Murks im Job Wann muss ich einen Fehler zugeben?

Den Patzer konnte sie stillschweigend ausbügeln. Doch es folgte: das schlechte Gewissen. Soll die Steuerfachangestellte dem Chef ihren Fehler beichten? Ja, sagt Managementexpertin Anne Weitzdörfer.

Das hätte nicht passieren dürfen: Wann muss ich eigene Fehler melden?
Corbis

Das hätte nicht passieren dürfen: Wann muss ich eigene Fehler melden?


"Ich arbeite in einem Steuerbüro, und mir ist vor ein paar Tagen ein kapitaler Fehler unterlaufen: Ich habe versehentlich eine wichtige Datei mit Gehaltsdaten an den falschen Kunden geschickt. Nach der ersten Panikattacke habe ich den Kunden angerufen, mich wahnsinnig entschuldigt und ihn gebeten, die Datei zu löschen. Der Kunde war ziemlich wortkarg, hat aber meine Entschuldigung angenommen. Das Thema beschäftigt mich dennoch, weil mein Chef es nicht weiß und mir den Kopf abreißen würde, wenn er es wüsste. Soll ich ihm den Fehler beichten oder nicht?"

Marleen, 29 Jahre

Zur Autorin
  • Tobias Nikolajew
    Als Beraterin und Coach kennt Anne Weitzdörfer sich mit Problemen im Büro bestens aus. Bevor sie sich selbständig machte, war sie einige Jahre in einer Strategieberatung tätig. Heute berät sie Unternehmen im Bereich Organisationsentwicklung.
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Karriereberaterin Anne Weitzdörfer antwortet:
Ich glaube, jeder von uns hat so eine Situation schon einmal erlebt: Ein grauenvoller Moment, wenn man bemerkt, was passiert ist. In einem Steuerbüro mit hochsensiblen Gehaltsdaten ist das vermutlich der GAU.

Viele Menschen wären direkt in Schockstarre verfallen. Sie aber haben die Verantwortung für Ihren Fehler übernommen und direkt gehandelt. Das ist doch schon mal eine sehr gute Nachricht.

Trotzdem ist es naheliegend und menschlich, sich dem zu erwartenden Donnerwetter durch Ihren Chef zu entziehen und die Sache heimlich auf sich beruhen zu lassen. Sie haben daraus gelernt, und ich bin sicher: So etwas passiert Ihnen nie wieder.

Allerdings bleibt eine leise Angst in den nächsten Wochen und Monaten. Was, wenn Ihr Chef den Kunden irgendwann abends an der Bar im Tennisklub trifft und der nach dem dritten Bier erzählt, was für einen Bock Sie da geschossen haben?

Er fühlt sich zu Recht hintergangen

Ihr Chef steht nicht nur vor dem Kunden ziemlich blöd da, sondern Sie nehmen ihm auch die Möglichkeit, sich von "offizieller Seite" noch einmal ausdrücklich für den Fehler zu entschuldigen. Das ist das Mindeste, was er tun kann, und ehrlich gesagt darf der Kunde das auch erwarten.

Darüber hinaus fühlt er sich vollkommen zu Recht hintergangen. Und das wiederum zerstört das Vertrauen in Sie als Mitarbeiterin. Und schürt zudem den Verdacht, dass da noch mehr im Argen ist. Das sollten Sie weder Ihrem Chef noch sich selbst zumuten.

Sie merken, worauf ich mit diesem Katastrophenszenario hinauswill: Beichten Sie. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Und ja, vielleicht rastet Ihr Chef aus und reißt Ihnen den Kopf ab. Aber da müssen Sie jetzt leider durch. Sie werden danach für ein paar Tage wie ein begossener Pudel durchs Büro schleichen.

Aber da das keiner mit ansehen kann, werden Ihre Kollegen und auch Ihr Chef Sie irgendwann wieder aufmuntern und vielleicht sogar die eigenen Fehler zum Besten geben. Und danach ist die Sache dann auch ausgeräumt und alles wieder gut. Also los, fassen Sie sich ein Herz und bringen es hinter sich!



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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
sarah s. 12.02.2016
1.
Solche kapitalen Fehler sollte man immer umgehend beichten. Das ist nie angenehm. Es kommt aber auch auf den Vorgesetzten an. Es gibt tatsächlich Vorgesetzte, die zwar enttäuscht wären, wenn so ein Fehler passiert, aber im Nachhinein froh sind, dass der Mitarbeiter von sich aus alles offen gelegt hat. Das ermöglicht dem Vorgesetzten sachlich das Problem aus der Welt zu schaffen. In diesem Fall wäre es wohl das Gespräch mit dem Kunden, der die Daten erhalten hat und mit dem Kunden, wessen Daten versehentlich weiter gegeben worden sind. Die Situation ist sicher nicht angenehm. Dann gibt es aber natürlich auch Vorgesetzte, die sehr emotional reagieren können. Bei denen würde ich einfach auf Durchzug schalten und den Druck ertragen. Sofern Sie sich bislang nichts haben zu schulde kommen lassen, und es Ihr erster Fehltritt war finde ich diesen verzeihlich.
crossbow17 12.02.2016
2. Es gibt Verfahren die das Risiko vermindern
Gehaltsdaten-Datei verschlüsseln und senden, Schlüssel in extra mail an zweite Person. Zweimal irrt man sich eher nicht.
polarwolf14 12.02.2016
3. goldene Regeln
1. Niemals Fehler zugeben 2. Wenn möglich, untergebene oder Kollegen dafür verantwortlich machen 3. Nur zugeben, wenn taktisch sinnvoll Es geht stets um die eigene Haut und das eigene Geld. Solange andere darunter leiden müssen, egal.
ketzer2000 12.02.2016
4. Zeichen von Stärke
Auch im internationalen Vergleich ist es ein Zeichen von persönlicher Stärke einen Fehler zuzugeben. Meine Erfahrung im internationalen Bereich zeigt, dass es z.B. einem Asiaten so gut wie unmöglich ist, einen Fehler zuzugeben. Ich persönlich wäre zwar von so einem gravierenden Fehler nicht begeistert, der Anruf beim Kunden und das Geständnis würden dem Mitarbeiter nicht zum Nachteil gereichen. Gerade eine Kultur des Verschweigens führt dazu, dass das Management nicht von maßgeblichen Sachverhalten für Unternehmensentscheidungen informiert wird.
crossbow17 12.02.2016
5. Es gibt Verfahren die das Risiko vermindern
Gehaltsdaten-Datei verschlüsseln und senden, Schlüssel in extra mail an zweite Person. Zweimal irrt man sich eher nicht.
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