Zurückhaltung im Beruf Introvertiert und Chef - das geht

Wer nach ganz oben will, muss sich vor den richtigen Leuten aufplustern. Stimmt nicht ganz: Auch introvertierte Menschen machen Karriere und übernehmen Führungsaufgaben - wenn sie ihre vermeintlichen Schwächen für sich nutzen.

Von

Corbis

"Heiß auf Kaltakquise?" Wenn Sylvia Löhken solche Titel in der Buchhandlung sieht, muss sie schmunzeln. Für ihre Kunden sind Kaltakquise und Selbstdarstellung ein Graus. Die Karriereberaterin hat sich deshalb auf das Coaching von "Intros" spezialisiert, wie sie Introvertierte nennt. Zurückhaltende Menschen, die es im Berufsleben oft schwer haben, weil die Arbeitswelt den Lauten gehört.

Wer Karriere machen will, muss sich zeigen, seine Talente ins Licht rücken und sich schon mal vor den richtigen Leuten aufplustern. Im Berufsleben wird erwartet, dass man seine eigenen Stärken selbstbewusst in den Vordergrund rückt. Extrovertierte schaffen das oft mit Charme, Enthusiasmus, Lust an der Selbstdarstellung und einer Prise Draufgängertum. Wie aber gelingt das ruhigeren Menschen?

"Intros haben ganz eigene Stärken", sagt Löhken. "Da ist ihr langer Atem, die Fähigkeit, dicke Bretter zu bohren und ihr Bedürfnis nach Sicherheit, das im Job sehr nützlich sein kann." Introvertierte Menschen seien nicht schüchtern, sie brauchen zum Regenerieren nur mehr Ruhe und Rückzug. "Sie regenerieren von außen nach innen." Ein Extro hingegen holt sich seine Energie aus dem sozialen Austausch. Löhken rät ihren leisen Klienten: "Glaubwürdig sein. Werde mehr von dem, das du bist."

Fotostrecke

4  Bilder
Training für die Stimme: Wir brauchen Bass!
Löhken spricht aus Erfahrung: Sie ist selbst introvertiert. Ein Raum voller fremder Menschen ist für sie der Horror. Doch statt ihre Schwächen auszubügeln, konzentriert sie sich auf ihre Stärken. Etwa beim Netzwerken: Bei Veranstaltungen führe sie keinen wahllosen Smalltalk, sondern ein tiefes Gespräch. Das komme der Intro-Eigenschaft nach Vertiefung und Substanz zugute - und auch der Gesprächspartner erinnere sich bestimmt an den besonderen Austausch.

Introvertierte fürchten zudem spontane Meetings und Konferenzen. "Intros überzeugen im Schriftlichen", sagt Löhken. Deshalb rät sie ihnen, per E-Mail vorab Kontakt zu Entscheidern aufnehmen und Vorschläge zu machen. Auch ein Gespräch unter vier Augen könne helfen, vorab nützliche Allianzen zu schmieden.

Führen durch Herumgehen

Introvertierte sollten darauf achten, dass sie nicht ins Hintertreffen geraten. Das Rückzugsbedürfnis dürfe nicht in soziale Isolation kippen, die die Karriere blockiert. Es gehe um die richtige Balance, die sich Löhken beispielsweise verschafft, indem sie nach drei Tagen Seminar auf mindestens einen halben Tag Zeit für sich achtet.

Auch wenn es Introvertierte häufig nicht wahrhaben wollen, eignen sich viele auch als Führungskraft. Löhkens Klienten punkten oft im Einzelkontakt, weshalb "Management by walking around" eine gute Methode sei: Führen durch Herumlaufen, den einzelnen Mitarbeiter an seinem Schreibtisch besuchen. Mitarbeiter schätzten die Fähigkeit von leisen Führungskräften, sich einzufühlen und zuzuhören. Allerdings müssten diese darauf achten, nicht ihrer Konfliktscheu nachzugeben.

"Übernehmen Sie Verantwortung, und lassen Sie andere wahrnehmen, wofür sie stehen", rät Löhken. Leise Menschen präsentieren zwar ungern im Rampenlicht, doch die Substanz ihres Beitrages, die Beherrschung des Themas und eine gute Vorbereitung könne Sicherheit vermitteln, ermutigt Löhken.

