Bertelsmann-Studie Südeuropa verarmt

In Europa ist fast jeder Zweite ohne Job langzeitarbeitslos, das sind rund zehn Millionen Menschen. Sie stellen Politik und Marktwirtschaft infrage - wegen ihrer Perspektivlosigkeit. Eine ernste Gefahr, warnt eine Studie.

Arbeitsamt in Madrid
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Arbeitsamt in Madrid

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Sie wollen arbeiten, sie könnten arbeiten. Doch sie finden keinen Job, seit mehr als einem Jahr schon nicht: Wer davon betroffen ist, gilt als Langzeitarbeitsloser. Und je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto schwieriger wird es, wieder eine Stelle zu finden.

Zwar sinkt die Arbeitslosenquote in der Europäischen Union seit ihrem Höchststand 2013. Besorgniserregend ist laut Experten jedoch: Von den 22 Millionen Arbeitslosen in der EU war 2015 fast jeder zweite (48,2 Prozent) länger als zwölf Monate offiziell ohne Job, knapp ein Drittel sogar schon länger als zwei Jahre.

Die sogenannte Langzeitarbeitslosenquote betrug im vergangenen Jahr EU-weit 4,3 Prozent und lag damit fast doppelt so hoch wie vor Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise - 2008 waren es noch 2,5 Prozent. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die am Freitag veröffentlicht wird und für die Daten der Europäischen Arbeitskräfteerhebung (AKE) ausgewertet wurden.

Besonders stark stieg die Langzeitarbeitslosigkeit demnach im Süden Europas, vor allem in Griechenland und Spanien, wo die Quoten sich im Verlauf der Krise etwa verfünffachten. So sind 17,7 Prozent der Erwerbsbevölkerung in Griechenland offiziell langzeitarbeitslos, 10,8 Prozent sind es in Spanien, 10,4 Prozent in Kroatien. Sehr hoch sind die Zahlen auch in der Slowakei, Portugal, Zypern und Italien.

Normalerweise senkt eine gute Ausbildung und damit ein hohes Qualifikationsniveau das Risiko für Langzeitarbeitslosigkeit. Doch in Griechenland, Spanien und Kroatien sind mittlerweile zunehmend auch mittel- und hochqualifizierte Personen und junge Menschen betroffen.

Langzeitarbeitslosigkeit in der EU
Eurostat.AKE/Bertelsmann Stiftung

Langzeitarbeitslosigkeit in der EU

Laut Studie ist die Beschäftigungskrise in der EU sogar noch deutlich heftiger, als die offiziellen Zahlen zeigen, denn: Rechnet man die sogenannten verdeckten Langzeitarbeitlosen hinzu, wird die Gruppe derer, die länger als ein Jahr ohne Job sind, mehr als doppelt so groß. Denn die "stille Reserve" umfasst noch mehr Menschen als die Gruppe der offiziellen Langzeitarbeitslosen. Zu ihr gehören Menschen, die aus der Statistik herausgefallen sind, weil sie zum Beispiel an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen oder (nicht mehr) aktiv auf Arbeitssuche sind.

"Die Langzeitarbeitslosigkeit ist in einigen Ländern zu einem Massenphänomen geworden, das die wirtschaftliche Erholung Europas gefährdet. Langzeitarbeitslosigkeit belastet nicht nur die öffentlichen Haushalte, sondern die Menschen, die zu lange ohne Perspektiven bleiben und so das Vertrauen in Politik und Marktwirtschaft verlieren", sagt Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung.

Für die Betroffenen steigt das Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung. Auch psychische und gesundheitliche Probleme nehmen mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zu - und können wiederum zum Grund dafür werden, dass jemand keine Stelle findet.

Arbeitslosigkeit in Deutschland und der EU: Dauer und Alter
Eurostat.AKE/Bertelsmann Stiftung

Arbeitslosigkeit in Deutschland und der EU: Dauer und Alter

Den Experten zufolge besteht die Gefahr, dass die ursprünglich konjunkturell bedingte Langzeitarbeitslosigkeit zu einem dauerhaften Strukturproblem in den Ländern wird, die besonders von der Krise betroffen sind. Denn Angebot und Nachfrage passen am Arbeitsmarkt nicht mehr zusammen: So litten arbeitsintensive Wirtschaftszweige wie Industrie und Baubranche besonders stark unter der Krise, und den dort entlassenen Arbeitskräften fehlen die Kompetenzen, um in anderen Branchen einen neuen Job zu finden. Zudem mangelt es laut Studie an Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen.

