Angst vor Gesichtsverlust Jeder fünfte Angestellte beklagt schlechten Umgang mit Fehlern in der Firma

Wie offen gehen Vorgesetzte und Kollegen mit Fehlern um? Eine Umfrage legt nahe: Bei dem Thema hapert es noch häufig. Fast jeder fünfte Angestellte glaubt, dass Fehler in seiner Firma nicht thematisiert würden.

Angestellter vor Konferenzraum (Symbolbild)
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Angestellter vor Konferenzraum (Symbolbild)


Über Fehler wird längst nicht in jeder Firma konstruktiv geredet. Einer Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) zufolge sehen zwar 66 Prozent der Führungskräfte bei ihrem Arbeitgeber eine offene Diskussionskultur zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten, aber nur 42 Prozent der Mitarbeiter.

Immerhin 18 Prozent der befragten Angestellten gaben an, in ihrem Unternehmen würden Fehler nicht angesprochen. Bei den Führungskräften, die an der am Sonntag veröffentlichten Umfrage des Beratungsunternehmens teilnahmen, antworteten 7 Prozent entsprechend. Hauptgründe für das Vertuschen von Fehlern sind nach Einschätzung der Befragten Sorge vor Nachteilen für die eigene Karriere oder Angst, den Job zu verlieren.

Unter den Angestellten sind 57 Prozent der Ansicht, dass Fehler vertuscht werden, weil Mitarbeiter fürchten, als Überbringer schlechter Nachrichten zum Bauernopfer zu werden. Die Mehrheit der Führungskräfte (54 Prozent) sieht Angst vor Gesichtsverlust als größtes Hindernis auf dem Weg zu einer positiven Fehlerkultur.

Für die Studie wurden im Juli und August 800 Angestellte und 218 Führungskräfte auf Basis eines Fragebogens interviewt. Sie arbeiten in den Branchen Maschinenbau, Transport und Logistik, bei Automobilherstellern und -zulieferern sowie bei Banken und Versicherungen.

Die EY-Berater mahnen: Ein konstruktiver Umgang mit Fehlern sei wichtig, um Mitarbeiter nicht auszubremsen. "Während unter den Mitgliedern eines Teams Fehler durchaus thematisiert werden, gibt es nach oben und unten deutliche Tabus und Kommunikationsbarrieren", stellte EY-Partner Nelson Taapken fest. "Diese gefährden die Innovationsfähigkeit der Unternehmen, da die Mitarbeiter in einem solchen Umfeld kein Risiko wagen."

Einig sind sich Führungskräfte (85 Prozent) und Mitarbeiter (80 Prozent), dass die Gefahr, Fehler zu machen, mit der Digitalisierung zumindest teilweise steigt.

lov/dpa

insgesamt 17 Beiträge
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damp2012 14.10.2018
1. Als Führungskraft mit ...
... bis zu 170 Mitarbeitern, habe ich selber auch häufig festgestellt, wie schwierig es ist, die Mitarbeiter zu ermuntern mit Fehlern konstruktiv umzugehen und sie einfach auch als "Lernhilfe" zu sehen. Wir können gestärkt aus solchen Situationen hervorgehen. Dennoch scheint es den "Erwachsenen" schwer zu fallen. Als Kind wird man nach jedem "Hinfallen" ermuntert, einfach weiterzumachen. Die Erwachsenen trainieren sich dies regelrecht ab. Vertrauen ist eine gute Basis, damit niemand sich "schlecht" fühlt - ich persönlich habe immer gute Erfahrungen damit gemacht, Fehler sachlich zu thematisieren - und: Ich habe auch stets zu meinen eigenen Fehlern gestanden!
flohzirkusdirektor 14.10.2018
2. Was bin ich froh m meinen Beruf!
In allen Kliniken, in denen ich arbeitete, gab es zwei bis drei Rapporte *am Tag!*. Dementsprechend kann man Fehler nicht nicht vertuschen, über die wird diskutiert, dass alle aus ihnen lernen können. Ich selber machte im Berufsleben einen einzigen 50 %-Fehler, mein Patient hatte sich ordentlich in den Finger geschnitten bis auf die Sehne. Gut, ich nähte erst die Sehnenscheide, danach den Finger und dacht: "So, das war's dann, meine erste allererste unfallchirugische OP erfolgreich beendet." Aber nein, es war nicht beendetet worden, nach ein paar Tagen kam er wieder, die Sehne im operierten Finger war gerissen, also brauchte es einen Zweiteingriff, diesesmal durch unseren Handchirurgen und mich als Assistent. Nun kommen wir zu dem merkwürdigen Ausdruck "50 %-Fehler", denn gerade dabei gibt es zwei Schulen: In Europa inspiziert man meist die Sehnen, was allerdings auch einen längeren Schnitt in Haut und Sehnenscheide erfordert und die grössere Gefahr besteht, dass Sehne und Sehenscheide post-OP miteinander verkleben, schliesslich wird der Finger ja post-OP noch geschient. In den Staaten jedoch macht man es, wie ich es getat hatte, man näht zu, danach reisst die Sehne oder eben meist nicht. Reisst sie, kommt die Folge-OP. Puh, noch einmal Glück gehabt ...
hektor2 15.10.2018
3. Qm
Für mich ist daran auch die heilige Kuh "QM" mitschuldig. Ich erlebe sie oft als flächendeckende Verantwortungslosigkeit.
unaufgeregter 15.10.2018
4. Risiko
Das unternehmerische Risiko trägt mein Arbeitgeber und ich bin nicht bereit, es zu übernehmen. Warum auch? Wenn ich Fehler mache, stehe ich dazu und wüsste nicht, warum mir das irgendwie peinlich sein sollte. Leider durfte ich in den vielen Berufsjahren auch erleben, dass Vorgesetzte die Verantwortung für Fehler gerne an den nachgeordenten Bereich übertragen. Zum Glück lassen sich das mittlerweile nur noch wenige Kollegen gefallen.
diplpig 15.10.2018
5. Fehlerkultur kann man schwer verordnen
In den KDR-Branchen (Komplexe Dynamische Riskante Arbeitsfelder) ist eine Vielzahl von Fehler- und Risikotools im Einsatz (Fehlerkonferenzen, CIRS-Systeme, Protokolle zur Aufarbeitung von Fehlern, Komplikationsraten, Fehlerstatistiken, Audits, Penetrationstests, Peer-Reviews, etc). Die Herausforderung besteht in der Bildung einer Kultur, weil es da menschelt und nicht mal eben zu verordnen ist. Außerdem felht es insbesondere an akademischem Wissen zum Thema Fehler. Das ist nowendig, um ein umfassenden Fehlermanagement überhaupt einzuführen und eine entsprechende Kultur wachsen zu lassen. Neben den im Artikel benannten Branchen hätte man auch mal Vertreter der Luft- und Schifffahrt, von Energieversorgern und von Kliniken befragemn sollen. Das hätte ein schönes Gefälle gegeben. Und am Ende heißt es immer: Don´t blame the person - blame the system!
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