Dass zurückhaltende Menschen die Karriereleiter erklimmen können, belegt Kanzlerin Angela Merkel. "Eine typische Intro", sagt Löhken. Leider sei nicht kolportiert, wie die Kanzlerin ihren Tag strukturiere, doch die Beraterin ist sicher, dass sie in ihrem Terminplan immer wieder für Ruhepausen sorge, die für Intros so wichtig sind.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Stefanie Maeck (Jahrgang 1975) ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kiste 19.02.2014
1. Kann ich bestätigen
Zitat von sysopCorbisWer nach ganz oben will, muss sich vor den richtigen Leuten aufplustern. Stimmt nicht ganz: Auch introvertierte Menschen machen Karriere und übernehmen Führungsaufgaben - wenn sie ihre vermeintlichen Schwächen für sich nutzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/eine-karriereberaterin-hat-sich-auf-introvertierte-spezialisiert-a-954298.html
Jahrelang habe ich meine Mitarbeiter regelmäßig an ihren weit auseinanderliegenden Arbeitsplätzen aufgesucht, mir ihre Sorgen und Probleme angehört und geholfen. Die Arbeit klappte perfekt. Dann kam eine neue Obercheffin, studierte Juristin, die wollte wöchentliche "Meetings", in denen wir als "Team" zusammenarbeiten. Das Ende vom Lied: Alle MitarbeiterInnen sind heillos zerstritten und hassen sich gegenseitig. Das Arbeitsklima ist zerstört. Von Team kann keine Rede mehr sein. Hätte sie doch bloß diesen Artikel vorher lesen können.
karstenkk 19.02.2014
2. Hochsensibilität und Intros
Vielen Dank für den Bericht,zum Glück kümmert sich SPIEGEL immer mal wieder um diese unterschätzten Menschen,welche jedoch für die Gesellschaft so wichtig sind. Ursache für die Introvertiertheit ist die ausgeprägte Hochsensibilität. Solche Menschen nehmen sehr viel mehr Dinge wahr als " normale " Menschen,allerdings ist dann der "Arbeitsspeicher" rasch voll und es kommt zu Überreizungen,welche einen Rückzug erfordern. Von außen sieht es zwar nach einer Introversion aus,tätsächlich ist es eher ein Abkühlen oder eine kurze Erholung. Zu dem Thema Hochsensibilität hat es einige schöne Internetseiten, bei Interesse einfach eine Suchmaschine des Vertrauens füttern. Das normale Arbeitsleben in hektischen Großraumbüros ist eigentlich nichts für nichts für Hochsenisble, es sind eher Künstlertypen mit Kontakt "nach ganz oben", Therapeuten, Lehrer für Meditationstechniken etc. Oder auch als hochkompetente Berater in der zweiten Reihe,es ist ratsam immer einen solchen an der Seite zu haben. Sie sind meist sehr intelligent und feinfühlig mit einem Gespür für Betrug und Übervorteilung. Ob unsere Kanzlerin,die ich sehr schätze, hochsensibel veranlagt ist,glaube ich eher nicht. Sie hat ein viel zu hohes Arbeitspensum in sehr exponierter Stellung,das schafft ein Hochsensibler nicht. Typische Hochsensible waren Hildegard von Bingen oder Michael Jackson,vielleicht sogar auch Willy Brandt.
brut_dargent 19.02.2014
3. Tipps für Hochsensible
Selektive Wahrnehmung. Kann man sich antrainieren. Ist zwar manchmal etwas lästig für die Umgebung ('Hast Du mir wieder nicht zugehört ...?";), aber hilfreich, nicht überbelastet zu werden. Auch sind regelmäßiger Sport oder Spaziergänze ein sehr guter Ausgleich, um wieder runter zu kommen. Zudem ist es gut zu lernen, Grenzen zu setzen. Die einfachste lautet: nein.
korox 19.02.2014
4.
Als Introvertierter seh ich es nach wie vor kritisch, wieviele Stärken so einem allgemein unterstellt werden. Ich weiss zwar nicht, wie es bei anderen so ist, aber ich kann zumindest von mir sehr genau sagen, dass ich keine Führungsqualitäten habe. Langer Atem gehört auch nicht zu meinen "Qualitäten" und besonders tief verlaufen meine Gespräche auch nicht. Trotzdem brauch ich viel Ruhe vor anderen Menschen. Meines Erachtens gibt es auch nicht den typischen Introvertierten.
sirhumphrey 19.02.2014
5. Leider sind...
... Introvertierte auch überdurchschnittlich oft Zielscheibe von Mobbing-Übergriffen und schaffen es deshalb gar nicht erst, in Führungspositionen zu kommen. Der berufliche Selektionsprozess hat in vielen Fällen eher wenig mit den tatsächlichen Qualitäten des Personals zu tun, sondern mit Imagepflege, Vitamin B und Ellenbogeneinsatz der Kandidatinnen und Kandidaten. Wie sollen Introvertierte sich da durchsetzen? Die bloße Kompensation von Defiziten wird da wohl kaum weiterhelfen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.