Erste Hilfe Karriere Bitte keine Werbung einwerfen

Nehmen! Sie! Mich! Müssen Bewerber für sich Reklame machen wie für einen neuen Joghurt? Aufdringliche Selbstvermarktung aktiviert den Fremdschäm-Reflex bei Personalern. Vertrauen gewinnt man so nicht, warnt Gerhard Winkler zum Start einer neuen Serie über Bewerbungen und Karriere.

Wen haben wir denn da? Wer zuviel Werbe-Blabla in eigener Sache macht, bleibt für den Personaler unkenntlich
Corbis

Wen haben wir denn da? Wer zuviel Werbe-Blabla in eigener Sache macht, bleibt für den Personaler unkenntlich


"Du musst dich gut verkaufen", das ist der erste und oft auch einzige Rat, den man hört, wenn man sich um einen Job bemüht. Gut verkauft ist leicht gewonnen, denkt sich heute der aufgeweckte Förderschüler, der Forscher als Drittmitteleinwerber und der frauensuchende Bauer auf Sendung.

Fürs Bewerben gibt es gesonderte Verkaufstrainer. "Wenn Sie sich bewerben, sind Sie das Produkt", behauptet forsch ein Spezialist im Web. Das soll man so verstehen: "Betrachten Sie sich selbst als Produkt und das Unternehmen als Kunden."

Soso. Als Bewerber hat man ja schon einiges ausprobiert. Jetzt streckt man sich versuchshalber auf der imaginären Verkaufstheke aus. Ein Kunde naht. Was tun? "Und nun versuchen Sie, sich zu verkaufen." Ebenso gut könnte man einem Verdurstenden in der Wüste raten: "Und nun versuchen Sie zu schwimmen." Damit man als Bewerber beim Abverkauf seiner selbst nicht ganz auf dem Trockenen steht, rät der Werbefachmann: "Notieren Sie die Argumente, warum der Kunde Ihr Produkt dringend braucht."

Kein Bewerber muss Point-Of-Self-Sales-Aktionen austüfteln

Todsicher notiert kaum ein Bewerber, der diesem Plan folgt, handfeste Argumente. Er kopiert Allgemeinplätze. Und er versteht Bewerben als Lizenz zum Drängeln.

Was beim Vertrieb an der Haustüre nicht klappt, auf jeder Flirt-Plattform scheitert und selbst bei heizdeckenbedürftigen Alten nicht mehr gut ankommt, soll ausgerechnet bei der beruflichen Selbstvermarktung der Königsweg sein? Das erstaunt. Dennoch folgt man als Absolvent oder Jobprofi dem Trend und macht "sein Bewerbungsschreiben zu einer verlockenden Werbebotschaft".

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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Und doch wimmelt die berufstätige Welt nur so von Menschen, die ungefragt gestehen, dass sie sich gar nicht oder nur unter großen Schmerzen verkaufen können. Diese liebenswerten Verstockten haben scheinbar für alle Werbezeiten auf dem Jobmarkt die Armleuchter-Karte gezogen. Zugleich kann man als Selbstvermarktungsniete allenthalben auf Verständnis hoffen, vor allem bei jenen Schöngeistern, die meinen, dass die Ökonomisierung der Lebenswelten sowieso entschieden zu weit geht. Wer immer als Jobsucher betont, dass proaktive Selbstvermarktung so gar nicht seine Sache ist, löst beim Zuhörer reflexhaft wohlwollendes Schulterklopfen aus: "Wenigstens ein Aufrechter, der sich nicht verbiegt!"

Jeder darf sich auf allen Märkten dieser Welt entäußern, viele tun es auch mehr oder minder selbstvergessen. Doch kein Bewerber muss sich selbst verkaufen, muss Slogans oder Schlagzeilen, Marketingmaßnahmen oder Point-Of-Self-Sales-Aktionen austüfteln, um einen Platz in der Jobwelt zu finden. Ein Personalchef ist schließlich nicht der Konsument von Bewerbungen. Seine spontane Reaktion auf verlockende Bewerberbotschaften gleicht dem Reflex eines Önologen auf ein Glas saurer Milch: Er wundert sich und ist zugleich ein bisschen angewidert.

Alles, was nach Reklame riecht, wird überlesen

Von Lockangeboten und Bewerber-Specials lässt sich ein Jobanbieter ebenso leicht verführen wie ein langjähriges Kontaktbörsen-Mitglied von seriellen Anbagger-Botschaften. Natürlich gibt es verführbare Personaler und Parshipper, die einem alles abnehmen. Will man aber wirklich bei diesen Leuten landen?

