Alles außer Arbeit Womit wir unseren Job vertrödeln

Was sind die beliebtesten Tätigkeiten während der Arbeitszeit? Also, abgesehen vom Job? Der schwedische Soziologe Roland Paulsen hat das aufgeschlüsselt. Sein Favorit: der Schaffner, der nebenbei Musik komponiert.

Nichts zu tun: Manche Menschen wollen oder müssen einen Arbeitszeitvertreib suchen
Corbis

Nichts zu tun: Manche Menschen wollen oder müssen einen Arbeitszeitvertreib suchen

Von Christoph Rottwilm


In diesen Tagen macht ein indischer Beamter Schlagzeilen, der vom Dienst suspendiert wurde: 24 Jahre lang soll er nicht mehr im Büro aufgekreuzt sein. Sein Verhalten ist selbst für Indiens Bürokraten grotesk - dabei ist deren Ruf schon unterirdisch schlecht. Sie sind bekannt für überlange Pausen und dafür, die bezahlte Zeit oft mit schöneren Dingen zu verbringen als mit schnödem Papierkram. Golf spielen gilt als verbreitet.

Warum Menschen während der Arbeitszeit nicht arbeiten, sondern anderen Beschäftigungen nachgehen, das hat Roland Paulsen eingehend erforscht. Der schwedische Soziologe von der Universität in Lund hat soeben ein Buch darüber geschrieben: In "Empty Labor" fasst Paulsen die Erkenntnisse aus zahlreichen Interviews zusammen, die er mit arbeitsvermeidenden Arbeitnehmern geführt hat.

Zum Arbeitszeitvertreib widmen Menschen im Schnitt täglich bis zu drei Stunden privaten Dingen, so berichtete kürzlich das "Wall Street Journal". Aber was tun sie während dieser Zeit? Für KarriereSPIEGEL hat Paulsen eigens eine Zusammenstellung gemacht: Die fünf beliebtesten Tätigkeiten am Arbeitsplatz - außer Arbeiten.

Platz 1: Die Flucht auf Facebook
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"Gefällt mir": Viele Arbeitnehmer verfolgen auch während der Arbeitszeit Facebook und Co.

Freizeitbeschäftigung Nummer eins während der Arbeitszeit ist nach Angaben des schwedischen Experten Paulsen die private Nutzung des Internets: sei es, um E-Mails zu schreiben, um soziale Medien wie Facebook oder Twitter zu nutzen oder um Nachrichtenseiten zu checken.

Dazu passen einige Statistiken: Etwa 70 Prozent des Traffics auf pornografischen Webseiten entfallen in den USA auf die Arbeitszeit. 60 Prozent aller Online-Einkäufe werden in den Vereinigten Staaten zwischen 9 Uhr morgens und 5 Uhr nachmittags getätigt.

Platz 2: Immer mit der Ruhe
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Zeit zum Ausspannen: Viele Menschen legen während der Arbeitszeit die eine oder andere Pause extra ein

Füße hoch, zurücklehnen oder schlicht dösen: Viele Menschen schalten im Job zwischendurch einfach mal ab und tun gar nichts, so Paulsen. Gefragt nach den Gründen für die Neigung, die Arbeitszeit in besonders starkem Maße für Dinge zu nutzen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, antwortet der Fachmann: Der Hauptgrund sei es, dass Menschen ihre Arbeit oder zumindest Teile davon sinnlos fänden.

Einige der Personen, die Paulsen für sein Buch "Empty Labor" interviewt hat, äußerten zudem konkrete Frustration über ihren Arbeitgeber oder über einzelne Führungskräfte. Selbst politische Motive bekam Paulsen zu hören: Es sei doch nur recht und billig, sich vom Arbeitgeber ein wenig von der Zeit zurückzuholen, die dieser einem tagtäglich gegen Geld abnehme.

Platz 3: Die Methode Flurfunk
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Hast du das von Dings gehört? Der Plausch am Arbeitsplatz ist beliebt

Ebenfalls populär: Die ausgiebige Plauderei unter Kollegen. Dies ist allerdings eine Arbeitsvermeidung mit besonderem Schwierigkeitsgrad, denn wer sich viel mit anderen unterhält, kann kaum erwarten, dass das niemandem auffällt.

