Mangel an Erntehelfern "Sie haben noch nicht mal abgesagt"

Spargelbauer Jürgen Jakobs hat in dieser Saison Zehntausende Euro verloren - weil er keine Helfer gefunden hat, um die Stangen zu ernten. Viele finden in ihrer Heimat mittlerweile bessere Jobs.

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Jeden Tag ein warmes Mittagessen, gemeinsames Fußballschauen und ein kleiner Bonus für besonders Fleißige: Jürgen Jakobs möchte, dass es seinen Erntehelfern gut geht. Vor einigen Jahren hat der Spargelbauer im brandenburgischen Beelitz für 89.000 Euro neue Unterkünfte bauen lassen, mit Fußbodenheizung, Küche, Waschmaschine, Dusche und Toilette in jeder Wohnung. Vier bis sechs Leute finden hier Platz. Mit kleinen Gesten und modernen Unterkünften hofft Jakobs, Saisonarbeitskräfte zu halten, denn zum ersten Mal seit 17 Jahren hat er Schwierigkeiten, genügend von ihnen zu rekrutieren.

"Die Wartelisten waren immer voll, aber in diesem Jahr sind 85 von 350 Leuten einfach nicht gekommen", sagt er. "Sie haben nicht einmal abgesagt." Jakobs kümmerte sich um Ersatz, aber am Ende fehlten immer noch etliche Helfer. 50 Tonnen Spargel konnte er deshalb nicht ernten - ein Verlust von 50.000 Euro.

So wie Jürgen Jakobs geht es in diesem Jahr vielen Landwirten, deren Erntehelfer hauptsächlich aus Polen und Rumänien kommen. Menschen aus der Region für die Arbeit zu gewinnen, haben die meisten schon aufgegeben. "Deutsche wollen diese Arbeit auf jeden Fall nicht machen", sagt Jakobs. Er beschäftige zwar auch 150 deutsche Saisonarbeitskräfte, aber die seien im Restaurant und Verkauf im Einsatz.

Jürgen Jakobs
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Aus einer aktuellen Umfrage des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) geht hervor, dass neun von zehn Betrieben Erntehelfer fehlen. Knapp 80 Prozent konnten einen Teil ihrer Ernte wegen des Personalmangels nicht einholen.

Schuld daran ist eine Entwicklung, die eigentlich positiv ist: Die osteuropäischen Länder stehen wirtschaftlich immer besser da. "Anstatt zwei bis drei Monate in Deutschland zu arbeiten und getrennt von der Familie zu sein, entscheiden sich immer mehr Erntehelfer für einen Job in der Heimat", sagt Burkhard Möller vom Gesamtverband der deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA).

Hinzu kommt auch die starke Konkurrenz auf dem deutschen Arbeitsmarkt. "Manche Saisonarbeitskräfte arbeiten lieber auf dem Bau, als Paketzusteller oder in der Gebäudereinigung, wo sie oft mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von knapp neun Euro bekommen", sagt Möller.

In diesen Jobs seien die Arbeitsbedingungen besser, die Menschen müssten sich nicht den ganzen Tag bücken, bestätigt Simon Schumacher vom VSSE. Es gebe zwar viele Bemühungen, die Arbeit auf den Feldern zu erleichtern und etwa Erdbeeren auf hüfthohen Dämmen oder sogar in Schulterhöhe zubauen, doch dafür seien Investitionen in Höhe von 50.000 Euro pro Hektar nötig. Und Ernteroboter seien wohl erst in einigen Jahren bezahlbar. Vor allem Vorarbeiter, die ein bisschen Deutsch und Englisch sprechen, seien deshalb ziemlich schnell weg.

Eine naheliegende Möglichkeit, um mehr Erntehelfer zu halten, wäre die Anhebung ihres Lohns. Doch von Spargelbauern und Verbänden heißt es, das bringe nicht viel. "Manche Erntehelfer setzen sich ein Einkommensziel. Wenn sie zum Beispiel 2000 Euro netto verdient haben, reisen sie frühzeitig ab", sagt Schumacher. In der Umfrage des VSSE gaben 83 Prozent der Betriebe an, dass sie Helfer vor Ende der Erntezeit verloren haben.

Spargelstecher Mihai Valean
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Spargelstecher Mihai Valean

Mihai Valean will nicht frühzeitig abreisen, er möchte auch seinen Job nicht verlieren. Der Rumäne kommt schon seit zehn Jahren nach Beelitz, um Spargel zu stechen. In den zehn Wochen, die der 43-Jährige dort arbeitet, sieht er seine Kinder zwar nicht, aber dafür verdient er in der Zeit ungefähr 3500 Euro netto - so viel wie im Rest des Jahres in Rumänien. Sechs Tage die Woche ist er hier im Einsatz, sieben bis acht Stunden am Tag.

