Neuer Auskunftsanspruch So erfahren Sie vielleicht, was Ihre Kollegen verdienen

Wenn Sie in einer größeren Firma arbeiten, muss die Ihnen künftig mitteilen, was Ihre Kollegen verdienen. Denn ab 6. Januar haben Sie einen gesetzlichen Anspruch auf Auskunft. So geht es. In der Theorie.

Kollegen unter sich (Symbolbild)
Daly and Newton / Getty Images

Kollegen unter sich (Symbolbild)


Was verdienen eigentlich meine Kollegen? Von diesem Samstag an muss der Arbeitgeber Ihnen das vielleicht beantworten. Denn ab dann gilt der Auskunftsanspruch des sogenannten Entgelttransparenzgesetzes.

Das Gesetz trat bereits im Juli 2017 in Kraft und soll für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern sorgen. Arbeitgeber müssen demnach Frauen mitteilen, was Männer verdienen, die einen ähnlichen Job machen wie sie - und Männern umgekehrt den Lohn von Frauen.

Doch der Nutzen des Gesetzes ist umstritten. Hier sind wichtige Antworten im Überblick:

  • Für wen gilt der neue Auskunftsanspruch?

Für alle Frauen und Männer, die in einem Betrieb mit mindestens 200 Angestellten arbeiten. Außerdem muss es mindestens sechs Kollegen des jeweils anderen Geschlechts geben, die einen ähnlichen Job haben wie der Antragsteller. Das seien hohe Hürden, sagt Christian Althaus, Fachanwalt für Arbeitsrecht: "Je weiter Sie in der Pyramide eines Unternehmens nach oben kommen, desto seltener finden Sie eine ausreichend große Vergleichsgruppe. Die Folge ist, dass Sie faktisch keinen Auskunftsanspruch mehr haben."

Was als gleiche oder gleichwertige Tätigkeit gelten kann, erläutert das Familienministerium in einem Leitfaden, den Sie hier herunterladen können. Eine solche Arbeit üben demnach Kollegen aus, die sich innerhalb des Betriebs gegenseitig ersetzen könnten. Eine Krankenschwester darf sich also nicht nach dem Gehalt der Chefärzte erkundigen.

  • Wie funktioniert der Auskunftsanspruch genau?

Beschäftigte wenden sich schriftlich an den Betriebsrat oder an den Arbeitgeber. Beide setzen sich gegenseitig davon in Kenntnis, wenn ein Auskunftsersuch bei ihnen eingegangen ist.

Der Betriebsrat kann die Anfrage anonym an die Personalabteilung weiterreichen. "Der Arbeitgeber erfährt also nicht, wer die Anfrage gestellt hat", erklärt Althaus. Alternativ können Angestellte auch direkt zur Personalabteilung gehen, dann allerdings ohne den Schutz der Anonymisierung.

In ihrem Antrag müssen Arbeitnehmer angeben, auf welche Vergleichsgruppe sie sich beziehen. Vordrucke dafür hat das Familienministerium ins Netz gestellt.

  • Was muss der Arbeitgeber verraten - und was nicht?

Auch mit dem neuen Gesetz hat niemand ein Recht darauf, das Gehalt eines bestimmten Mitarbeiters zu erfahren. Stattdessen muss der Arbeitgeber einen Mittelwert aus dem Gehalt aller Kollegen mit vergleichbarer Tätigkeit nennen.

Außerdem hat der Antragsteller ein Recht darauf, die genauen Kriterien für sein Gehalt zu erfahren. Noch größere Unternehmen ab 500 Mitarbeitern müssen ihre Gehaltsstrukturen außerdem von sich aus überprüfen und regelmäßig Bericht darüber erstatten.

  • Wie schnell müssen Arbeitgeber oder Betriebsrat auf Anfragen reagieren?

Drei Monate haben sie dafür in der Regel Zeit. Für Arbeitgeber, die an einen Tarifvertrag gebunden sind oder ihn anwenden, gibt es keine Frist - und zur Erklärung der Kriterien reicht es, wenn sie auf die Tarifregelungen verweisen.

