Englisch-Training für Politiker "Manche klingen wie Sprechroboter"

Sprechen Sie Globish? Viele Politiker und Manager können weit mehr als nur 500 Wörter Englisch, straucheln aber beim Small Talk, sagt Eveline Goodman-Hedtke. Die Sprachtrainerin erklärt, warum Humor und Höflichkeit helfen und wieso eine Wurzelbehandlung kein gutes Plauderthema ist.

Kommunikation auf Englisch: Kein Anschluss unter dieser Nummer?
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Kommunikation auf Englisch: Kein Anschluss unter dieser Nummer?

Ein Interview von Tobias Asmuth


Zur Person
  • Thorsten Heideck
    Eveline Goodman-Hedtke, Doktor in Psychologie und Personalmanagment, ist englische Muttersprachlerin und coacht seit über zehn Jahren Politiker fast aller großen Parteien, Diplomaten sowie Kunden aus der Wirtschaft. Ihr Training umfasst Präsentieren, Verhandeln und Rhetorik. Goodman-Hedtke stammt aus einer amerikanisch-britischen Diplomatenfamilie und hat 2009 ihren amerikanischen gegen einen deutschen Pass eingetauscht. 2013 hat sie das Buch "F.U.C.K.-Motivation" veröffentlicht, in dem sie amüsant von Eigenheiten ihres neuen Heimatlandes Deutschland aus amerikanischer Perspektive erzählt.
  • Mehr unter: evelinegoodman.com
KarriereSPIEGEL: Sie trainieren seit Jahren Politiker und Spitzenmanager. Schlecht Englisch zu sprechen gilt als Makel. Aber heute kann doch jeder in Deutschland ein wenig Englisch, oder?

Goodman-Hedtke: Vielleicht können viele Leute "Globish", dieses weltweit gesprochene 500-Wörter-Englisch, aber ganz ehrlich: Gerade Engländer und Amerikaner haben oft Probleme, das zu verstehen. Im Deutschen gibt es so viele Wörter, um etwas genau auszudrücken, im Englischen ist die Verwendung der richtigen Zeit sehr wichtig. Wer das fröhlich durcheinander mixt, produziert bei Muttersprachlern oft Fragezeichen - das wird in der Politik oder Diplomatie schnell zum Problem.

KarriereSPIEGEL: Was ist der Lieblingsfehler deutscher Politiker im Englischen?

Goodman-Hedtke: Ein Klassiker ist eindeutig, auf "How are you?" zu entgegnen: "Thanks, fine!" Auf diese Grußformel antwortet man eben auch mit "How are you?" und fragt dann vielleicht: "How was your flight?" Oft ist es ein formelhafter Einstieg in den Small Talk, und darin sind deutsche Politiker wahrlich keine Meister.

KarriereSPIEGEL: Wahrscheinlich empfinden sie Small Talk als oberflächlich, wie die meisten Deutschen.

Goodman-Hedtke: Viel zu nett gesagt - Deutsche finden Small Talk einfach doof. So nach dem Motto: In der Zeit können wir uns doch gleich über ernste Themen unterhalten. Dabei ist gerade Small Talk für Politiker wichtig, als rhetorisches Werkzeug, mit dem man viel erreichen kann, wenn man es spielerisch richtig einsetzt.

KarriereSPIEGEL: Und mit welchem Werkzeug würden Sie Geplauder vergleichen?

Goodman-Hedtke: Mit einem Mehrfachschlüssel. Damit kann man verschiedene Türen öffnen. Im Small Talk kommt man sich in einer genau definierten Gesprächssituation höflich näher, klopft sein Gegenüber ab, ob jemand offen oder introvertiert ist, witzig oder schlecht gelaunt. Man tastet sich vor und findet heraus, wie weit man gehen kann in den folgenden Verhandlungen. Ich trainiere Small Talk mit der Stoppuhr in der Hand. Für die meisten Politiker sind das am Anfang quälend lange zehn Minuten.

KarriereSPIEGEL: Zehn Minuten in Englisch übers Wetter zu reden - prickelnd klingt das nicht gerade...

Goodman-Hedtke: Das Wetter kann tatsächlich ein Thema sein, von dem andere Gesprächspfade abzweigen: die Anreise, der letzte Urlaub, das Essen. Ich mache auch klar, worüber man im Ausland eher nicht spricht. Völlig fasziniert und auch ein wenig ratlos sind Amerikaner und Engländer, wenn Deutsche mit Ausdauer über ihre Gesundheit sprechen. Ich habe einen Politiker erlebt, der in allen Details von seiner Wurzelbehandlung erzählt hat.

