Arbeitnehmer-Umfrage Jeder Siebte hat mehr Frust als Lust

Mitarbeiter, die ihre Firma lieben, sind der Traum vieler Chefs. Aber solche Angestellte sind rar. Das liegt nicht zuletzt an den Vorgesetzten, zeigt eine Studie.

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Sie sitzen unmotiviert an ihrem Arbeitsplatz: 15 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland haben "innerlich bereits gekündigt", heißt es in einer Studie des Beratungsunternehmens Gallup. Hochgerechnet auf die erwerbstätige Bevölkerung seien das mehr als fünf Millionen Menschen.

Das Unternehmen befragt jährlich mehr als 1400 zufällig ausgewählte Arbeitnehmer in Deutschland am Telefon zu ihren Jobbedingungen und ihrer Wahrnehmung des Arbeitsplatzes. Aus den Antworten leiten die Forscher den Grad der emotionalen Bindung der Beschäftigen an ihr Unternehmen ab.

Die Ergebnisse für 2016:

77 Prozent der Angestellten haben eine positive Einstellung zur Arbeit an sich. Sie würden sogar dann weiterarbeiten, wenn sie nicht mehr auf das Geld angewiesen wären. Aber: Daraus ergibt sich meist keine Verbundenheit mit dem Arbeitgeber.

70 Prozent der deutschen Arbeitnehmer haben nur eine "geringe emotionale Bindung" an ihr Unternehmen. Sie leisten lediglich Dienst nach Vorschrift. Nur 15 Prozent der Arbeitnehmer weisen eine "hohe emotionale Bindung" ans Unternehmen auf. Dieser Anteil sei in den vergangenen Jahren stagniert, heißt es von den Autoren der Studie.

Sie warnen: Mitarbeiter mit einer geringen emotionalen Bindung würden im Schnitt häufiger im Betrieb fehlen und seien weniger produktiv. Sie zeigten weniger Eigeninitiative und Verantwortungsbewusstsein - und würden häufiger zu Fehlentwicklungen im Unternehmen schweigen.

Jeder dritte Mitarbeiter habe schwere Bedenken in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber seinem Vorgesetzten nicht geäußert, heißt es in der Studie. Unter den emotional gering gebundenen Arbeitnehmern behielt jeder Zweite seine Bedenken für sich. Jeder Dritte ohne emotionale Bindung sei schon auf der Suche nach einem neuen Job.

Wichtig für eine emotionale Bindung: der Vorgesetzte

Die Autoren der Studie rechneten hoch, dass sich all dies negativ auf ein Unternehmen auswirke, und zwar auch finanziell: Die innere Kündigung von Mitarbeitern koste die deutsche Volkswirtschaft jährlich mehr als 100 Milliarden Euro. Schuld sind nach Darstellung der Gallup-Forscher nicht zuletzt die Führungskräfte in den Unternehmen.

Denn ausschlaggebender für eine hohe emotionale Bindung als etwa ein hohes Gehalt oder viele Urlaubstage seien noch ganz andere Faktoren: die Möglichkeit, das zu tun, was man wirklich gut kann, eine sinnvolle, abwechslungsreiche Tätigkeit zu haben, ein gutes Verhältnis zu Kollegen - und zum direkten Vorgesetzten.

Aber gerade in puncto Führungsqualität klafften die Wünsche der Mitarbeiter und die Wirklichkeit in deutschen Unternehmen besonders weit auseinander, kritisieren die Gallup-Forscher mit Blick auf die Umfrageergebnisse:

Nur rund jeder fünfte Mitarbeiter gab an, "die Führung, die ich bei der Arbeit erlebe, motiviert mich, hervorragende Arbeit zu leisten". Ebenso viele sagten, sie hätten in den vergangenen zwölf Monaten wegen ihres direkten Vorgesetzten schon daran gedacht, zu kündigen. Von denen, die sich innerlich schon verabschiedet hatten, war es knapp jeder Zweite.

Fast alle Chefs finden sich gut

Die Angestellten vermissen nicht zuletzt ein gutes Feedback von ihren Chefs: Nur rund jeder Zweite sagte, er habe innerhalb des vergangenen Jahres einmal mit seinem Vorgesetzten über seine Leistungen gesprochen. 14 Prozent berichteten von einem kontinuierlichen Austausch. Sehr ergiebig seien die Gespräche allerdings oft nicht: Nur knapp 40 Prozent stimmten der Aussage zu: "Die Rückmeldung, die ich zu meiner Arbeit bekomme, hilft mir, meine Arbeit besser zu machen."

97 Prozent der Chefs dagegen halten sich den Gallup-Forschern zufolge für gute Führungskräfte, nur 40 Prozent hätten eine Weiterbildung besucht, um den Umgang mit ihren Mitarbeitern zu verbessern.

