Ex-Discount-Manager Brandes "Klugscheißerabteilungen abschaffen"

Dieter Brandes, früher Aldi-Geschäftsführer, preist Einfachheit als Schlüssel für erfolgreiches Management. Controller und Consultants hält er für überschätzt, gibt Tipps zur beruflichen Entrümpelung und erklärt, warum 160 Joghurtsorten nicht glücklich machen.

Menschen in Abteilungen: Gesunder Verstand ist wichtiger als ein Controlling
Corbis

Menschen in Abteilungen: Gesunder Verstand ist wichtiger als ein Controlling

Ein Interview von Helene Endres


KarriereSPIEGEL: Herr Brandes, ginge es nach Ihnen, wäre die Welt ein einziger Aldi, oder?

Brandes: Wenn es darum geht, Komplexität zu verringern und sich aufs Wesentliche zu besinnen, auf jeden Fall.

KarriereSPIEGEL: Was können Manager vom Discount-Prinzip lernen?

Brandes: Die radikale Vereinfachung. Bei Aldi-Nord gab es zu meiner Zeit als Geschäftsführer 600 Artikel im Sortiment, bei Aldi Süd 450. Kam ein neuer hinzu, musste ein alter gehen. Das ist übersichtlich für den Kunden und gut beherrschbar fürs Management. Ein klares Ziel, klare Prinzipien disziplinieren. Ich habe neulich in meinem Edeka gezählt, wie viel verschiedene Joghurts es dort gibt. Raten Sie mal!

KarriereSPIEGEL: Nun, verschiedene Größen und Geschmacksrichtungen, laktosefrei, im Glas, im Becher...also: 75?

Brandes: 160! 160 verschiedene Joghurts braucht kein Mensch! So schafft man die Komplexität, die dann nicht mehr beherrscht wird.

KarriereSPIEGEL: Sie predigen seit Jahren die Lehre von der Einfachheit. Den Leuten Reduzierung beizubringen, scheint eine nicht zu unterschätzende Aufgabe zu sein.

Brandes: Die Leute haben es immer noch nicht kapiert! Sie sollen einfach mal ihren gesunden Menschenverstand einschalten. Dazu gehört zum Beispiel, dass jeder sein eigener Controller ist - das vereinfacht ungemein, dann kann ich diese Klugscheißerabteilung abschaffen. Außerdem unterstelle ich den meisten Firmen, dass alle Kompetenzen, die sie für eine Aufgabe brauchen, dort vorhanden sind. Weg mit Marktforschung und 28-jährigen McKinsey-Beratern, die sich vor den Rechner hocken und Zahlen anschauen.

KarriereSPIEGEL: Ihre Abneigung gegenüber Unternehmensberatern ist legendär…

Brandes: …die schaffen die Komplexität doch erst, und dann helfen sie, damit umzugehen. Natürlich sind Pauschalisierungen immer schwierig, aber bei Unternehmensberatungen gibt es einen Trend zur Beratung, auf die Unternehmen verzichten können. Spezialberatung macht Sinn, wenn ich beispielsweise ein neues Hochregallager bauen will oder nach Pakistan exportieren. Für den Rest kann man den Leuten nur raten: Schaltet mal euren eigenen Kopf ein.

KarriereSPIEGEL Glauben Sie denn ernsthaft, dass Manager nicht mehr denken?

Brandes: Immer mehr denken in Businessplänen und Kennzahlen, sie sitzen vor ihren PCs und nicht mehr vor Ort, da geht sehr viel verloren. Computer können alles, also ist man verleitet, alles zu nehmen. Das meiste ist "nice to have". Was für ein Schwachsinn - entweder ich brauche was oder nicht. Das führt zu komplexen Strukturen, und die müssen Sie anschließend beherrschen.

KarriereSPIEGEL: Nennen Sie doch bitte mal ein Beispiel.

