Deutsche Meisterschaft der Fahrradkuriere "Da ist ganz viel logisches Denken gefordert"

Bei der Fahrradkurier-DM messen sich derzeit die schnellsten Fahrer. Organisatorin Victoria Hilsberg erklärt, warum es beim Kurierfahren nicht nur um Schnelligkeit geht - und wie sie die Gefahren ihres Jobs meistert.

Fahrradkurierin Victoria Hilsberg
Jacob Wassermann

Fahrradkurierin Victoria Hilsberg


SPIEGEL ONLINE: Sie organisieren die Deutsche Meisterschaft der Fahrradkuriere und liefern sich dafür ein Wochenende lang Rennen mit Ihren Kollegen. Reicht Ihnen Ihr Job als Kurierin nicht aus?

Hilsberg: Ich bin mehrere Tage in der Woche als Fahrradkurierin in Leipzig unterwegs. Das ist natürlich schon anstrengend, in einer normalen Schicht lege ich circa 60 Kilometer zurück. An den Wochenenden habe ich aber meist frei. Da treffe ich mich sowieso mit anderen Kurieren, irgendwer lädt immer in seine Stadt ein. Wir fahren dann Rennen und haben einfach Spaß miteinander. Auf der Meisterschaft mache ich ja im Grunde nichts anderes.

SPIEGEL ONLINE: Veranstalten Sie auch während der Arbeitszeit Wettrennen mit Ihren Kollegen?

Hilsberg: Natürlich geht es bei meiner Arbeit immer um Zeit. Mein Schnitt liegt bei 26 bis 27 Kilometern pro Stunde. Das ist ganz gut für eine Schicht. Es gibt aber sicher Leute, die schneller sind als ich. Richtige Wettrennen machen wir aber nur außerhalb der Arbeitszeit. Das ist Freizeit für uns und macht eben Spaß. Darum geht es ja beim Kurierfahren sowieso.

SPIEGEL ONLINE: Oft hört man ja andere Geschichten über ihren Job. Miese Bezahlung ist Standard, häufig ist von Ausbeutung die Rede.

Hilsberg: Die Bezahlung ist wirklich ein Problem. Ich habe deshalb gemeinsam mit Kollegen ein Kurierkollektiv gegründet. Wir wollen uns dafür einsetzen, dass Kuriere insgesamt besser bezahlt werden und der Lohn am Ende gerecht auf alle aufgeteilt wird. Praktisch müssen die Kosten für die einzelnen Touren steigen, um faire Bezahlung sicherzustellen. Wir verrichten harte körperliche Arbeit, die auch mit Gefahren verbunden ist.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Hilsberg: Ich habe eigentlich jeden Tag, den ich auf der Straße unterwegs bin, einen Nahunfall mit einem Rechtsabbieger. Viele Autofahrer schauen einfach nicht, bevor sie abbiegen.

Wenn ich es schaffe, die Leute an der Ampel einzuholen, klopfe ich an die Autoscheibe und sage ihnen, dass sie mich gerade fast umgenagelt hätten. Die meisten sind dann freundlich und erstaunt. Sie haben mich einfach nicht gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nehmen Sie diese Gefahr auf sich?

Hilsberg: Wenn du Fahrradkurier bist, dann bist du immer draußen. Egal ob die Sonne scheint oder ein Meter Schnee liegt. Du hast hauptsächlich Spaß bei deiner Arbeit. Es geht immer darum: Was ist die klügste Route, wie kannst du deine Fahrten am besten kombinieren? Da ist viel logisches Denken gefordert. Und die Gemeinschaft innerhalb der Szene ist einfach großartig.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich so an, als wäre Ihr Job einfach nur toll. Aber was machen Sie zum Beispiel, wenn Sie mal eine Woche krank sind?

Hilsberg: Das ist Teil des Lohnproblems. Keine Aufträge wahrzunehmen heißt für selbstständige Fahrradkuriere Lohnausfall. Die meisten von uns arbeiten auf selbstständiger Basis und somit unter eher prekären Arbeitsbedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Was von dem, was Sie in Ihrem Berufsalltag erleben, haben Sie in das Programm der Deutschen Meisterschaft für Fahrradkuriere aufgenommen?

