Flucht aus Konzernjobs "Das Leben ist kurz. Kündigen Sie."

Die gut bezahlte, sichere Stelle aufgeben? Trauen sich die Wenigsten, selbst wenn sie am Job zweifeln. Zwei junge Unternehmensberater wagten den Absprung und gründeten eine Jobbörse für frustrierte Konzernarbeiter.

Von Anja Tiedge

Escape the City

Oft ahnte Valeska von Mühldorfer, dass etwas schiefläuft. Als sie ihre Firma abends mit der Frage verließ, wofür ihre Arbeit eigentlich gut ist. Als sie begriff, dass ihre Ideen in Konzernstrukturen versickerten. Als sie morgens im Spiegel in ein müdes, fahles Gesicht blickte. "Damals war ich 22, fühlte mich aber wie 40", sagt sie. "Ich war kurz davor, in eine Depression zu rutschen."

Damals ist gerade mal drei Jahre her, doch Mühldorfer kommt es wie eine Ewigkeit vor. Sie hat in dieser Zeit ihr Leben umgekrempelt: Ihren Job als Management Consultant in der IT-Sparte von Siemens gekündigt, eine Weltreise, ihren Master und einen Ausflug in die Berliner Start-up-Szene gemacht. "Den Mut, meinen sicheren Job aufzugeben und was anderes zu machen, habe ich vor allem durch 'Escape the City' gefunden", sagt Mühldorfer.

Ein Kollege hatte ihr von der Webseite erzählt. Escape the City ist eine Plattform für frustrierte Banker, Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater, die der Konzernwelt entfliehen wollen. Sie finden auf der Seite ungewöhnliche, abenteuerliche oder gemeinnützige Jobs, oft in kleineren Unternehmen. Ein Londoner Start-up sucht einen "Strategy Superstar", eine Öko-Lodge in Nicaragua braucht einen General Manager und ein Touristikunternehmen hält Ausschau nach einem Reiseblogger.

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"So viele Leute gehen einer Tätigkeit nach, die ihnen nichts bedeutet", sagt Dom Jackman, 31, der Escape the City mitgegründet hat. "Die meisten trauen sich aber nicht zu kündigen - auch, weil sie keine Alternative sehen. Die wollen wir ihnen bieten."

Auch Jackman fehlte vor gut vier Jahren eine Alternative. Er war Unternehmensberater bei Ernst&Young, ein Job, den er insgeheim schon lange satt hatte. "Ich arbeitete 16 Stunden am Tag und wusste nicht, wofür." Fürs Geld? "Klar, als Berufsanfänger war das Gehalt mit 40.000 Pfund sehr gut. Aber das nützt dir nichts, wenn du keinen Sinn in deiner Arbeit siehst." Seinem Kollegen Rob Symington, heute 30, ging es genauso. "Wir wollten da raus. Und wir wussten, dass es Freunden und Bekannten ähnlich ging."

Die beiden schmissen ihre Jobs und gründeten ein Portal für sinnsuchende Konzernaussteiger. Für eine Stellenanzeige auf Escape the City, übersetzt "Entfliehe dem Finanzplatz", zahlen Unternehmen bis zu 600 Pfund. Die Jobs müssen eines von vier Kriterien erfüllen: eine spannende Marke oder unternehmerische Freiheit bieten, exotisch sein oder soziale Wirkung entfalten. "Fällt ein Inserat in keine der Kategorien, lehnen wir es ab", sagt Jackman.

Darf's noch ein bisschen wilder sein?

Für Ausstiegswillige ist die Stellensuche kostenlos. Zu den Suchkriterien gehört unter anderem der Grad der Veränderung: Ob der neue Job eher "sicher" oder "wild" sein soll, bestimmt der Nutzer per Regler. Bislang haben sich gut 150.000 Menschen für den wöchentlichen Job-Newsletter angemeldet. Jackman nennt sie Mitglieder, typischerweise seien sie zwischen 24 und 36 Jahren alt und hätten einen Hochschulabschluss. Wie viele von ihnen derzeit tatsächlich nach einem Job suchen und wie viele Karteileichen unter ihnen sind, könne er nicht sagen.

Escape the City ist eine virtuelle Selbsthilfegruppe für Konzernflüchtlinge, Ausstiegsgeschichten von anderen sollen als Inspiration dienen. Von solchen "Escape Stories" gibt es auf der Webseite Hunderte: eine ehemalige Rennwagen-Ingenieurin, die jetzt in Shanghai selbst gemachte Marmelade verkauft. Ein Ex-Berater, der in London ein Mode-Start-up gegründet hat. Eine einstige Anwältin, die in Hongkong Spenden für eine wohltätige Organisation sammelt. In vielen Geschichten spielt Escape the City keine Rolle, aber alle funktionieren nach demselben Schema: unzufrieden gewesen, gezögert, gekündigt, Jobglück gefunden. Und alle tragen die Botschaft: Du bist nicht allein!

