Fachkräftemangel Wirtschaft macht MINT-Wind

Die Wirtschaft klagt über fehlende Fachkräfte in Naturwissenschaft und Technik - mal wieder. Der Mangel an diesen sogenannten MINT-Kräften sei so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Doch einiges spricht dafür, dass Alarmismus nicht angebracht ist.

Wirbel mit Mathematik: Die Kreiszahl Pi
dapd

Wirbel mit Mathematik: Die Kreiszahl Pi


Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) wirbt für MINT-Berufe: Auf dem deutschen Arbeitsmarkt gebe es derzeit so viele offene Stellen für Naturwissenschaftler und Techniker wie seit zehn Jahren nicht mehr.

In den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - die auch als MINT-Fächer abgekürzt werden - waren laut dem MINT-Report 2011 knapp 240.000 Stellen frei. Gleichzeitig suchten aber auch rund 74.000 Menschen mit naturwissenschaftlicher oder technischer Qualifikation eine Arbeit. Damit ergibt sich eine Fachkräftelücke von 166.000 Personen.

Das arbeitgebernahe IW erstellte die Untersuchung im Auftrag der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, des Bundesverbands der Deutschen Industrie, des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall und der Unternehmens-Initiative "MINT Zukunft schaffen".

Die deutschen Arbeitgeber trommeln seit Jahren, um das Angebot an MINT-Arbeitskräften zu erhöhen. Gehen Deutschland die Fachleute im naturwissenschaftlich-technischen Bereich aus, so ihr Argument, dann wird sich das Wachstum in der deutschen Industrie nicht halten lassen.

Mangel ist in Medizin und Pflege größer

Unter Ökonomen sind die Zahlen allerdings umstritten. Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, bezweifelt, dass das Problem derart dramatische Ausmaße hat. Einen echten akuten Mangel sieht er beispielsweise bei Ärzten, Flugzeugmechanikern und Krankenschwestern oder auch in einzelnen Technik-Segmenten des Arbeitsmarkts - nicht aber pauschal in allen MINT-Berufen. Wäre die Not der Betriebe wirklich groß, müsste das Lohnniveau deutlich höher liegen.

Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht von "Alarmismus": Mit den verwendeten Zahlen der Arbeitsagenturen lasse sich der tatsächliche Bedarf der Wirtschaft nicht ermitteln. Außerdem kritisiert er, dass diese Zahlen vom IW noch weiter hochgerechnet werden, um auch freie Stellen zu berücksichtigen, die nicht den Arbeitsagenturen gemeldet werden. "Viele Firmen haben Angst davor, dass die Gehälter steigen. Das können sie vermeiden, indem das Angebot an Ingenieuren groß genug ist", sagt Heinz-Josef Bontrup, Professor für Betriebswirtschaft an der FH Gelsenkirchen.

Kritik an Migrationspolitik und an Universitäten

Die MINT-Aktivisten halten mit Umfragen bei Unternehmen dagegen: "Die kleinen und mittleren Unternehmen sind besonders betroffen von einem MINT- und Ingenieurmangel", sagte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführerin Gabriele Sons bei der Präsentation des Reports. Die größeren Firmen seien den potentiellen Beschäftigten bekannt und litten daher nicht so stark. Insgesamt müsse jedes siebte Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie die Produktion wegen fehlender Fachkräfte einschränken.

Sons mahnte zudem an, ältere Fachkräfte länger zu beschäftigen. Um noch mehr Menschen zu einem Studium zu bewegen, sollten die Naturwissenschaften an Schulen häufiger unterrichtet werden, forderte Thomas Sattelberger, Vorstandsvorsitzender der Initiative "MINT Zukunft schaffen" und Personalvorstand der Deutschen Telekom. In allen Bundesländern sollten zwei naturwissenschaftlich-technische Fächer bis zum Abitur verpflichtend sein. Sattelberger kritisierte die Universitäten: "Derzeit brechen 27 Prozent der MINT-Studierenden ihr Studium ab, weil die Studienbedingungen zu schlecht sind. Ich appelliere an die Länder, mehr in die Hochschulen zu investieren."

Außerdem müssten ausländischen Fachkräften bessere Bedingungen geboten werden, um sie nach dem Studium in Deutschland zu halten, sagte Sattelberger. Unter anderem sollten sie eine "unbefristete Arbeitserlaubnis ohne Wenn und Aber" erhalten. Ein Drittel des Fachkräftebedarfs müsse "aus Zuwanderung erschlossen werden".

