Feel-Good-Manager Und alle so... YEAAHH!

Ein Vollzeitjob als Büro-Bespaßer - ernste Sache. Vor allem junge Unternehmen beschäftigen sonnig gelaunte Wohlfühlmanager. Bei einem Onlinehändler ummuttert Stefanie Häußler ihre Kollegen mit Lunchlotterie und Zombienacht. Das kann ja heiter werden.

Von David Krenz

Jimdo

Nach einer Stunde ein erster Seufzer. Es muss jetzt die zehnte oder elfte Bürotür sein, immer die gleiche Leier: Woher, wie alt, was mache ich hier? "Welcome Tour" heißt der Kampf gegen die Anonymität am Arbeitsplatz. Stefanie Häußler führt ihn an. "I have new people! Pay attention!", ruft sie beim Betreten der Marketingabteilung.

Neben ihr reihen sich auf: Jovita aus Litauen, Rita aus Polen, Diego aus Spanien, Clémentine aus Frankreich und Linda, "half german, half swedish", alle zwischen 22 und 29 Jahren und frisch bei Spreadshirt. Weil die Firma im Monat zehn neue Leute anheuert, finden die Begrüßungsmarathons fast wöchentlich statt.

Spreadshirt: Vor zwölf Jahren studentisches Start-up, heute größter deutscher Onlinehändler für bedruckte T-Shirts, 65 Millionen Euro Umsatz im Jahr, 250 Mitarbeiter allein in Deutschland. Stefanie Häußler sorgt seit 2011 im Leipziger Hauptquartier dafür, "dass man das Gefühl hat, dass wir nicht so viele sind". "Feel-Good-Manager" steht auf ihrer Visitenkarte. Aktuell auf ihrer To-do-Liste: Losfee spielen für die Lunchlotterie, Plakate basteln für die Zombienacht, dringend muss die Erinnerung für das morgige Bogenschießen raus.

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Spaßkanonen: So sehen Feel-Good-Manager ihren Job
"Als ich anfing vor sieben Jahren, hätte es das nicht gebraucht, einen Feel-Good-Manager", sagt Karsten aus der Softwareentwicklung. Damals saßen nur 30 Leute im Büro. Feste Strukturen: Fehlanzeige. "Stuhl und Schreibtisch musste ich mir selbst irgendwo im Haus zusammensuchen." Mit dem Wachstum sei "ein bisschen der Spirit verlorengegangen".

Feel-Good-Management beschwört diesen kreativen Geist der Gründerjahre. Arbeit soll sich nicht wie Arbeit anfühlen. So will man die begehrten Fachkräfte ködern - und halten. "Mitarbeiterbindung durch perfekte Arbeitsbedingungen", so beschreibt die Spieleentwicklerfirma Goodgame Studios das Konzept. Auch sie setzt auf einen Stimmungsmacher fürs Büro. 360 Bewerber buhlten um den Job - ein Rekord für die Spieleschmiede. Auf ihre IT-Job-Annoncen melden sich in der Regel höchstens ein Dutzend Interessenten.

Auch die Stelle als Feel-Good-Manager bei Spreadshirt war begehrt. Stefanie, heute 28, setzte sich gegen hundert Bewerber durch. Gesucht werde die "Kulturbeauftragte des Unternehmens" mit "Gespür für Menschen", die "Leipzig wie ihre Westentasche kennt", hieß es damals in der Stellenausschreibung.

Kollegenkuppelei in der Mittagspause

Den Neuen zeigt Stefanie jetzt, wie ernst man hier den Spaß nimmt: Räume, die "Braincell" oder "Chuck Norris" heißen; Tretroller bollern auf den Fluren; ein Mann im Mantel führt einen Hund spazieren. "Echt cool, dass die hier Tiere erlauben", staunt jemand. Diego, neu im Sales-Team, sagt: "Die Leute scheinen echt gut vernetzt zu sein. Ist bestimmt auch Stefanies Verdienst." Dann lacht er über ein eingerahmtes T-Shirt, auf dem ein Igel einen anderen besteigt, Aufschrift: "Love hurts".

