Doku über Unternehmensberater Eine wirklich radikale Veranstaltung

"Der Sinn muss einfach da sein": Berater sprechen ihre eigene Sprache - verstehen kann sie kaum jemand. Filmemacher Harun Farocki hat Hamburger Unternehmensberater mit der Kamera begleitet und sich ihnen wie ein Ethnologe genähert. Zu Recht, wie sein Film beweist.

Harun Farocki

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Sprache ist eine tolle Erfindung. Sie macht es möglich, sich gegenseitig allerlei Sachverhalte mitzuteilen, seien sie auch noch so kompliziert. Theoretisch. In der Praxis kann das anders aussehen, selbst bei gleichen Sprachkenntnissen. Das zeigt die Dokumentation "Ein neues Produkt" von Harun Farocki, 68. In dem Film des Berliners fallen Sätze wie: "Das ist am wenigsten Raumplanung, das ist am meisten Mindset."

Farocki hat ein Jahr lang Hamburger Unternehmensberater mit der Kamera begleitet. Die Agentur Quickborner Team, laut eigenem Internetauftritt eine "Gesellschaft für Planung und Organisation", berät Firmen wie den Unilever-Konzern oder Vodafone bei der Umstrukturierung und Inneneinrichtung ihrer Großraumbüros. In Düsseldorf wollen die Consultants bei dem Telekommunikationsunternehmen persönliche Arbeitsplätze abschaffen - jeder soll überall arbeiten können. Und das klingt so:

"Das geht dann eben zu Lasten eines hohen Individualisierungsgrads, zu Gunsten einer Standardisierung. Individualität muss anders stattfinden, als dass ich sage: Ich habe hier eben meine eigenen Blumen und meine eigene Artenvielfalt in irgendwelchen Postkarten und Überraschungseier-Inhalten. Das muss man in der heutigen Arbeitswelt anders angehen." Ein Kollege behauptet gar, dass die "freie Wahl des Arbeitsplatzes eine Entwicklung ist, die in der Gesellschaft zu sehen ist".

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Wie bitte?: Film über Unternehmensberater und ihre Sprache
Farocki glaubt, dass solche Sprachkonstruktionen typisch sind für die Branche. "Berater verbalisieren die Phänomene des Zeitgeists", sagt er. "Natürlich geht es bei solchen Umgestaltungen aber um Geld. Bei den hohen Quadratmeterpreisen soll gespart werden." Dafür finden die Mitarbeiter des Quickborner Teams in Farockis Film viele schöne und durchdacht klingende Begriffe.

Ein Mantel hat eine Semantik und einen Schlitz

Ihre Sprache ist dabei offenbar ihre größte Kompetenz. Scheinbar Banales soll mit Ideologie und Bedeutung aufgeladen werden: "Früher ging ich in eine Firma rein. Und der Mantel des Gebäudes war meine Seele. Dieser Mantel muss stark sein, damit der Kern im Unternehmen erfolgreich wird. Das passt auch ganz gut in die Zeit." Und weiter: "Ein Mantel hat eine Semantik. Man sieht schon etwas vor sich, das aus Wolle ist oder einen Schlitz hat."

Es sind Sätze wie aus dem Wochenend-Philosophiekurs an der Volkshochschule. Dabei stammen sie aus einem internen Brainstorm-Meeting der Unternehmensberatung, die Farocki für den Film begleitet hat. "Diese Meetings sind eine wirklich radikale Veranstaltung. Da wird das Elementarste hinterfragt. Das ist ein verbales Training, da üben sie das artistische Sprechen", sagt der Filmemacher.

Bewaffnet mit Flip-Charts, Post-its und Lackstift wird über Unternehmenskultur und Gebäudebeschaffenheit diskutiert, als gelte es zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält. "Sie reden wie in einem Rausch darüber, dass auch das Privatleben in die Ziele des Berufslebens mit einbezogen werden soll. Das ist fast wie sozialistischer Kapitalismus", sagt Farocki. Für "Ein neues Produkt" hat sich der Regisseur den Unternehmensberatern fast wie ein Ethnologe einem unbekannten Volk genähert. Er verzichtet auf Interviews und Off-Kommentare, lässt stattdessen nur die Bilder und ihre Protagonisten und Rituale sprechen.

Werthaltig ist das neue Profitabel

Trotzdem stellt er sie damit nicht bloß. Sein Film zeige, dass die Consultants fähig seien, so Farocki. Sie würden eben nur ihren eigenen sprachlichen Code verwenden. "Bestimmte Worte wie werthaltig sind Standard, man sagt nicht profitabel. Oder bevorzugt Technologie statt Technik. Diese spezielle Ausdrucksweise ist eine der Kompetenzen der Branche."

Ab und zu lässt sich der moderne Unternehmensberater aber auch einfach mal zu einem simplen sprachlichen Bild hinreißen, etwa wenn es um die Bereitschaft von Mitarbeitern zur Weiterbildung geht. Eine kleine Fragerunde:

"Manchmal sind ja so Metaphern ganz schön. Wenn ich also bereit bin, bei diesem Bild der Muschel, also bisschen austernmäßig, hehehe… wenn ich bei dem bereit bin zu bleiben, was ist denn das Wichtige, das Schöne an der Auster? Unter anderem?"

"Dass sie gut schmeckt."

