Unternehmensberatungen Einmal Tretmühle und zurück

Warum wird jemand Unternehmensberater, warum lässt er den Job dann hinter sich? Ein Aussteiger und ein Neuling berichten: Der Erfahrene verdiente sehr viel Geld - bis der Akku leer war und seine Frau weg. Der Jung-Consultant glaubt: Es geht auch ohne Schleudergang.

Corbis

Von Maria Zeitler


Unternehmensberatungen sind berüchtigt für ihren irren Arbeitstakt - und viele Berater absolvieren die Überstunden mit Stolz, sind sie doch Leistungsausweis und die Bedingung, um satte Gehälter einzustreichen.

Doch dem Arbeitsrausch folgt nicht selten der Kater. Die Verweildauer in Unternehmensberatungen ist extrem niedrig. Nur drei bis fünf Jahre bleiben die meisten im Job. Danach wollen viele neu anfangen, wechseln zu Kunden, gründen eigene Firmen. Viele steigen aus, weil das Privatleben zu kurz kommt, andere, weil sie den Job von Anfang an als Karriereturbo verstanden haben. Ein Jahr Beratung soll so viel wert sein wie vier Jahre in der Wirtschaft, bei der Erfahrung, beim Netzwerken. Der Altersdurchschnitt bei den meisten Beratungen liegt bei 37 Jahren.

KarriereSPIEGEL fragte zwei Berater nach ihren Erlebnissen: Wolfgang Hackenberg, 45, der ungewöhnlich lange im Geschäft blieb, aber dann die Flucht ergriff. Und einen Berufseinsteiger, der knapp ein Jahr im Job ist; er möchte anonym bleiben.

Aussteiger Hackenberg: "Irgendwann war der Hunger weg"

"Zwischen 30 und 40 habe ich mein Privatleben komplett verpasst. Ich habe viele andere Sachen bekommen, aber irgendwann hat es nicht mehr gereicht. Mit kurz über 40 bin ich ausgestiegen. Da hatte ich rund zehn Jahre Unternehmensberatung hinter mir.

Nach einer Ausbildung bei Bertelsmann hatte ich Wirtschaft studiert und danach mit 30 bei Roland Berger in Düsseldorf angefangen. Das war die Highflyer-Zeit der Beratungen, ich stieg mit 70.000 Euro als Consultant ein und bald zum Senior Consultant auf. Wir haben unheimlich viele Papiere produziert, die nie umgesetzt wurden.

Dann lief mir ein Headhunter über den Weg, im Jahr 2000 fing ich bei Accenture in München an und bekam zum Einstieg 100.000 Euro Jahresgehalt. Nach zwei Monaten wurde ich Manager, dann Senior Manager und 2006 Partner. 160.000 waren das Fixgehalt, aber ab dieser Stufe läuft sehr viel über Boni. Das war auch die Zeit, in der Accenture an die Börse ging. Die Beratung bezahlte teils mit Anteilen, auch um die Leute langfristig zu binden.

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Consultants auf Sinnsuche: Tschüs, Beratung
Was viele nicht wissen: Wenn man erst mal Partner ist, sich also schon bis zur eigentlich höchsten Ebene hochgerackert hat, gibt es noch einmal zwölf Level. Also weiter aufwärts: Die Freunde waren das Team und die Freizeit unter der Woche gleich null. Entweder hast du deine zwölf Stunden gearbeitet bis in den späten Abend, oder du hattest ein Essen mit Kunden. Samstags wurde gearbeitet, ein Tag war frei - ein echtes Erlebnis, mal zu Hause zu sein.

Wenn es gut lief, habe ich es geschafft, morgens joggen zu gehen. Ich bin viel geflogen, nur unterwegs gewesen, nur im Hotel, habe nur aus dem Koffer gelebt. Am Anfang findest du das ja toll, klar. Aber irgendwann wird es anstrengend, die Faszination lässt brutal nach.

Fluchtimpuls: Jetzt den Schnitt, sonst bleibst du noch mal zehn Jahre

Viele Lebensgefährten machen das auf Dauer nicht mit. Über die Hälfte meiner Kollegen hatte da schon eine Scheidung hinter sich. Auch meine Beziehung ging in die Brüche. 2008 war ich dann knapp über 40 und habe mich gefragt: Willst du so weitermachen? Der Akku war alle, der Hunger weg. Wenn, dann musst du jetzt den Schnitt machen, war mein Gedanke. Sonst bleibst du noch mal zehn Jahre, bist 50. Und dann sind die meisten eben mit ihren Kräften am Ende.

Ich stieg aus, nach eineinhalb Jahren als Partner. Das hatte es bei Accenture vorher so noch nicht gegeben. Viele haben es nicht verstanden: Man hatte mich doch so toll belohnt. Viele andere fanden es mutig. Getrennt haben wir uns im Guten.

