Entwicklungshilfe auf eigene Faust Das Sterben der Drei-Steine-Köche

Finanziert durch Spenden von Freunden und Verwandten reist Florian Knaus nach Afrika, um Lehmöfen zu bauen. Eine wichtige Arbeit - denn Kochen über offenem Feuer tötet jedes Jahr Millionen Menschen.

Florian Knaus

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Der Rauch offener Feuer tötet mehr Menschen als Malaria. Vier Millionen Menschen sterben jedes Jahr, weil sie beim Kochen ständig verrauchte Luft einatmen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Winzige Rußpartikel dringen über Nase und Mund ins Körperinnere, zerstören die Schleimhaut in den Atemwegen, lösen Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus, Asthma und Bronchitis. Und deshalb steht Florian Knaus an diesem heißen Sommertag in einem stickigen Zelt auf dem Berliner Alexanderplatz.

Der 29-Jährige will Lehmöfen in Afrika bauen, in Dörfern, in denen es weder fließend Wasser noch Strom gibt. Sie sollen in den Hütten die primitiven Drei-Steine-Kochstellen ersetzen. Das ist seine große Mission, das Thema, das seit drei Jahren sein ganzes Leben bestimmt.

Der Maschinenbauingenieur gehört keinem Verein an, keiner Initiative, keiner Fördergruppe. Er ist seine eigene Hilfsorganisation. Eine Ein-Mann-NGO. Seine ehemaligen Kommilitonen arbeiten jetzt für Firmen wie BMW und Audi, er jobbt als Nachtwächter und wohnt vorübergehend wieder bei den Eltern. Er will jederzeit losfliegen können, niemandem verpflichtet sein, niemandem außer den Menschen, die sich beim Kochen langsam selbst vergiften ohne es zu wissen.

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Die Ein-Mann-NGO: "Ich sehe immer das Positive"

Vortrag mit Lunge

Knaus steht vor einem runden Stehtisch, er hat ihn mit der Tracht der Massai verhüllt, einem blau-rot karierten Baumwolltuch. Auch an die Pinnwand dahinter hat er eines geheftet, schwarz mit orangefarbenen Sonnenblumen. In Tansania wickeln sich Frauen und Männer in die Tücher. "Kangas" sind mal Kleid, mal Kopftuch, Handtasche oder Babytrage. In diesem Zelt machen sie aus einem Stehtisch und einer Pinnwand einen Messestand.

"Messe der Brückenbauer" nennt sich die Veranstaltung, das Zelt heißt Mandela. In der Holzbude nebenan werden Thüringer Rostbratwürstchen gebrutzelt, eine Asiatin verkauft Hello-Kitty-Häkelmützen und wer am Caipirinha-Stand vier Cocktails kauft, kriegt einen Strohhut dazu. Willkommen beim Afrika-Festival in Berlin.

Im Mandela-Zelt: Zwei Dutzend Stehtische und Pinnwände, 48 blaue Polsterstühle mit gelben Punkten, eine Bühne. Knaus ist der Sechste, der hinauf darf, um sein Projekt vorzustellen. Er ist aus Sonthofen im Allgäu angereist, mit dem Fernbus, um Geld für seine nächste Reise nach Kenia zu sparen.

Er habe seine Lunge mitgebracht, sagt er und hebt eine orangefarbene Trinkflasche in die Höhe. In der Flasche klemmt ein Stück Gartenschlauch, der Boden ist durch einen Luftballon ersetzt. Innendrin sei ein Filterpapier, erklärt Knaus: "Wenn man in den Schlauch eine brennende Zigarette steckt und hinten am Ballon zieht, geht der Rauch in die Flasche und färbt den Filter schwarz. Wie bei einer Lunge."

Klimawandel und verbrannte Kinder

Knapp tausend Menschen in Kenia und Tansania habe er seine Lunge schon vorgeführt, sagt er. Bis zu 200 kämen zu den Vorträgen, die er in den Dörfern hält. Raucher seien in der Regel nicht dabei. "Da raucht eh fast niemand." Ums Rauchen gehe es ihm aber auch gar nicht, sondern um den Vergleich: Wer in einem geschlossenen Raum über offenem Feuer kocht, inhaliert so viel Rauch wie beim Konsum von 40 Zigaretten pro Tag. "Niemand in Tansania würde sein Kind rauchen lassen, aber neben dem Feuer sitzt es den ganzen Tag", sagt Knaus.

Weltweit kochen drei Milliarden Menschen auf offenem Feuer. Und vor allem in Ostafrika wird mehr Holz verbrannt als nachwächst. Eine internationale Forschergruppe hat analysiert, in welchen Ländern verbesserte Herde besonders dringend benötigt werden. Äthiopien, Lesotho, Somalia und Togo stehen ganz oben auf der Liste. Aber auch Tansania gehört dazu.

