Väter zwischen Kind und Karriere Held oder Weichkeks?

Ein paar Monate Elternzeit - viele Väter befürchten danach das Karriere-Aus. Betriebswirt Ingo Stober wurde sogar gefeuert. Dagegen bekommt Ingenieur Arne Brixel von seiner Firma den roten Rückkehrerteppich ausgerollt.

Von Rita Knobel-Ulrich

Michael Donnerhak

Im Elternkurs der Volkshochschule hüpfen Mütter mit ihren Säuglingen im Kreis und singen. Arne Brixel, einziger Mann, brummt mit. "Es ist eine komplett andere Welt. Vorher war ich nur mit Männern zusammen. Jetzt unterhält man sich über Stillen, Durchschlafen und wunde Pos", sagt er ein bisschen verlegen.

Brixel, 32, ist Ingenieur bei Bosch in Stuttgart - und macht sieben Monate lang Elternzeit. Die Firma ermutigt Väter, sich fürs Kind Zeit zu nehmen, und wertet das sogar als "Karrierebaustein", gleichwertig einem Auslandsaufenthalt. Trotzdem hat sein Chef geschluckt. Hätten die Kollegen Brixels Arbeitspensum mit stemmen müssen, wäre es zu erheblicher Unruhe in der Abteilung gekommen, gibt der Vorgesetzte zu. Doch es wurde ein Ersatzmann eingestellt. So wünschte der Chef Brixel Glück, machte aber auch klar: Er soll den Kontakt zur Firma halten, nicht nur Brei kochen und aufs Bäuerchen warten.

Während Arne Brixel seinen Sohn wickelt, erzählt er, dass er sich für seine Entscheidung rechtfertigen musste. Seine Mutter machte sich Sorgen, ob das zum Karriere-Aus führen würde. Freunde hätten ihn zwar nicht direkt für bekloppt erklärt, aber zu seinem Mut gratuliert und bekannt: Sie hätten sich das nicht getraut.

Vaters Courage: Ein böses Erwachen

Braucht es wirklich Courage für eine Auszeit als Vater? Viele Männer, das zeigen Umfragen, fürchten das Gespräch mit dem Chef, das Naserümpfen der Kollegen. Und es spricht sich herum, dass manche Väter die Entscheidung fürs Kind teuer bezahlen.

Für den Berliner Betriebswirt Ingo Stober gab es nach seiner Elternzeit ein böses Erwachen: Er wollte sich mit seiner Frau, einer Unternehmensberaterin, die Verantwortung für die Kinder teilen, auch weil er selbst unter einer vaterlosen Kindheit gelitten hatte. Stobers Vater hatte nie Zeit, verfolgte seine Karriere: "Ich hatte damals das Gefühl, dass mir etwas fehlt - warum ist die Arbeit für meinen Vater wichtiger als die Zeit mit mir!?"

  • Corbis
    Wo sind die neuen Männer? Das Elterngeld nehmen 95 Prozent der Mütter in Anspruch, aber nur 27 Prozent der Väter, so das Statistische Bundesamt im Mai 2013. Wie lange? Drei von vier Vätern gehen für maximal zwei Monate in Elternzeit, Mütter dagegen weit überwiegend für ein ganzes Jahr. Und danach? 70 Prozent der erwerbstätigen Mütter kehren nach der Elternzeit in Teilzeit zur Arbeit zurück. Bei den Männern sind es lediglich sechs Prozent.
Die Stobers brachten ihre Kinder in einer Kita unter. Alles lief gut, bis Tochter Antonia krank wurde und Stober vorzeitig eine Konferenz verließ. Die Kündigung folgte. Sein 80-jähriger Chef fand, Stober kümmere sich zu viel um seine Kinder, er habe schließlich eine Frau. Es könne doch so laufen wie beim Chef selbst früher. Stober hatte eine verantwortungsvolle Position in dem mittelständischen Familienunternehmen. Trotzdem bedauert er seine Entscheidung nicht: "Das enge Verhältnis zu den Kindern ist mir viel wert. Ich glaube, im Endeffekt werden auch Arbeitgeber davon profitieren, weil sie Mitarbeiter bekommen, die gelassener und daher auch wertvoller für den Betrieb sind."

Familienfreundlichkeit beeindruckt Bewerber

Inzwischen wissen manche Unternehmen, dass sie mit Familienfreundlichkeit punkten können. Die Firma Vaude zum Beispiel, die hochwertige Bergsportausrüstung verkauft, beschäftigt in Tettnang, einem Nest am Bodensee, 500 Mitarbeiter - und betreibt einen eigenen Kindergarten. Inhaberin Antje von Dewitz hat selbst vier Kinder. Als sie merkte, wie schwer es ist, Kind und Beruf zu vereinbaren, gründete sie die Kita: "Ich war schwanger, als ich ins Unternehmen eintrat. Das war für mich eine neue Welt."

Maschinenbauingenieur Mario Schlegel, 44, schätzt die firmeneigene Kita für seine beiden Söhne. Zu Hause hält ihm niemand den Rücken frei, seine Frau arbeitet unter der Woche in München. Für Schlegel war die Familienfreundlichkeit der Firma sogar ein Grund, den Job am Bodensee anzunehmen. "Das Angebot mit dem Kinderhaus ist schon toll. In der städtischen Einrichtung in München gab es begrenzte Schließzeiten, riesige Kindergruppen, weite Wege. Hier ist das alles optimal."