Weil Projekte teamübergreifend laufen sollen, dient selbst die Mittagspause der Kollegenkuppelei. "Vamos!", ruft Stefanie. Beim "Spanish Lunch" im Restaurant um die Ecke plaudern Spreadshirts Spanischsprachler über iberische Blutwurst und katalanische Unabhängigkeit. Stefanie kann mitreden, sie hat bei ihrer Lehre zur Eventmanagerin ein halbes Jahr in Granada verbracht - und verstand dort anfangs kein Wort. Eine Erfahrung, die ihr jetzt helfe, beim "Onboarding" neuer Kollegen aus dem Ausland. Heißt: Sie unterstützt die Wohnungssuche, übersetzt im Finanzamt.

Auch Tagesmutter und Kitaplatz vermittelt sie. Weil "für manche Anliegen die Bürotür eine Hürde ist", setzt sie sich einmal die Woche zur "Open Ear Hour" an den Picknicktisch neben dem Kaffeeautomaten - und die Kollegen packen ihre Probleme aus. "Du brauchst Offenheit und darfst dir nicht zu schade sein, auch mal Bierkästen zu schleppen", beschreibt sie ihre Rolle.

"In anderen Unternehmen werden viele der Aufgaben oft auch von der Sekretärin erledigt", sagt Personalchefin Theresa Kretzschmar. Doch bei der Stelle sei es um Employer Branding gegangen; wer nach außen attraktiv wirken will, muss drinnen anfangen. Deshalb habe Spreadshirt "bewusst entschieden, eine Feel-Good-Position zu schaffen". Ein Spezialjob als Köder für Fachkräfte - und die Leute beißen an: "Die Firma hat eine Feel Good Managerin", lobt jemand auf dem Arbeitgeberbewertungsportal kununu, "ich denke, das allein reicht, um eine Aussage zur Arbeitsatmosphäre zu treffen."

"Früher hatte man Schulfreunde, heute hat man Kollegen"

Dabei ist die Idee vom Arbeitsplatz als Freudenquell ein alter Hut. Schon die Vertreter der New Economy schufen Freiräume zum Querdenken und stellten Billardtische rein. "Das funktionierte so lange gut, wie man junge Belegschaften hatte, die sich in ihre Projekte vertieften und sich einen Teufel um Arbeitszeiten scherten", sagt Klaus Dörre, Professor für Arbeitssoziologie an der Uni Jena.

Alles freiwillig, betonen die Wohlfühlfirmen. "Zu Schulzeiten traf man sich mit Schulfreunden, heute hat man Kollegen", sagt Stefanie. Die Gefahr bei der Work-Life-Verquickung: Wo Projektideen beim Bierchen reifen und Karrieren am Kickertisch angekurbelt werden, könnten Heimgeher ins Hintertreffen geraten. Soziologe Dörre berichtet von Betrieben, die gezielt das Freizeitverhalten ihrer Auszubildenden prüften. "Wenn jemand nicht mit den anderen in die Disco geht, wird der als nicht teamfähig abgespeichert."

Während trendbewusste Businesscoaches bereits Ausbildungen zum Feel-Good-Manager starten, bleibt fraglich, ob sich die Spaßinvestition überhaupt für die Firmen lohnt. Eine Studie der amerikanischen Penn State University kam kürzlich zum Ergebnis, dass Mitarbeiter einer Restaurantkette, für die Teambuilding-Events, Partys und Wettbewerbe organisiert wurden, zwar nicht so schnell kündigten, insgesamt aber unproduktiver waren als Kollegen, deren Vorgesetzte sich wenig ums Wohlfühlklima scherten. Vor allem ältere Mitarbeiter, auf die zu Hause Partner und Kinder warteten, hatten keine Lust auf gemeinsame Freizeitaktivitäten mit den Kollegen.

Auch Stefanie musste diese Erfahrung schon machen: Statt mit Ideen für die Firmenfete kommen die Schichtarbeiter aus der Produktionshalle eher mit Fragen zur Krankenakte auf sie zu. Um zu zeigen, dass sie auch dafür zuständig ist, hat sie neue Visitenkarten bestellt. Die weisen sie neben der Feel-Good-Managerin ganz sachlich als Mitarbeiterin des Personalbüros aus.

  • KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.

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insgesamt 24 Beiträge
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metzelkater 16.12.2013
1. Trennung zwischen Berufs- und Privatleben?
Ich kann diesem Konzept absolut nichts abgewinnen, Berufsleben ist Berufsleben und Privatleben ist Privatleben. Mit Kollegen möchte ich gerne professionell und in einem guten betriebsklima zusammen arbeiten, aber privat will ich einfach ich sein dürfen, mich zurück ziehen und mich nicht mehr verstellen müssen. Durch solche Methoden werden die Netzwerker bevorzugt, man vergault aber zugleich die fachlich oft viel kompetenteren Einzelgänger oder zwingt sie, sich diesen ganze Quatsch anzutun, um dazu zu gehören, obwohl es sie einfach ankotzt. Die Kraft, die man dann in das Ertragen solcher Aktionen steckt, fehlt natürlich für den normalen Berufsalltag. Statt solchem Sozialen Quatsch sollten die lieber einen Hauspsychologen anstellen, der Probleme erkennt und löst, wenn sich Kollegen mal nicht professionell verhalten und mit ihren privaten Animositäten den Betriebsfrieden stören. Ansonsten empfehle ich den Einsatz von Gamification, einer Motivationstechnik die den Reiz von Videospielen auf das Berufsleben übeträgt. Die Überlegung ist einfach: Warum motivieren Videospiele die SPieler so sehr und wie kann man dies zur Aufwertung des Arbeitsalltags einsetzen. Die Lösung ist simpel, es werden ständig Leistungsanreize durch kleine Prämien und Belohnungen für das Erreichen von Arbeitszielen gegeben, dabei kommt es nicht so sehr auf die Höhe der Einzelprämien an, sondern vor allem auf die regelmäßige Erreichbarkeit und Ausschüttung und bitte keine Incentives oder Gruppenveranstaltungen als Belohnung anbieten, viele sehen sowas als Strafe, weil man wieder Zeit mit anderen verbringen und sich verstellen muss. Natürlich sind auch gruppendynamische Ereignisse wichtig, aber in der richtigen Dosis. Zu viel davon grenzt oft die Mitarbeiter aus, die mehr leisten aber weniger sozial interagieren. Eine Wiehnachtsfeier im jahr reicht da völlig aus, die tue ich mir inzwischen auch an, obwohl ich solche unstrukturierten Gruppensituationen geradezu hasse.
tomybl 16.12.2013
2.
Bei soviel spaßgesellschaftlicher Zwangs-Guter Laune wünscht man sich fast eine neue EMO-Welle.
koepi71 16.12.2013
3. toll!
Wenn ich mir vorstelle, dass in unserem Unternehmen so ein 'Animateur' rumrennt. Da bekomme ich direkt Gänsehaut. Bisher habe ich es erfolgreich geschafft, nur Urlaube zu buchen, bei denen ich diese Zwangsbespaßung vermeiden kann. Wenn es jetzt aber heißt: "Cheeeef. Der Meier will nicht mitmachen." Brrrr.
hansgustor 16.12.2013
4.
An die Meckertanten: die Idee daß man als Einzelkämpfer gar nicht erst eingestellt wird. Die Leute die dort arbeiten, wollen dafür z.B. nicht bei einer Versicherung arbeiten. Es muss nicht immer alles für jeden passen.
inhabitant001 16.12.2013
5. Typisch
Eine typische Erscheinung der Internet-Buden. Es herrscht ewiger Spaß und gute Laune, es ist so toll und kuschlig das man von früh bis abends in der Dunkelheit in der Firma ist, wir sind alle so familiär und immer gut drauf und überhaupt nicht wie die spießigen Firmen ringsrum. Da merkt der Angestellte gar nicht wie er ausgebeutet wird... bis er 30 ist, dann ist er als Humankapital langsam nicht mehr erste Wahl. Siehe Artikel.
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