Erste Hilfe Karriere Soll ich mein Hobby zum Beruf machen?

"Hör auf zu träumen!" Angestellte, die lieber von ihrem Hobby leben wollen, treffen oft auf Unverständnis. Kein Wunder, dass viele nie den Absprung wagen. Dabei gibt es kaum Grund zur Sorge, findet Karriereberaterin Svenja Hofert: Wer sich traut, wird zwar selten reich, aber häufig glücklich.

Lustig glücklich: Warum nicht mit der Sache Geld verdienen, die man am liebsten macht?
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Lustig glücklich: Warum nicht mit der Sache Geld verdienen, die man am liebsten macht?


Mein Steuerberater steht auf ehrliche Rockmusik und das Internet. In fünf Jahren möchte er seinen alten Job an den Nagel hängen und nur noch von den Werbeeinnahmen seiner Fanpages leben. Er startet klein, eins nach dem anderen. Erst einmal hat er viele Stunden in Nachtarbeit investiert, um sein Portal aufzubauen.

Marc Müller, Stadtführer in Hamburg, ist schon einen Riesenschritt weiter: Vor fast zwei Jahren hat der Bankkaufmann seinen Job gekündigt, um aus einer Leidenschaft einen Job zu machen. Diese Leidenschaft heißt Stadtführungen. Wie viel Spaß es macht, anderen Menschen versteckte Winkel und bekannte Denkmäler zu zeigen, hat er während einer Nebentätigkeit festgestellt. Damals arbeitete er nebenberuflich als Guide auf St. Pauli. Zunächst wagte er gar nicht zu träumen, von Stadtführungen einmal leben zu können.

Inzwischen ist der Turnaround geschafft: Neben Privatkunden aus der ganzen Welt engagieren auch Reisebüros und Eventagenturen den Mann, der gebürtig aus Trier kommt. Marc Müller hat sein Hobby zum Beruf gemacht - und er lebt gut davon.

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben regelmäßig im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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"Hör auf zu träumen", sagen Familie, Bekannte und Kollegen, wenn jemand laut davon spricht, aus seiner Freizeitbeschäftigung einen Beruf zu machen. "Fang an zu träumen", sage ich. Der Unterschied zwischen Menschen, die ungewöhnliche Dinge realisieren und all den anderen ist ein einziger: Die einen träumen und reden nur, die anderen machen und setzen um. Die einen wollen Erfolg geschenkt, und die anderen arbeiten dafür.

Auch ich war vor 11 Jahren konzernmüde und habe einen sicheren Job an den Nagel gehängt, um mich in eine ungewisse Zukunft Richtung Hobby zu stürzen, Bücher zu schreiben und Menschen zu trainieren und zu beraten.

Ich habe einfach nur an den jeweils nächsten Schritt gedacht - ein Erfolgskonzept, das sich bei allen Menschen, die ich aus einer Angestelltentätigkeit in die Selbständigkeit begleitet habe, bewährt hat. Oft behaupten Berater, man bräuchte eine Vision. Helmut Schmidt findet, wer Visionen habe, müsse zum Arzt. Ich denke: Bei einer kleinen Gruppe funktionieren Visionen gut, bei einer viel größeren behindern sie nur.

Visionen sind für die meisten eine Nummer zu groß

Bill Gates hat die Vorstellung vom "PC für jedes Wohnzimmer" angetrieben. Das war eine Vision und sie war positiv für seinen Antrieb. Ich erinnere mich dagegen an eine Kundin, die nur eine einzige Idee hatte, aber "so groß wie Beiersdorf" werden wollte. Das war negativ, denn es hinderte sie daran, klein anzufangen. Erst als sie die Vision zu den Akten legte, ging es voran.

Deshalb scheint mir die Denk- und Vorgehensweise von Apple-Mitgründer Steve Wozniak für eine breite Masse tauglicher. In seinem Buch "iWoz" schreibt er: "Ich lernte nicht so sehr auf das Ergebnis zu schielen als mich auf den gerade anliegenden Schritt zu konzentrieren und ihn so perfekt wie möglich zu machen."

Genau das ist es. Wer sein Hobby zum Beruf macht, sollte nicht auf ein Ergebnis blicken, das er selbst oft nicht absehen kann. Geld ist unwichtig, wenn man etwas aus Leidenschaft tut. Am Anfang ist außerdem oft nicht klar zu erkennen, an welcher Stelle sich ein Vorhaben auch ökonomisch rentiert. Sicher hat die Mode-Bloggerin von LesMads.de nie damit gerechnet, irgendwann von Burda gekauft zu werden - sie hat ihren Blog vermutlich zunächst mehr aus Spaß denn aus Berechnung betrieben.

Komponierende Versicherungsvertreter

Neulich beriet ich einen Versicherungsexperten, der Lounge-Musik komponiert. Wie lässt sich aus so etwas Geld machen? Er wusste es nicht, und ich weiß es auch nicht. Aber ich sehe verschiedene Möglichkeiten. Das ist wichtig. Es ist schädlich, sich im Denken einzuschränken. Den meisten Menschen fällt immer nur ein, was nicht geht.

Das beste Mittel gegen diesen lähmenden "Geht-nicht-Reflex" ist der konzentrierte Blick auf den jeweils nächsten Schritt. Für den komponierenden Versicherungsexperten heißt das: die Musik so gut und einzigartig wie möglich zu machen. Manchmal kommt noch ein Schritt davor, nämlich zu erkennen, was Sie überhaupt anbieten können. Nicht jeder hat ein so eindeutiges Hobby wie der Versicherungsexperte die Lounge-Musik, mein Steuerberater den Rock oder Marc Müller Stadtführungen. Dann gilt es erst einmal auf Entdeckungsreise zu gehen und sich auszuprobieren, bis man etwas findet.

