Fachkräftemangel In 96 Berufen wird das Personal knapp

Mechatroniker, Zahnarzthelfer, Pfleger, Erzieher - in welchen Berufen Fachkräfte fehlen, rechnet eine neue Studie vor. Es könnte helfen, wenn Teilzeitkräfte mehr arbeiten.

Von Silvia Dahlkamp

Ein seltenes Bild: In Deutschland gibt es bisher kaum weibliche Mechatroniker
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Ein seltenes Bild: In Deutschland gibt es bisher kaum weibliche Mechatroniker


Fachkräftemangel in Deutschland. Kommt er wirklich? Und wenn ja, welche Branchen trifft es? Darüber gab es in der Vergangenheit viele Prognosen. Die meisten waren Horror-Visionen: So klagte etwa das Institut für Deutsche Wirtschaft (IW) in Köln vor sechs Jahren, dass bis 2014 mindestens 220.000 Mathematiker, Naturwissenschaftler, Techniker und Ingenieure fehlen würden. Und heute, ein Jahr später? Brennen überall die Lichter, steht kein Fließband still, läuft die Produktion überall weiter.

Also alles nur Panikmache und kein Grund zur Sorge? Nein, in manchen Branchen ist die Situation wirklich heikel, sagt eine neue Studie, die das IW am kommenden Donnerstag veröffentlicht. Diesmal blickte es nicht in die Zukunft, sondern verglich Stellengesuche - zurück bis ins Jahr 2011. Ernüchterndes Ergebnis: In 96 von insgesamt 619 Berufen suchten die Personaler qualifizierten Nachwuchs. Doch viele Stellen blieben unbesetzt.

Es trifft die üblichen Verdächtigten: Danach fehlen besonders im Alten- und Krankenpflegebereich qualifizierte Arbeitskräfte, und auch in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen sieht es mau aus. Nach wie vor klagt das Handwerk: dort werden vor allem Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker gesucht.

Die größten Engpässe gibt es in Bereichen, in denen nur Frauen, beziehungsweise nur Männer arbeiten. "Dagegen waren nur sieben Prozent aller gemischten Berufe von Engpässen betroffen", schreibt Sebastian Bußmann, Autor der Studie.

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Laut Untersuchung sind 64 der insgesamt 96 Mangelberufe fest in Männerhand. Besonders im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ist das Personal knapp: So finden Firmen kaum Personal für die Bereiche "Energie, Elektro und Mechatronik". Auch Bau- und Gebäudetechniker sind auf dem Arbeitsmarkt rar. Und wie eh und je werden Informatiker quer durch alle Branchen gesucht.

Tatsächliche Engpässe oder auch hausgemachte Probleme? Dass die Suche mitunter so lange dauert, weil viele Unternehmen lieber nach ganz speziellen Qualifikationen suchen, anstatt die eigenen Mitarbeiter fortzubilden - darauf geht die IW-Studie nicht ein. Und auch nicht auf die Statistiken der Arbeitsagenturen, wonach auf 100 freie Stellen für Maschinen- und Fahrzeugtechnikexperten 151 arbeitslose Bewerber kommen. Ähnlich in den Bereichen Automatisierung, Mechatronik und Elektrotechnik: dort bemühen sich statistisch 118 Arbeitslose um 100 freie Stellen.

Während Männer eher in die technischen Bereiche wandern, zieht es die meisten Frauen in den Gesundheits- und Altenpflegebereich. Dort klagen besonders die Personaler in Krankenhäusern und Reha-Kliniken über Nachwuchssorgen: Freie Stellen im Pflegebereich (86 Prozent weiblich) bleiben vielfach frei. In anderen Gesundheitsberufen sieht es ähnlich düster aus. Auf der Top-20-Liste der Mangelberufe stehen unter anderem zahnmedizinische Fachangestellte (99,5 Prozent weiblich), Sprach- und Physiotherapeuten (93,9 Prozent weiblich). Auch die Zahl der Augenoptiker geht zurück. Auf Anzeigen für medizinisch-technische Radiologen gibt es immer weniger Bewerber.

Angespannt auch die Situation in Kitas und Heimen: Immer weniger Schulabgänger entscheiden sich für den Beruf des Erziehers oder wollen Sozialarbeiter (95 Prozent weiblich) werden, so die Macher der Studie.

