Deutsche Schauspieler berichten "Ich erlebe immer wieder sexuelle Belästigung"

Karriere gegen Sex und anzügliche Bemerkungen: Missbrauch gibt es nicht nur in Hollywood, sondern auch an deutschen Theatern und Sets. Acht Schauspieler berichten.

Bernhard Ludewig

Über Jahre hinweg soll US-Produzent Harvey Weinstein Schauspielerinnen bedrängt, sexuell genötigt und sogar vergewaltigt haben. Die Ermittlungen gegen ihn offenbaren die Gefahren einer Branche, in der wenige viel Macht besitzen. Kommt so etwas auch in Deutschland vor?

Es seien keine vergleichbaren Fälle bekannt, heißt es von den beiden größten deutschen Berufsverbänden. Allerdings sei nicht klar, wie hoch die Dunkelziffer sei - und genau hier liegt das Problem.

"Die Täter haben auch deshalb so eine Macht, weil sie von dem Schweigen der Opfer und deren Scham profitieren", sagt Nina Brandhoff. Die 42-Jährige spielt regelmäßig in Serien wie "Um Himmels Willen", die "Rosenheim-Cops" oder "Der Bergdoktor" - und hat erst vor Kurzem von einem Regisseur, der ihr eine Rolle in Aussicht stellte, den Satz zu hören bekommen: "Ich würde jetzt gern deine Brüste aus deinem Ausschnitt holen und daran herumspielen."

Und Brandhoff ist offenbar nicht die einzige Schauspielerin, die so etwas erlebt. Nach einem Aufruf von SPIEGEL ONLINE meldeten sich Dutzende, die Ähnliches berichten, fast niemand traut sich wie Brandhoff, dies unter ihrem Namen zu tun:

Eine junge Schauspielerin hält sexuelle Belästigung für Alltag in ihrem Beruf. "Neben regelmäßigen Poklapsen, werden auch mein Aussehen und die Größe meiner Brüste ständig bewertet." Eine Kollegin berichtet SPIEGEL ONLINE gegenüber von angedeuteten Vergewaltigungen, Gewalt, körperlicher und verbaler Belästigung und Grabschen auf und hinter der Bühne. "Das Traurige ist, dass die meisten Beteiligten nicht einschreiten - aus irgendwelchen beruflichen Gründen und Ängsten. Aber zusehen und schweigen können viele sehr gut."

Ein Schauspieler sieht den sexuellen Missbrauch auch in der Struktur begründet. "Viele Anfänger denken: 'Ich mache jetzt erst mal alles und mehr, um mich von den anderen abzuheben.' Die Branche ist knallhart. Keiner wartet auf dich."

Nasser Fleck auf heller Hose

Auch Nina Brandhoff sagt, sie habe anfangs oft "alles gemacht, was man mir gesagt hat". Sie habe nicht den Mut gehabt, sich zu wehren - zum Beispiel, als ein Fotograf sie dazu überredete, bei einem Shooting ihr T-Shirt auszuziehen. Der Anblick erregte ihn offenbar. Als sich ein nasser Fleck auf seiner hellen Hose bildete, rannte sie aus dem Studio. Später rief sie ihn an und forderte die Fotos zurück. Er willigte ein, wollte ihr die Negative in seinem Studio zurückgeben - und nutzte dann ihre Angst aus. "Er nötigte mich dazu, sexuelle Handlungen an ihm durchzuführen und erpresste mich mit den Fotos um Geld", erzählt Brandhoff.

Erst vor einem Jahr machte sie den Vorfall öffentlich. Anzeigen kann sie den Fotograf nun nicht mehr, der Fall ist inzwischen verjährt. Aber noch immer erlebt sie sexuelle Belästigungen - von Regisseuren, aber auch von anderen Schauspielern.

Ein Kollege habe ihr während einer Szene seine Hand fest und schmerzhaft zwischen ihre Beine gedrückt, sagt Brandhoff. Ein weiterer habe ihr die Zunge während eines Bühnenkusses tief in den Hals gestopft. "Abgesprochen war das so nicht."

