Fachkräftemangel Jeder neunte Arzt kommt aus dem Ausland

Die Zahl der ausländischen Ärzte hat sich binnen sieben Jahren mehr als verdoppelt. Sie machen laut Ärztekammer nun elf Prozent der Ärzteschaft aus. Besonders oft werden sie in Provinzkrankenhäusern gebraucht.

Die argentinischen Ärzte Alvaro Navarro und Diana Grau im Krankenhaus in Leer
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Die argentinischen Ärzte Alvaro Navarro und Diana Grau im Krankenhaus in Leer


Medizinische Begriffe auf Latein waren kein Problem, Unterhaltungen auf Deutsch gingen auch, aber Gespräche mit älteren Patienten machten dem Arzt aus Argentinien zu schaffen: "Plattdeutsch war ein Schock. Das klingt wie eine andere Sprache für mich." Alvaro Navarro, 27, ist im August 2016 mit seiner Freundin Diana Grau, die deutsche Vorfahren hat, aus der bevölkerungsreichen Provinz Tucumán in die Kleinstadt Leer übergesiedelt. Beide fingen im örtlichen Borromäus-Hospital an, das seit fünf Jahren intensiv spanischsprechende Mediziner anwirbt.

Die 27-jährige Grau, Gynäkologin, und Navarro, Chirurg, gehören zu einer wachsenden Gruppe in Deutschland. Bundesweit hat sich die Zahl der ausländischen Ärzte binnen sieben Jahren mehr als verdoppelt. 2016 zählte die Bundesärztekammer 41.658 berufstätige ausländische Ärzte, das waren elf Prozent der Ärzteschaft. Besonders viele sind in Provinzkrankenhäusern angestellt.

Kiryl Halavach etwa stammt aus Weißrussland und hat 2011 das Evangelische Krankenhaus Holzminden bei einem Studentenaustausch kennengelernt. Nach dem Abschluss seines Studiums in Minsk zog er 2013 in den Ort im Weserbergland und arbeitet dort seitdem als Assistenzarzt.

Der weißrussische Arzt Kyril Halavach im Dienstzimmer in Holzminden
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Der weißrussische Arzt Kyril Halavach im Dienstzimmer in Holzminden

Patientengespräche machen ihm längst keine Mühe mehr. "Wie geht es Ihnen heute?", fragt der junge Arzt einen Patienten auf der Chirurgischen Station, der am Tag zuvor am Magen operiert wurde. Nur sein Akzent verrät, dass der 29-Jährige nicht in Deutschland geboren wurde. Von den zehn Assistenzärzten in Halavachs Abteilung stammen neun nicht aus Deutschland.

Junge Deutsche wollen nicht aufs Land

"Die junge deutsche Generation schielt auf die Work-Life-Balance und sucht sich Stellen in attraktiven Regionen ohne Nachtdienste", meint der Holzmindener Klinikchef Ralf Königstein. Auch sein eigener Sohn habe Medizin studiert und jetzt eine Stelle an einer Universität in der Schweiz.

Kiryl Halavach musste etwa vier Monate auf seine Berufserlaubnis und eineinhalb Jahre auf die Anerkennung der Approbation warten. Deutsch lernte er schon in der Schule und später am Goethe-Institut in Minsk. Das Krankenhaus in der 20.000-Einwohnerstadt hat er bewusst ausgewählt. "Es ist hier viel angenehmer als in einer großen Klinik", meint der 29-Jährige. "Ich kann immer direkt mit dem Chef sprechen und viel lernen. Die medizinische Betreuung ist auf hohem Niveau."

Ausländische Ärzte können Fachkräftemangel nicht beheben

"Gerade in ländlichen Regionen leisten Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung. In vielen Kliniken käme es ohne sie zu erheblichen personellen Engpässen", sagt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery.

Jedoch sei auf diese Weise das Fachkräfteproblem nicht zu lösen. "Wir müssen in Deutschland die richtigen Weichen stellen", betont der Ärztechef. "Die Reform des Medizinstudiums muss zügig umgesetzt werden. Konkret nötig sind neue Auswahlverfahren für das Studium, mehr praktische Anteile und mindestens 1000 neue Studienplätze." Das Bundesverfassungsgericht befasst sich wegen zweier Klagen zurzeit mit dem Zulassungsverfahren.