Gibt ein Arbeitgeber ohne Tarifbindung keine rechtzeitige Antwort, muss er bei einem eventuellen Gerichtsverfahren beweisen können, dass keine Benachteiligung vorliegt. Er kann den Antrag aber auch ablehnen, weil er die vom Arbeitnehmer genannte Tätigkeit nicht für gleichwertig hält.

Was dann passiert, wer also argumentativ nachlegen muss, wird wohl erst die Praxis der Gerichte zeigen. Gleiches gilt für die Frage, welchen Inhalt die Antwort ganz genau haben muss.

  • Was ist, wenn jemand tatsächlich weniger verdient als Kollegen?

Dann passiert erstmal nichts, zumindest nach dem Gesetz. Denn darin steht nur der Auskunfts-, aber kein Anpassungsanspruch. "Sie können auf Basis der Auskunft aber klagen, dann zum Beispiel auf Grundlage des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes", sagt Arbeitsrechtler Althaus. Und wer den Weg vor Gericht scheut, habe mit der Auskunft immerhin Munition für die nächste Gehaltsverhandlung. Was das am Ende bringt, hängt vom persönlichen Verhandlungsgeschick ab.

lov/mamk/dpa

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Titanus 06.01.2018
1. Armes Deutschland
Solche Papiermonster kann auch nur Deutschland erschaffen. Wieso kann nicht einfach jedem Mitarbeiter das zahlen, was es will. Akzeptiert das der Arbeitnehmer, ist doch alles in Ordnung. Es wird ja niemand gezwungen, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Alles wird immer bürokratischer - anstatt dass man Bürokratie abbaut und international wettbewerbsfähiger wird.
Kanalysiert 06.01.2018
2. Augenwischerei mal wieder
" Außerdem muss es mindestens sechs Kollegen des jeweils anderen Geschlechts geben, die einen ähnlichen Job haben wie der Antragsteller. " - War doch klar, dass ein Riesenhaken eingebaut wird - und was soll man mit dem Mittelwert? Wie immer ein zahnloses Instrument, dass dem Arbeitnehmer soviel nützt wie ein Fahrrad einem Goldfisch.
girge 06.01.2018
3. Aber auf gut deutsch
bedeutet das, dass man einen Durchschnittswert erhält. Wenn ich als Frau genau im Schnitt liege, kann es immer noch sein, das alle männlichen Kollegen darüber liegen und alle weiblichen darunter. Deshalb müsste man den Durchschnitt nah Geschlecht ermitteln. Nur so können Frauen erfahren ob Männer in Schnitt mehr verdienen. Kleine Voraussage: Dieses Gesetz ist unbrauchbar und unbenutzbar. Der reale Nutzen ist gleich null. Oder sehe ich das falsch?
Stuenzel 06.01.2018
4. Das gibt doch nun Ärger
Und stört den Betriebsfrieden. Das ist Wasser auf den Mühlen der Intriganten, die sich mehr für die Löhne der anderen interessieren, als um die schnelle und präzise Erledigung Ihrer Arbeit. Das Unternehmen als Kaffeekränzchen. Und die ewigen (und längst bekannten) Opfer werden ihre Arbeit nicht besser erledigen, sondern nur noch untereinander tratschen. Mit Gerechtigkeit hat das wenig zu tun, dafür mehr mit der Förderung des Denunziatentums. Ich weiss, was mein Arbeit wert ist und habe entsprechend verhandelt. Was die anderen verdienen, interessiert mich nicht. Ich bin kein Neidhammel.
Markus Frei 06.01.2018
5. Paradebeispiel
Dieses Gesetz ist wohl das ultimative Beispiel für erfolgreiche Lobbyarbeit. Eine eigentlich gutes Gesetz wird mit so vielen Ausnahmen und Bedingungen zugepflastert das niemand mehr davon profitieren kann, da hat sich die SPD aber mal so richtig ins Zeug gelegt. Gibt es schon Schätzungen wie viele der Arbeitnehmer in Deutschland die Bedingungen dieses Gesetzes überhaupt annähernd erfüllen ? 0,01% oder doch 0,02% ? Und das beste ist, die SPD feiert sich auch noch dafür statt sich zu schämen.
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