Analyse von Mobbing-Fällen Und weg bist du

Corbis

Protokolle:

2. Teil: Susi, 38, Ingenieurin für Qualitätssicherung - mit Karacho in die Schaf-Falle


"Ich weiß, dass ich dick bin. Es reicht, wenn mir der Arzt das sagt. Dazu brauche ich die Kollegen nicht. Sie tun es trotzdem. Nicht offen, nur in Andeutungen. Auf meinem Schreibtisch habe ich mal eine Frauenzeitschrift gefunden, aufgeschlagen bei der Titelgeschichte "70 Pfund weniger in sieben Monaten".

Hat jemand Geburtstag und bringt Kuchen mit, nötigt er mir garantiert ein drittes Stück auf, obwohl ich mehrfach gesagt habe, dass ich mich mit Süßem zurückzuhalten versuche. Alle schauen mich gebannt an, als hätten sie Wetten darauf abgeschlossen, ob ich das Stück nehme. Meist würge ich es doch runter und brauche gar nicht aufzuschauen, um zu wissen, dass einige fies grinsen. In der Kantine esse ich nur Salat, die anderen packen sich den Teller extravoll.

Ich würde gern unserer Betriebssportgruppe Badminton beitreten, aber als ich Interesse zeigte, sagte eine Kollegin, Badminton gehe wahnsinnig auf die Gelenke und sei eine Belastung für den Kreislauf. Ich habe mich meinem Chef anvertraut, aber der wollte den Mobbing-Vorwurf nicht gelten lassen. "Das ist doch nichts Konkretes. Mobbing sieht anders aus", sagte er. Nach langem Bitten berief er trotzdem eine Teambesprechung ein. Er hat schrecklich rumgeeiert, und als dann der Vorwurf endlich im Raum stand, brach ein Sturm der Entrüstung los.

Fotostrecke

7  Bilder
Mobbing: Informationen und Hilfe im Netz
Die Aussprache hätte ich besser bleiben lassen sollen. Die Ingenieurkollegen begegnen mir mit einer Eiseskälte, die ich nie für möglich gehalten hätte. Früher war ich der Sonnenschein des ganzen Werks, jeder kam gern zu mir, auch weil ich hilfsbereit war, ohne Murren Urlaub tauschte oder stets nickte, wenn jemand mittags früher Schluss machen wollte. Nach einem Selbstbehauptungstraining in meiner Freizeit habe ich ab und zu auch mal nein gesagt, seitdem erst scheint mein Gewicht ein Thema geworden zu sein. Gestern habe ich gehört, dass mehrere Kollegen zum Betriebsrat gegangen sind, weil ich angeblich beim Werksleiter gegen sie intrigiert hätte. Als ob ich jetzt die Mobberin bin!"

Claudia Kimich, Coach und Verhandlungsexpertin aus München, analysiert den Fall von Susi
Foto-Fritz

Claudia Kimich, Coach und Verhandlungsexpertin aus München, analysiert den Fall von Susi

Das sagt Claudia Kimich, Verhandlungsexpertin und Coach aus München, dazu:

Warum gerade ich?

"Susi ist in die klassische Schaf-Falle gelaufen. Sie denkt sich ihre frühere angebliche Beliebtheit schön. Der Wahrheit kommt vermutlich näher, dass sie ausgenutzt wurde. Die Kollegen waren nur scheinbar nett. Sie fanden es toll, jemanden zu haben, auf den sie unangenehme Arbeiten abschieben konnten, und der immer ja sagte, wenn jemand Urlaub tauschen oder früher Feierabend machen wollte.

Als Susi anfing, zu sich zu stehen und nein zu sagen, war es vorbei mit dem bequemen Leben in der Abteilung. Die nette, liebe Susi wurde sichtbar - plötzlich hatte sie Ecken und Kanten wie jeder andere. So wurde sie auch angreifbar. Die Kollegen kannten ihren wunden Punkt, ihr Übergewicht. Sie hackten darauf ein, um ihre Abschiebestation zurückzubekommen. Später, als klar wurde, dass Susi standhaft blieb, diente das Mobbing nur noch dazu, Frust abzubauen und zu verletzen."