Solange sich nichts ändert, müssen Provinzkrankenhäuser kreativ werden, um ihre Stellen zu besetzen. Der Chefarzt im ostfriesischen Borromäus-Hospital, Jörg Leifeld, hat 2012 das Projekt zur Anwerbung von spanischsprachigen Medizinern gestartet und eine dreisprachige Internetseite eingerichtet. Durch die Krise in Spanien und Einsparungen im dortigen Gesundheitssystem seien vor allem dort tätige südamerikanische Ärzte auf der Suche nach neuen Jobs, erklärt er.

Chefarzt Jörg Leifeld im Borromäus-Hospital Leer
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Chefarzt Jörg Leifeld im Borromäus-Hospital Leer

"Wir unterstützen sie mit Sprachkursen während der Arbeitszeit, es gibt einen Ärztestammtisch in Spanisch und ein Mentorenprogramm", berichtet der Chef der Urologie und Kinderurologie. Die ausländischen Kollegen werden Leifeld zufolge auch bei Fragen zur Visumverlängerung oder Berufsanerkennung unterstützt.

Die Voraussetzungen für die Erteilung der Approbation sind mittlerweile zwar bundesweit einheitlich geregelt. Aber nach Eindruck des Chefarztes "geht die Berufsanerkennung allerdings zum Beispiel in Sachsen schneller als in Niedersachsen".

Gefordert ist ein fortgeschrittenes Sprachniveau (C1), das in einer medizinischen Fachsprachprüfung festgestellt wird. Die Ärztekammer Niedersachsen etwa erläutert in einem Podcast auf ihrer Internetseite, wie diese Prüfung abläuft.

Zudem gibt es seit gut drei Jahren ein spezielles Mentorenprogramm für Ärzte, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. "Im Gegensatz zu anderen ausländischen Ärzten konnten die Geflüchteten noch nicht in ihren Heimatländern Deutsch lernen", sagt der Projektverantwortliche Raimund Dehmlow. "Und die Plätze in den C1-Sprachkursen sind rar." Immerhin hätten bisher 5 von 55 betreuten Ärzten im Asyl die Berufserlaubnis oder sogar Approbation erhalten.

