Ungerechtes Elterngeld für Väter Mist, Papa verdient zu wenig

Väter, die in Elternzeit gehen, sind erwünscht und werden staatlich unterstützt. Allerdings sind drei Viertel von ihnen Besserverdiener, für viele andere ist die Auszeit zu teuer. Diese Ungerechtigkeit ist politisch gewollt.

Vater mit Kleinkind
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Vater mit Kleinkind

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Es gibt ihn, den Bauarbeiter in Elternzeit. Wir haben ihn gefunden, diesen einen Bauarbeiter: Er heißt Robert und erzählte 2012 in der Mitgliederzeitschrift der IG Bau von seinen Erfahrungen. Bei seiner Firma im westfälischen Steinfurt hat aber seitdem kein Kollege von der Baustelle mehr Elternzeit genommen.

Nicht, dass man das nicht dürfte: Bei den Angestellten, etwa in der Bauplanung oder im Rechnungswesen, gehört die Väterzeit inzwischen zum guten Ton, der Arbeitgeber gilt als familienfreundlich. Aber von den Bauarbeitern bekomme er einfach keine Anträge, sagt der Lohnbuchhalter des Mittelständlers.

Ein Bauarbeiter in Elternzeit, warum eigentlich nicht? Sicher, irgendwie passt es nicht zum Klischeebild des harten Malochers. Aber in den vergangenen Jahren haben sich doch viele arbeitende Männer überzeugen lassen, wenigstens für zwei Monate eine Pause im Job zu machen und sich der Familie zu widmen.

Väterzeit ist ein Mittelschichtsphänomen

Trotzdem gibt es bei dem Thema eine Schlagseite: Während Mütter aller Gehaltsklassen fürs Kind pausieren, ist Väterzeit ein Mittelschichtsphänomen. Angestellte, meist Büroarbeiter, machen Väterzeit. Gern verbunden mit einem langen Familienurlaub in Thailand.

Klar, wenn man noch länger sucht, wird man weitere Bauarbeiter finden, die das gemacht haben. Aber sie sind die Ausnahme. "Ungelernte Arbeitskräfte und alle anderen mit niedriger Qualifikation können sich das kaum leisten", erklärt Volker Baisch. Seit über zehn Jahren berät er mit seiner Väter GmbH Unternehmen zum Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus Vätersicht.

Das ist einleuchtend: Wer in Elternzeit geht, bekommt in dieser Zeit kein Gehalt, der Staat zahlt Elterngeld. Und das beträgt meist 67 Prozent vom letzten Nettogehalt, maximal aber 1800 Euro netto. Doch: Wer so wenig verdient, dass er jeden Monat alles ausgibt, kann nicht einfach auf ein Drittel verzichten.

Die neuesten Zahlen sind vom dritten Quartal 2016 und zeigen: 915.000 Menschen haben in dieser Zeit Elterngeld bezogen, die Zahlen steigen seit Jahren. Davon waren knapp 160.000 Männer, 17,4 Prozent. Die Einkommensverteilung dieser Männer sah so aus:

  • 48,6 Prozent der Empfänger hatten im Jahr vor dem Elterngeld ein monatliches Nettogehalt zwischen 1500 und 2770 Euro.
  • 25,9 Prozent bekommen den Höchstsatz an Elterngeld, weil sie vorher 2770 Euro netto oder mehr verdient hatten.
  • 18,5 Prozent der Empfänger zählen zu den Geringverdienern. Das heißt, ihr Nettogehalt betrug höchstens 1500 Euro.
  • 7 Prozent hatten vor der Elternzeit gar kein Einkommen und haben den Sockelbetrag von 300 Euro bekommen. Der wird allerdings mit anderen Sozialleistungen, etwa Hartz IV, verrechnet.

Kurz gesagt: Drei Viertel der Männer in Väterzeit verdienen mindestens 1500 Euro netto, teilweise deutlich mehr. Da kommen viele Gebäudereiniger, Wachleute oder Kassierer nicht ran - und tauchen in der Elterngeldstatistik seltener auf.

Der Männerversteher: "Frauen, habt mehr Vertrauen in eure Männer!"

Zwar gibt es keine Umfrage zu den Gründen, aus denen sich Väter gegen diese Leistung entscheiden, auch fehlende passende Vergleichsdaten über die Gehaltsstruktur von Vätern im entsprechenden Alter. Der Soziologe Stefan Reuyß zieht daher noch andere Daten zur Bewertung heran: Betrachtet man die Entwicklung von 2008 bis 2012, dann nahm bei den Vätern mit einem Nettoeinkommen unter 1000 Euro die Zahl der Elterngeldväter um 49 Prozent zu. Bei denen, die mehr als 2000 Euro verdienen, um 148 Prozent. In seinen Studien für das SowiTra, das Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer in Berlin, kommt Reuyß daher zu dem Ergebnis: Unterm Strich ist das Elterngeld für Kleinverdiener offensichtlich weniger attraktiv.

