Social Freezing Karriere und Kind - auf Eis gelegt

Apple und Facebook wollen das Social Freezing für ihre Mitarbeiterinnen bezahlen. Damit senden sie eine klare Botschaft: Erst Karriere, dann Kind - beides geht. Wirklich?

Von Eva Buchhorn

Künstliche Befruchtung: "Alle meinen, Kinder kämen irgendwann von selbst"
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Künstliche Befruchtung: "Alle meinen, Kinder kämen irgendwann von selbst"


Es war an einem Herbsttag vor knapp zwei Jahren, als Birte Wendlers fein modellierte Lebensplanung ins Wanken geriet. Die 31-jährige Unternehmensberaterin (Business-School-Examen, akquisestark, fest entschlossen, Partnerin bei ihrer Company zu werden) stand gerade vor dem Abschluss eines arbeitsintensiven Prestigeprojekts, als ihr Frauenarzt sie mit einer Frage völlig aus dem Konzept brachte: Ob sie schon mal überlegt hätte, ein Kind zu bekommen?

Um ihre Eierstöcke stehe es nicht allzu gut, eröffnete der Arzt seiner Patientin. Eine seltene Erbanlage lasse ihre Eizellen vorzeitig altern. Wenn sie Mutter werden wolle, dann möglichst rasch.

"Kinder zu bekommen war so ziemlich das Letzte, was mir damals in den Sinn gekommen wäre", sagt Wendler, die ihren richtigen Namen lieber für sich behält. Eine Schwangerschaft hätte ihre Aufstiegschancen auf einen Schlag zerstört: "Ich kenne keine Kollegin, die nach der Geburt ihrer Kinder noch Partnerin wurde." Die harte Ausbildung, die 14-Stunden-Tage, das mühsam geknüpfte Netzwerk - alles wäre umsonst gewesen. Mal abgesehen davon, dass kein Vater zur Verfügung stand. Ihre letzte Beziehung war nach sechs Jahren zerbrochen. "Ich hätte den Erstbesten daten müssen."

Also entschied sich Wendler für eine Kryokonservierung, auch bekannt als Social Freezing. In einer Hamburger Kinderwunschklinik ließ sich die Beraterin in zwei Behandlungszyklen 26 Eizellen entnehmen und bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff einfrieren. Für 10.000 Euro gaben die Ärzte ihr das gute Gefühl, nach einer künstlichen Befruchtung ein eigenes Kind austragen zu können - irgendwann, wenn es besser in ihr Leben passt. Wendler hat ihre biologische Uhr einfach gestoppt. Und sich so "zutiefst beruhigt".

Eizellen altern in unbarmherzigem Tempo

Job oder Familie? Oder beides zugleich, aber nichts so ganz? Immer mehr Frauen umgehen diese leidigen Alternativen, indem sie ihre Fruchtbarkeit diskret in den Tiefkühler schicken. Noch ist die Gruppe der Social Freezer klein; lediglich 500 Frauen haben sich hierzulande im vergangenen Jahr dazu entschieden, schätzt der Gynäkologe Michael von Wolff, Koordinator von Fertiprotekt, ein Zusammenschluss von Fortpflanzungsmedizinern. Doch das Interesse wächst rasant, die Kundinnen sind fast ausschließlich Akademikerinnen.

Hervorragend ausgebildete, ambitionierte Frauen, die beides wollen: Selbstverwirklichung im Job und Kinder. Und die fürchten, dass dies in der Rushhour des Lebens, also im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, zusammen nicht zu haben ist.

Anders als Eizellen altern die Samenzellen bei Männern nicht in dem unbarmherzigen Tempo, in dem die Natur diesen Verfallsprozess bei Frauen vorgesehen hat. Die weibliche Fertilität ist dann hoch, wenn die Karriere gerade Fahrt aufnimmt - mit Mitte 20. Ab 35 sinkt die Schwangerschaftsquote dann rapide, das Fehlbildungsrisiko steigt.