sun/Christina Sticht, dpa



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Sonia 04.10.2017
1. So einfach ist es leider überhaupt nicht
Wenn Sachsen erwähnt wird, dann sollte darauf hingewiesen werden, dass es dort vor allem Ärzte aus Tschechien hinzieht wegen der viel höheren Verdienstmöglichkeiten. Deren Ausbildung entspricht auch dem Niveau unserer, weiterhin der westlichen Medizin, was wiederum auch für Spanier zutrifft. Selbst Russen packen das. Völlig anders sieht es mit Medizinern aus dem arabischen Raum aus, deren Niveau oft dem eines hier z.B. examinierten Krankenpflegers entspricht. Dass aufgrund des Fachkräftemangels über diese Probleme locker hinweggegangen wird, diese Mediziner in kleinen Landkrankenhäusern landen oder in Dörfern, das ist kein Fortschritt. Ein aprobierter deutscher Arzt muss z.B. in den USA umfangreiche Prüfungen machen, um dort arbeiten zu dürfen. Hier wird lediglich Wert auf Sprachkenntnisse gelegt. Die Situation hier wäre mal einen ehrlichen Zustandsbericht wert; auch in diesem Bereich erleben die Bürger nicht das, was z.B. heute hier zu lesen ist.
nucky_thompson 04.10.2017
2. Lasst mich Arzt, ich bin durch
Leider stellt der Artikel nicht ernsthaft die Frage, warum so wenige deutsche Ärzte noch Interesse haben, in deutschen Krankenhäusern zu arbeiten. Könnte das vielleicht auch an den Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen liegen? Wenn ich wieder vor der Wahl stünde, würde ich mich auch dagegen entscheiden. Meinen Kindern habe ich vom Medizinstudium abgeraten. Es ist absurd - wir bilden für irgendetwas um hunderttausend Euro oder mehr pro Student Ärzte aus und „exportieren“ diese dann in die Schweiz oder die USA, nur um uns Ärzte aus Weißrussland zu „importieren“, die dort im übrigen auch gebraucht werden.
wusselpowa 04.10.2017
3. Alternative Verdienstmöglichkeiten?
Gab vor kurzem vom statistischen Bundesamt eine Auswertung bezüglich des Verdiensts von niedergelassenen Ärzten - also denen mit eigener Praxis oder in Praxisgemeinschaft. Pro Arzt kam das statistische Bundesamt auf ca. 180 000 Euro Reingewinn jährlich. Und zum Glück ohne die lästige Sozialabgabenpflicht. Wieso da keiner für die Hälfte und noch dazu mit Sozialabgabenpflicht in ein Krankenhaus gehen will, ist wohl ziemlich klar. Der Vergleich von Arbeitsbedingungen Krankenhausarzt vs. niedergelassener Allgemeinarzt tut sein übriges. Wieso meine gesetzliche Krankenkasse 700 Euro im Monat kostet und die Kosten ständig steigen wundert mich ebenfalls nicht.
Dieter B. 04.10.2017
4. Blanker Unsinn
Wie könnte es anders sein: Die Ursache des Ärztemangels in Deutschland ist, dass "die junge deutsche Generation auf die Work-Life-Balance schielt", sprich also: faul ist. Das ist doch blanker Unsinn! Ich habe selbst jahrelang als (deutscher) Arzt in der Schweiz gearbeitet. Dort hat man noch viel weniger eine Work-Life-Balance, weil man da nämlich noch viel mehr arbeiten muss. Die Wochenarbeitszeit beträgt (für Assistenzärzte) 50h, für Kaderärzte gibt es oft sogar gar keine Arbeitszeitbegrenzung. Und Nachtdienste habe ich zumindest dort auch mehr als genug geschoben. Ich bin in´s Ausland gegangen, weil die Bezahlung dort (wesentlich) besser ist und die Arbeitsbedingungen besser sind, insb. letztere allerdings mit (stark) abnehmender Tendenz. Der Hauptgrund für die meisten ist wohl schlichtweg die Kohle! Andersrum ausgedrückt: Ärzte in Deutschland sind unterbezahlt, zumindest im internationalen Vergleich. Und da die Krankenhäuser und sonstigen Gesundheitseinrichtungen nicht mehr zahlen wollen, müssen sie - d.h. v.a. auch die Patienten! - eben mit ausländischen Ärzten Vorlieb nehmen. Wobei die auch gleich dahin gehen, wo´s mehr Geld gibt, d.h. auch in die Schweiz!
DogHoliday1 04.10.2017
5. Der Reingewinn,
Zitat von wusselpowaGab vor kurzem vom statistischen Bundesamt eine Auswertung bezüglich des Verdiensts von niedergelassenen Ärzten - also denen mit eigener Praxis oder in Praxisgemeinschaft. Pro Arzt kam das statistische Bundesamt auf ca. 180 000 Euro Reingewinn jährlich. Und zum Glück ohne die lästige Sozialabgabenpflicht. Wieso da keiner für die Hälfte und noch dazu mit Sozialabgabenpflicht in ein Krankenhaus gehen will, ist wohl ziemlich klar. Der Vergleich von Arbeitsbedingungen Krankenhausarzt vs. niedergelassener Allgemeinarzt tut sein übriges. Wieso meine gesetzliche Krankenkasse 700 Euro im Monat kostet und die Kosten ständig steigen wundert mich ebenfalls nicht.
der vom ZiPP ermittelt wurde lag, bei 161.000 €. Dies ist aber anders, als Sie es darstellen wollen, nicht das, was der niedergelassene Arzt in der Tasche hat, sondern hiervon gehen noch die Aufwendungen für die Praxisübernahme (die bei z.B. einer radiologischen Praxis sehr hoch sind, weshalb natürlich auch der Reingewinn hoch sein muß) und -entsprechend den Sozialabgaben einer im Angestelltenverhältnis arbeitenden Person- die Kosten für die gesetzlich verpflichtende (sowie mglws. zusätzlich private) Altersvorsorge, die Krankenversicherung, Invaliditätsversicherung ab - und diese komplett und nicht nur hälftig wie beim Arbeitnehmer. Bei mittlerweile nur noch ca. 17% Kostenanteil durch die von den niedergelassenen Ärzte erbrachten Leistungen an den Gesamtausgaben sollten Sie langsam anfangen, sich über Kosten zu wundern - an uns Ärzten liegt es nicht. Vielmehr sind insbesondere die demographische Entwicklung und die Teilhabe der Patienten an teuren Innovationen die Kostentreiber.
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