Diese Ungerechtigkeit ist politisch gewollt. Stefan Sell, Sozialpolitik-Experte an der Hochschule Koblenz, erklärt es mit der Entstehungsgeschichte des Elterngelds: "Der Befund damals war, dass vor allem bei Akademikern mit höheren Einkommen die Kinderlosigkeit besonders ausgeprägt sei. Deshalb hat man diese Gruppe mit einem Elterngeld, das als Lohnersatzleistung gestaltet wurde, besonders bevorzugt."

Deutlich wird das auch an einer anderen Neuregelung: Die Vorgängerleistung, das Erziehungsgeld, gab es zusätzlich zu anderen Sozialleistungen - das Elterngeld wird seit 2011 mit Hartz-IV-Bezügen verrechnet. Das hat zu einer deutlichen Verschlechterung für die unteren Einkommensgruppen, vor allem Arbeitslose und Alleinerziehende, geführt.

Die jüngsten Änderungen am Elterngeld haben sich um dieses Problem auch nicht gekümmert. Es wurde das Elterngeld Plus eingeführt. Das erlaubt eine flexiblere Verteilung der bestehenden Ansprüche - aber nur für Paare, die sich Teilzeit leisten können. Es verändert allerdings nichts an den Zugangsvoraussetzungen oder den ausgezahlten Summen. (Und es ist so kompliziert, dass es nur wenige nutzen.)

Welche Schlüsse kann man daraus ziehen?

Es ist schön, wenn sich Akademiker um ihre Kinder kümmern können. Aber genauso sollte allen anderen ein guter Start ins Familienleben möglich sein. "Dazu braucht es eine Erhöhung des Elterngeldes, insbesondere für Geringverdienende", sagt Reuyß vom SowiTra.

Wenn der Lohnersatz für niedrigere Einkommen stiege, könnte das gegen die soziale Schieflage helfen - Möglichkeiten gibt es viele. Etwa einen höheren Sockelbetrag oder eine weiter steigende Lohnersatzquote für niedrige Einkommen.

Und davon würden nicht nur Männer profitieren.

Anmerkung der Redaktion: Gegenüber einer früheren Version dieses Textes wurden die Ausführungen präzisiert, in denen es um die Bewertung der statistischen Daten geht.



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Seite 1
OompaLoompaOfScience 18.02.2017
1. Dann hebt ...
... doch bitte auch gleich die Deckelung bei 1.800 EUR mit auf. Das sorgt nämlich dafür, dass Leute aus höheren Einkommensschichten auch keine Elternzeit nehmen können, wenn das Nettoeinkommen auf einmal auf 1/4 sinkt. Ja, ich bekenne mich schuldig, ich habe bei keinem unserer Kinder Elternzeit genommen, weil die etwa 5.000 EUR weniger im Monat zu sehr geschmerzt hätten.
spiegelinator 18.02.2017
2.
Ja hier weden die 67% mal vom NETTO Gehalt genommen und nicht wie alle anderen Beiträge vom Bruttoeinkommen.
quark2@mailinator.com 18.02.2017
3.
Leider gibt der Artikel nur die Prozente der Bezieher wieder. Damit diese Angaben sinnvoll interpretiert werden können, müßte man aber auch die Prozente der Durchschnittsbevölkerung in der relevanten Altersgruppe kennen. Anders gesagt: Wenn 25% der Bezieher mehr als 2500,- EUR verdienen, sagt mir das nichts, wenn ich nicht weiß, wieviel Prozent der Väter dieses Alters soviel verdienen. Um eine Verzerrung zu dokumentieren wäre die Differenz zwischen beiden Kurven relevant. Zu dumm, wenn zwar mit Zahlen hantiert wird, aber irgendwie nicht die wirklich aussagekräftigen verwendet werden.
ccpollux 18.02.2017
4. Korrekt
Ich gehe im April das 2. Mal in Elternzeit. Ich kann mir das als Mann nur leisten, weil ich als Bahnpendler meine Jahreskarte für 2 Monate abgeben kann und so 230? spare. Das macht aus dem Elterngeld ca. 90% meines Nettoeinkommens. Und ich bin kein Bauarbeiter, sondern im mittleren Dienst in einem Katasteramt.
DJ Bob 18.02.2017
5. Abzockrepublik Deutschland
Nirgendwo wird der Arbeitnehmer mehr abgezockt wie hier in D. Und wenn eine Dänin im Schnitt 42% im Gegensatz zu eine Deutsche mit 20% zu der "Familieneinkommen" beiträgt dann hat das steuerliche Gründen zur Folge Denn mit im Schnitt 54% Abgaben und Steuern sind wir auch hier Weltmeister
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