Für den Betrieb bedeutet das ständige Kommen und Gehen viel Planungsaufwand, höhere Kosten. 45 Leute der Belegschaft waren 2014 in Elternzeit. Drei Viertel aller Mitarbeiter arbeiten in Teilzeit, morgens, nachmittags, an unterschiedlichen Tagen. Konferenzen müssen oft monatelang vorausgeplant werden.

Doch Fachkräfte wachsen nicht auf den Bäumen, sagt Antje von Dewitz: "Wir sind darauf angewiesen, dass Leute aus ganz Deutschland zu uns kommen. Wenn meine Mitarbeiter gut balancieren können, was ihnen wichtig ist im Leben, zahlt sich das für mich als Unternehmerin aus. Und deshalb ist die Frage: Wie lange können es sich Firmen noch erlauben, nicht familienfreundlich zu sein?"

"Auch wenn der Weg steinig ist, mach das!"

Die neuen Väter brauchen Signale vom Chef und den Kollegen, dass sie keine Angst haben müssen, abgehängt zu werden. Es gibt viele Frauenbeauftrage in Betrieben, aber Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch ein Männerthema. Nicht nur für Exoten.

Ingo Stober hat nach dem Entlassungsschock ein Buch geschrieben ("Pioniere der Elternzeit: Väter traut euch!"). "Es mag ein langer Weg sein, aber er lohnt sich", sagt er. "Diese Erfahrung möchte ich anderen Vätern mit auf den Weg geben: Auch wenn es steinig ist, mach das!"

Arne Brixel kehrt nach sieben Monaten Elternzeit zurück - nicht in eine Besenkammer, sondern wieder in der Zentralwerkstatt als Fertigungsplaner für Dieseleinspritzsysteme. "Die Firma zeigt mir: Wir wollen, dass Sie wiederkommen. Wir rechnen mit Ihnen", sagt er. Bosch hat ein ausgefeiltes Rückkehr-Programm und kann es sich nicht leisten, auf Ingenieure zu verzichten. 5000 Patente werden bei Bosch jährlich angemeldet, 20 pro Arbeitstag. Das Wissen der Mitarbeiter soll nicht an der Wickelkommode enden.

Brixel findet das gut: "Ich bekomme eine Koordinationsaufgabe, eine Superchance. Zu Hause habe ich organisieren gelernt. Babys sind verdammt anstrengend. Oft klappt es nicht, wie man es sich vorstellt, man braucht viel Geduld. Die kann ich hier auch brauchen." Weder bekloppt noch ein Held - einfach ein Vater, der sein Kind nicht nur abends und am Wochenende sehen will.

  • privat
    Rita Knobel-Ulrich dreht als freie Journalistin für ARD und ZDF Dokumentationen - ob in Sibirien oder Schanghai, in Haiti oder vor der Haustür. Ihr jüngster Film über Väter und Karriere heißt "Papa trau dich!" und läuft am 19. Januar um 22.45 Uhr in der ARD.

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
lupidus 19.01.2015
1.
bevor nun wieder klischees bedient werden möchte ich gerne ins gedächtnis rufen, dass ein umdenken bereits stattfinden. nur muss man auch zugestehen, dass so etwas garantiert nicht über nacht geschehen kann. unsere vorfahren mussten sich auch standarts erkämpfen, die für uns heute selbstverständlich sind, ist leider so. in einigen jahren wird das kaum noch ein thema sein.
dagegen! 19.01.2015
2. Der Studiengang macht eben auch den Unterschied
Ein Ingenieur ist in der heutigen Zeit halt dann doch immer noch etwas besonderes und nicht so leicht ersetztbar wie ein Betriebswirt, dessen Studiengang derzeit offenbar Mainstream ist. Irgendwie studiert derzeit fast jeder entweder Sport, Lehramt oder BWL... Das haben auch die Firmen erkannt und tun immer mehr für bestimmte Fachkräfte. Was gut ist.
tssd47 19.01.2015
3. Ende der Karriere' aber nur in dem Laden
Als ich als Mann 3 Monate Elternzeit beantragt hatte, schrieb mir der Chef, dass ich doch auf dem Sprung zu einer Abteilungsleiterstelle sei. Unter diesen Umständen könne er das nicht weiter unterstützen. Im übrigen würde er persönlich keinen Abteilungsleiter einstellen, der schon mal Elzernzeit hatte. Das ist die Realität. Habe mich trotzdem für meine Tochter entschieden und auf sinnlose Powerpointschlachten wenig Lust. Nachdem es dann mit der Karriere wirklich nichts wurde habe ich gekündigt, und nun den Traumjob gefunden.
irrenderstreiter 19.01.2015
4. In meinem Unternehmen ...
ist das zum Glück eine absolute Selbstverständlichkeit, nahezu alle Väter nehmen die Möglichkeit wahr.
Newspeak 19.01.2015
5. ...
Sein 80-jähriger Chef fand, Bestimmte Leute gehören zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Bei den gesammelten Produktivitätszuwächsen in Deutschland der letzten 30 Jahre bräuchte niemand um Elternzeit zu betteln. Man könnte ganz grundsätzlich das Thema Arbeitszeit liberalisieren. Der Arbeitgeber verlangt schließlich auch Flexibilität von mir, umgekehrt wird ungerechtfertigterweise immer direkt der Untergang des Abendlandes daraus, dabei gibt es alle technischen Möglichkeiten um Arbeit flexibel zu organisieren. Arbeitgeber müssen jedenfalls mal lernen, das, was sie einfordern, selbst zu bringen.
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