Sie schätze die meisten ihrer Kollegen sehr, "aber leider gibt es auch welche, die ihren Status als Hauptdarsteller ausnutzen", sagt Brandhoff. "Einer zog mir während einer Drehpause das T-Shirt hoch, um drunter zu schauen. Einer anderen Schauspielerin steckte er einfach seine Zunge ins Ohr. Er belästigt fast jede Frau am Set. Alle bekommen es mit. Aber keiner sagt etwas, dazu ist er für die Serie zu wichtig."

insgesamt 67 Beiträge
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Weltbild 19.10.2017
1. Die Sexpolizei is wieder unterwegs
Wenn man sexuell belästigt wird sollte man es gleich dem "Täter" deutlich machen das man dies nicht duldet. Eine Ohrfeige tut es auch. Aber wenn man nach so vielen Jahren sagt ach ja damals, ich mochte das eigentlicht nicht usw. ist das ziemlich scheinheilig. Das zeigt das die meisten Frauen kein Rückgrat haben, denn die Karriere ist ihnen dann doch wichtiger. Und wie viele wollen sich jetzt wichtig machen? 95%?
ford_mustang 19.10.2017
2. Warum...
geht man alleine zu diesem Fotograf? Sehr naiv. Zungenkuss auf der Bühne? Backpfeife und Abbruch. Es braucht mehr Courage, sonst geht es immer so weiter. Warum ticken manche der Regisseure und Produzenten denn so? Weil es auch Genug gibt, die gegen einen Karriereschub auf der Couch nicht abgeneigt sind. Ich glaube dafür sind diese endlosen Soaps extra erfunden worden. Dort gibt es keinen der auch nur ansatzweise Schauspieler ist, aber über genug Oberweite verfügt, blond genug ist oder einen strammen Männerhintern hat. Je nach sexueller Präferenz des Produzenten.
santoku03 19.10.2017
3.
"Zweimal bin ich auf das Werben von Vorgesetzten hereingefallen, und hatte im Nachhinein zwei schreckliche Liebhaber mehr." Hmm, fällt schlechter Sex denn auch unter sexuelle Belästigung?
paysdoufs 19.10.2017
4. Als "normaler" Mann,
der weder Frauen sexuell belästigt noch im täglichen Büroalltag jemals Zeuge solcher Vorgänge geworden ist, muss ich leider sagen: Das scheint ein Problem zu sein, dass primär die Showbiz-Szene intern regeln muss. Die breite Öffentlichkeit damit zu "belästigen" (immer mit diesem "Männer sind Schweine"-Unterton) halte ich, gelinde gesagt, für wenig zielführend...
schumbitrus 19.10.2017
5. Übergrifigkeit, Rollenverständnis und Tabus ..
Sicherlich ist es beklagenswert, wenn es Übergriffigkeit und Gewalt gibt. Andererseits ist das Rollenverständnis zwischen Mann und Frau schon so, dass der Mann in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die die Verantwortung für den ersten Schritt zu übernehmen hat. Sonst passiert nämlich .. nix. Das Problem sehe ich auch darin, dass die Fälle, in denen die Grenzüberschreitungen im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden naturgemäß nicht für Schlagzeilen sorgen. Ergo belichten Kampagnen wie die momenatane natürlich immer nur die (sicherlich realen und sanktions-würdigen) negativ-Beispiele. Zu Dissonanz in meinem Kopf führt dann aber, dass mit solchen Berichten die Illusion genährt wird, dass es eine feste Regel geben würde, an die sich jeder halten kann und dann alle glücklich sind. Gerade das Spannungsfeld zwischen Männern und Frauen, wo Dominanz und Unterwerfung auf beiden Seiten nicht selten sind, wo Grenzüberschreitung durchaus gewünscht wird - vom "richtigen" Partner - gibt es aber kein Schwarz-weiß. Ich will damit nicht alle Verteidigen und gerade nicht die, die in der klassich-ekligen Weise ihre Macht stumpf missbrauchen. Aber ich würde schon gerne sehen, dass das Thema nicht so Holzschnitt-artig aufgezeigt wird, um damit auf der Empöfungs-Welle besonders viele Klicks aubzugreifen.
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