Familienunternehmen "Töchter sind die einfacheren Nachfolger"

Erst war der Großvater Chef, dann der Vater. Und der Sohn? Hat keine Lust auf das Erbe. Entrepreneurship-Expertin Sabine Rau erklärt, warum die Nachfolge in Familienunternehmen immer schwieriger wird.

Ein Interview von Christoph Neßhöver

Wer soll die Firma künftig leiten? Immer häufiger übernimmt die Tochter
Corbis

Wer soll die Firma künftig leiten? Immer häufiger übernimmt die Tochter


Zur Person
  • Prof. Sabine Rau (Jahrgang 1962) lehrt am King's College London. Ihre Themen: Strategie und Familienunternehmen.
KarriereSPIEGEL: Frau Professor Rau, kürzlich hat Benjamin Otto entschieden, dass er seinem Vater Michael nicht als Chef des Handelskonzerns Otto Group nachfolgen will. Ist er einfach nur zu bang für eine große Aufgabe?

Sabine Rau: Ich würde eher sagen, Herr Otto liegt im Trend.

KarriereSPIEGEL: Warum das?

Rau: Die natürliche Ordnung ändert sich. Die Abfolge vom Vater auf den Sohn, die früher gar nicht diskutiert wurde, wird zunehmend infrage gestellt - von den Söhnen ebenso wie von den Vätern.

KarriereSPIEGEL: Wir erleben also im Geschäftsleben eine Welle der Männeremanzipation?

Rau: Nachfolge, gerade in Familienunternehmen, ist heute viel komplizierter als früher. Heutzutage müssen Dinge entschieden werden, die früher meist nicht entschieden werden mussten - etwa wie man mit Kindern verschiedener Ehefrauen des Firmenpatriarchen umgeht. Zweitens sind die Töchter heute auch mit im Pool möglicher Nachfolger. Drittens sind die Anforderungen enorm gestiegen: Management wird immer anspruchsvoller, weil die Innovationszyklen immer kürzer werden, sodass Nicht-Innovation viel schneller zu Wettbewerbsnachteilen führt.

KarriereSPIEGEL: Die deutsche Volksweisheit "Der Vater erstellt's, der Sohn erhält's, beim Enkel zerfällt's" gibt es so ähnlich auch in vielen anderen Weltsprachen. Ist es ein universales Gesetz, dass die Nachfahren großer Unternehmer meist versagen?

Rau: Das vielleicht nicht. Aber wenn es so kommt, sind die Väter oft selbst schuld.

KarriereSPIEGEL: Aber am Ende versagen doch eher die Söhne oder Töchter.

Rau: Nicht unbedingt. Man muss die Ursachen genau studieren. Zum einen haben ältere Unternehmer, vor allem Gründer, die sehr erfolgreich waren, die Tendenz, nicht loszulassen. Denken Sie an Max Grundig oder Josef Neckermann: Die haben ihre Unternehmen am Ende sogar ruiniert. Wenn die Väter den Söhnen keinen Raum lassen, wird es ganz schwierig.

KarriereSPIEGEL: Was ist denn so schädlich daran, wenn die Väter ihre jahrzehntelange Erfahrung an die nächste Generation weitergeben wollen?

Rau: Das Reinreden in die zweite Generation führt dazu, dass diese keine Kontrolle mehr über das eigene Handeln hat. Damit signalisiert diese der dritten Generation, also den eigenen Kindern, dass sie ihre Selbstbestimmung aufgeben müssen, wenn sie ins Unternehmen gehen. So hält man die dritte Generation auf Abstand, ihr unternehmerischer Geist ermattet. In diesem Fall kommt es fast zwangsläufig dazu, dass das Erbe beim Enkel zerfällt.

KarriereSPIEGEL: Und diesem Schicksal wollen immer mehr Söhne entgehen, indem sie die Nachfolge ihrer großen Väter ablehnen.

Rau: Das ist selten der einzige Grund für Nachfolgeverzicht. Für die Jüngeren tritt der Sinn des eigenen Handelns wieder stärker in den Vordergrund. Da sagen sich viele Unternehmersprösslinge: "Geld verdienen ist nicht alles im Leben". Und: "Die 325. Sorte Joghurt zu entwickeln, das können die auch ohne mich." Da spielt das Phänomen der "Generation Y" hinein, Nachfolger wollen ihre Zeit und Kraft in etwas investieren, an das sie glauben.

KarriereSPIEGEL: Über deren Vertreter klagen viele Unternehmen, sie seien nicht mehr leistungsbereit.

Rau: Das ist mir zu einfach. Das gesellschaftliche Primat, alles der Wirtschaft unterzuordnen, kommt an seine Grenzen: Das spüren viele junge Menschen. Sie ahnen, dass unsere Gesellschaft eine neue dominante Logik bekommt, und die heißt nicht mehr Wirtschaft, sondern Kommunikation. Und damit hat die Wahrheit nicht einfach einen Preis, sondern muss ausgehandelt werden.

KarriereSPIEGEL: Und deshalb gehen den großen Unternehmern die Nachfolger stiften?

