Ein Fahrlehrer packt aus "Da hatte ich Tränen in den Augen"

Vor der Prüfung bekommen seine Schüler Herzrasen: Ein Fahrlehrer erzählt von zitternden Händen, überholten Klischees und Helikopter-Eltern - und warum ihn eine Schülerin ganz besonders gerührt hat.

Fahrlehrer mit Schülerin (Symbolbild)
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Fahrlehrer mit Schülerin (Symbolbild)

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Eigentlich bin ich lebensmüde. Wer sonst ist so verrückt und setzt sich jeden Tag mit Menschen ins Auto, die keinen Führerschein haben? Bei mir nimmt jeder Fahrschüler zunächst eine Fahrstunde am Fahrsimulator. Das sorgt zumindest für ein bisschen Sicherheit direkt zu Anfang.

Als Fahrlehrer weiß ich: Der größte Feind ist die Nervosität. Während der Prüfung bekommen auch sonst gute Schüler schwitzige Hände und Herzklopfen. Einige können sich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Ich hatte schon Fahrschüler, die während der Fahrstunden sehr gut waren und dann in der Prüfung auf einmal über eine rote Ampel oder falsch herum in eine Einbahnstraße gefahren sind. Wenn nötig, setzen wir Hypnosetechniken ein, um unsere Schüler zu beruhigen. Damit haben wir tatsächlich großen Erfolg.

Das Schlimmste an meinem Beruf ist, dass ich währen der Prüfungen neben meinen Schülern sitze, aber nicht eingreifen darf, wenn sie ins Verderben fahren. Erst wenn sie etwas falsch machen, muss ich den Wagen anhalten und die Fahrprüfung beenden. Manche Fahrschüler sind sogar so aufgeregt, dass sie immer noch versuchen zu lenken, wenn das Auto schon lange steht.

'Ich kann da nicht rüber fahren'

Angst spielt aber auch in Fahrstunden eine Rolle. Unsere Fahrschule ist in einer Kleinstadt an der Nordsee, bis zum Nord-Ostsee-Kanal ist es nicht weit. Mit all meinen Fahrschülern fahre ich einmal über die große Brücke und auch mit der Fähre.

Einmal stieg ich mit einer jungen Frau ins Auto, eigentlich eine fleißige, zielstrebige und gelassene Schülerin. Doch als wir der Brücke näher kamen, fing sie plötzlich an zu zittern. 'Ich kann da nicht rüberfahren', sagte sie. 'Ich habe Höhenangst.' Ich hielt ihre Hand, während sie viel zu langsam und immer noch zitternd über die Brücke fuhr. Auch auf der Fähre zitterte sie. Als Nichtschwimmerin hatte sie Angst, ins Wasser zu fallen. Die Fahrprüfung meisterte sie problemlos. Wenn wir uns heute zufällig treffen, kann auch sie mittlerweile über ihre Angst von damals lachen.

Ich bin seit 27 Jahren Fahrlehrer und habe mehreren Hundert Menschen das Autofahren beigebracht. Zunächst habe ich eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechatroniker gemacht, dann zehn Jahre bei der Bundeswehr den Soldaten das Panzerfahren beigebracht. Seit 2007 habe ich meine eigene Fahrschule.

Ein richtig gefährliches Erlebnis hatte ich glücklicherweise noch nicht. Und die meisten Schüler sind auch sehr angenehm, nur eines nervt mich total: Unpünktlichkeit. Da kündige ich auch schon mal den Vertrag, aber das ist in meiner Laufbahn erst zwei Mal vorgekommen.

Ein Klischee kann ich übrigens nicht bestätigen: dass Frauen schlechter Auto fahren. Das behaupten manche Männer gern. Ich erlebe eher das Gegenteil. Gerade bei jungen Fahrschülern sind die Frauen oft motivierter bei der Sache. Sie haben sich genau überlegt, dass sie jetzt einen Führerschein machen wollen, und ziehen das dann auch durch. Junge Männer hingegen kommen oft, weil ihnen die Familie gesagt hat, dass es eben üblich ist, jetzt doch mal einen Führerschein zu machen. Sie sind dann weniger konzentriert und brauchen häufig sogar mehr Fahrstunden.

Nach 60 Fahrstunden bestanden

Auch wir Fahrlehrer haben immer mal wieder mit Helikopter-Eltern zu kämpfen. Manchmal kommen die Eltern sogar ohne ihre Kinder in die Fahrschule, um diese anzumelden. Diese Anmeldungen nehme ich nicht an. Ich muss die Fahrschüler sehen, die Chemie muss stimmen. Wenn der Fahrschüler mich nicht mag, kann ich ihm noch so oft sagen, er soll fleißig Theorie lernen und auf den Gegenverkehr achten. Er hört dann einfach nicht auf mich.