Die Rekrutierer kennen alle billigen Slogans, alle peinlichen Ego-Statements, alle frommen Lügen und eitlen Beteuerungen. Jobanbieter sind, was sie sind: überarbeitete, unter Zeit- und Erfolgsdruck stehende, misstrauische, faktenhungrige, nüchtern kalkulierende, interessengeleitete Verwalter und Pfleger des menschlichen Kapitals einer Organisation. Alles, was nach Reklame riecht, wird in einer Bewerbung überlesen. Alles, was kein Argument ist, verhallt ungehört.

Fakten sind Argumente. Konkretheit kommt an. Alle den Personaler umwerbenden Bewerber erhitzen bloß Allgemeinplätze auf gefühlte 20 Grad. Die Argumentation verpufft. Statt eines klar konturierten Profils liefert man blauen Dunst.

Als Bewerber instruieren Sie kurz und bündig einen Personenkreis, der auf eine besondere Weise befähigt ist, Ihre Jobeignung zu beurteilen. Sie setzen Fachleute umstandslos über Ihre besondere Befähigung für eine ganz bestimmte berufliche Aufgabe in Kenntnis. Dabei muss klar sein: Die Pesonalbeschaffer sichten täglich die immer gleichen Klon-Unterlagen. Und dort überlesen sie Humbug wie diesen: "Sie suchen einen glaubwürdigen, integren und netten Repräsentanten der Agentur AIDA? Dann nehmen Sie doch einfach mich!"

Täglich die immer gleichen Klon-Unterlagen

Und sie führen auch dieses Ego-Statement keinerlei Verwertung zu: "Ich habe ein gut entwickeltes Talent für Kommunikation und den Umgang mit Menschen sowie ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz."

Was soll man auch anfangen mit bloßen Behauptungen, die auch jeder andere Kandidat für die Stelle gern unterschreibt? Geben Sie keine Leistungsversprechen ab. Beschränken Sie sich auf eine Leistungsbilanz. Die Aufgabenstellung ist so leicht: sich klar konturieren, sich von anderen abheben und einen Job-Claim zu formulieren, um den der Personaler nicht herumkommt.

Erfolgreich bewerben heißt, erfolgreich Vertrauen einwerben. Dies bedeutet nicht, gegenüber einem Jobanbieter die eigenen guten Absichten zu beteuern. Vertrauen bildet stets der gute Name, das ehrliche Gesicht, die anerkannte Stellung, die vorzeigbare Leistung, der Ruf in der Fachwelt, Geradlinigkeit und Direktheit in der Ansprache, Verbindlichkeit im Auftreten und in der Verhandlungsführung. Und vor allem auch ein Verhalten, das dem Rekrutierer zuarbeitet und ihn in dessen eigenen, mühsamen Job entlastet.

Bewerber kommen gut an, wenn sie ihre Erfolge, ihre Leistungen, ihre Erfahrung, ihr Können und ihren Leistungsanspruch ohne jegliches schmückende Beiwerk vermitteln. Bauen Sie in Ihrer Argumentation ganz auf das bislang schon Erreichte und Geleistete. Die plakative, laut schreiende Eigenwerbung hat dort Erfolg, wo man Schreihälse sucht. Arbeiten Sie einem Jobanbieter lieber so zu, dass man Ihr Profil leicht erfassen, Ihre Eignung auf der Stelle abschätzen und Ihre besondere Tauglichkeit aus den Leistungsdaten leicht ableiten kann.

