Arbeit und Familie Elternzeit - wenn Väter nicht können oder wollen

Elternzeit, muss denn das wirklich sein? Oft lassen Chefs Mitarbeiter mit dem Wunsch nach einer Job-Pause rüde auflaufen. Manchmal bremst auch die Partnerin ihren Mann aus. Oder junge Väter stehen sich selbst im Weg.

Vater und Kind: Noch zu oft entscheiden sich Männer gegen die Elternzeit
Corbis

Vater und Kind: Noch zu oft entscheiden sich Männer gegen die Elternzeit

Von Britta Mersch


Eigentlich hätte Oliver S.*, 43, gern zwei Monate Elternzeit genommen, als seine Tochter Clara im Oktober 2013 geboren wurde. Doch eine Auszeit war nicht vereinbar mit seinem Job als IT-Manager in einem Lebensmittelkonzern: 60 bis 65 Stunden Arbeit pro Woche, auch am Wochenende musste Oliver S. ran, wenn es Probleme gab - "das hätte sich auch in der Elternzeit nicht geändert".

Als er seinen Chef fragte, ob er in Elternzeit gehen könne, bekam er eine eindeutige Antwort. Klar könne er gehen. "Aber ich hätte eine sehr lange Liste an Projekten mit auf den Weg bekommen, die sich nicht verzögern durften."

Das Modell: Er hätte Elterngeld bekommen, also auf einen Großteil seines Gehaltes verzichtet. Im Homeoffice hätte er sich weiter um die Belange der Firma kümmern und mindestens einmal in der Woche an einem Meeting teilnehmen müssen. "Ich habe mich dagegen entschieden, in Elternzeit zu gehen", sagt Oliver S., "so hätte es keinen Sinn ergeben."

Oft wollen Mütter länger zu Hause bleiben

Wie Oliver S. geht es noch zu oft Mitarbeitern in Deutschland: Viele Väter stoßen auf taube Ohren, wenn sie in Elternzeit gehen möchten - obwohl sie per Gesetz Anspruch darauf haben. Felix G.*, Senior Consultant in einer Personalberatung, hat das ebenfalls erlebt. Sein Sohn wird bald drei Jahre alt, im Unternehmen war zur Zeit der Geburt viel los: "Mein Chef hat mich gebeten, die Elternzeit später zu nehmen, und mir dafür Zugeständnisse in einem anderen Punkt gemacht, den wir gerade verhandelt haben."

Auf den ersten Blick eine gute Lösung, doch zur Elternzeit kam es nicht mehr. "Mir war nicht klar, dass ich die Elternzeit nur 14 Monate nach Geburt des Kindes nehmen konnte", sagt der 40-Jährige, "das war zum Teil auch mein Fehler."

Väter in Elternzeit
Das sagt der Mitarbeiter:

Ronny Boms, 40, arbeitet in der Konzernrevision der Axa-Versicherungen, sein Sohn wurde letztes Jahr im Juli geboren

"Ich bin seit Mitte Juni in Elternzeit, für insgesamt vier Monate. Meine Frau und ich haben gemeinsam entschieden, dass wir meine Elternzeit möglichst spät nehmen, denn Paul wurde gestillt, da sind Babys in den ersten Monaten viel bei den Müttern. In den ersten drei Wochen war ich zu Hause und habe von meinem Arbeitgeber auch Sonderurlaub bekommen, danach bin ich wieder arbeiten gegangen.
Jetzt arbeitet meine Frau wieder, ich bleibe zu Hause. Ich verbringe den Tag mit meinem Sohn und mache vormittags die Eingewöhnung in der Kita. Diese neue Rolle gefällt mir sehr gut. Wir haben eine unheimlich schöne Zeit miteinander, ich kann mich ganz auf Paul konzentrieren.
Bedenken gegenüber meinem Arbeitgeber habe ich wegen der Elternzeit nicht. In der Konzernrevision gibt es einige Väter mit Elternzeit, auch für sieben Monate. Das hat immer gut funktioniert. Ich habe frühzeitig mit meinem Chef über meine Pläne gesprochen. Er ist selbst Familienvater, hat sehr positiv reagiert und mir zugesagt, dass er mir die Auszeit ermöglichen möchte, so wie ich sie mir wünsche."