Brandes: Die Fahrkartenautomaten der Bahn: Vor lauter "nice to haves" an Möglichkeiten eines Automaten ist der schnelle Fahrkartenkauf kaum mehr möglich. Oft müssen Sie bis zu 40 Tasten drücken, bis Sie mit viel Glück die richtige Fahrkarte bekommen. Und im letzten Schritt merken Sie dann, dass die Zahlung mit EC-Karte nicht funktioniert. Bahnchef Grube soll sich einmal mit seinen Automaten auseinandersetzen, mal selbst eine Fahrkarte ziehen und das Ding dann vereinfachen.

KarriereSPIEGEL: Ihr Buch heißt "Einfach managen" - was sind die wesentlichen Schritte hin zur beruflichen Entrümpelung?

Brandes: Klarheit und Verzicht sind die zentralen Schlagworte: Als Erstes muss ich mir darüber klar werden, was meine Ziele sind, was ich erreichen will. Das ist die Frage schlechthin. Und nicht so einfach. Wenn ich dann Klarheit über mein Ziel habe, frage ich mich: Welche Elemente kann ich jetzt reduzieren, worauf kann ich verzichten? Schließlich muss ich lernen, die Restkomplexität zu beherrschen - und alles läuft.

KarriereSPIEGEL: Und Sie denken, dass Wegnehmen oder Weglassen größeren Mut erfordert, als etwas hinzuzunehmen?

Brandes: Absolut!

KarriereSPIEGEL: Was hilft dabei?

Brandes: Gesunder Menschenverstand, Mut und dumme Fragen.

Zur Person
  • Dieter Brandes (Jahrgang 1941) arbeitete 14 Jahre für Aldi, zunächst als Geschäftsführer, später als Mitglied des Verwaltungsrates. In den Jahren danach entwickelte er Aldi-ähnliche Unternehmen im Ausland - derzeit zusammen mit seinem Sohn und Mitautor Nils Brandes, in Kolumbien und Saudi Arabien. Als Buchautor und Sprecher auf Kongressen und Seminaren widmet er sich seinen Spezialthemen Aldi, der Unternehmensführung und vor allem dem Umgang mit Komplexität.

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insgesamt 244 Beiträge
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Seite 1
Rickie 18.11.2013
1. Populistisch
Das mit den Fahrkartenautomaten ist populistisch. Da kann er sicher sein, dass alle zustimmen. Dabei ist in den Automaten ziemlich wenig "nice to have". Das meiste ist schlicht notwendig. Und dass die Kartenzahlung nicht funktioniert, ist mir noch nicht oft passiert. Überhaupt jemals? Kann mich nicht erinnern. Ansonsten, bezüglich der Selbstbeschränkung, hat er wohl recht, der Mann.
Tadeuz2 18.11.2013
2. Recht hat er!
Bei EDEKA gehe ich wahrscheinlich raus und kaufe gar keinen Joghourt, weil ich mich nicht entscheiden kann. 160 Sorten Joghurt können auch unglücklich machen - den Unternehmer und den Kunden!
Tadeuz2 18.11.2013
3. Recht hat er!
Bei EDEKA gehe ich wahrscheinlich raus und kaufe gar keinen Joghourt, weil ich mich nicht entscheiden kann. 160 Sorten Joghurt können auch unglücklich machen - den Unternehmer und den Kunden!
Beijinger 18.11.2013
4. 100 % d'accord, Herr Brandes
Kann ich aus eigener, langjaehrigen Erfahrung in leitenden Positionen bestaetigen. Vor allem seine Wertung ueber die 28-jaehrigen Fuzzys, die sich Consultants nennen, hat mich viel Muehe gekostet, deren z.T. hanebuechenen "Analysen" wieder in operativ machbare Gleise zurueckzulenken.
markh 18.11.2013
5. was soll man dazu schreiben ?
es stellt sich eben nur die Frage, was kann neben Aldi noch existieren ? ..Ausser Ruinen sicherlich rein gar nix mehr
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