Rau: Dieses Unwohlsein der neuen Generation gegenüber der dominanten Logik zeigt sich eben auch in der Nachfolge in Familienunternehmen. Allerdings gelingt es dort oft noch besser als etwa in Konzernen, die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns für die Gesellschaft darzustellen.

KarriereSPIEGEL: Viele Groß-Väter wollen doch lieber Dynastien gründen statt Sinn zu stiften.

Rau: Das kann ein Denkfehler sein. Unternehmen müssen keine Dynastien werden. Sie können für eine Zeit einen Zweck erfüllen und dann wieder verschwinden. In Kanada zum Beispiel ist Unternehmertum für Einwanderer der ersten Generation oft die beste Möglichkeit zum Broterwerb. Hat man sich dann integriert, öffnen sich viele gesellschaftliche Türen und die Firma hat ausgedient. Und was oft vergessen wird: Bei funktionierenden Finanzmärkten ist ein geordneter Verkauf eines Familienunternehmens auch eine Nachfolgeoption.

KarriereSPIEGEL: Was kann denn ein Unternehmer tun, um Nachfolger aus der eigenen Familie heranzuziehen?

Rau: Er kann ein unternehmerisches Vermächtnis schaffen, wir sprechen in unserer Forschung von "entrepreneurial legacy".

KarriereSPIEGEL: Was verstehen Sie darunter?

Rau: Ein unternehmerisches Vermächtnis besteht nicht aus materiellem Vermögen, sondern aus immateriellen Werten wie einer gemeinsamen Geschichte, Legenden über Kreativität und Durchhaltevermögen der Ahnen. Identifizieren sich die Kinder mit dem Werk des Vaters und einem gemeinsamen Narrativ, etwa weil sie schon als Steppkes ihren Roller über den Betriebshof lenkten und so in die Firmenkultur reinwachsen konnten, ist die Chance viel höher, dass sie ihren Vätern irgendwann folgen möchten. Dann entsteht eine Selbstverpflichtung bei den Kindern, aber die muss von den Vätern geprägt werden.

KarriereSPIEGEL: Wenn die Söhne den Vätern nicht nachfolgen wollen, gibt es ja immer noch die Töchter...

Rau: Ja, und psychologisch betrachtet ist das oft die einfachere Nachfolge. Wenn der Vater an die Tochter übergibt, lässt die Tochter dem Vater meist das Gefühl, er sei noch die Nummer eins, obwohl er weiß, dass es nicht mehr stimmt.

KarriereSPIEGEL: Und Söhne können das nicht?

Rau: Für einen Sohn ist das viel schwieriger, weil er sonst an Autorität verliert. Er wird dann nie die gleiche Legitimität haben wie der Vater. Ein Sohn muss den Vater als Clanchef ablösen, eine Tochter muss das nicht.

KarriereSPIEGEL: Aber wenn sie alles anders macht als der Vater, dann ist dessen Geduld doch auch schnell vorbei.

Rau: Auch große Unternehmer-Väter müssen verstehen: Nachfolge ist immer auch eine große Chance zu Innovation! Die Nachfolger müssen Dinge anders machen, um den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens auch in der Zukunft zu sichern. Das ist eine strategische Frage für die ganze deutsche Wirtschaft.

KarriereSPIEGEL: Das klingt ein bisschen zu hoch gegriffen.

Rau: Ganz und gar nicht! Denn je besser es einem Land gelingt, die Nachfolgen in Familienunternehmen zu organisieren, also die nächste, kreative Generation ans Ruder zu bringen, desto besser ist das für Wohlstand, Wachstum und Beschäftigung - gerade für den Standort Deutschland.

  • Christian O. Bruch
    Christoph Neßhöver ist Redakteur beim manager magazin. Dort erschien dieser Artikel zuerst.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lykaner-ahroun 07.08.2015
1. Das Töchter
genauso gute/schlechte Beispiele für das Überleben eines Konzerns sind lässt sich schön in Fürth sehen. Da gab es mal so ein Versandunternehmen hieß Quelle......
pille! 07.08.2015
2. Immer wieder
interessant, mit welchem Fachgebiet so mancher Prof sein Geld verdient. und für die wichtigen Fachgebiete ist dann kein Geld da
Mertrager 07.08.2015
3. Sinn
Wir haben beruflich als Berater mit Unternehmensnachfolge zu tun und ich kann nicht erkennen, wo der Sinn dieses Artikels ist.
CobCom 07.08.2015
4.
Vielleicht erkennen die Söhne aber auch nur zunehmend, dass "aus des Alten Spritzbeutel" für sich genommen keinerlei Qualifikation darstellt und es bessere Kandidaten gibt. Dann träte das Problem dazu, dass ja praktisch oft unmöglich ist, eine passende Stelle im Familienunternehmen zu bekommen. Meist läuft es auf Chef oder nix hinaus. Das wird im erweiterten Bekanntenkreis noch interessant. Habe dort zwei Unternehmer, die in die Jahre gekommen. Bei beiden sind die Kinder einfach zu blöd für eine erfolgreiche Nachfolge. Dem Schlaueren der beiden ist das auch sonnenklar. Mal sehen wie sich das entwickelt.
Olaf 07.08.2015
5.
Ein interessantes Interview, mit Aussagen die man sonst nicht hört.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.