Das sagt der Chef:

Michael Grohs, 44, Leiter der Axa-Konzernrevision

"Natürlich ist es immer ein Verlust, wenn ein Mitarbeiter in Elternzeit geht. Weil Ronny mir frühzeitig Bescheid gesagt hat, hatte ich aber die Möglichkeit, Arbeitsaufwand und -verteilung in unserer Abteilung entsprechend zu gestalten und eine Lösung zu finden für die Themen, die Ronny bearbeitet.
Ich bin selbst Familienvater und sehr offen dafür, wenn Mitarbeiter entscheiden, ein paar Monate mit ihren Kindern zu verbringen. Deshalb unterstütze ich Väter und Mütter in ihren Plänen. Im Konzern bin ich damit nicht allein. Wir pflegen eine Unternehmenskultur, die sehr mitarbeiter- und familienfreundlich ist – und profitieren ja auch davon, wenn die Mitarbeiter zufrieden und mit schönen Erfahrungen aus der Elternzeit zurückkehren.
Ich selbst hatte so eine Auszeit nicht. Meine Söhne sind elf und sechs Jahre alt. Bei mir und meiner Frau war immer klar, dass ich arbeite, sie zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass auch Führungskräfte über eine Elternzeit nachdenken können. Niemand ist unersetzlich, vieles lässt sich mit einem guten Vorlauf regeln."

Das sagt der Mitarbeiter:

Michael Kreuzfelder, 36, ist Leiter der Kommunikationsabteilung beim Caritasverband für das Bistum Essen und seit Anfang des Jahres Vater eines Sohnes

"Für mich war immer klar, dass ich gern Papa sein und Zeit zu Hause verbringen möchte. Gleich nach der Geburt habe ich einen Monat Elternzeit genommen. Das war sehr schön. Man ist sehr unsicher, wenn man aus dem Krankenhaus kommt, die Mutter braucht nach der Geburt viel Unterstützung. Wir waren sehr froh, dass wir vier Wochen Zeit hatten, um uns als Familie aneinander zu gewöhnen.
Für meinen Arbeitgeber war die Auszeit kein Problem. Obwohl mein Chef schon überrascht war. Ich hatte die Stelle gerade erst angenommen. Er sagte, er habe extra einen Mann eingestellt, weil viele Kolleginnen schwanger geworden sind - aber das war ein Scherz. Er hat sofort gesagt, dass er mir die Elternzeit ermöglichen möchte.
Ende Oktober werde ich noch mal für drei Monate in Elternzeit gehen, die Kollegen werden meine Arbeit in der Zeit mitmachen. Danach plane ich, meinen Job etwas zu reduzieren. Ich möchte einen Tag in der Woche frei haben, damit meine Frau auch ihrem Beruf nachgehen kann. Ich freue mich sehr, dass die Absprachen bei uns so unkompliziert gelaufen sind."

Das sagt der Chef:

Andreas Meiwes, 53, Direktor des Caritasverbandes für das Bistum Essen

"Herr Kreuzfelder war der erste männliche Mitarbeiter, der in unserem Verband in Elternzeit gehen wollte. Im ersten Moment war ich etwas verdutzt, er war gerade frisch bei uns. Aber ich habe sofort gesagt, dass ich ihn unterstützen möchte, denn das Recht steht jungen Vätern zu.
Das nehmen wir sehr ernst, wir sind im Juni von der Hertie-Stiftung als familienfreundlicher Arbeitgeber ausgezeichnet worden. Die nächste Generation, die auf den Arbeitsmarkt kommt, wird stark darauf achten, wie familienfreundlich ein Unternehmen ist. Wir bemühen uns, auf Wünsche unserer Mitarbeiter einzugehen und flexible Teilzeitmodelle anzubieten. Das wird auch bei Herrn Kreuzfelder kein Problem sein.
Ich habe selbst einen Sohn, heute 16 Jahre alt, und bin damals nicht zu Hause geblieben. Als Führungskraft kann ich mir das auch schwer vorstellen, andererseits sollten gerade wir mit gutem Beispiel vorangehen. Ich finde es schön, wenn Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Die Zeit kommt nie wieder."