Dann war ich also raus und wollte ein Unternehmen gründen, das fand ich schon immer toll: Eine gute Idee und der richtige Partner, ein Kindergartenfreund, kamen zusammen. Wir gründeten die Firma Steercom, ein Beratungsportal im Internet. Wir bieten Workshops für Unternehmer und eine Software zur Verbesserung von Power-Point-Präsentationen an.

Ich kann mir ein Leben in der Tretmühle nicht mehr vorstellen. Man ist doch ganz schnell ersetzbar, obwohl man immer dachte: Ohne mich geht's nicht. Ich arbeite jetzt nicht unbedingt weniger, aber anders, und ich kann es mir selbst einteilen. Ich gehe jetzt auch einfach Donnerstagnachmittag mal zum Tennis oder zum Golf. Und ich muss mich am Flughafen beim Einchecken wieder ganz normal in die Schlange stellen. Das empfinde ich als enormen Fortschritt."

insgesamt 39 Beiträge
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liquimoly 14.05.2012
1. Conultants sind nicht die Einigen Workaholics ...
Natürlich beeinträchtigt das Arbeitspensum das Privatleben erheblich, doch als Unternehmer ist man genauso eingebunden und ausgebucht ! Wenn man es nicht schafft, zu delegieren und seine Angestellten zu entwickeln, hat man mittelfristig nichts mehr, wofür sich die Tretmühle lohnte, nur ein paar vergeudete Jahre.
discuss 14.05.2012
2. Enttarnt
---Zitat--- Wir bieten Workshops für Unternehmer und eine Software zur Verbesserung von Power-Point-Präsentationen an. ---Zitatende--- Das ist doch mal ehrlich. Wenn man bei einer Unternehmensberatung wirklich substantiell arbeiten würde, könnte man sich ja auch mit einem ernsthaften Thema selbständig machen. Aber was macht man mit 10 Jahren Beratererfahrung?: Schöne Folien! Auch der Einsteiger ist irgendwie putzig. Natürlich weiß er noch nicht alles, aber seine Konsequenz daraus ist die falsche. "Einfach viel reden" ist nicht der richtige Weg, um Wissen zu generieren. Hinsetzen und lernen ist stattdessen angesagt.
brotzeithasser 14.05.2012
3.
Zitat von sysopCorbisWarum wird jemand Unternehmensberater, warum lässt er den Job dann hinter sich? Ein Aussteiger und ein Neuling berichten: Der Erfahrene verdiente sehr viel Geld - bis der Akku leer war und seine Frau weg. Der Jung-Consultant glaubt: Es geht auch ohne Schleudergang. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,821651,00.html
Wo der Einsteiger nun arbeitet ist mir nicht so recht klar geworden?? Bei einer kleinen lokalen Beratung oder einem kleineren "der Großen"?? Gibt es nicht auch Consultancys die sich bewusst für (einigermaßen) Einhaltung der Arbeitszeiten committen?
earl grey 14.05.2012
4. keine Ahnung von dem Job
Zitat von discussDas ist doch mal ehrlich. Wenn man bei einer Unternehmensberatung wirklich substantiell arbeiten würde, könnte man sich ja auch mit einem ernsthaften Thema selbständig machen. Aber was macht man mit 10 Jahren Beratererfahrung?: Schöne Folien! Auch der Einsteiger ist irgendwie putzig. Natürlich weiß er noch nicht alles, aber seine Konsequenz daraus ist die falsche. "Einfach viel reden" ist nicht der richtige Weg, um Wissen zu generieren. Hinsetzen und lernen ist stattdessen angesagt.
Das Problem ist doch, das viele Firmen sich externe Berater holen, um sich ihre vorgegeben Meinung und Arbeistweise bestätigen zu lassen - Veränderungen wollen die gar nicht. Unter´m Strich kommen da nur schöne Folien bei raus... Der ist ziemlich feucht hinter den Ohren, da fehlt noch jede Menge Erfahrung. Ob da eine kleine lokale Beratungsfirma das Richtige ist? Ein guter Berater redet nicht viel, sondern hört viel zu - und zieht dann aus dem Gehörten seine Schlüsse, die er in seine Expertise dann einfliessen lässt. Ein Berater der selber viel redet, erfährt nichts über seinen Kunden und hat keine Ahnung von dem Job.
axiom 14.05.2012
5. Meine Erfahrung mit Berater...
Sie wollen deine Uhr. Sie sagen wie spät es ist und behalten deine Uhr. Ab einem gewissen Level konnte ich das Budget für Beratungen auf Null drücken. Frischfleisch, jung und günstig, ab Hochschule passt bei vermuteter Betriebsblindheit viel besser.
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