fok



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harwin 23.03.2017
1. Wem kann man es verdenken?
Das Problem liegt in Vorgesetzten wie in den Unternehmen selbst. Mitarbeiterbindung gibt es ja auch kaum noch, es werden Kosten gespart auf Teufel komm raus. Wer spürt diese Maßnahmen der Arbeitnehmer. Er wird mit Ängsten konfrontiert die er sonst nicht hat. Auch Fluktation und schlechtes Betriebsklima binden Menschen nicht an Unternehmen. Konzerne schauen heute auf Wachstum und Umsatz, nicht auf das persönliche Wohl der Belegschaft. Es wird trotz Millionengewinne Rationalisiert, Umstrukturiert und Outgesourct. Viele Unternehmer regieren ihr Unternehmen indem sie der Belegschaft Angst machen. Wer Angst hat wird dauerhaft keine gute Leistung bringen, und sich schon garn nicht mit den Unternehmen identifizieren. Selbst Geldgeschenke binden Menschen dann nicht weiter an das Unternehmen, weil sie es eher als Schmerzensgeld sehen. Der gleiche Trott in Unternehmen läuft ja weiter, und beeinflussen kann es der Mitarbeiter nicht. Entschieden ob er geht oder bleibt, ob er hier oder dort arbeitet, etc. entscheidet jemand anderer. Diese Fremdbestimmung und Bevormundung durch Chefs führt zur Dienst nach Vorschrift. Leider sehr sehr weit verbreitet. Wer sein Leben nicht selbst bestimmen kann, der leistet das was von ihne erwartet wird, nicht mehr und nicht weniger. Er sieht ja meistens auch nicht den fünfstelligen Bonus wie sein Chef, oder sogar den sechs bis siebenstelligen. Nein, er sieht nur eines, es wird gemacht was andere sagen, und der Einfluss der eigenen Person ist eher gering.
K:F 23.03.2017
2. 90 Prozent sind Flaschen und Nullen
Man stelle sich vor. Da kommt so ein Schnösel von der Uni, durchläuft ein Training und ist dann nach 1 Jahr Führungskraft. Wohlgemerkt, Fühungskraft. Auf Deutsch: Vom Tuten und Blasen keine Ahnung, aber Lapaloma pfeifen. Diese Führungsfutzis wollen gestanden Menschen dann sagen wo es lang geht. Kann und wird nicht funktionieren. Die, die es nie begreifen sind die Arbeitgeber. Da sind Reinigungskräfte cleverer als so manche Führungskraft.
bobflag 23.03.2017
3. 77 % Prozent würden arbeiten,
ohne auf das Geld angewiesen zu sein !!! Na dann her mit dem bedingungslosem Grundeinkommen.
unaufgeregter 23.03.2017
4. Liebe
Ich liebe meine Frau, meine Familie, meine Tiere. Aber meinen Arbeitgeber? Nein. Vielleicht liegt das an meinem fortgeschrittenen Alter (über 50) und die damit verbunden vielfachen Erfahrungen. Wird die Psychopathendichte bei den Vorgesetzten zu groß, ist absolut keine Bindung zum AG mehr vorhanden. Einige Jahre war in meiner Behörde so ein Chef vorhanden. Er hat weitere seltsame Vorgesetzte angezogen wie die Motten das Licht. Ergebnis: Sinkende Produktivität, extrem hoher Krankenstand, Desinteresse überall. Irgendwann wurde er zwangsversetzt. Die verbrannte Erde blieb. Neuen Vorgesetzten gegenüber sind alle hier äußerst skeptisch. Vielleicht ist der Mensch i. O. oder auch nicht. Ich halte es für ausgeschlossen, dass die Mitarbeiter jemals wieder so engagiert arbeiten wie früher. Die Schuld trifft m. E. nicht die Mitarbeiter. Es ist die Tatsache, dass hier keine Führungsaufgaben auf Zeit vergeben werden und die Mitarbeiterschaft nie zum Führungsverhalten der Chefetage befragt wurde/wird. Also reicht es aus, vor gefühlten 50 Jahren mal ein Studium absolviert zu haben und diese Typen werden auf die Mitarbeiterschaft losgelassen. Letztlich schadet sich der Öffentlich Dienst damit nur selbst.
Nordstadtbewohner 23.03.2017
5. Das eigentliche Problem ist das Anspruchsdenken der Generation 50+
Zitat von K:FMan stelle sich vor. Da kommt so ein Schnösel von der Uni, durchläuft ein Training und ist dann nach 1 Jahr Führungskraft. Wohlgemerkt, Fühungskraft. Auf Deutsch: Vom Tuten und Blasen keine Ahnung, aber Lapaloma pfeifen. Diese Führungsfutzis wollen gestanden Menschen dann sagen wo es lang geht. Kann und wird nicht funktionieren. Die, die es nie begreifen sind die Arbeitgeber. Da sind Reinigungskräfte cleverer als so manche Führungskraft.
Denn die Generation 50+ hat das Leistungsprinzip nicht wirklich verstanden. Genau das spiegelt ihr Beitrag wieder. Die Mitfünfziger bezeichnen junge Uniabsolventen gerne als "Schnösel" etc. und wollen/ können oft nicht begreifen, dass sich die Arbeitswelt stark professionalisiert hat. Diese Menschen leben gerne in der Vergangenheit, bezeichnen sich gerne als "gestandene Menschen" und erzählen oft und stundenlang von 30 Jahren "Berufserfahrung". Wenn man dann genau die Generation 50+ allerdings unter die Lupe nimmt, so kochen die auch nur mit Wasser, haben oftmals keinen akademischen Abschluss und Englisch kennen sie nur in der Form von Anglizismen. Heutzutage ist allerdings alles im stetigen Wandel begriffen. Altes Wissen (auch gerne als jahrzehntelange Berufserfahrung bezeichnet) hat in der modernen Arbeitswelt keinen Wert mehr, weil es einfach überholt ist. Junge Uniabsolventen in Kombination mit einem unternehmensinternen Training zur Führungskraft sind die heutigen Leistungsträger. Herumschimpfende und besserwisserische Mitfünfziger sind eher ein Indikator für Stagnation. Zum Artikel: Beschäftigte müssen ihr Unternehmen nicht lieben. Sie verkaufen ihre Arbeitskraft und werden dafür entsprechend bezahlt. Das ist ein normales Geschäft und meines Erachtens nichts, was mit Liebe zu tun hat.
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