dachte er sich. Schon lange vor seinem Erfolg hatte Howey über genau dieses Modell theoretisiert, es war ihm immer wie eine natürliche Entwicklung erschienen. So war er auch nicht sonderlich überrascht, als "Silo" durchstartete: "Der Grad des Erfolgs hat mich überrascht, jedoch nicht der Prozess dahinter", sagt der Autor. Heute beobachtet er diese Entwicklung nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei Dutzenden seiner Freunde.

"Am Ende geht es nämlich stets um die Geschichte und den Leser", ist sich Howey sicher. "Der Leser hat unglaublich viel Macht darüber, was gut abschneidet und was nicht. Der Job von uns Autoren ist es schlicht, die bestmögliche Geschichte zu liefern." Wenn der Text die Leute interessiere und ein Autor ein paar Dutzend oder Hundert Menschen dazu bekäme, einen Blick zu riskieren, würde sich der Rest von selbst erledigen. So wie Internet-Videos, die plötzlich weltweit bekannt werden.

Und auf seine Leser konnte Howey sich verlassen: Sie verschlungen jeden neuen Teil seines Fortsetzungs-Romans und gaben dem Autor direkt Feedback. Das konnte mitunter sogar die nächsten Wendungen der Geschichte beeinflussen. Diese Arbeitsweise habe Vorteile, aber auch einen großen Nachteil: "Wenn du zum Ende der Geschichte gelangst und etwas hinzufügen möchtest, kannst du nicht einfach zurückgehen und es verändern."

Der Leser hat die Macht

Seinen Entschluss, "Silo" zunächst selbst als E-Book zu veröffentlichen, begründet Howey zudem mit dem Faktor Zeit. "Die Geschwindigkeit war das entscheidende Argument. Ich konnte an der Geschichte schreiben und sie den Lesern noch am selben Tag zugänglich machen." Dies sei die bedeutsamste Revolution seit Gutenbergs Druckpresse, so Howey, für den es außerdem eine Qual wäre, ein Jahr lang darauf zu warten, dass aus seinen Manuskripten Bücher werden. Die digitale Methode funktioniere für ihn viel besser.

In zehn Jahren, glaubt Howey, sind 75 Prozent aller verkauften Bücher digital und in Großstädten gibt es nur noch ein oder zwei große Buchhandlungen. Trotz allem Fortschrittsdenken mache ihn das gleichzeitig aber auch traurig, räumt Howey ein, da er viel Zeit seines Lebens in Buchläden verbracht hat. Deshalb möchte er auch in Zukunft beide Schienen bedienen: "Ich werde weiterhin gleichzeitig digital und gedruckt veröffentlichen", sagt Howey.

Aber der Konsument hat nun mal die Macht - und das bedeutet für den Science-Fiction-Autor: "Die Welt wird sich ändern, und ich muss damit leben."

  • Christian Endres schreibt unter anderem für die Berliner "Zitty" und den "Tagesspiegel". Er betreut als Redakteur die deutschen Ausgaben von "Spider-Man", "Batman" und den "Avengers".
  • Hier kommen Sie zu Christian Endres' Website

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
paulusney 14.03.2013
1.
Geniales Buch! Mit Abstand eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe! Und wohl auch das fesselndste, Nach einer Nacht wars durch. Also: Absolute Leseempfehlung...
Walter Sobchak 14.03.2013
2.
Wie? So ganz ohne Verlage? Komisch.
to5824bo 14.03.2013
3. E-Books
Zitat von sysopAmber LydaWie wird ein Bootsbauer zum Bestseller-Autor, ohne jemals mit einem Lektor gesprochen zu haben? Der Amerikaner Hugh Howey veröffentlichte eine Science-Fiction-Story als E-Book. Jetzt reißen sich die Verlage um "Silo", Ridley Scott will den Stoff verfilmen. Eine Geschichte über die Macht der Leser. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/e-book-silo-wird-zum-bestseller-leser-statt-lektoren-a-888439.html
Das Problem bei selbstverlegten E-Books ist noch, dass sich da durchaus eine Reihe Perlen auch unbekannter AutorInnen finden, die man aber erstmal unter allzu vielen, sagen wir freundlich, gut gemeinten Versuchen heraus suchen muss. Da lädt man sich noch allzu oft Vielversprechendes herunter nur um nach ein paar Seiten festzustellen, dass ein ordentliches Lektorat durchaus etwas Wichtiges sein kann. Die im Artikel beschworene "Macht der Leser" bedarf noch einer ausgefeilteren Kritik dieser Literatur, denn Verkaufszahlen, "Likes" und Kurzkommentare allein helfen da nicht wirklich weiter.
dietesheim 14.03.2013
4. silo
ist genial. toll geschrieben.
peterthorn 14.03.2013
5. Tolles Buch
Ich habe jetzt endlich den 5. Teil von Silo bekommen und freue mich schon sehr darauf. Wer auf solche Scifi steht, dem empfehle ich auch "Der Simolator". Ich habe beide als Amazon eBooks gelesen und weiß nicht, ob es die auch für andere Plattformen gibt.
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