Wer vertraut schon der Werbung? Geben Sie einfach nur starke Gründe, dass man Ihnen vertraut.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
SiavL 29.04.2011
1. Titel: kann man kaufen...
Zitat von sysopNehmen! Sie! Mich! Müssen Bewerber für sich Reklame machen wie für einen neuen Joghurt? Aufdringliche Selbstvermarktung aktiviert den Fremdschäm-Reflex bei Personalern. Vertrauen gewinnt man so nicht,*warnt Gerhard Winkler zum Start einer neuen Serie über Bewerbungen und Karriere. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,759732,00.html
oder auch nicht... Gerhard Winkler hat sicher Recht, dass man mit solchen Tricks oft nicht so weit kommt, wie es einem oft von den Beratern und Spezialisten suggeriert wird... Er reißt aber (vielleicht gewollt) ein ganz anderes Problem im folgenden Absatz an: Auch das ist richtig, zeigt aber wie schwer man es mit einem *ungewohnten guten Namen* einem *andersartigen ehrliche Gesicht* etc. hat. Dieser Satz ist ein sehr starkes Argument für die anonymisierte, bildlose Bewerbung
sanhe 29.04.2011
2. Kritik
Zitat von sysopNehmen! Sie! Mich! Müssen Bewerber für sich Reklame machen wie für einen neuen Joghurt? Aufdringliche Selbstvermarktung aktiviert den Fremdschäm-Reflex bei Personalern. Vertrauen gewinnt man so nicht,*warnt Gerhard Winkler zum Start einer neuen Serie über Bewerbungen und Karriere. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,759732,00.html
Sorry, aber der Artikel ist derart holprig geschrieben, dass mir nach dem Lesen der ersten Hälfte die Lust am Weiterlesen vergangen ist. Von der "dünnen" Aussagekraft der Hälfte, die gelesen habe, mal ganz zu schweigen...
Martinsto 29.04.2011
3. Wenn der Artikel eine Bewerbung gewesen wäre, hätte ich sie nicht zu Ende gelesen
Ein langatmiger Artikel, der dann in der Aufforderung mündet, Argumente in die Bewerbung zu schreiben. Wer hätte das gedacht? Wenn die Winkler-Bewerbungen auch so wenig argumentativ wie der Artikel sind, dann Gute Nacht, Bewerber.
demut 30.04.2011
4. Stimmigkeit
Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es heute noch viele Bewerber gibt, die nicht wissen, dass übertriebene Selbstdarstellung fast überall fehl am Platz ist. Ich würde aber auch von generellen Allgemeinplätzen Abstand nehmen sondern auf die Stimmigkeit der Bewerbung zur Persönlichkeit abstellen. Und damit meine ich, dass man bei einem etwas ungewöhnlichen Lebenslauf auch ein entsprechendes Foto hat und bei der Wahl des Bewerbungsoutfits eher tief stapelt. Ansonsten kann sich das gewollte Bild nicht verfestigen. Umgekehrt sollte jemand, der offensives Selbstmarketing betreibt eben dann auch im 150% Anzug mit Top-Fotografen Fotos und entsprechendem Habitus im Gespräch sitzen.
iLady 30.04.2011
5. du bist kein Produkt sondern eine Ressource
Wenn man endlich begriffen hat das es nicht DIE Bewerbung gibt, dann hat man (Ansatzweise) begriffen worum es in Bewerbungen geht… Und jeglicher Tipp eigentlich für die Tonne ist außer vielleicht, handwerkliche wie keine Rechtschreibfehler die sind bei jeder Bewerbung gültig…. Individuell heißt ich mache die Bewerbung die zu mir passt was bei dem andern falsch wäre kann bei mir genau richtig sein… Also kauft euch keine DVDs und Bewerbungsbücher.. den da lernt man nur wie man Klon massig gleich klingt und wird auch sofort verunsichert weil man das gefühlt hat das man in keines der Beispiele die man immer wieder vorfindet auch nur annähernd reinpasst… Aber trotzdem ist man ein Produkt aber eben nicht wie ein Jogurt… man ist eine Ressource für die Firma und erst im 2. Blick ein Mensch.. beides zu kombinieren in einer Be-Werbung unterscheidet uns vom Jogurt… Ein ganzer Zweig verdient mit diesem ganzen Mit zu viel Geld dabei muss man sich einfach auf sich selbst besinnen. Einen guten Berater erkennt man daran das er keine Gruppen Veranstaltungen bucht sondern noch mit einer Person auseinandersetzt.. man muss ein wenig Psychologe sein und Therapeut wenn man einem Arbeitslosen bei Bewerbungen hilft…. Damit diese sich wieder als positive Ressource ansehen die es auch wert ist bezahlt zu werden… (dann klappt auch das Bewerbungsgespräch besser… ) Eine Mensch und sine Fähigkeiten sind eben nicht mal allgemein zu greifen und zu begreifen.. wichtig ist das man sich als Menschen selber erkennt .. ggf. muss man erst den Mensch ändern damit eine Bewerbung auch nur annähernd eine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat… Grundsätzlich werden aber alle Tipps nicht wirklich helfen, wenn einfach nicht die gewünschten fachlichen Qualifikationen da sind… denn die Grundlage jeder erfolgreichen Bewerbung ist Bildung und Qualifikation… So lange das Arbeitsamt immer noch die Leite zu Bewerbungstrainings schickt statt ihnen fachlich erst mal gewisse Qualifikationen anzueignen, wird der beste geschrieben Satz zu keinem Erfolg führen und auch kein hübsches Profi Foto… Und ob man es glaubt oder nicht eine Bewerbung ohne Foto wird zum Erfolg führen wenn die Qualifikationen stimmen… Diese Ganze das muss aber so und so in Bewerbungen sind doch nur Beiwerk zu einem Menschen zu einer Ressource die einfach gebraucht wird da draußen auf dem Arbeitsmarkt… Und zu lernen wie man sich als Produkt am besten verkauft ist erst dann entscheiden wenn 2 gleichwertige Ressourcen aufeinander treffen.. dann gewinnt derjenige der sich besser verkaufen konnte.. im schlimmsten Fall wird der Personaler nach der Haarfarbe der Bewerber entscheiden (natürlich im Unterbewusstsein)
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