Indes: Arbeitsvermeidung ist ohnehin nur ein Grund für Leerlauf im Job. Ein anderer ist das schlichte Fehlen von Beschäftigung. Vor allem in großen Konzernen oder Organisationen kann es vorkommen, dass durch allmähliche Veränderungen Aufgaben umverteilt werden oder vollständig entfallen. Die große Überraschung bei seinen Untersuchungen war, so Paulsen, wie viele Menschen es gibt, die ihre Arbeitszeit irgendwie füllen müssen, weil sie vom Arbeitgeber keine Aufgaben bekommen.

Platz 4: Wer schläft, sündigt (nicht)
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Schlaf, Kollege, schlaf: Wer ein anstrengendes Privatleben hat, muss sich seine Erholung eben im Büro holen

Wenn alle Beschäftigungen ausgehen, hilft manchmal nur noch eins: eine Mütze Schlaf. Paulsen hat durchaus Leute getroffen, die mehr oder weniger regelmäßig während der Arbeitszeit schlafen, sagt er.

Auf die Frage, ob es nicht einen bestimmten Grad gebe, bis zu dem das Ausfüllen von Arbeitszeit mit privaten Dingen nicht nur legitim, sondern sogar unvermeidlich sei, antwortet Paulsen ein wenig geheimnisvoll: "Ich glaube, Zeit, und die Tatsache, dass die meisten von uns dafür bezahlt werden, ihre Zeit zu verkaufen, mystifiziert die Arbeit sehr stark und macht ihre eigentliche Substanz zweitrangig."

Platz 5: Heimliche Künstler und Karrieristen
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Farbenfroh: Die Möglichkeiten, die Arbeitszeit mit sinnvollen Tätigkeiten auszufüllen, sind gigantisch - nur der Arbeitgeber darf oft nichts davon erfahren

Die arbeitsfreie Zeit bei der Arbeit wird nicht selten auch mit kreativen Tätigkeiten ausgefüllt, sagt Soziologe Paulsen. Also: Romane schreiben, Gedichte verfassen, Bilder zeichnen, bloggen.

In einem Artikel im US-Magazin "The Atlantic" schilderte Paulsen jüngst beispielsweise den Fall eines Fahrkartenschaffners, der nebenbei Musik komponierte. Ebenso gefällt ihm der Archivar, der während seiner Arbeitszeit an seiner Magisterarbeit schrieb.

Paulsen erzählt zudem von einem Skandal, der sich vor einem Jahr in Schweden zugetragen hat. Bei einer großen Minengesellschaft kam heraus, dass eine Gruppe von 20 Mitarbeitern das Unternehmen über mehrere Jahre lang beschummelt hatte. Die Kollegen hatten sich so organisiert, dass immer nur ein oder zwei von ihnen zur Arbeit gingen und für alle anderen die Stechuhr gleich mit betätigten.

Das merkwürdige daran: Der Betrug kam erst heraus, als jemand zwei verschiedene Erfassungsysteme verglich und feststellte, dass die Daten nicht übereinstimmten. Dass dem Unternehmen jahrelang die Arbeitsleistung von beinahe 20 bezahlten Kräften fehlte, war dagegen niemandem aufgefallen.

  • Christoph Rottwilm ist Redakteur bei manager magazin online.

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
pommbaer84 14.01.2015
1. Tja-
Ich lese gerade diesen Artikel und schreibe diesen Kommentar darunter =)
abby_thur 14.01.2015
2. Spon
Das meiste dürfte wohl auf SPON entfallen. Trotzdem schaffe ich meine Arbeit locker.*mustbesohappy*
n.nixdorff 14.01.2015
3. Naja
Multitasking ist gefragt. In letzter Zeit nehme ich mir öfter mal die Zeit, hier im Forum herumzustöbern ;-)
GoaSkin 14.01.2015
4. stricken ist halt außer Mode gekommen
Früher haben sich zumindest die Frauen gerne die Zeit vertrödelt, in dem sie nebenbei Pullover gestrickt haben. Sogar abgeordnete im Bundestag vor laufender Kamera. Man muss sich nur einmal alte Fernsehberichte anschauen.
archback 14.01.2015
5. 50%
Mangelnde Kontrolle durch die Vorgesetzten und dass diese sich ebenfalls am Arbeitszeitdiebstahl beteiligen, sind der Grund. Ich konnte während meiner Arbeitszeit machen, was ich wollte, ebenso im Außendienst und habe auch meine Untergebenen an der langen Leine gelassen. Deshalb ist man sich nicht in die Quere gekommen. Ein schlechtes Gewissen gab es dank der miesen Bezahlung nicht.
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