Da dürfte es Sattelberger freuen, dass Ursula von Leyen am Mittwoch angekündigt hat, das Kabinett werde in der nächsten Woche die "Blue Card" beschließen. Die Regelung soll den Zuzug von Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten erheblich erleichtern.

dapd/dpa/mamk

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insgesamt 34 Beiträge
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arnowagner 30.11.2011
1. Beim Abbruch kann man es sich nicht so leicht machen
Ich habe Informatik an einer Universitaet mit hervorragenden Studienbedingungen studiert. Trotzdem haben ca. 50 Prozent das Vordiplom nicht bekommen, und die meisten davon haben aufgegeben. Die Gruende lagen hauptsaechlich in mangelndem Talent, Faulheit und teilweise in Borniertheit der Studenten. Talent laesst sich nicht vermehren und muss gleichzeitig in MINT-Faechern gefordert werden. Talentfrei kann man in dem Bereich nichts werden, anders als in vielen anderen Bereichen. Ich kann mir aber gut vorstellen, das ein Teil der Studenten durch die offen ausgelebte Inkompetenz der gesellschaftlichen "Leitfiguren" es schwierig finden sich durch ein hartes Studium zu kaempfen, das es erfordert die Dinge zu sehen wie sie sind. Dazu kommt, das MINTler nacher im Berufsleben oft nicht gut behandelt werden und sich z.B. von Vorgesetzten ohne Fachkenntnisse (BWLer) gaengeln lassen muessen oder keine brauchbaren Aufsstiegschancen vorfinden. Ein Wunder, dass es trotzdem noch so viele gibt. Wenn man die Arbeitsbedingungen verbessern wierde, gaebe es auch keinen Mangel. Aber dann musste ja irgendein BWLer evtl. auf seinen Bonus verzichten oder nur soviel bekommen wie ein MINTler...
Leser161 30.11.2011
2. Interessanter
Viel interesanter als die Frage ob es einen MINT-Mangel gibt, scheint mir die Frage warum gewisse Gruppen einen MINT-Mangel herbeireden wollen. Warum keinen Juristenmangel? Da liegt doch der Hase im Pfeffer!
eigene_meinung 30.11.2011
3. N S N
NSN wird ja demnächst mit dem Rauswurf von 17.000 hochqualifizierten Mitarbeitern weltweit und geschätzten 3.000 hochqualifizierten Mitarbeitern (hauptsächlich MINTler) in Deutschland den angeblichen Fachkräftemangel deutlich verringern. Ich fürchte nur, dass diese Fachkräfte, da größtenteils älter als 30 sind, mit Jahresgehältern über 40.000 Euro und mit kritischer Intelligenz ausgestattet, nicht das darstellen, was "die Industrie" sucht.
b_russel 30.11.2011
4. Lohnniveau
Zitat von sysopDie Wirtschaft klagt über fehlende Fachkräfte in Naturwissenschaft und Technik - mal wieder. Der Mangel an diesen so genannten MINT-Kräften sei so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Doch einiges spricht dafür, dass Alarmismus nicht angebracht ist. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,800869,00.html
Aber Krankenschwestern verdienen doch viel weniger als MINT-Berufe. Wie passt das denn zusammen?
leser008 30.11.2011
5. Zu viele Häuptlinge
Zitat von arnowagnerIch habe Informatik an einer Universitaet mit hervorragenden Studienbedingungen studiert. Trotzdem haben ca. 50 Prozent das Vordiplom nicht bekommen, und die meisten davon haben aufgegeben. Die Gruende lagen hauptsaechlich in mangelndem Talent, Faulheit und teilweise in Borniertheit der Studenten. Talent laesst sich nicht vermehren und muss gleichzeitig in MINT-Faechern gefordert werden. Talentfrei kann man in dem Bereich nichts werden, anders als in vielen anderen Bereichen. Ich kann mir aber gut vorstellen, das ein Teil der Studenten durch die offen ausgelebte Inkompetenz der gesellschaftlichen "Leitfiguren" es schwierig finden sich durch ein hartes Studium zu kaempfen, das es erfordert die Dinge zu sehen wie sie sind. Dazu kommt, das MINTler nacher im Berufsleben oft nicht gut behandelt werden und sich z.B. von Vorgesetzten ohne Fachkenntnisse (BWLer) gaengeln lassen muessen oder keine brauchbaren Aufsstiegschancen vorfinden. Ein Wunder, dass es trotzdem noch so viele gibt. Wenn man die Arbeitsbedingungen verbessern wierde, gaebe es auch keinen Mangel. Aber dann musste ja irgendein BWLer evtl. auf seinen Bonus verzichten oder nur soviel bekommen wie ein MINTler...
Genau so ist es. Mintler gelten in meinem beruflichen Umfeld als Geldbringer, die man möglichst billig einkaufen muss und dann um die 50 flott loswerden muss, um dann wieder Frischfleisch einzustellen. BWler können sich abendfüllend total lustige Witze über Mintler erzählen. Mein Vater wollte, dass ich Ingenieur werde. Schon die Bezeichnung - Unteroffizier der Wirtschaft - gefiel mir nicht. Vor allem schlechte Aufstiegschancen, minderes Ansehen und bescheidenes Gehalt machten mich stutzig. Bei 50 Proz Chancen rausgeprüft zu werden und selbigen Chancen in so prallen Ländern wie Südafrika, Libyen, VAR oder einem US Kaff zu landen, wars das dann. Hab übrigends nicht BWL studiert.
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