An seinem freien Tag sitzt er vor seiner Unterkunft, hört Musik und unterhält sich mit seinen Mitbewohnern. "Wenn ich frei habe, entspanne ich mich oder gehe einkaufen", übersetzt die Dolmetscherin für ihn. Valean spricht weder Deutsch noch Englisch.

Im Osten des Landes, dort, wo er herkommt, gebe es kaum Jobs, sagt er. Ab und zu helfe er bei Waldarbeiten mit und wenn er dabei 300 Euro im Monat verdiene, sei er zufrieden. Natürlich sei die Arbeit in Beelitz anstrengend, aber es gehe ihm gut hier.

Alin Onisie
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Diese Ansicht teilt auch Alin Onisie. Für ihn ist es die dritte Saison in Beelitz, und in den zwei Monaten, die er schon da sei, habe er sogar zugenommen, sagt er: "Wir bekommen hier jeden Tag ein warmes Mittagessen." Vier Euro zahlt der 40-Jährige dafür pro Tag, weitere sechs Euro für die Unterkunft.

In zehn Wochen kommt er auf einen Verdienst von rund 4000 Euro. In Rumänien erhält er als Installateur etwa 430 Euro im Monat. Ganz nach Deutschland ziehen will Onisie aber nicht. Jobs bei der Post oder auf dem Bau kämen für ihn nicht infrage. "Dafür müsste ich Deutsch lernen, und das kann ich in meinem Alter nicht mehr."

Was den beiden Männern besonders in Beelitz gefällt: "Wenn es ein wichtiges Fußballspiel gibt, lädt uns der Chef ein, und wir schauen es gemeinsam auf einem großen Bildschirm."

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Spargelbauern: Angst um die Ernte

Wohlfühlfaktor nennt das Jürgen Jakobs. "Wir können hier zwar nicht ständig Partys feiern, aber zu viel Druck ist auch nicht gut." Er sagt, er würde seinen Erntehelfern gern noch mehr bieten, zum Beispiel kostenloses WLAN oder Fernsehen in den Wohnungen. Doch er habe Angst, dass sich die Arbeiter illegal Filme herunterladen, für die er dann haften müsse oder die Fernseher mitgehen lassen.

Eine Zeitlang habe er vor der Arbeit Wasserflaschen an alle verteilt, doch die seien dann als Plastikmüll auf dem Spargelfeld gelandet. Nun sei jeder Erntehelfer selbst dafür verantwortlich, dass er ausreichend Wasser mitnehme. Valean vergisst es manchmal - dann knabbert er zur Not eine rohe Spargelstange an.

Spargelfeld in Brandenburg
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Spargelfeld in Brandenburg

Jakobs Betrieb gehört zu den größten in Brandenburg. Zusammen mit seinem Bruder baut er auf 250 bis 300 Hektar Spargel an. Die Brüder haben schon viel Geld in moderne Maschinen investiert, um Arbeitskräfte einzusparen und Produktionskosten zu senken. Allein für 200 Spargelspinnen haben sie 800.000 Euro ausgegeben. Die Maschinen heben automatisch die weißen Folien auf den Feldern an, damit die Erntehelfer darunter den Spargel ernten können.

15 Kilo die Stunde sollen sie schaffen, wer 18 Kilo erntet, bekommt einen Aufschlag von zwei bis drei Euro. Einen großen Spielraum habe er nicht, sagt Jakobs: "In diesem Jahr kostet der Spargel so wenig wie seit zehn Jahren nicht mehr."

Mit seinem Bruder investiert er inzwischen in Immobilien und erneuerbare Energien, um sich andere Einkommensquellen zu sichern und nicht nur von der Spargelernte abhängig zu sein. Das können aber nicht alle Unternehmen. "Kleinere Betriebe mit weniger Kapital werden in Zukunft Schwierigkeiten bekommen", sagt Burkhard Möller vom GLFA. "Der leer gefegte Arbeitsmarkt wird zu Strukturveränderungen führen."

Arbeitsschuhe
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Arbeitsschuhe

Der Verband setzt sich daher für Abkommen mit Drittstaaten der EU ein. "Die Ministerien müssen jetzt handeln", sagt Möller. Auch Simon Schumacher vom VSSE spricht sich dafür aus, damit zum Beispiel Saisonarbeitskräfte aus der Ukraine in Deutschland arbeiten können. Wichtig sei auch ein beschleunigtes Visaverfahren für Arbeitskräfte aus dem Westbalkan, denn das dauere derzeit viel zu lange. "Es herrscht Alarmstufe Rot, wir müssen so schnell wie möglich Ersatz finden."