"Ja, aber was passiert bei der Auster noch? Wir wissen es alle."

"Sie öffnet und sie schließt sich."

"Ja, und dann passiert manchmal was?"

"Perle."

"Da kommt eine Perle rein. Und was ist eigentlich die Perle? Die Perle ist, weil sie sich geöffnet hat, eigentlich eine Verletzung der Auster. Es kommt ein Sandkorn rein, dadurch verletzt sie sich, aber daraus entsteht eine Perle. Und muss eben durch die hier unterstützende Führung gegeben werden, damit ich bereit bin, mich zu öffnen, meinetwegen auch das Sandkorn und die Verletzung hinzunehmen. Aber daraus entsteht dann die Perle. Wichtig ist es, die eigene Bereitschaft zu öffnen. Das ist auch eine Führungsaufgabe. Der Sinn muss einfach da sein."

Wer sich nun in der Firma beim nächsten Aufruf zu einer Fortbildung angesprochen fühlt, sollte mit Binsenweisheiten gewappnet sein. "Rationalisierung ist immer aufwendig - eben auch sprachlich", sagt Farocki.

"Ein neues Produkt" war im Haus der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen und ist auf der Video-on-Demand-Plattform realeyz mit englischen Untertiteln zu finden.

  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
gekreuzigt 12.10.2012
1. wozu?
Sein Film zeige, dass die Consultants fähig seien ... Zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen. Wer solche Leute einmal erleben durfte, merkt schnell, dass sich hinter dem ganzen Schaumschlagen so gut wie keine Substanz verbirgt.
gehlhajo_reloaded 12.10.2012
2. Der Unternehmensberater...
Ein Schäfer steht mutterseelenallein auf seiner Wiese und hütet seine Schafe. Plötzlich tauchte in einer großen Staubwolke ein nagelneuer Cherokee-Jeep auf und hält direkt neben ihm. Der Fahrer des Jeep, ein junger Mann in Brioni-Anzug, Cerrutti-Schuhen, Ray-Ban-Sonnenbrille und einer YSL-Krawatte, steigt aus und fragt ihn: „Wenn ich errate, wie viele Schafe Sie haben, bekomme ich dann eines?“ Der Schäfer schaut den jungen Mann an, dann seine friedlich grasenden Schafe und sagt ruhig: „Einverstanden.“ Der junge Mann parkt den Jeep, verbindet sein Notebook mit dem Satelliten-Handy, geht im Internet auf eine NASA-Seite, scannt die Gegend mit Hilfe seines GPS-Satelliten-Navigationssystems, öffnet eine Datenbank und 60 Excel-Tabellen mit einer Unmenge Formeln. Schließlich druckt er einen 150-seitigen Bericht auf einem High-Tech-Minidrucker aus, dreht sich zu dem Schäfer um und sagt: „Sie haben exakt 1586 Schafe.“ Der Schäfer sagt: „Das ist richtig, suchen Sie sich ein Schaf aus.“ Der junge Mann nimmt ein Tier und lädt es in den Jeep ein. Der Schäfer schaut ihm zu und sagt: „Wenn ich Ihren Beruf errate, geben Sie mir das Schaf dann zurück?“ Der junge Mann antwortet: „Klar, warum nicht.“ Der Schäfer sagt: „Sie sind Unternehmensberater.“ „Das ist richtig, woher wissen Sie das?“, will der junge Mann wissen. „Sehr einfach“, sagt der Schäfer, • „erstens kommen Sie hierher, obwohl Sie niemand gerufen hat, • zweitens wollen Sie ein Schaf als Bezahlung haben dafür, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß, und • drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich mache! So, und jetzt will ich meinen Schäferhund zurück.“ Mehr gibt es dazu nicht zu sagen....
jörg66 12.10.2012
3.
Schoenes Bild mit der Auster und der Perle. Und es offenbart wunderbar den vollen Zynismus der Branche. Schliesslich nuetzt die Perle nicht der Auster selbst, sondern ihren Ausbeutern. Und sie muss noch dafuer sterben.
giovannihh 12.10.2012
4. optional
Wo kann man den Film sehen?
mcafro 12.10.2012
5. gähn...
okay, und der neunmalkuge gibt witze zum besten, deren bart nun wirklich ganz extrem lang ist. zum glück aber ist der witz so erzählt, dass er völlig frei von jeglichen vorurteilen ist :-) "Der Unternehmensberater" an sich ist schon eine albernheit. Was den? Managementberatung? SAP? Technologie? Personal? ... ? ... ? ich arbeite als "Unternehmensberater" und musste erstmal grübeln, wofür YSL überhaupt steht, fahre einen 7 jahre alten Ford Focus Kombi (Jahreswagen, Bundeswehr Edition) anstelle eines SUV, habe bei Mietwagen die Golfklasse nie überschritten und gebe mein bestes, meinen kunden zu helfen bei dingen, die sie nicht wissen, ich aber (und, nein, dass ist nicht bei allen themen so, ich weiss sehr wohl, dass meine kunden dinge wissen, die ICH nicht weiss, und dann, in echt, halte ich auch gerne unbezahlt die klappe). aber wie dem auch sein, zum glück haben unternehmensberatungen ja (nicht näher bekannte) druckmittel, die alle unternehmen zwingen, sie anzustellen und sich freiwillig bis in den tot ausbeuten zu lassen.
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