Frag die Karriereberaterin Hilfe, mein Chef verträgt keine Kritik

Ständig ist Feedback gewünscht. Aber heißt das auch, dass man dem Chef einfach mal sagen darf, wie veraltet sein Führungsstil wirkt? Da gilt es, ein paar Regeln einzuhalten.

Personalgespräch (sozialversicherungspflichtiger Angestellte links, Chef rechts - Symbolbild)
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Personalgespräch (sozialversicherungspflichtiger Angestellte links, Chef rechts - Symbolbild)

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Jakob, 32, ist stolz darauf, offen und direkt zu sein. Nun zweifelt der Wirtschaftsinformatiker erstmals an sich. Er hat seinen Chef im Anschluss an ein Mitarbeitergespräch gefragt, ob er ihm auch mal ein Feedback geben dürfe - und ihm dann gesagt, dass er seinen Führungsstil veraltet findet. Seitdem lässt der Chef ihn links liegen, Jakob fühlt sich subtil gemobbt. Und nun?
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Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

In Teams gibt es immer wieder Kollegen, die traurig, beleidigt oder verärgert sind, wenn sie eine ehrliche Rückmeldung bekommen. Feedback ist einfach hoch emotional - das gilt auch für Führungskräfte.

Chefs der alten Schule sind oft besonders empfindlich. Dass ihnen ein "Untergebener" die Meinung sagt, war in ihrer Generation einfach nicht üblich. Jüngere Menschen gehen dagegen oft wie selbstverständlich davon aus, dass sie nicht nur Feedbackempfänger, sondern auch Feedbackgeber sind.

Lob kann Freude auslösen, Kritik gleich eine ganze Armee von Emotionen: Angst, Trauer ("ich habe versagt"), Ärger, Wut, Aggression. Die Krux dabei: Aus Angst vor weiterer Kritik verschlechtert sich bei manchen die Leistung sogar noch. Und vielen merkt man die Gefühlsgemengelage gar nicht an. Sie schotten sich ab, spielen den Coolen.

Dabei ist nichts so förderlich für die persönliche Weiterentwicklung wie Feedback, lobendes genauso wie kritisches. Gerade in einer sich zunehmend verändernden Arbeitswelt werden persönliche Rückmeldungen immer wichtiger.

Damit Feedback aber nicht zum Schlagabtausch verkommt, braucht es drei Voraussetzungen:

1. Die persönliche Haltung. Der Feedbackgeber muss helfen wollen, damit der Feedbacknehmer sich verbessern kann. Der Feedbacknehmer muss Hilfe seinerseits annehmen und sich entwickeln wollen. Dazu zählt Respekt dem jeweils anderen gegenüber. Und dazu gehört auch zwingend, dass jeder anerkennt, dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur eine persönliche Sichtweise.

2. Feedbackgeber und Feedbacknehmer müssen selbstbewusste Persönlichkeiten sein. Unsichere Menschen können Feedback schwer annehmen, weil sie dieses sofort auf sich beziehen und überbewerten. Ein bestimmter Typus, der sogenannte "insecure overachiever", also der unsichere Höchstleister, wird sogar alles tun, um Kritik gar nicht erst aufkommen zu lassen. Jeden Kommafehler betrachtet er als persönliches Drama. So entwickelt er einen übertriebenen Perfektionismus. Die Note "gut" bedeutet für ihn Totalversagen, auch im Lob erkennt er noch Kritik an sich. Je mehr Menschen sich solcher Mechanismen bewusst sind, desto eher können sie damit umgehen. Das setzt Selbstreflexion voraus.

3. Das Feedback muss fair und konstruktiv sein. Der Vorwurf etwa, der Chef habe einen veralteten Führungsstil, ist weder fair noch konstruktiv. Stattdessen wäre es besser, seine Bedürfnisse zu benennen und was man sich vom Chef dafür wünscht. Etwa, konkrete Projektverantwortung übernehmen zu wollen, und wie das in der Praxis aussehen kann.

In Ihrem konkreten Fall, Jakob, ist schon ziemlich viel schiefgelaufen. Sie sollten jetzt um ein weiteres Gespräch mit dem Chef bitten, aber auf keinen Fall den Vorwurf der "Rache" erheben. Das würde die Lage nur noch verschlimmern.

Oft ist in solchen Fällen das Klima so vergiftet, dass es nur noch zwei Möglichkeiten gibt: aussitzen oder das Weite suchen.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
karin_mainz 28.03.2017
1.
Warum sollte jemand ungefragt seinen Chef (wie auch immer) kritisieren? Menschen ändern sich in der Regel nicht oder nur sehr selten, da kann man fast nur verlieren. Und auch wenn der Chef mal ein Feedback einfordert muss man eine gute Ménschkenntnis haben um nicht in ein Fettnäpfchen zu treten und sich unbeliebt zu machen..
latrodectus67 28.03.2017
2. Kritik ist ein Fehler
Es ist imho ein Fehler in einem Feedback irgendetwas negatives zu sagen oder überhaupt mit irgendwas anzukommen, was der Vorgesetzte nicht selber vorgeschlagen hat. Laut Gallup halten sich 97% aller Vorgesetzten für gute Führungskräfte. Ausserdem wird der Angestellte nicht dafür bezahlt den Job des Vorgesetzten zu machen. Arbeiten nach Vorschrift und Klatschen wenn Boss einen Vorschlag macht, funktioniert imho gut genug um das echte Leben zu finanzieren. Nichts anderes ist ein Job, eine Geldquelle für das echte und schöne Leben.
irritation 28.03.2017
3.
"Unsichere Menschen können Feedback schwer annehmen, weil sie dieses sofort auf sich beziehen und überbewerten." Ich hoffe, dass auch sichere Menschen Feedback auf sich beziehen. Im Wesentlichen steht sonst alles da. Der Empfänger muss dafür bereit sein, muss es annehmen wollen.
jschm 28.03.2017
4. undiplomatisch
Herr Jakob sollte nicht ungefragt persönliche Kritik äußern und schon gar nicht am Führungsstil seines Vorgesetzten. Wenn es ihm mich gefällt, kann er immer noch die Tür nehmen. Leider meinen viele der Jüngeren heute, dass sie mit ihrem Chef umgehen können wie mit ihresgleichen. Das kann nur schief gehen!
beppi 28.03.2017
5. Willkommen in der Irrealität
“Feedbackgeber- und -nehmer“ mögen sich in der “Schönen neuen Welt“ gut ausnehmen. In der Wirklichkeit habe ich (seit 30 Jahren in einem kfm. Beruf) bereits häufig Sprüche wie “Überlass das Denken den Pferden“ oder sogar “Hast du deine Tage?“ ertragen müssen. Chefs müssen auch mal in sich gehen und nicht immer nur anordnen.
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