Kein Gründungszuschuss, kein Kredit

Für eine Hobby-Geschäftsidee bekommen Sie höchstwahrscheinlich weder Gründungszuschuss noch Kredit. Das ist aber auch gar nicht nötig. Es ist ohnehin viel gesünder, langsam etwas aufzubauen. Zuerst reicht es, seine Arbeitszeit auf drei oder vier Tage zu reduzieren.

Da sind diejenigen, die schon länger für ein Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern arbeiten, klar im Vorteil. Der Arbeitgeber muss den Teilzeitwunsch erfüllen, wenn nicht sehr dringende betriebliche Erfordernisse dagegen sprechen. Am besten Sie überlegen sich schon vor dem Antrag eine Lösung, wie man Ihre Arbeit anders verteilen kann.

Wer sich nach ersten Testläufen endgültig entscheidet, sein Hobby zum Beruf zu machen, muss oft finanzielle Opfer bringen, denn nur wenige Leidenschaften werfen so viel ab wie ein Job als Banker, Key Account Manager oder Werber. Besonders gute Gehälter sind eben immer auch Schmerzensgelder und Halteprämien.

Wer sich mit einem Hobby selbständig macht, wird damit selten reich - aber häufig glücklich. Vor einigen Wochen besuchte ich einen Heilpraktiker, der in seinem früheren Leben ein gut bezahlter Kreativdirektor war. Jetzt verdient er kaum ein Drittel im Vergleich mit früher, aber seine Lebensqualität ist dafür zehn Mal so hoch. Nun raten Sie mal, ob er noch mal tauschen würde.



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
abby_thur 02.12.2011
1. Reich und Glücklich
Ich möchte hier ja keine Vorurteile anbringen, A-B-E-R: gescheiterte Existenzen gibt es schon zu Hauf bei uns. Die wenigsten haben es drauf, ihr Hobby erfolgreich (und das heisst in meinen Augen nicht reich zu werde, sondern über die Runden zu kommen ohne staatl. Hilfe)ins berufliche umuwandeln.
Paul Panda 02.12.2011
2. nicht nur als Selbständiger
Das Hobby zum Beruf zu machen, muss nicht zwangsweise mit Selbständigkeit einhergehen: Ich hatte vor ca. 30 Jahren das Glück, nach meinem Studium für die Ausübung meiner verschiedenen, kreativen Hobbys als fester Mitarbeiter eines Verlags auch noch angemessen bezahlt zu werden. Es handelte sich dabei um die glücklichsten und erfülltesten Jahre meines Berufslebens, auch wenn das Gehalt etwas höher hätte sein können. Ich muss jedoch zugeben, dass solch ein glücklicher Umstand angesichts der heutigen wirtschaftlichen Situation und dem damit verbundenen Leistungsdruck wohl nur noch extrem selten möglich wäre.
makutsov 02.12.2011
3. Sinnlose Einzelmeinung
Woher hat die Frau Hofert eigentlich ihre formale Qualifikation als "Karriereberaterin"? Kann sie diese Aussagen in irgendeiner Weise wissenschaftlich belegen oder sind das nur Bauchgefühle? Wer sein Hobby zum Beruf macht, der kann natürlich glücklich werden, aber er verliert sein Hobby, was plötzlich mit Stress und Ärger verbunden ist. Und sowas mündet dann auch gern mal im Burnout. Tolle Wurst.
macbs1971 02.12.2011
4. Wer's finanzieren kann...
Das Problem ist (um mich der vorherigen Meinung anschließen) in der Tat, die fehlende finanzielle Grundlage vieler Menschen mit guten Ideen. Ich um Beispiel habe eine Familie zu ernähren und würde sehr gerne meine Idee (von deren Erfolg ich absolut überzeugt bin) umsetzen. Aber es fehlen einfach die finanziellen Mittel. Den Staat damit zu belasten und einen sicheren Job aufgeben zu müssen sind 2 enorm wichtige Aspekte, die ich aber als sehr schwierig empfinde. Ich finde es sollte Menschen mit guten Ideen Experten (Unternehmensberater oder Wirtschaftsprüfer) kostenlos zur Seite gestellt werden, um das Konzept zu prüfen. Geben sie dann ihr ok, sollte es ein günstiges und unkompliziertes Start-Up Darlehen vom Staat geben, welches für eine gewisse Zeit sowohl die Finanzlücke bei der Eigenversorgung, als auch die Investitionskosten überbrückt. Und ganz so einfach an ein Existenzgründungsdarlehen zu kommen ist es nämlich nicht!
tanjano 02.12.2011
5. gescheitert - woran?
Zitat von abby_thurIch möchte hier ja keine Vorurteile anbringen, A-B-E-R: gescheiterte Existenzen gibt es schon zu Hauf bei uns. Die wenigsten haben es drauf, ihr Hobby erfolgreich (und das heisst in meinen Augen nicht reich zu werde, sondern über die Runden zu kommen ohne staatl. Hilfe)ins berufliche umuwandeln.
Zählen dazu nicht auch ausgebrannte Menschen, die subjektiv sinnlose Tätigkeiten verrichten, mit viel Geld sich Ersatz für "richtiges Leben" zu kaufen versuchen? Ein Blick in unsere Welt zeigt m. E. reichlich gescheiterte Existenzen, vor allem auf sog. Führungsebenen.
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