Meine älteste Fahrschülerin war 71. Ihr Mann war gestorben. Nun stand das Auto - schon auf sie umgemeldet - zu Hause in der Garage. Nur die Fahrerlaubnis fehlte. Sie brauchte etwa sechs Monate und nahm über 60 Fahrstunden, aber als sie dann bestand, hatte sogar ich Tränen in den Augen. Ihr strahlendes Gesicht werde ich so schnell nicht vergessen.

Schlimm finde ich es, wenn Fahrlehrer ihren Schülern sagen: 'Für 1600 Euro bekommst du bei mir einen Führerschein.' Das kann man nämlich so genau gar nicht sagen. Unser Ziel ist, die Schüler zu verantwortungsbewussten Autofahrern auszubilden - aber ich weiß vorher nie, wie viele Fahrstunden ein Schüler brauchen wird.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Natürlich kenne ich den Vorwurf, dass Fahrlehrer gern viele Stunden geben, manchmal sogar mehr als nötig, um mehr zu verdienen. Auch ich habe schon erlebt, dass zu viele Fahrstunden verkauft werden, vor allem bei Fahrschulen mit wenig Schülern. Manchmal wechseln Schüler zu mir, die woanders bereits die Pflichtfahrstunden sowie 20 Übungsfahrten absolviert haben und trotzdem noch nicht einmal einparken können. Da frage ich mich schon, was die die ganze Zeit gemacht haben.

Als festangestellter Fahrlehrer verdient man zwischen 2300 und 3000 Euro brutto im Monat - da wollen sich einige offenbar etwas dazuverdienen.

Bei uns ist es so: Wir fahren mit den Schülern eine Dreiviertelstunde so, als ob Prüfung wäre. Wenn dort keine schweren Fehler passieren, melden wir sie zur Prüfung an."

Video: Verflixte Fahrprüfung (SPIEGEL TV 2010)

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werner-xyz 13.08.2018
1. meine ich das nur
oder sinken die Anforderungen an die Fahrlehrer? In den letzten Jahren erlebe ich immer öfters haarsträubende Situationen von Fahrschulautos. Mal ein paar beispiele: Fahrlehrer lässt Schüler in eine Straße einfahren, obwohl Gegenverkehr kommt, der Vorrang hat und kein Platz für zwei Autos ist. Da der Fahrschüler nicht rückwärts fahren konnte, musste dann ein (vorfahrtsberechtigter LKW) rückwärts wieder raus. Fahrschüler versucht abzubiegen und verschätzt sich, steht dann mehrere Minuten quer auf der Straße, direkt in einer unübersichtlichen Kurve. Fahrschüler murkst Auto direkt auf Straßenbahngleisen ab, und steht dann ebenfalls minutenlang quer bei dem Versuch ohne den Motor ab zu würgen los zu fahren. Das ist mir früher nie so aufgefallen. In so Situationen muss ich doch als Fahrlehrer mal kurz eingreifen.
observerlbg 13.08.2018
2. Gute Einstellung....
"Ich muss den Fahrschüler selbst kennenlernen, bevor ich seine Anmeldung akzeptiere...". Leider wird das zu selten praktiziert, und es stoßen Charaktere aufeinander, bei denen die Chemie absolut nicht stimmt. Und leider, wie auch an Schulen, lehren oft sozial Inkompetente. Damit ein SChüler nicht unnötig viel Geld "versenkt", sollte er schnell den Fahrlehrer wechseln, wenn er mit ihm nicht klar kommt.
fehleinschätzung 13.08.2018
3. offtopic
wäre schön, wenn die Fahrschulen auch den "niederländischen Griff" üben würden, das kostet nix, hilft aber vielleicht gegen das "dooring".
observerlbg 13.08.2018
4. Das Hauptproblem in Deutschland ist dabei....
Zitat von fehleinschätzungwäre schön, wenn die Fahrschulen auch den "niederländischen Griff" üben würden, das kostet nix, hilft aber vielleicht gegen das "dooring".
...das Dooring der Beifahrer, da bei uns die Radwege oft rechts neben dem Parkstreifen sind und die Beifahrer noch "blöder" als die Fahrer sind. Und tödlich sind vor Allem die blinden Rechtsabbieger in SUVs, Transportern und LKW.
odenkirchener 13.08.2018
5. @werner
Ich weiß nicht ob das Früher anders war, fällt mir zumindest nicht so auf. Aber vielleicht muß man als Fahrlehrer den Schüler auch mal "auf die Fresse" fallen lassen, damit sie es lernen. Als ich meinen Patenkindern die Grundbegriffe, wo ist Gas oder Bremse, auf dem Übungsplatz beigebracht habe, versuchte ich ihnen anzugewöhnen, wenn der PKW steht muß der Gang raus sein. Der Fahrlehrer fragte dann, vor welchem Krieg ich denn die Führerschein gemacht habe. Heute wird das dort den Schülern wohl so beigebracht, weil man raus ist, wenn man vergisst den Gang einzulegen vor dem Losfahren. Den Ansatz muß ich so nicht verstehen. Weil "Gang einlegen" vor dem Losfahren, konnte man mir damals noch beibringen. . .
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