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Managerinnen: Kinder statt Job
Für topausgebildete Berufseinsteigerinnen ist die Gründung einer Familie direkt nach dem Studium längst keine Option mehr. Zu viel steht für die Absolventinnen, die seit Jahren mit Bestnoten in die Traineeprogramme strömen, auf dem Spiel. Wer aufsteigen will, muss vollen Einsatz zeigen - allem Diversity- und Quotengeplänkel zum Trotz. Mit kleinen Kindern aber lassen sich ständige Ortswechsel und Allnighter nur schwer vereinbaren, zumindest wenn die Mutter ihren Nachwuchs von Zeit zu Zeit selbst betreuen will.

Selbst die präsenteste und leistungsbereiteste Frau müsse mit "Degradierung" rechnen, beobachtet Madeleine Leitner aus München, die als Karriereberaterin schon viele Frauen in der Familienphase gecoacht hat. "Wenn Jungmanagerinnen Kinder kriegen, sind immer noch viele Laufbahnen schlagartig zu Ende, weil das Unternehmen ihnen den Spagat nicht zutraut."

Und so verwundert es nicht, dass aufstiegswillige Frauen die Kinderfrage seit Jahrzehnten immer weiter nach hinten schieben - oft bis nichts mehr geht. Für die alten Bundesländer vermeldete das Statistische Bundesamt 2013 einen traurigen Rekord: Nahezu jede dritte Akademikerin ab 45 Jahren ist kinderlos. Oft genug auch, weil im entscheidenden Moment der passende Vater fehlte.

"Social Freezing hat mich gerettet"

In Blogs erzählen Hochleisterinnen aus New Yorks Financial District von ihren Erfahrungen: "Ich arbeite zwölf Stunden pro Tag in einer Law Firm und komme nicht zum Daten", heißt es da. "Social Freezing hat mich gerettet."

Der Eingriff wird unter Vollnarkose durchgeführt, wenn genügend erntefähige Eizellen herangereift sind. Die Patientin setzt sich vorher zehn Tage lang selbst Hormonspritzen. Nach zwei Stunden im Aufwachraum einer Kinderwunschklinik wird sie nach Hause entlassen und muss dort noch einen Tag liegen.

Die körperlichen Nebenwirkungen sind erträglich. "Müde und unglaublich träge" habe sie sich unter dem Hormoneinfluss gefühlt, erzählt Beraterin Birte Wendler. "Aber das ist auszuhalten." Damit sich über den vorübergehenden Leistungsabfall niemand wundert, hat sie ihr Vorhaben sogar mit dem Chef besprochen. Und natürlich mit Vertrauten. Und sie hat festgestellt, wie sehr die Kinderfrage auch anderen zu schaffen macht: "Plötzlich gestehen Freunde, dass sie wegen ihres unerfüllten Kinderwunsches schon lange in Behandlung sind." Das Problem der nachlassenden Fertilität ist nach wie vor ein Tabu in Hochleisterkreisen. "Alle meinen, Kinder kämen irgendwann von selbst. Und jeder tut so, als sei alles bestens - auch wenn gar nichts klappt", so Wendler.

Doch sind späte auch bessere Mütter? Kann eine Frau, die gestern noch eine hundertköpfige Abteilung oder gar ein Vorstandsressort führte, einfach loslassen?

Sie hat jedenfalls die Wahl. Wie die ausgeht, wird sich frühestens bei der nächsten Generation zeigen. Denn bislang suchten die vielversprechendsten Kandidatinnen, Frauen unter 30, die Ärzte nur selten auf. Sie denken einfach noch nicht ans Kinderkriegen.

Für viele "Clock Ticker" kommt das Verfahren zu spät

Für die "Clock Ticker" aber, wie ältere Patientinnen in den USA genannt werden, kommt das neue Verfahren meist zu spät. Ist die Reproduktionsfähigkeit der Eizellen bereits gemindert, holt auch das Einfrieren sie nicht mehr zurück.