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Jetzt versuchen die Gründer, gemeinsam mit dem Ex-Investmentbanker Mike Howe, der inzwischen als dritter Geschäftsführer eingestiegen ist, in ihre Idee in die Offline-Welt zu übertragen. In London haben sie die Escape School eröffnet, in der Ausgestiegene Vorträge halten und Sinnsucher an kostenpflichtigen Kursen teilnehmen, etwa "Mach Arbeit, die du liebst!" (ein Abend, 27 Pfund) oder "Gründe ein Sozialunternehmen" (Wochenendkurs für 300 Pfund).

Im Moment machen die Jungunternehmer keinen Gewinn, Ende des Jahres wollen sie aber in den schwarzen Zahlen sein. "Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle. Nach Großbritannien und den USA kommen die meisten Nutzer von dort", sagt Jackman. Deshalb haben er, Symington und Howe ihr Buch "The Escape Manifesto" gerade auf Deutsch herausgebracht. Untertitel: "Das Leben ist kurz. Steigen Sie aus. Kündigen Sie. Fangen Sie etwas Neues an."

Das hat Valeska von Mühldorfer getan. Nach ihrer Weltreise und ihrem Start-up-Job studiert die ehemalige Siemens-IT-Beraterin jetzt für ein Jahr Fotografie und lebt von ihren Ersparnissen. Danach will sie sich selbstständig machen - vielleicht als Fotografin oder Fotojournalistin. "Genau weiß ich das noch nicht, das ist work in progress", sagt sie.

Vor drei Wochen bekam Mühldorfer eine E-Mail von einem Headhunter aus England. Er bot ihr eine Stelle in einem Energiekonzern an, 70.000 Euro Jahresgehalt plus Firmenwagen. Sie lehnte ab. "Klar, bei meinem Lebenslauf wäre das der nächste logische Schritt", sagt Mühldorfer. "Aber ich bin nicht mein Lebenslauf. Meine wirklichen Interessen stehen da nicht drin." Der Headhunter ließ nicht locker. Ob der Job nicht wenigstens mittelfristig was für sie wäre, ihre Träume könne sie nach der Konzernkarriere immer noch verfolgen.

Mühldorfer antwortete ihm per Mail: "Ich bin für diese Stelle nicht die Richtige. Alles Gute und viel Erfolg bei Ihrer Suche. Ich hoffe, Sie lieben, was Sie tun."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 107 Beiträge
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doofbacke 10.09.2014
1. reich geerbt?
.... und sie lebte von ihren Ersparnissen...das erinnert mich an die Frauen von gutverdienenden Bankdirektoren, die eine BOUTIQUE eröffnen, oder eine Galerie, sobald die Kinder aus dem Haus sind. So etwas kann man sich nur leisten, wenn man ordentlich was geerbt hat, oder gut verheiratet ist. Totaler Quatsch.
fritze_bollmann 10.09.2014
2.
Ja ja mit 22 Jahren kündigen und dann von den Ersparnissen leben...
dreg1961 10.09.2014
3. Geht leider nicht immer.
Ich 53 (m) arbeite seit 27 Jahren in einem kleinen Autohaus. Verantwortlich für das gesamte Aftersales Geschäft. Mir steht es bis zum Hals. Mein Privatleben leidet. Meine Gesundheit leidet. Ich bin am Limit. Aber leider bin ich auch schon 53 Jahre alt. Ich habe eine Ausfahrt verpasst und muss das vermutlich durchstehen. Ihr jungen Leute: Last es bei euch nicht soweit kommen. Nutzt euer Leben. Ihr habt nur eins.
kris82 10.09.2014
4. Traurig
Es scheint, dass kaum ein Arbeitnehmer in Deutschland überhaupt noch darüber nachdenkt Kinder zu bekommen. Da kann sich niemand solche "Abenteuer" erlauben.
gehlhajo_reloaded 10.09.2014
5. Hallo Frau von Mühldorfer
... da geht es Ihnen genauso wie Millionen anderer Arbeitnehmer auch, welche auch nicht wissen wozu Ihr damaliger Job ("Unternehmensberater") eigentlich gut ist. Von der Produktion heißer Luft und der Verunsicherung ganzer Belegschaften mal abgesehen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre weitere Zukunft und wohl dem der "Erspartes" hat.... Mit freundlichen Grüßen
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