Mein Leben als Schulsekretärin "Manche Eltern sehen in mir die Tippse"

Schusselige Lehrer, Helikoptereltern, penetrante Behörden: In Schulbüros ereignen sich täglich menschliche Dramen. Eine Schulsekretärin berichtet vom Leben als Prellbock zwischen Schule und Außenwelt.

Blick aus dem Schulbüro
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Blick aus dem Schulbüro

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Das Schulbüro ist die Visitenkarte einer Schule. Hier findet der erste Kontakt mit Behörden und Eltern statt. Deshalb ist es wichtig, dass ich einen guten Job mache. Manche Eltern sehen in mir aber nur die Tippse. Sie schauen mich gar nicht richtig an und reden in einem überheblichen Ton. Sie glauben, dass ich Kaffee koche und Aufgaben nach Anweisung erfülle. Das ärgert mich sehr.

Seit neun Jahren arbeite ich an einem Gymnasium. Ich habe eine dreijährige Ausbildung zur Europasekretärin gemacht. Ich spreche fließend Englisch, Spanisch und Französisch. Nach der Elternzeit suchte ich einen Job, der mit den Kitazeiten gut vereinbar ist. So kam ich an eine Schule.

Meine Pappenheimer im Lehrerzimmer kenne ich alle. Da gibt es zum Beispiel den Schussel, der kein einziges Formular ohne Hilfe ausfüllen kann und mir deshalb ständig auf den Strümpfen steht. Manchmal stellt er eine Frage zweimal, weil er meine Antwort gleich wieder vergessen hat. Ihm schicke ich Formulare per E-Mail, drucke sie dann aus und gebe sie ihm außerdem direkt in die Hand. Zusätzlich bekommt er von mir noch eine genaue Anleitung, versehen mit Pfeilen und Screenshots. Wahrscheinlich wird dieser Typ Lehrer trotzdem ins Büro kommen, weil meine Mail im Spamordner gelandet ist und er das ausgedruckte Formular verloren hat.

Ihm gegenüber steht der Ordentliche. Er füllt Formulare direkt nach Erhalt aus und schickt mir die Antwortmail innerhalb von ein paar Stunden zurück. Auch an der Organisation von Schulausflügen und Sportfesten beteiligt er sich immer.

In vielen Lehrerzimmern findet sich auch der Verschwörungstheoretiker: Hinter jeder Anfrage, sei es von mir, Eltern oder Schülern, vermutet er einen Anschlag auf seine Arbeitszeit. Das Lehrerarbeitszeitmodell hat er immer parat und zitiert es im Wortlaut, egal, ob es passt oder nicht. Den finde ich besonders nervig.

Ständig klingelt das Telefon

Mein Büro ist stark frequentiert. Wir haben zwei Telefone, die pro Tag bis zu 100 Mal klingeln. Außerdem stehen im Minutentakt Schüler, Lehrer, Eltern oder die Schulleitung vor mir. Ohne Stressresistenz, Kommunikationsfähigkeit und Multitasking geht hier gar nichts.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Die Anfragen der Schüler sind am leichtesten zu bearbeiten: Sie wollen Fahrscheine, in die Fundkiste schauen oder die AG wechseln.

Ein höflicher Umgangston ist mir wichtig. Wenn ein Schüler ein Anliegen hat, kann er anklopfen und freundlich grüßen. Ich habe auch schon Schüler aus dem Raum geschickt und sie gebeten, ihren Wunsch noch einmal höflicher vorzutragen. Ich möchte sie zu kompetenten Erwachsenen erziehen. Bei manchen Kindern merkt man schon in der fünften Klasse, dass sie frech, respektlos und selbstbezogen sind. Die möchte ich als Erwachsene nicht erleben.

Anfragen von Behörden sind schwierig. Ich muss seitenlange Excel-Tabellen ausfüllen, mit Ausgaben fürs Unterrichtsmaterial oder Fehlzeiten von Schülern. Und das am liebsten bis zum nächsten Tag.

Auch für Sportvereine, die unsere Turnhallen nutzen, und Anwohner bin ich Ansprechpartner. Wir haben einen Nachbarn, der sich wöchentlich über das helle Licht in der Turnhalle beschwert. Es raubt ihm angeblich den Schlaf. Um seinen Kostenvoranschlag für Rollläden muss ich mich kümmern, obwohl nicht ich, sondern der Sportverein immer das Licht anlässt.