Hilsberg: Am wichtigsten ist eigentlich, dass wir hier als Gemeinschaft zusammenkommen und eine gute Zeit haben. Das große Rennen vom Sonntag fordert aber auch alle Fähigkeiten, die ein Fahrradkurier im Alltag braucht. Vorab bekommt man nur mitgeteilt, wo man welches Paket einzusammeln und abzugeben hat. Der Parcours des Rennens ist nicht festgelegt - man kann an mehreren Stellen selbst entscheiden, wo man abbiegt. Je nachdem, wie geschickt man seine Route wählt, ist man schneller oder langsamer. Autounfälle simulieren wir natürlich nicht, aber am Freitag gibt es auch eine Kopfsteinpflasterfahrt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat es damit auf sich?

Hilsberg: Die meisten deutschen Städte sind leider nicht sehr fahrradfreundlich gebaut. Autos werden im Verkehr meist bevorzugt. Und es gibt viele Kopfsteinpflasterstraßen, vor allem in Leipzig. Das ist für uns Kuriere ärgerlich. Mit meinem Rad kann ich auf den Straßen gar nicht fahren, meine Reifen sind zu schmal. Aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Ich meide die Straßen mit Kopfsteinpflaster. Andere Fahrer steigen ab und schieben. Aber das ist natürlich schlecht für die Zeit.



insgesamt 6 Beiträge
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harald441 01.09.2018
1. Ich habe ein ähnliches Problem,
daß ich nämlich ausgehend von einem Startort verschiedene Schulen im Betreuungsgebiet anfahren muß. Meine empirisch gefundene Lösung lautet nahe beieinanderliegende Schulen zu einem Bündel zusammenzufassen, um dann die entfernteste Schule zuerst anzufahren, so daß alle weiteren Schulen sozusagen auf dem Rückweg zum Startort liegen. Komme ich bei einer Schule nicht mehr rechtzeitig an, so wird es die dem Startort nächstgelegene sein, so daß ich diese anderntags ohne großen Umweg erneut nach dem obigen Prinzip anfahren kann.
Mindbender 01.09.2018
2.
Zitat von harald441daß ich nämlich ausgehend von einem Startort verschiedene Schulen im Betreuungsgebiet anfahren muß. Meine empirisch gefundene Lösung lautet nahe beieinanderliegende Schulen zu einem Bündel zusammenzufassen, um dann die entfernteste Schule zuerst anzufahren, so daß alle weiteren Schulen sozusagen auf dem Rückweg zum Startort liegen. Komme ich bei einer Schule nicht mehr rechtzeitig an, so wird es die dem Startort nächstgelegene sein, so daß ich diese anderntags ohne großen Umweg erneut nach dem obigen Prinzip anfahren kann.
Glückwunsch, nennt sich Traveling Salesman Problem und ist sogar mittlerweile gelost. Vielleicht gibt's da ja eeine App für...
bauigel 01.09.2018
3. @ harald441
Dafür gibt es inzwischen genügend Software. Das tägliche Problem tausender Transportfahrer.
mcpoel 02.09.2018
4. Selbstständigkeit
Warum wird selbstständig sein als prekär bezeichnet? Das ist doch die Natur der Selbstständigkeit und sollte viel mehr Respekt erfahren als derzeit im Angestelltenstaat Deutschland. Typische SPON Sichtweise!
Trollflüsterer 02.09.2018
5.
Zitat von mcpoelWarum wird selbstständig sein als prekär bezeichnet? Das ist doch die Natur der Selbstständigkeit und sollte viel mehr Respekt erfahren als derzeit im Angestelltenstaat Deutschland. Typische SPON Sichtweise!
Ihr Vorwurf geht voll daneben. Das Wort und das Thema "prekär" kam als O-Ton einzig und allein von Frau Hilsberg. SPON hatte damit gar nichts zu tun.
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