Filmvorführer Ende der Vorstellung

Statt schwere Filmrollen herumzuwuchten, drücken Kinomitarbeiter heute nur noch auf einen Knopf. Doch einige wenige Projektionisten gibt es noch. Ursula Seifried ist auch nach 40 Jahren bei jedem Rollenwechsel aufgeregt.

Eine der letzten ihrer Art: Filmvorführerin Ursula Seifried
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Eine der letzten ihrer Art: Filmvorführerin Ursula Seifried


Präzision ist alles für Ursula Seifried. Von ihrer Fingerfertigkeit hängt ab, ob die Besucher im Berliner Kino Arsenal ein ungetrübtes Kinoerlebnis haben. Die 65-Jährige ist Filmvorführerin. Anfang der Siebzigerjahre, als Studentin, verkaufte sie im Arsenal Eintrittskarten. Dann wechselte sie vom Kassenhäuschen in den Vorführraum - damals ein ungewöhnlicher Job für eine junge Frau. Ihre Mutter wäre lieber gewesen, sie wäre Sekretärin geworden. "Das wollte ich aber auf keinen Fall", sagt Seifried.

Seitdem sind mehr als 40 Jahre vergangen, Seifried wird bald in Rente gehen. Am Ende ihres Arbeitslebens steht auch ihr Berufsstand vor dem Ende. Das Arsenal ist eines der wenigen Kinos, die Filme noch auf herkömmliche Weise zeigen: auf kiloschweren Filmrollen, die ein Vorführer in einen Projektor hievt.

Ein durchschnittlicher Spielfilm besteht aus fünf solcher Rollen. Immer wenn eine von ihnen fast durchgelaufen ist, muss der Filmvorführer die nächste in einen Projektor legen und sekundengenau auf die neue überblenden. Wann es so weit ist, verrät ihm ein kleines Zeichen in der rechten oberen Ecke des Films - ein Kreis, ein Quadrat oder ein Dreieck, das nur für Sekundenbruchteile auf der Leinwand sichtbar ist und das die meisten Zuschauer im Saal kaum wahrnehmen.

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Der Einzug des digitalen Zeitalters in die deutschen Kinos begann schon vor einigen Jahren, sukzessive wurden die analogen Projektoren durch digitale ausgetauscht. Eine Wahl hatten die Kinos nicht: "Die Verleiher liefern keine 35-Millimeter-Kopien mehr", sagt Andreas Kramer, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands deutscher Filmtheater in Berlin.

Stattdessen kommen neue Filme heute meist als Datenpaket auf einer Festplatte in die Kinos, wo sie auf einen Server geladen werden. Etwa 98 Prozent aller deutschen Kinos hätten die Umstellung bereits hinter sich, sagt Kramer. Mitunter wird bei großen Ketten der Film auch zentral gestartet, von einer anderen Stadt aus. Auch das Arsenal hat inzwischen einen Digitalprojektor. Weil das Lichtspielhaus aber hauptsächlich historische Filme zeigt, werden auch weiterhin die alten Projektoren rattern.

"Den klassischen Beruf des Filmvorführers, den gibt es in dieser Form nicht mehr, der entfällt", sagt Kramer. Es ist auffällig, wie nüchtern das Aussterben eines ganzen Berufszweiges in der Branche gesehen wird. Selbst Ursula Seifried sorgt sich um etwas ganz anderes. Es sei schlimm genug, dass wegen der Digitalisierung Menschen ihren Job einbüßten, doch "viel schlimmer ist, dass ganz viel Filmgeschichte verlorengeht". Nämlich all jene Filme der vergangenen Jahrzehnte, die nicht genug kommerzielle Aufmerksamkeit erhalten haben und deshalb gar nicht erst digital kopiert werden.