Aus dem Landwirtschaftsministerium heißt es dazu: Wir "beobachten die Entwicklung und prüfen bereits, inwieweit zukünftig eine Beschäftigung von Saisonarbeitnehmern auch aus anderen Drittstaaten in Betracht kommen kann. Die Ukraine könnte in diesem Fall ein denkbarer Partner sein."

Verschärft wird die Situation durch ein Vorhaben von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der die sozialversicherungsfreie, kurzfristige Beschäftigungserlaubnis im nächsten Jahr von 70 auf 50 Tage senken will. "Die Mehrzahl der Betriebe braucht die Helfer drei Monate", sagt Simon Schumacher. "Viele Betriebe haben Angst vor dem nächsten Sommer: Sie fürchten, die Anbauflächen reduzieren und die Ernte vorzeitig beenden zu müssen." Einige kleinere Betriebe würden bereits ans Aufgeben denken.


Zusammenfassung: Deutsche Landwirte klagen über zu wenig Erntehelfer. Diese bleiben aus, weil sie vermehrt Arbeit in ihren eigenen Ländern finden oder sich besser bezahlte Jobs in Deutschland suchen - etwa als Reinigungshilfen, Paketzusteller oder auf dem Bau. Große Unternehmen können in Maschinen investieren, um Arbeitskräfte zu sparen und Produktionskosten zu senken. Doch kleinere Betriebe mit wenig Kapital haben diese Möglichkeit nicht. Die Landwirte hoffen nun auf Abkommen mit Staaten außerhalb der EU und eine schnellere Bearbeitung von Visumsanträgen, damit mehr Erntehelfer aus der Ukraine und dem Westbalkan kommen können.

Mitarbeit: Doina Heinrich



insgesamt 186 Beiträge
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schablonser 21.06.2018
1. In diesem Jahr kostet der Spargel so wenig wie seit zehn Jahren nicht
Also gibt es genügend Angebot. Das bedeutet, dass der Spargel von Herrn Jakobs gar nicht benötigt wird. Somit braucht er auch keine Erntehelfer. Ähnliches sieht man auch bei den Erdbeerbauern, die finden angeblich auch nicht genügend Erntehelfer. Doch überall werden Erdbeeren zu Massen angeboten, abends liegen noch 20 Schalen halb verdorbener Erdbeeren in der Auslage der Supermärkte, die dann weggeschmissen werden. Sehen wir es ein: Es gibt von allem zu viel. Die Welt produziert für den Mülleimer.
Bernie59 21.06.2018
2. EU springt ein.
Tja, da würde ich mich einmal selbst fragen , was da schief läuft wenn diese Menschen zu Hause in ihren Herkunftsländern mehr verdienen als im reichen Deutschland. Dann kostet halt das Kilo Spargel 50 - 60 €. Die gleiche Frage können sich auch die Leute aus der Gesundsheitsbranche stellen. Keine ordentliche Arbeitsbedingungen schaffen und dafür lieber auf die Philippinen rennen. Es spricht sich eben herum, was Deutschland in Wirklichkeit darstellt. Übrigens bekommen Bauern eine Entschädigung aus Brüssel für Ernteausfälle.
jujo 21.06.2018
3. ...
Da war doch kürzlich eine Reportage im Fernsehen, in der eine junge Frau berichtete, das sie einen Job als Erntehelferin suchte für Mindestlohn. Niemand hat sie eingestellt obwohl sie nur auf Anzeigen reagierte. Deutsche, die eventuell auf ihre Rechte pochen, will man anscheinend nicht haben?
urbanism 21.06.2018
4. hört sich erst einmal gut an
Auch wenn sich das alles wunderschön anhört was Herr Jacobs hier zum besten gibt, so denke ich schon dass die Erntehelfer ausgebeutet worden sind von Deutschen Bauern. Denn 3.500 Netto/10Wochen bei täglicher Arbeitszeit von 10 Stunden und mehr einschl. Ernteakord sowie körperlich anstrengende Arbeit. Dafür würde kein Fließbandarbeiter bei VW oder BMW für aufstehen. Also liebe Bauern, vielleicht einfach mal mehr bezahlen für die harte Drecksarbeit. Dann gibt es auch Menschen die für euch arbeiten
gatoalforno 21.06.2018
5. Recht so!
Von April bis Juni stehen an jeder Ecke Buden mit Spargel. Man produziert bis zum Abwinken und treibt die Preise in den Keller. Dafür müssen dann Billigarbeitskräfte anrücken, denn der Deutsche bückt sich nicht für den Lohn. Gute Entwicklung: dann wird der Spargel halt teurer. Dafür gönnt man sich dann 2-3 mal im Jahr sonntags eine Delikatesse und gut. Oder man baut dann wieder selbst an und bückt sich auch selbst wieder.
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