Freunde von Finanzberatern Haste vielleicht nen Tipp?

Gute Freundschaften sind ein Vermögen wert. Besonders, wenn die Kumpel in Finanzberufen arbeiten: Ein Vermögensverwalter, eine Rentenberaterin und ein Inkassounternehmer erzählen von Gefälligkeiten bei Kaffee und Kuchen.

Protokolliert von David Krenz


Wenn am Sonntag der Backenzahn schmerzt, wenn kurz vor dem Abgabetermin der Rechner die Diplomarbeit verschluckt, wenn die Spüle in der Nacht die Küche flutet, dann sind gute Freunde unentbehrlich. Vor allem, wenn sie von Beruf Zahnarzt, Informatiker oder Klempner sind.

Wie sieht das bei Leuten aus, die in Finanzberufen arbeiten? Für welche Freundschaftsdienste werden sie nach Feierabend in Beschlag genommen? Hier erzählen drei von ihren Erfahrungen. Ein Finanzberater, der auf Fragen nach heißen Anlagetipps mit griechischen Philosophen antwortet, ein Inkassounternehmer, der schon mal mit Knochenbrechern von der Reeperbahn verwechselt wird und eine Rentenberaterin, die auf Familienfesten regelmäßig belagert wird.

Die Rentenberaterin: "Manche sehen die Grenze nicht"

"Tanten, Onkels, Geschwister, Nichten, Neffen - erkundigt haben sich schon viele bei mir. Das Netzwerk ist ja in solchen Fällen riesengroß: 'Du weißt doch, ich bin der Neffe von dem und dem', so hört sich das an. Je größer die Familienfeste, desto mehr Fragen höre ich. Die Top-Zwei: 1. 'Wann kann ich in Altersrente gehen?' 2. 'Du, ich hab da Zeiten im Versicherungsverlauf, die ich nicht erklären kann. Hast du eine Idee?'

Einmal kam ein befreundeter Nachbar und half mir beim Dachfenster-Einbauen in unserem Haus. Danach habe ich ihn beraten, wann er seinen Rentenantrag stellen soll und ihn auf die Fristen aufmerksam gemacht.

Manche Bekannte trauen sich nicht, mich direkt um Hilfe zu fragen, und kommen dann hintenrum. Zum Beispiel kursieren ja viele Gerüchte zur Anrechnung der Schulzeiten auf die Rente. Wenn ich zufällig dabei stehe, wird die Aussage in den Raum geworfen. 'Die Schulzeiten zählen ja gar nicht mehr...' Dabei schwingt die Aufforderung mit: Bitte sag doch was.

Das erkläre ich dann auch. Wenn es aber um konkrete Rentenansprüche geht, dann muss ich eine Akte anlegen, ich brauche eine Bevollmächtigung, dass ich für die Person nach außen auftrete, um Ansprüche durchzusetzen. Das geht nur in meiner offiziellen Rolle.

Fast keiner in meinem Bekanntenkreis kann sich zu 100 Prozent vorstellen, was ich in meinem Beruf genau tue. Ich wähle dann einen simplen Vergleich mit dem Steuerberater: Der prüft Steuerbescheide auf Richtigkeit - und ich Rentenbescheide. Wenn ich spüre, der fragt wirklich aus Interesse und will nicht nur höflich sein, dann erzähle ich, dass ich auch vor Gerichte gehe.

Ich mache meine Arbeit gerne, bin stolz auf meinen Beruf und neugierigen Fragen offen gegenüber. Manche sehen aber die Grenze nicht – oder wollen sie nicht sehen. Am Kaffeetisch will ich einfach in netter Runde plaudern und nicht auf ein komplexes Thema festgenagelt werden. Um in solchen Fällen eine Grenze zu ziehen, sage ich: 'Wir kommen hier jetzt in den spekulativen Bereich. Wenn du es genau wissen willst, sollten wir das Gespräch zu einem passenden Termin in meiner Kanzlei fortsetzen.'"