Andrea Baier, 41, die eigentlich anders heißt, läuft mit nackten Füßen durch ihre sparsam möblierte Eigentumswohnung. Sie hat Betriebswirtschaft studiert und besitzt ein Klavierdiplom von der Musikhochschule. Sechs Stunden übte sie während des Studiums täglich an ihrem schwarzen Flügel, auch an Wochenenden. Ein Leben im Leistungsmodus - so hatten es ihr die Eltern vorgeführt. Die Mutter ging als Chefsekretärin eines internationalen Konzerns acht Wochen nach der Geburt ihres Einzelkindes wieder jeden Morgen um 7.30 Uhr ins Büro, sie sorgte für die finanzielle Stabilität der Familie. Der Vater fuhr als Musiker von Auftritt zu Auftritt.

Andrea Baiers Freundeskreis war bis Mitte 30 kinderlos. Als sich die ersten ins traute Familienglück zurückzogen, wurde auch sie unruhig. Das Liebesleben mit ihrem langjährigen Partner - ein einziges Auf und Ab, das unter all dem Nachdenken über Familienplanung immer komplizierter wurde. Kurz vor dem 39. Geburtstag ließ sie sich Eizellen entnehmen und einfrieren: "Ich hatte etwas nur für mich getan, endlich."

Robert Fischer, ärztlicher Leiter des Fertility Centers in Hamburg, warnt Patientinnen wie Baier noch vor der Unterschrift unter den Behandlungsvertrag vor Illusionen: "Wunder gehören nicht zu unserem Service."

Weiterarbeiten - in Teilzeit

Der Reproduktionsmediziner, der zu den Pionieren der künstlichen Befruchtung in Deutschland zählt, verweist auf die Statistiken seines Hauses: Eine künstliche Befruchtung mit frischen Eizellen führe bei Frauen unter 30 Jahren in über 78 Prozent der Fälle zu einer Schwangerschaft, kumuliert berechnet nach drei Versuchen. Bei Frauen über 40 werde nurmehr jede Vierte schwanger. Bei aufgetauten Eizellen, die erst um die 40 entnommen wurden, sind es nur noch "5 bis 10 Prozent". Mit zunehmendem Alter reifen weniger gesunde Eizellen heran.

Andrea Baier hat bislang zwei künstliche Befruchtungen hinter sich, beide mit frischen Eizellen, die direkt vorher aus ihren Eierstöcken entnommen wurden. Beide blieben ohne Erfolg. Sie will nicht aufgeben und demnächst ihre eingefrorene Reserve nutzen. In Robert Fischers Tiefkühltank lagern 15 Eizellen.

Birte Wendler dagegen, die ehrgeizige Unternehmensberaterin, erwartet inzwischen ihr erstes Kind, gezeugt auf natürlichem Wege. Rund zwei Jahre nach ihrer Trennung und ein Jahr nach der Kryokonservierung hat sie sich neu verliebt und wurde prompt schwanger.

Das Problem mit der Karriere hat sie nicht gelöst. Ihr Aufstieg in der Beratung macht bis auf Weiteres Pause. Denn nach der Geburt will Wendler, ganz konservativ, erst mal Teilzeit arbeiten.

  • Eva Buchhorn ist Redakteurin beim manager magazin.