Deutschland ist das einzige EU-Land, indem die Langzeitarbeitslosenquote seit 2008 deutlich gesunken ist: von 3,7 auf 1,9 Prozent. Allerdings ist der relative Rückgang seit 2012 vor allem auf die steigende Beschäftigung hierzulande zurückzuführen. Innerhalb der Gruppe der Gruppe der Arbeitslosen ist noch immer jeder Dritte langzeiterwerbslos, das sind laut Bertelsmann-Untersuchung 796.000 Personen.

Besonders hoch in Deutschland ist der Anteil von älteren Langzeitarbeitslosen. Zwar haben Menschen über 55 generell ein deutlich geringeres Risiko, erwerbslos zu werden. Sind sie jedoch arbeitslos, stehen ihre Chancen, wieder einen Job zu finden, schlecht. De Geus sagt dazu: "Jobverlust im Alter wird in Deutschland zunehmend zu einer Falle, aus der sich die Betroffenen nicht befreien können."

Arbeitslosigkeit in Deutschland und der EU: Qualifikation und Alter
Eurostat.AKE/Bertelsmann Stiftung

Arbeitslosigkeit in Deutschland und der EU: Qualifikation und Alter

Informationen zur Studie: Die Untersuchung wurde im Auftrag der Bertelsmann Stiftung von Economix Research & Consulting erstellt. Datengrundlage bildet die Europäische Arbeitskräfteerhebung (AKE) sowie weitere europaweit vergleichbare Datensätze. Die harmonisierten Arbeitslosenquoten für die Mitgliedstaaten der EU basieren auf dem Erwerbslosenkonzept der ILO und können von den nationalen Statistiken zu registrierten Arbeitslosen abweichen.

  • SPIEGEL ONLINE/Getty Images
    Ein Rentner in München kann sich keinen Besuch mehr im Biergarten leisten. Eine Familie mit vier Kindern fürchtet den sozialen Abstieg. Eine Frau aus Aachen gilt als arm, sieht sich aber nicht so. Armut in Deutschland hat viele Facetten. Unsere Reporter Florian Diekmann und Britta Kollenbroich haben Armut in Deutschland untersucht.
  • Lesen Sie hier die Reportage.
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Seite 1
eschoeff 10.06.2016
1. Altersarmut, Kinderarmut
das sind bereits Armutsverhältnisse in Europa, insbesondere auch im "reichen" Deutschland. Da fragt man sich schon, wie unsere Regierung mit ihrem debilen "wir schaffen das" auf die noch verschärften Probleme reagieren will.
dr.joe.66 10.06.2016
2. Entweder oder...
Unser aktuelles Wirtschaftssystem erzeugt nun mal Gewinner und Verlierer. Entweder akzeptieren wir das einfach, und sorgen über Sozialleistungen dafür, dass die Verlierer nicht verhungern. Oder wir müssen unser Wirtschaftssystem ändern.
huebif 10.06.2016
3. Das ist eine Folge des Euro.
Man konnte es sehr gut an der deutschen Währungsunion lernen. Da war nach kurzer zeit im Osten auch hohe Arbeitslosigkeit wegen der weitgehenden Deindustrialisierung. Analoges passiert europaweit. ..
GSYBE 10.06.2016
4. Europa und sein Problem
Das Problem Europa´s heisst Deutschland: ein Land das die Abwärtsspirale bei den Einkommen in Gang gesetzt hat, ein Land in dem die Einkommensschere seit 2000 mit zunehmender Dynamik aufgeht, ein Land das mit seinen Billiglöhnen auch noch die Binnenkaufkraft der Nachbarn durch `billig, billig, billig´ aufsaugt, ein Land das nur an sich selbst denkt und gut verzinzste Kredite als `nachbarschaftliche Hilfe´ deklariert, ein Land dessen Industrie hochgradig korrupt ist wie wir gerade erfahren durften, ein Land das seit gut 10 Jahren von einer Frau regiert wird, die ihre Kindheits- und Jugendsozialisierung in einer Diktatur erfahren hat, ein Land in dem die Infrastruktur bald zusammenbricht, ein Land in dem es den Reichen sehr gut geht und die Ärmeren null Lobby haben, ein Land das sich die grossen Parteien seit Jahren durch undemokratische grosse Koalitionen untereinander aufteilen, und, und......
Taugur 10.06.2016
5. Die Rettung...
Die Rettung ist aber in Sicht. Durch ihre vorausschauende Politik hat unsere "große Kanzlerin und geliebte Vorsitzende" dafür gesorgt das ausreichend gut ausgebildete und motivierte Facharbeiter nach Europa kommen um die Sozial- und Rentenzahlungen für all diese Arbeitslosen zu erwirtschaften. Alles wird gut und die Zukunft rosig solange wir nur Merkel auch nächstes Jahr wieder zur Kanzlerin wählen und die Grenzen noch weiter öffnen!
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