Marina Herbrich (Jahrgang 1967), Rentenberaterin in Berlin

Der Vermögensverwalter: "Freunde will ich nicht als Kunden haben"

"Anders als bei der professionellen Beratung drehen sich die Fragen im privaten Kreis nicht um eine Gesamtstrategie, sondern um ein paar schnelle Tipps: Wie entwickelt sich der Euro? Soll ich mir Silber zulegen? Thema Nummer eins sind Immobilien. 'In meinem Umfeld kaufen sich alle Wohnungen, Hannes, was hältst du davon?' Die Frage beantworte ich exakt so, wie ich sie auch einem Kunden beantworten würde: Wer momentan eine Immobilie kauft, macht in der Regel einen Fehler. Die Bruttomietrenditen sind niedrig, die Nebenkosten hoch, es rechnet sich nicht.

Freunde und Bekannte will ich nicht als Kunden haben – zu gefährlich. Wenn man nicht gerade Tagesgeld wählt, liegt es in der Natur der Sache, dass die Geldanlage sich anders entwickeln kann, als gedacht. Ich kann ja nicht hexen. Und ich würde nicht wollen, dass sich ein Verlust auf die Freundschaft auswirkt.

Stattdessen gebe ich Hinweise und zeige ihnen, wie sie es selbst machen können. Viele Bankberater und angebliche Börsengurus mystifizieren den Beruf, die richtigen Aktien oder Fonds auszuwählen sei super schwierig, erzählen sie und sprechen von Chartanalysen, Fundamentalanalysen und allem möglichen. Sie breiten einen Nebel aus, um eine Rechtfertigung für ihre Gebühren zu haben. Das mache ich nicht, weil ich nicht dran glaube, dass es solche Geheimmethoden gibt.

Doch genau das ist es, was sich viele erhoffen: einen Geheimtipp. Die Erwartungen muss ich natürlich enttäuschen. Die Finanzkrise von 2008, das Problem in Griechenland - kann ich den Leuten gern erklären. Im Nachhinein. Ich kann daraus keine Schlüsse für die Zukunft ziehen. In solchen Fällen antworte ich – ich habe ja auch Philosophie studiert – mit Sokrates: 'Ich weiß, dass ich nichts weiß.'"

Hannes Peterreins (Jahrgang 1966), Vermögensverwalter in München

Der Inkassounternehmer: "Wie Bären mit Honig anzulocken"

"Auf Feierlichkeiten oder am Kneipentresen meinen Beruf zu nennen, vermeide ich. Nicht etwa aus Scham, ich will einfach keine Begehrlichkeiten wecken. Das wäre ja, wie Honig zu verteilen, und sich dann zu wundern, wenn die Bären kommen.

Für gute Bekannte habe ich natürlich ein offenes Ohr. Eigentlich stellen alle die gleiche Frage: Wie komme ich an mein Geld? Mein Vater hatte seine Wohnung von einem Handwerker renovieren lassen, das Ergebnis war stümperhaft, doch die 1000 Euro Vorschuss wollte er nicht zurückzahlen. 'Na gut, mein Jung, dann mach mal!', sagte mein Vater zu mir. Als ich die Schufa-Auskunft des Handwerkers sah, wusste ich gleich: wird schwierig. Das war vor zwölf Jahren, den Knaben habe ich immer noch am Haken. In meiner Kartei gibt es rund 300 Langzeitfälle, die Entwicklung zum Wadenbeißer gehört zum Beruf.

Ansonsten gibt es viele falsche Klischees. Es rief mal einer an, der hatte 50.000 Mark verliehen. 'Der Schuldner ist ein Schlitzohr', sagte er, 'da kommen Sie mit Briefen nicht weit.' Was er sich vorstelle, fragte ich. 'Die härtere Vorgehensweise.' Der hat wohl eher einen Knochenbrecher von der Reeperbahn gesucht. Ich mache so etwas nicht. Dann wäre ich sofort meine Lizenz los.

In 40 Prozent meiner Fälle geht es um private Darlehen. Bei Geld hört die Freundschaft auf, dieser Spruch gilt nach wie vor. Gerade habe ich ein Mandat einer Dame erhalten, ihr Bruder schuldet ihr 5000 Euro, ist mit der Zahlung Monate in Verzug. Zum Glück hat sie einen schriftlichen Nachweis. Das rate ich meinen Bekannten auch immer: Wenn jemand Geld verleiht, soll er ein Schriftstück aufsetzen. Sonst steht man vor Gericht auf wackligen Füßen.