In seinem Berufsalltag beobachtet er, dass die Elternzeit in vielen Unternehmen kritisch gesehen wird: "Die obligatorischen zwei Monate sind nicht das Problem. Geht ein Mitarbeiter aber sechs Monate oder länger in Elternzeit, rümpfen Chefs die Nase." Klar gebe es familienfreundliche Unternehmen, die Väter in ihrem Wunsch unterstützen, sich mehr um Frau und Kinder zu kümmern. Aber: "Gerade in traditionellen Unternehmen, die einen patriarchalischen Führungsstil pflegen, haben es Männer schwer", sagt Felix G.

Diese Einschätzung teilt Soziologe Stefan Reuyß. Er ist Inhaber des Forschungsinstituts Sowitra, das für die Hans-Böckler-Stiftung untersucht hat, wie sich die Elternzeit bei Vätern gestaltet. Ein Ergebnis: Die direkten Vorgesetzten haben maßgeblichen Einfluss darauf, für welches Elternzeit-Modell sich männliche Mitarbeiter entscheiden. In modernen Unternehmen lasse sich "auch für Führungskräfte eine längere Elternzeit leichter durchsetzen als in solchen mit einer traditionellen Führungskultur".

Immerhin bewegt sich was. Väter entscheiden sich mittlerweile häufiger, den Beruf für mehr als die obligatorischen zwei Monate auf Eis zu legen, um sich um die Familie zu kümmern. "Jeder dritte Vater, der Elterngeld beantragt, wählt andere Modelle", so Stefan Reuyß - ganz verschiedene, je nach Verdienst der Partner, beruflichen Perspektiven und Vorstellungen zur Elternrolle.

Bewusst nach unten beworben

Manchmal aber bremst gar nicht der Beruf Männer aus - es sind die Partnerinnen. "Wir stellen fest, dass viele Väter gern mehr Elternzeit hätten, die Mütter nach der Geburt aber auf jeden Fall längere Zeit zu Hause bleiben möchten", sagt Stefan Reuyß. Oder Väter wünschen sich eine Job-Auszeit nicht ganz so dringend, wie sie es vorgeben. Oder die Männer stehen sich selbst im Weg: "Sie befürchten berufliche Nachteile, obwohl diese oftmals gar nicht eintreten."

Oliver S. hätte erhebliche Nachteile in Kauf nehmen müssen, hätte er seine Elternzeit durchgesetzt - vor allem eine längere als zwei Monate. Er biss zunächst in den sauren Apfel und verzichtete, zog dann aber Konsequenzen: "Ich habe mich bewusst nach unten beworben."

Er arbeitet immer noch als IT-Manager, hat in seinem neuen Unternehmen aber weniger Personalverantwortung und ein geringeres Arbeitspensum. "Spätestens um 5 Uhr nachmittags bin ich zu Hause bei meiner Familie, am Wochenende habe ich frei", erzählt Oliver S. Er ist froh über die Entscheidung, denn im Februar kommt sein zweites Kind zur Welt: "Dann sollte es auch mit der Elternzeit klappen."

Auch Felix G. freut sich auf sein zweites Kind und arbeitet jetzt schon darauf hin, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Seine Frau führt einen Betrieb, er will das neue Elterngeld Plus nutzen, das mehr Raum für Teilzeitarbeit lässt. Seine Stelle möchte er um 40 Prozent reduzieren und ist bereit, für das Recht auf seine Vaterrolle zu kämpfen: "Männern muss die Chance gegeben werden, sich stärker um die Familie zu kümmern". Felix G. hofft, dass diese Vorstellung nach und nach in den Köpfen der Chefs ankommt.

(*Name geändert)

Die wichtigsten Fragen zum Elterngeld

Wie wird das Elterngeld berechnet?

Es bemisst sich nach dem Nettogehalt, das der Arbeitgeber der Mutter beziehungsweise dem Vater zwölf Monate vor der Geburt überwiesen hat. Das Elterngeld ersetzt in der Regel 65 bis 67 Prozent des letzten Nettogehaltes. Es gilt: Je geringer das Gehalt, umso höher ist der Prozentsatz. Eltern erhalten höchstens 1800 und mindestens 300 Euro.

Wann lohnt es sich, die Steuerklasse zu wechseln?