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otzer 15.10.2014
1. Unter dem Terminus Social Freezing...
würde ich persönlich eher ein Verhalten sehen, die besten Jahre seines Lebens absolut dem Beruf und den sogenannten "Aufstiegschancen" unterzuordnen. Ich frage mich manchmal, wie sich Kinder wohl fühlen mögen, wenn ihre Mütter bei der Abiturfeier jenseits der 60 sind? Was hat man denn von den vielen "Allnighters" am Ende, wenn man später eine Art Bilanz zieht? Ein dickes Konto? Auch das kann einem bei den heutigen Finanzkrisen niemand mehr garantieren.
athene123 15.10.2014
2. Irgendwas läuft hier doch schief
Wie sehr sollen sich Menschen für Wirtschaft und Beruf eigentlich noch verbiegen? Ich finde das irgendwie krank. Anstatt dass man für bessere Vereinbarkeit von Beruf und Kindern sorgt mit finanzierbarer Betreuung und Teilzeitangeboten hat man eben in der entscheidenden Phase keine Kinder zu bekommen sondern seine Eizellen einzufrieren. Als ob es 10 Jahre später dann soviel besser passt. Wann soll man denn Kinder bekommen? Mit 45 oder 50 Jahren? Zur Rente wenn man Zeit hat? Der Körper altert doch trotzdem und ob da eine Schwangerschaft noch funktioniert? Ich finde es auch schlimm, dass immer von Karriere und Kindern geredet wird anstatt von Beruf und Kindern. Der Hauptgrund warum Mann bzw. Frau zusieht schnell wieder Vollzeit zu arbeiten ist doch eher, damit die Kohle reinkommt, "Karriere" wollen und machen doch nur die wenigsten.
acyonyx 15.10.2014
3. vielleicht
sollte die Gesellschaft wirklich umdenken!! Ich weiß, es ist nicht einfach! Und aus eigener Erfahrung (3 Kinder) und aus dem Bekanntenkreis kennen wir die selben Zwänge! Wir sind mal bei einer runde Wein zum Ergebnis gekommen, daß wir es genau falsch herum angehen! Eigentlich sollte mann Kinder so früh wie möglich bekommen. Dann stressen die Kleinen auch nicht so, weil man höchstleistungsfähig ist. Stichwort: Nachts bis 4 in die Disko und morgens in die Uni. Wer kann das noch mit Ende 30? Wenn die Kinder dann so um die 10 Jahre alt sind, sind die Eltern Anfang-Mitte 30, haben die nötige Reife, um zu kapieren, wie der Hase im Job läuft und die "Social Skills", die man nur in einer Familie lernen kann. Dazu müßten aber Einige umdenken. Voran die Politik und die Recruiting-Abteilungen. P.s.:Die Kinder freuen sich dann auch darauf, wenn Mamma und Papa endlich aus dem Haus sind ;-)
Sibylle1969 15.10.2014
4. Wie frau es macht, ist es verkehrt
Es gibt einfach nicht den optimalen Zeitpunkt. Keine Frau kann sich heutzutage darauf verlassen, dass der Mann schon lebenslang für ein Auskommen sorgt. Zum einen reicht ein Gehalt oft nicht zum Leben, und im Falle einer Scheidung droht schnell die Armut, zum anderen ist es für ambitionierte Frauen nach wie vor äußerst schwierig, Kinder zu bekommen, ohne gleich die ganze Karriere aufs Spiel zu setzen. Solange sich unsere Arbeitswelt nicht ändert, d.h. dass Kinderkriegen nicht mehr einen signifikanten Karriereknick für die Frauen bedeutet, ist es also verständlich, wenn Frauen ihren Kinderwunsch verschieben. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Während des Studiums ist schwierig, denn dann mangelt es an Geld, und reichlich stressig ist es auch. Zumal haben viele Frauen dann noch nicht den passenden Partner gefunden. Direkt nach dem Studium ist am allerschlechtesten, wenn man den Einstieg ins Berufsleben noch nicht geschafft hat. Dann sollte man ja zumindest mal 3-5 Jahre sich eine gute berufliche Position erarbeiten, so dass frau dann schnell schon Anfang bis Mitte 30 ist. Bleiben ein paar Jahre zwischen Anfang und Ende 30, in denen es zeitlich vielleicht passen würde, aber dann muss auch der passende Partner da sein. Die (noch) verfügbaren Männer am "Partnermarkt" sind dann oft nicht unbedingt an Frauen interessiert, die einen drängenden Kinderwunsch haben. Also insofern kann ich es verstehen, wenn Frauen sich die Eizellen einfrieren lassen.
a.meyer79 15.10.2014
5. Unabhängig von der Frage
ob man Kinder haben möchte oder nicht. Individuen um die 30, die das nicht möchten, sind eh kritisch zu sehen ;) . Warum arbeitet man 14 Stunden am Tag??? Ziel muss doch ein Einkommen sein, mit dem man auskommt und möglichst wenig Stwuern zahlt und den Rest des Tages chillt man, entweder mit oder ohne Kinder.
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