Unternehmen planen Strategiewechsel

Weil sich auf ihre Annoncen immer weniger qualifizierte Bewerber melden, planen großen Firmen inzwischen einen Strategiewechsel, zum Beispiel im Bereich der Land- und Baumaschinentechnik: Dort liegt der Anteil der Frauen bisher bei lediglich 0,3 Prozent. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern. Um die Situation zu entspannen wollen Personaler jetzt vermehrt Frauen einstellen. Doch bis hier ein nennenswerter quantitativer Effekt erreicht werden könne, sei es noch ein weiter Weg, so Studienautor Bußmann.

Erleichterung könnte laut IW die Umwandlung von Teilzeit- in Vollzeitstellen bringen, indem etwa "die Infrastruktur zur Kinderbetreuung weiter ausgebaut würde". So arbeiten laut der Studie von den knapp über fünf Millionen Beschäftigten in Engpassberufen rund eine Million in Teilzeit, davon allein 670.000 im Gesundheitssektor. Laut Statistischem Bundesamt wollten etwa 15 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten ihre Arbeitszeiten eigentlich aufstocken. "Durch die Ausweitung der Arbeitszeiten können Engpässe gemildert werden", sagt Bußmann

Auch könnte mehr Offenheit bei der Berufswahl helfen. "Leider ist die Berufswahl junger Menschen immer noch zu stark von geschlechtertypischen Rollenmustern geprägt", sagte Bußmann. "Mit dem Durchbrechen dieser Muster könnten Fachkräfteengpässe gelindert werden."

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Alte Handwerksberufe: Als Männer noch Fußbälle nähten

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insgesamt 157 Beiträge
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Susi Sorglos 13.07.2015
1. Es gibt keinen Fachkräftemangel
Einzig gibt es Luhndumping. Sollen die Arbeitgeber nicht so laut brüllen, sie sind es doch, die Gewinne lieber in Spielzeug verplempern statt dass sie ihre Leute vernünftig bezahlen.
OskarVernon 13.07.2015
2. Hausgemachte Probleme:
Zu wenig oder gar nicht ausgebildet - und vorhanden gewesene Fachkräfte zum Gehen motiviert oder gleich rausgeschmissen; und jetzt zu stolz (oder zu geizig?) die zurückzuholen - selber schuld!
Akademiker11 13.07.2015
3. Wirklich....?
Dann bin ich mal gespannt zu hoeren, wenn promovierte Chemiker wieder wie bis in die 80er Jahren direkt von deutschen Chemieunternehmen an der Uni abgeworben werden. Aber mal ernsthaft - gerade bei Naturwissenschaftlern aus Chemie, Physik und Biologioe wird es weiterhin weitaus mehr Bewerber als Stellen in Deutschland geben. Absolventen werden weiterhin ins Ausland gehen, um dort bessere Moeglichkeiten zu finden oder in fachfremde IT-Berufe abdriften.
moeh1 13.07.2015
4. Dipl.Ing,
wenn Firmen wie Siemens ihre Mitarbeiter immer noch in den Vor - Ruhestand drängt dann nur deshalb weil die Alten zu teuer sind und durch jüngere, sprich billigere Mitarbeiter , ersetzt werden sollen. Das ganze Gejammer über fehlende Fachkräfte kann man nicht ernst nehmen.
marthaimschnee 13.07.2015
5.
Eines der Probleme ist auch, daß die Unternehmen eben lieber Stellen unbesetzt lassen, anstatt weniger perfekt qualifizierte einzustellen. Die Arbeit bleibt dann eben am übrigen Personal hängen, bleibt liegen oder wird gepfuscht. Und das ist die direkte Folge davon, daß man der deutschen Wirtschaft im Wahn der Wettbewerbsverbesserungen eindeutig zuviel in den Allerwertesten geblasen hat. Auch motivierte und engagierte Mitarbeiter können ein Wettbewerbsvorteil sein, aber wenn selbst Ingenieure nur noch Dienst nach Vorschrift machen, weil sie praktisch nur noch ausgeplündert werden, hätte man den "kranken Mann Europas" auf verrecken lassen können. Wir berauben uns jubelnd all unserer Tugenden und das nur, um nach der längst gescheiterten Philosophie der Angebotstheoretiker billiger zu werden. Die Probleme werden noch weitaus größer werden, viel Spaß dabei!
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