Rollenwechsel im Vorführraum

Die Gewerkschaft Ver.di geht davon aus, dass bis vor wenigen Jahren, vor Beginn der Digitalisierung, noch 3000 bis 4000 Projektionisten in Deutschland arbeiteten. Heute seien es gerade mal noch 200 bis 300, schätzt Frank Schreckenberg vom Ver.di-Fachbereich Medien, Kunst, Industrie vorsichtig, genauer könne man es nicht sagen. Eingesetzt würden sie nur noch in kleinen Arthouse-Kinos, bei den großen Ketten gebe es diese Position gar nicht mehr. Cinemaxx etwa hat erst Anfang des Jahres alle Filmvorführer entlassen, allerdings mit Sozialplan und nach langer Übergangszeit. In Vollzeit haben diesen Beruf auch vor der Digitalisierung nur wenige Menschen ausgeübt.

Ausgerechnet ein langjähriger Arsenal-Kollege Seifrieds outet sich als Befürworter des technischen Wandels. "Ich persönlich find's gut. Das demokratisiert die Filmwelt", sagt Bodo Pagels. Schließlich erhöhten die einfacheren Produktionsmöglichkeiten die Chance für Filmemacher mit kleinem Geldbeutel, ihre Werke ins Kino zu bekommen. Zudem würden viele Kinofilme ohnehin schon seit 20 Jahren auf Video gedreht, am Computer bearbeitet und dann erst auf Film kopiert, sagt der 52-Jährige. Digital sei da schlicht "viel ehrlicher".

Pagels weiß, wovon er spricht, schließlich war er in der DDR einst selbst Amateurfilmer. In der Zentralen Berufsschule des Lichtbildwesens bei Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, begann er eine Ausbildung zum Filmvorführer, die er nach der Wende jedoch abbrach.

Heute kann er beides bedienen, die alten analogen wie auch die neuen digitalen Projektoren. Deren Server seien natürlich weniger reparaturanfällig, räumt auch Ursula Seifried ein. Aber "ansonsten wird da bloß aufs Knöpfchen gedrückt". Das Überblenden während des Films entfällt bei ihnen - und damit die Aufgabe, die der Cineastin trotz ihrer jahrzehntelangen Erfahrung immer noch Nervenkitzel bereitet: "Bei jeder Überblendung geht der Adrenalinspiegel nach oben."