Ich muss auch während der Schulferien arbeiten

Krankmeldungen kommen vor acht. Deshalb beginnt mein Arbeitstag schon gegen 7.30 Uhr. Vor den Ferien rufen häufiger Eltern an, die ihre Kinder ein paar Tage früher aus der Schule zu nehmen wollen. Die Entscheidung hierüber trifft die Schulleitung.

Mit meinem Gehalt bin ich nicht zufrieden. Ich werde nach der Entgeltgruppe E5 bezahlt. Nach allen Abzügen bleiben mir etwa 1400 Euro im Monat.

So viel Urlaub, wie viele denken, habe ich leider nicht. Es sind lediglich die normalen sechs Wochen. Ich muss auch während der Schulferien arbeiten, kann anders als die Lehrer aber auch außerhalb der Schulferien verreisen, wenn die Schulleitung zustimmt.

Ich liebe es, Dinge organisieren zu können und Kontakt zu vielen Menschen zu haben. Natürlich nerven mich Schüler und Eltern manchmal. Eine Mutter ruft zum Beispiel immer wieder an, um Alexander krankzumelden - ohne Nachnamen und Klasse zu nennen. Dass es an unserer Schule über 800 Kinder gibt, von denen einige Alexander heißen, interessiert sie nicht. Eine andere Mutter rief mich an, damit ich ihre Tochter an ihren bevorstehenden Arzttermin erinnere.

Solche Situationen nehme ich mit Humor. Im Grunde habe ich sie alle lieb - Schüler, Eltern und Lehrer."

  • picture alliance / Bildagentur-o
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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
Kerze der Freiheit 23.03.2018
1. Etwas wenig
Die Schulsekretärin verdient netto nur 1.400 Euro und die verbeamteten Lehrer erhalten ca. 3000 Euro netto zum Einstieg? Etwas unverhältnismäßig, die Sekretärin sollte doch etwas mehr und die Lehrer in den gehobenen Dienst eingeordnet werden.
ludna 23.03.2018
2. Der naechste Eltern---Bashing Artikel
wollt ihr alle Kinder in Erziehungsheime stecken und den Eltern wegnehmen. Die Eltern sind der groesste Unsicherheitsfaktor bei der Erziehung der Kinder. Sorry, aber ich werde meine Kinder beschuetzen, auch vor staatlicher Schulwillkuer. Und davon machen Lehrer ausgiebig Gebrauch.
cedebe 23.03.2018
3. wenn das größte Problem
der fehlende Nachname ist - danach kann sie direkt beim Anruf fragen. klingt für mich alles nicht besonders anspruchsvoll. Es scheinen viele Fragen auf sie einzuprasseln, aber die Beantwortung aller dargestellten Themen erfordert fast keinen intellektuellen Input. Man muss die Antwort nur kennen, was nach zwei drei Jahren im Schulbetrieb kein Problem sein wird, weil die Frage schon hundert mal kam. Das sie die Kinder mit erzieht, finde ich super.
columbo1 23.03.2018
4.
Zitat von cedebeder fehlende Nachname ist - danach kann sie direkt beim Anruf fragen. klingt für mich alles nicht besonders anspruchsvoll. Es scheinen viele Fragen auf sie einzuprasseln, aber die Beantwortung aller dargestellten Themen erfordert fast keinen intellektuellen Input. Man muss die Antwort nur kennen, was nach zwei drei Jahren im Schulbetrieb kein Problem sein wird, weil die Frage schon hundert mal kam. Das sie die Kinder mit erzieht, finde ich super.
Na, sie müssen's ja wissen. Krankmeldungen landen übrigens oft auf dem Anrufbeantworter - das ist effektiver. Jedenfalls dann, wenn die Eltern auch Nachnamen und Klasse nennen.
columbo1 23.03.2018
5.
Zitat von ludnawollt ihr alle Kinder in Erziehungsheime stecken und den Eltern wegnehmen. Die Eltern sind der groesste Unsicherheitsfaktor bei der Erziehung der Kinder. Sorry, aber ich werde meine Kinder beschuetzen, auch vor staatlicher Schulwillkuer. Und davon machen Lehrer ausgiebig Gebrauch.
Da haben Sie wohl einen anderen Artikel gelesen als ich.
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