Gunther Bensch vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema. Lehmöfen wie Knaus sie baut, seien "nötig und nützlich, um dem Kochen auf drei Steinen ein Ende zu bereiten", sagt er. "Zumindest als Brückentechnologie." Um Millionen Haushalte mit effizienten Herden zu versorgen, brauche es dringend eine marktgetriebene Strategie - und lokale Unternehmen, die Herde herstellen und verkaufen, so Bensch.

Je knapper das Feuerholz wird, desto besser stehen dafür die Chancen: Wer Geld für Holz ausgeben muss, weiß die Sparsamkeit eines Ofens eher zu schätzen.

Knaus hat noch ein weiteres Argument für seine Herde: "Immer wieder fallen Kinder ins Feuer und verbrennen sich." Auf die mit dem bunten Tuch bespannte Pinnwand hat er grausame Beweisfotos gepinnt. Er hat sie von deutschen Ärzten bekommen, die ehrenamtlich Kinder in Tansania behandeln - wegen Brandwunden. "Feuerkinder" heißt ihre Hilfsgruppe. Mehr als 6000 Patienten haben sie schon versorgt.

Die Fotos zeigt Knaus auch bei seinen Vorträgen in Afrika. Bis zu drei Stunden spricht er in der Regel. Er erzählt vom Klimawandel, von den Folgen, die das Roden der Wälder mit sich bringt, und mit wie wenig Holz sich ein Ofen erhitzen lässt.

Luftverschmutzung durch primitive Kochstellen
Wie viele Menschen kochen noch auf offenem Feuer?
Mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung (drei Milliarden Menschen) sind auf Holz, Holzkohle, Dung oder Pflanzenreste zum täglichen Kochen und Heizen angewiesen. Die Feuer sind wenig effizient und füllen die Hütten mit dichtem Rauch.
Ist das wirklich so schlimm?
Mehr als vier Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Krankheiten, die durch verrauchte Luft ausgelöst werden, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Betroffen sind vor allem Frauen und Kinder. Die primitiven Drei-Steine-Kochstellen schaden auch der Umwelt: Feuer setzt viel Kohlendioxid und Ruß frei, und laut Weltklimarat sind das die beiden stärksten Klimatreiber. Zusammengerechnet verursachen Kochfeuer im südlichen Afrika pro Jahr mehr Emissionen als der Verkehr in ganz Deutschland. Auch Abholzung ist ein Problem: Ein Drittel des beim Kochen verwendeten Brennholzes wächst nicht wieder nach. Und immer wieder stolpern Kleinkinder in die Kochfeuer und ziehen sich schwere Verbrennungen zu.
Was wird dagegen getan?
Die Lösung ist eigentlich simpel: Schon für wenige Euro lässt sich ein effizienter Herd herstellen, der nicht qualmt, nur halb so viel Feuerholz wie ein Kochfeuer verbraucht und etwa eine Tonne Kohlendioxid im Jahr einspart. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Entwicklungshelfer deshalb mit dem Thema - allerdings nur mit begrenztem Erfolg. Die Stiftung der Vereinten Nationen hat 2010 die Globale Allianz für saubere Kochherde gegründet und sich das Ziel gesetzt, in Entwicklungsländern 100 Millionen Haushalte bis zum Jahr 2020 mit effizienten Kochherden zu versorgen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist über die Afrika-EU-Energiepartnerschaft an diesem Projekt beteiligt.
Woran hakt es?
Die neuen Herde werden von vielen nur zögerlich angenommen. Häufig fehlt der finanzielle Anreiz: Brennholz besorgen sich die Menschen in den meisten afrikanischen Ländern (noch) gratis. Zudem verwalten die Haushaltskassen in der Regel Männer, die sich wenig für den Rauch in der Küche interessieren. Vielen ist auch nicht bewusst, dass die Krankheiten ihrer Familienangehörigen auf Rauch zurückzuführen sind. Und manche Herde werden auch deshalb nicht genutzt, weil sie am falschen Ort aufgebaut wurden und nicht mobil sind.
Wie geht es weiter?
Forscher sind sich einig, dass es nur mit einer marktgetriebenen Strategie gelingen kann, 600 bis 800 Millionen Haushalte mit effizienten Kochherden zu versorgen. Herde, die verkauft und nicht verschenkt werden, werden in der Regel besser angenommen - und kurbeln im Idealfall auch noch die lokale Wirtschaft an. Florian Knaus ist gerade dabei, einen Verein zu gründen und fliegt als nächstes nach Haiti, um dort Öfen zu bauen. Im November will er wieder in Kenia sein.