Ben Reichardt/dpa/lot/aha

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Seite 1
errorinpersona 23.07.2014
1.
Bei allem Respekt, aber die Tätigkeit des Projektionisten als Beruf zu bezeichnen ist schon etwas übertrieben. Ich habe in meiner Schulzeit selbst als Filmvorführer gearbeitet und weiß daher, dass lediglich eine Einarbeitung von einem Monat nötig ist um Filmrollen einzulegen, die Maschine zeitgerecht zu starten, Filme zu schneiden und auseinanderzunehmen. Natürlich ist es für die Betroffenen schade, aber der Qualitätsgewinn für den Zuschauer gleicht das mehr als aus. Zudem ist es für kleine Kinos jetzt auch endlich möglich schnell an Filme zu gelangen die sie früher aufgrund der geringen Kopienzahl nicht bekommen hätten.
wittich1965 23.07.2014
2. Good bye, ...
... Frau Seifried und allen anderen Ihrer unauffälligen Zunft.
Herr Wurst 23.07.2014
3. Ergänzungen
Die Nostalgie, die im Artikel zum Ausdruck kommt, war auch schon vor der Digitalisierung dahin. Das Überblenden von Akten, z.B., ist wirklich die ganz alte Schule. Häufiger hat man die Akte zu einer großen Rolle zusammengeklebt, die dann am Stück durchlief. Seit vielen Jahren ist/war es zudem üblich, ungelernte Hilfskräfte, Studenten usw. als Vorführer anzustellen. Ich habe in meiner Laufbahn nur eine Person getroffen, der wirklich eine Ausbildung zum Vorführer (in der DDR) gemacht hatte. Und noch eine Sache: Hier wird der drohende Verlust unzähliger "Orchideen-Filme" mit der Digitalisierung in Zusammenhang gebracht. Tatsächlich ist die Digitalisierung aber deren einzige Rettung: Film, im Sinne des physischen Trägermaterials, ist natürlichen Zerfallsprozessen ausgesetzt. Um sie zu erhalten muss in korrekte Lagerung, Pflege und schlussendlich Kopien investiert werden. Im Falle von Filmrollen muss man das laufend machen, wohingegen man nur 1 Mal eine digitale Kopie zu ziehen braucht. Dies ist letztlich viel kostengünstiger. Angesichts der Unmenge alter Filme können so deutlich mehr erhalten werden. Die masshafte Abschaffung der klassischen Projektoren verschuldet daher nicht den Verlust alter Filme. Ich bin überzeugt, dass es in Großstädten auch weiterhin kleine Häuser oder Museen geben wird, die Filme auf Projektoren zeigen können. Das wird sogar zum Alleinstellungsmerkmal werden.
tlatz 23.07.2014
4. Beruf
Zitat von errorinpersonaBei allem Respekt, aber die Tätigkeit des Projektionisten als Beruf zu bezeichnen ist schon etwas übertrieben. Ich habe in meiner Schulzeit selbst als Filmvorführer gearbeitet und weiß daher, dass lediglich eine Einarbeitung von einem Monat nötig ist um Filmrollen einzulegen, die Maschine zeitgerecht zu starten, Filme zu schneiden und auseinanderzunehmen. Natürlich ist es für die Betroffenen schade, aber der Qualitätsgewinn für den Zuschauer gleicht das mehr als aus. Zudem ist es für kleine Kinos jetzt auch endlich möglich schnell an Filme zu gelangen die sie früher aufgrund der geringen Kopienzahl nicht bekommen hätten.
Wenn wir die Ausbildungs- oder Einarbeitungszeit als Maßstab dafür nehmen, was ein Beruf ist, dann wird es aber langsam eng für sehr viele ungelernte Arbeiter. Ich glaube z.B. nicht, dass die Einarbeitungszeit für einen Abfallentsorger, einen Fensterputzer oder einen Hilfsarbeiter am Bau länger ist als der von Ihnen zitierte Monat. Die Leute, die solchen Tätigkeiten acht Stunden am Tag nachgehen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten sind aber nach Ihrer Logik Menschen ohne Beruf.
Tostan 23.07.2014
5.
Zitat von errorinpersonaBei allem Respekt, aber die Tätigkeit des Projektionisten als Beruf zu bezeichnen ist schon etwas übertrieben. Ich habe in meiner Schulzeit selbst als Filmvorführer gearbeitet und weiß daher, dass lediglich eine Einarbeitung von einem Monat nötig ist um Filmrollen einzulegen, die Maschine zeitgerecht zu starten, Filme zu schneiden und auseinanderzunehmen. Natürlich ist es für die Betroffenen schade, aber der Qualitätsgewinn für den Zuschauer gleicht das mehr als aus. Zudem ist es für kleine Kinos jetzt auch endlich möglich schnell an Filme zu gelangen die sie früher aufgrund der geringen Kopienzahl nicht bekommen hätten.
Bei allem Respekt, aber die Tätigkeit des Kochens als Beruf zu bezeichnen ist schon etwas übertrieben. Ich koche selbst täglich und weiss daher dass da kam kenntnisse nötig sind um Wasser warmzumachen und Soßenpulver einzurühren. Ehrlich - Man hat es auch früher gemerkt ob das Kino (mindestens einen) qualifizierten Projektionisten mit viel Erfahrung beschäftigte oder nur auf Aushilfskräfte mit kurzer Einarbeitungszeit setzte. Zum Beruf des Projektionisten gehörte viel mehr als nur den Projektor zu bedienen. Fundierte Kenntnisse der Technik, der Pflege und Wartung gehörten dazu, Kenntnisse in Optik und akustik und vorallem viel Erfahrung und die Filmvorführung immer und in jedem Fall ohne Störungen durchzuziehen.
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