KarriereSPIEGEL: Wie steht's generell um die Englischkenntnisse deutscher Politiker?

Goodman-Hedtke: Gar nicht so schlecht. Das Schulenglisch führt aber dazu, dass sie oft klingen, als hätten sie einen Stock verschluckt - furchtbar steif, unnatürlich, wie ein Sprechroboter. Ein Beispiel: "Would you be so kind and call me back?" - eine alte, ausgestorbene Formulierung, so spricht kein Mensch mehr im Alltag. Man sagt: "Would you call me?" oder "Would you kindly get back to me?" Es fehlt also ein bisschen die Selbstverständlichkeit und auch das Selbstvertrauen, das man braucht für einen souveränen Auftritt.

KarriereSPIEGEL: Hat schon mal ein Politiker Ihr Training geschmissen?

Goodman-Hedtke: Die Politiker sind für mich Partner, ich mache keine Vokabeltests, sondern schule ihre rhetorischen Fähigkeiten und feile an ihrer Kompetenz, bestimmte Sprechsituationen zu meistern. Die meisten sind ehrgeizig und fleißig. Obwohl sie oft in Arbeit untergehen, üben sie wirklich hart und interessieren sich gerade auch für die kulturellen Feinheiten der Sprache. Hilft alles nicht, rate ich zu einem Dolmetscher. Es bringt ja nichts, wenn sie ihr Gegenüber mit schlechtem Englisch verunsichern und in Verlegenheit bringen.

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Studie: So gut spricht die Welt Englisch
Goodman-Hedtke: Das dürfte viel zu tun haben mit dem wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands in den vergangenen Jahren. Seitdem gibt es manchmal die Haltung: Die wollen was von uns, dann sollen sie bitte Deutsch sprechen. Ein bisschen mehr Selbstvertrauen tut Deutschland vielleicht ganz gut. Andererseits ist man ja auf den internationalen Markt angewiesen, und leider ist die Grenze zur Arroganz schnell erreicht, wenn man merkt, dass die Rede eines Politikers oder Managers mit Google-Translator zusammengebastelt wurde: "The fusion between two companies will take place in the next time" heißt eben nicht, dass bald zwei Firmen fusionieren, sondern: "Die Kernschmelze zwischen zwei Unternehmen wird nächstes Mal stattfinden."

KarriereSPIEGEL: Wann sind Sie mit Ihren "Schülern" zufrieden?

Goodman-Hedtke: Sobald ein Politiker oder Vorstand ad hoc eine Pressekonferenz auf Englisch geben kann. Gerade deutsche Politiker können auf eine Frage problemlos zehn Minuten antworten. In den USA oder England ist das mehr ein Ping-Pong. Quick, but to the point! Dazu gehört Selbstvertrauen, weil die Journalisten härter nachfragen, und auch die Fähigkeit, der Meute mit einem Augenzwinkern spielerisch auszuweichen: "I appreciate your curiosity, but let me first answer your first interesting question to the end." Je mehr die Journalisten nerven, desto relaxter sollte der Interviewte bleiben. Es geht mir darum, rhetorische Kniffe zu zeigen und auf kulturelle Unterschiede hinzuweisen: Humor ist wichtig, ebenso eine Form der sprachlichen Indirektheit, man könnte auch Höflichkeit sagen.

KarriereSPIEGEL: Danke, bitte, gern geschehen. So in die Richtung?

Goodman-Hedtke: Eher so: Deutsche finden nichts dabei, in einer Mail zu schreiben "We ask you to send the signed documents in two weeks". Das hört sich für Amerikaner und vor allem Engländer an, als würde gleich die Kalaschnikow durchgeladen. Man würde eher schreiben: "We would very much appreciate if you could get back to us about that subject in the next two weeks." Das bedeutet, jetzt schauen wir erst einmal nice and soft, was wann kommt. Die Partner werden schon intelligent genug sein zu wissen, dass sie die Dokumente vor dem Versenden auch unterschreiben müssen. Drängeln, drohen, bissig sein können wir ja immer noch.

KarriereSPIEGEL: Frau Goodman-Hedtke, vielen Dank für das Gespräch.

Goodman-Hedtke: Bitte, gern geschehen.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autor Tobias Asmuth (Jahrgang 1971). Er schreibt Reportagen, Analysen und Essays, berät Verlage und Agenturen, konzipiert Magazine für Print und Internet. Seine Texte erscheinen in Zeitungen wie "Neue Zürcher Zeitung", "Tagesspiegel", "Berliner Zeitung", "taz" und "Die Presse".
  • Mehr unter: asmuth-journalist.de

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