Wann und wie hätte ich mich wehren sollen?

"Am besten hätte Susi schon bei den ersten "kollegialen" Versuchen, ihre Gutmütigkeit auszunutzen, nein gesagt. Dann wäre sie zwar nicht der Sonnenschein der Abteilung gewesen, dafür aber respektiert worden. Nun gut - erste Chance vertan. Zweite Chance: Als die Anspielungen auf ihr Gewicht begannen, hätte Susi sofort und konsequent Paroli bieten oder das Gerede komplett ignorieren müssen. Wer unfair angegangen wird, sollte konkret nachfragen und die eigenen Gedanken offenlegen: "Was willst du damit sagen?" - "Könntest du mir diese Anspielung bitte näher erklären?" - "Habe ich richtig verstanden, dass du dich über meine Figur lustig machst?" - "Stimmt es, dass du hinter meinem Rücken Geschichten über mich erzählst?"

Gerade unter Ingenieuren herrscht manchmal ein rauerer Ton, den man schnell persönlich nehmen kann. Trotzdem wollen die meisten Kollegen nur spielen, nämlich testen, wie weit sie mit kleinen Rempeleien gehen dürfen, ohne einen ernsthaften Konflikt zu riskieren. Da heißt es, gleich zu Anfang gegenhalten. So gewinnt man den Respekt der Kollegen."

Wie verhindere ich, dass ich erneut Opfer werde?

"Wenn Susi grundsätzlich mit ihrem Gewicht klarkommt, ist der Umgang mit den Kollegen nur eine Frage des Selbstbewusstseins. Ob sie ein paar Kilo zu viel hat, geht schließlich niemanden etwas an.

Vielleicht will Susi aber an ihrer körperlichen Verfassung etwas ändern - lässt sich so ihr Selbstbewusstsein stärken, ist das auch ein guter Plan. So oder so muss sie den Mut haben, zu sich zu stehen. Stellt sie noch einmal Anzeichen von Übergriffen seitens der Kollegen fest, sollte sie rechtzeitig Hilfe holen.

Die beste Freundin oder ein professioneller Coach haben ein offenes Ohr. Im Rollenspiel lässt sich richtiges Verhalten in Mobbing-Situationen trainieren. Susi lernt dabei, wie sie spitze Bemerkungen auskontert. Irgendwann betrachtet sie das Ganze als Spiel und hat sogar noch Spaß dabei."

insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PolitBarometer 04.04.2012
1. Sehe ich anders...
Zitat von sysopCorbisMobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html
Es kann nicht sein, dass das Opfer plötzlich zum Aktuer werden soll, nur weil ein deplazierter Chef meint, er könne den Laden schmeissen. Wissen Sie, was das für ein selbstzerstörerischer Kraftakt ist, wenn man immer genau das dann tun muss, wonach einem dann genau nicht ist; und das auch nur, um einem anderen zu gefallen. Insofern taugt der Tip zum Fall "Yannick" in meinen Augen überhaupt nichts. Und dann diese "hätte-kännte-müsste-Strategie". Am Ende weiss man schliesslich nicht, ob sich die Verwandlung in einen Wendehals wirklich lohnt. Manchmal ist man am Ende noch mehr der Depp und die anderen lachen sich noch mehr schlapp.
autocrator 04.04.2012
2. schon in der überschrift
im überschrift-text heisst es "Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern." Das ist leider absoluter unsinn. wenn mobbing angefangen hat, ist es schon zu spät. Da hilft nur noch eins: raus da, und das so teuer wie möglich. Denn: Es ist nicht aufgabe des mitarbeiters, mobbing oder "das schlimmste" zu verhindern. Das ist aufgabe des chefs, dafür wird er unter anderem bezahlt. Denn: Mobbing kostet so richtig viel fett geld! Ein unternehmen, das es seinem management durchgehen lässt, auf diese art und weise das geld zum fenster rauszuwerfen, verdient es auch nicht besser. Und in einem solchen unternehmen möchte man weder als gemobbter, noch als das nächste potenzielle mobbing-opfer arbeiten. In unternehmen herrscht keine demokratie, aber man kann immer noch mit den füßen abstimmen. Und es gibt keinen job, keine lebenssituation, keine aufgabenkonstellation, die es rechtfertigt, dass ich mir meine lebensqualität durch mobbing ruinieren lasse. "das schlimmste verhindern" ... das sind bloß durchhalteparolen im endk(r)ampf des aktuellen globalen weltwirtschaftskriegs. Wer sich darin verheizen lassen will, günstigstenfalls für eine lobende erwähnung im firmen-rundblättchen beim renteneintritt ... gerne. Den betriebsrentenversicherer, so es denn so einen überhaupt gibt, wenn man vorzeitig wegen stress und frust in die kiste hopst. Man muss sich immer fragen: Lohnt sich das wirklich? - Meist kommt ein ernüchterndes "nein" bei raus.
ralf_gabriel 04.04.2012
3. x
Zitat von sysopCorbisMobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html
Fall 1) Hier wird nur aus der Sicht des Betroffenen geschaut. Ich höre immer "Fachkräftemangel". Keiner redet davon die Mitarbeiter in Watte zu hüllen, aber wenn es sich Unternehmen immer noch leisten können so einen Quatsch zu veranstalten und wertvolle finanzielle sowie personelle Ressourcen zu verschwenden, haben wir noch nicht einmal ansatzweise einen Mangel. Wer so blöd ist, fachlich kompetente, teamfähige Mitarbeiter auch noch mit Abfindungen rauszuekeln, soll nicht klagen. Es ist wie bei den Kindern und Jugendlichen. Statt sich vernünftig um die zu kümmern, die da sind, wird möglichst viel Masse gefordert, aus der man dann auswählen kann. Wohin der "Ausschuß" geht, interessiert keine Sau. Aber über die steigenden Sozialtransfers jammern alle.
franko_potente 04.04.2012
4.
Zitat von sysopCorbisMobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html
Warum schreiben angebliche Experten so einen Mist. Gerade bem Fall Yannick. Typisches Mobbing. Eine Frau will hrter sein als Ihr Vörgägner , bekommt ANgstund beißt alles weg. Wieso soll an einem Areitsplatz genetzwerkt werden und politik betrieben werden? Dort soll man ARBEITEN geführt vom Vorgesetzen.
Humboldt 04.04.2012
5. Unsere Experten
Zitat von sysopCorbisMobbing kann jeden treffen, von einem Tag auf den anderen. Plötzlich Opfer zu sein, bringt Menschen um ihre Motivation, ihre Selbstachtung, ihre Gesundheit. Und um ihren Job. Doch wer rechtzeitig seine Situation erkennt, kann das Schlimmste verhindern. Drei Fälle - und was Experten dazu sagen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,825551,00.html
Natürlich, die Mobbing-Opfer sind es doch alle selber schuld... Was hier die vermeintlichen Experten (oder sollte ich lieber Karriereberater) zum Besten geben ist wirklich das allerletzte! Natürlich ist unbestritten, dass es bestimmte Persönlichkeitsprofile gibt, welche begünstigen, zum Mobbingopfer zu werden. Nur die hier verabreichten Pseudoratschläge und "Schuld"ursachen widersprechen eindeutig neueren Mobbingforschung. Es ist eben nicht immer so, dass derjenige auch wirklich der Verursacher ist. Der Bericht nimmt mir zu sehr die Kollegen und Vorgesetzten aus der Verantwortung. Mobbing ist und bleibt eine Schweinerei und gehört auf's Schärfste unterbunden, egal wie bekloppt, nervig oder fett ein Kollege ist. Wenn einem etwas nicht passt, kann man das gefälligst demjenigen in einem sauberen offenen Gespräch mitteilen und Änderungen einfordern. Punkt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.