Wenn so das Nettogehalt erhöht wird, sollten Mütter beziehungsweise Väter einen Antrag beim Finanzamt stellen - etwa von Steuerklasse V auf III. Da die Elterngeldstellen sich an der Steuerklasse orientieren, die überwiegend im Jahr vor der Geburt gegolten hat, sollte man sich in den ersten Wochen der Schwangerschaft darum kümmern.

Ich erwarte Zwillinge. Wie viel Elterngeld steht mir zu?

Bei Mehrlingsgeburten erhöht sich das Elterngeld für das zweite und jedes weitere Kind um 300 Euro.

Ich bin arbeitslos, erhalte ich trotzdem Elterngeld?

Ja. Allerdings wird das Elterngeld als Einkommen angerechnet. Bei Wohngeld, BAföG oder bei der Festsetzung einkommensabhängiger Kita-Beiträge wird es berücksichtigt, soweit es die Mindestbeträge von 300 Euro (Basiselterngeld) bzw. 150 Euro (Elterngeld Plus) überschreitet.

Erhalten Familien mit kleinen Kindern einen Geschwisterbonus?

Ja, in Höhe von zehn Prozent des berechneten Elterngeldes, mindestens aber 75 Euro im Monat.

Was ändert sich bei der Elternzeit?

Die neue Elternzeitregelung sieht vor, dass Eltern zwischen dem dritten und achten Lebensjahr eine unbezahlte Auszeit von bis zu 24 Monaten beantragen können (bisher zwölf). Der Arbeitgeber muss nicht zustimmen. Die Elternzeit nach dem 3. Geburtstag muss 13 Wochen vorher angemeldet werden (bisher nur sieben Wochen). Die Elternzeit darf nun in drei statt bisher zwei Abschnitten eingeteilt werden.

  • now68
    KarriereSPIEGEL-Autorin Britta Mersch arbeitet als freie Journalistin in Köln. Und Mutter ist sie auch.

insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
srj 25.09.2015
1. Ein nicht unwichtiges Thema...
...in diesem Zusammenhang wird hier gar nicht erwähnt (oder ich habe es übersehen): Das in der Elternzeit wegfallende Gehalt! Ehrlich gesagt wäre es in meinem Fall zu erheblichen finanziellen Einbußen für die Familie gekommen, wenn ich in Elternzeit gegangen wäre. Denn der Maximalsatz von 1800,-€ ist schnell für Miete und Versicherungen weg. Danach heißt es dann ran ans Angesparte...
rstevens 25.09.2015
2. Man sollte sich schon richtig informieren...
> "Mir war nicht klar, dass ich die Elternzeit nur 14 > Monate nach Geburt des Kindes nehmen konnte", > sagt der 40-Jährige Hmm... Dazu von der Webseite des BMFSFJ: Ein Anspruch auf Elternzeit besteht für jeden Elternteil zur Betreuung und Erziehung seines Kindes bis zur Vollendung dessen dritten Lebensjahres.
Hartmut Schwensen 25.09.2015
3. Keine sozialen Vergünstigten in den USA ...
... trotzdem ist das Land kinderfreundlicher und es werden mehr Kinder geboren. Wie immer wenn sich unser Staat was ausdenkt: In der Regel gut gemeint, aber meistens schlecht gemacht.
Berg 25.09.2015
4.
Es ist eigentlich die stinknormale Einstellung, dass man mit seiner Berufstätigkeit das Geld für die Familie erarbeitet, beide Elternteile oder nur ein Besserverdienender, das ist bei der Partnerwahl entschieden. Und wenn Ersparnisse angelegt sind, bevor Kinder kommen, dann sind diese selbstverständlich für das Familienleben da, wofür denn sonst? Das teure Auto, die Kreuzfahrten, die Traumvilla - das kann man noch machen, wenn die Kinder aus dem Hause sind.
sequoia 25.09.2015
5. Was ist daran schlimm,
wenn Mütter längere Zeit zu Hause bei ihren Kindern bleiben wollen? Sie sind es doch, die das Kind geboren haben, bei ihnen entstand, auch hormonell unterstützt, eine ganz andere Art der Bindung, und sie sind es, die dem Baby und Kleinkind das geben können, was es emotional braucht, normalerweise viel besser als der Vater.
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