Nach den Vorträgen fragt Knaus in die Runde, wer mit ihm zusammen einen Ofen aus Lehm bauen will. Die Reaktionen sind oft verhalten. Feuerholz kostet nichts, Rauch verfliegt und fürs Kochen sind die Frauen zuständig - vielen Familienvätern leuchtet nicht gleich ein, warum sie die mühsame Arbeit auf sich nehmen sollten.

Beim letzten Aufruf, in einem Dorf in Kenia, meldeten sich 15 Menschen. 15 von 200. Zwölf kamen am nächsten Tag zum Bauen der Lehmziegel. Vier verabschiedeten sich nach einer Stunde. Beim Anheizen des Ofens waren noch zwei dabei.

Demotiviert? Noch lange nicht!

Demotiviert sei er deshalb noch lange nicht. "Jeder Ofen zählt. Wenn ich das Leben eines einzigen Menschen verbessern kann, hat sich die Mühe schon gelohnt."

Er hat zwei dicke Alben mit Fotos mitgebracht, von lachenden Kindern, Menschen mit Perlenohrringen und bunten "Kangas". Auch ein paar Aufnahmen von Giraffen und Zebras sind dabei, aber die meisten Bilder zeigen Öfen. Runde und eckige, große und kleine, mit Kochtöpfen und ohne.

50 Lehmöfen habe er in Tansania und Kenia eigenhändig gebaut, sagt er. 200 seien nach seiner Anleitung entstanden, 4000 wolle ein Konzern für die Arbeiter einer Teeplantage bauen lassen. Er nennt die Zahlen voller Stolz. "Diese Erfolge sind nur möglich, weil ich ganz allein bin", sagt er. "In großen Unternehmen ist alles so steif, da gibt es Meetings und Absprachen und alles muss dokumentiert werden. So kann ich einfach machen."

Drei Mal war er bisher in Ostafrika, insgesamt zehn Monate lang. Bei der ersten Reise 2011 ging es noch um solarbetriebene Pumpen; ein Projekt von "Ingenieure ohne Grenzen". Kitandililo ist ein Dorf im Süden Tansanias, auf Google Maps ist es gar nicht zu finden, zwei Stunden ist die nächste Stadt entfernt. Es gibt weder Wasser-, noch Stromleitungen, selbst das sonst in Tansania verlässliche Handynetz versagt. Dort installierte Knaus zwei Pumpen - und war geschockt über die verrauchten Hütten: "Mir haben da drin schon nach 30 Sekunden die Augen getränt."

Gegen den Ruß

Zwei Jahre später fiel ihm der Ruß wieder ein. Er hatte die Zusage von Airbus, für seine Diplomarbeit in einem neuen Werk in Mexiko forschen zu dürfen - aber erst ab dem nächsten Semester. Was also tun mit der freien Zeit? In München bleiben und weiter Studiengebühren zahlen? Lieber nicht. Einen Freiwilligendienst im Ausland übernehmen? Zu kurzfristig.

Also schuf sich Knaus sein eigenes Stipendienprogramm: Er bat Freunde und Verwandte um Spenden für eine Reise nach Kitandililo, um Lehmöfen zu bauen. Die Dorfbewohner empfingen ihn mit offenen Armen - aber der erste Ofen war noch nicht ausgereift. Er lief nur wenige Monate, dann bekam er die ersten Risse.

Damals habe er "den Unterschied zwischen fettem und magerem Lehm" noch nicht gekannt, sagt Knaus. Die Mischung sei nicht optimal gewesen. Kein Grund um aufzugeben.

Knaus erzählt von seinen Rückschlägen genau so begeistert wie von seinen Erfolgen. Von den ersten Öfen ging jeder dritte kaputt, und das Handbuch zum Ofenbau, das er mühevoll mit vielen technischen Zeichnungen versehen hatte, verstand niemand. Hakuna Matata, kein Problem.

Das habe er in Tansania gelernt, sagt Knaus: "Wenn nichts läuft, lach erst mal. Und such dann in Ruhe eine Lösung."

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Leser-Aufrufs "Wir suchen Ihre Geschichte". Leser schlugen SPIEGEL ONLINE Themen vor und wählten später aus einer von der Redaktion zusammengestellten Shortlist ihre persönlichen Lieblingsgeschichten. Danach haben wir uns an die Arbeit gemacht, die Gewinner der Abstimmung unabhängig zu recherchieren. Der Vorschlag für dieses Thema stammt von Florian Knaus.



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