Manchmal passiert es übrigens doch, dass Fremde von meinem Beruf erfahren: Vor zwölf Jahren hatte meine Frau am 3. Advent einen vereiterten Backenzahn. Wir fuhren zum Zahnarzt, der Notdienst hatte. Meine Frau hörte nebenan den Doktor zur Assistentin sagen: 'Mensch, dieser Müller hat noch immer nicht bezahlt.' Meine Frau rief aus dem Behandlungsstuhl: 'Wissen Sie, ich kenne da ein gutes Inkassobüro.' Seitdem ist der Zahnarzt mein Kunde – und ich bin sein Patient."

Wolfgang Wissner (Jahrgang 1951), Inkassounternehmer in Quickborn



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
mborevi 23.07.2015
1. Es ist leicht zu belegen, dass ...
... an dieser ganzen Finanzberaterei nichts dran ist: Wäre etwas damit los, dann wären die Finanzberater selbst die reichsten Leute und bräuchten diesen unbeliebten Job nicht mehr zu machen.
taggert 23.07.2015
2. Freunde: Haste vielleicht einen Tipp?
Ach ja... Kommt einem bekannt vor. Welcher Beruf kennt die hier geschilterten Probleme nicht? Das gibt es wohl durch alle Berufe in allen Gehaltsklassen. :) Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Berufe im "Vermögens / Finanzbereich" besonders heikel sind. Ein falscher Ratschlag und schon ist es vorbei mit der Freundschaft, denn wie sagte der Inkassounternehmer: "Bei Geld hört die Freundschaft auf!" Da spielt es dann wohl auch keine Rolle wenn man jemanden vorher auf ein mögliches Risiko und oder die Eigenverantwortung hinweist. :)
stammtischschreck 23.07.2015
3. Wie es aus dem Wald schreit, so ruft man hinein...
als PC-kundiger (wichtig, s.u.: Ich bin NICHT selbständig!) bin ich da auch eher Opfer als Täter, deshalb habe ich auch wenig Hemmungen, meinen Bekanntenkreis (Steuerberater, Anwalt, Physiotherapeutin usw) beim Bier anzuzapfen. Wenn ich etwas kann, dass Freunde gebrauchen können, ist das doch im Sinne aller eine Verbesserung. Umgekehrt bin ich aber ein absoluter Feind von Netzwerkmarketing, mit Freundschaften Geld zu verdienen ist nicht ok. Ich finde es aber immer wieder bemerkenswert, dass die Reaktionen doch sehr von der beruflichen "Erlebniswelt" geprägt sind: Als Gefragte reagieren Selbständige häufig deutlich genervter (z.B. Steuerberater versus Finanzamtsmitarbeiter), als Fragende bin ich z.B. bei einem Handwerker, dem ich was am Rechner gerade gebogen habe, auf völliges Unverständnis gestoßen, das angebotene Geld abzulehnen...wie man's gewohnt ist, halt...
HaioForler 23.07.2015
4.
Zitat von mborevi... an dieser ganzen Finanzberaterei nichts dran ist: Wäre etwas damit los, dann wären die Finanzberater selbst die reichsten Leute und bräuchten diesen unbeliebten Job nicht mehr zu machen.
Es gibt unter Finanzberatern wie unter anderen Menschen auch welche die Ahnung haben, und andere wiederum nicht. Derjenige, der Ahnung vom Kapitalmarkt hat, muß nicht selbst reich sein. Dies würde ja bedeuten, daß arme Menschen keine Bücher über Finanzen verstehen könnten. Man muss selbstverständlich Investitionskapital haben oder eben Rücklagen bilden können; auch kleine reichen hier. Da gibt es durchaus Qualitätsunterschiede und viele Dinge, die es zu beachten gilt. Dass man dabei nicht unbedingt auf alle möglichen Areten von Berater angewiesen ist, da gebe ich Ihnen recht. Ob der jeweilige Finanzberater seine eigenen Interessen oder ehr die des Kunden vertritt, da sind wir wohl einer Meinung: meist die eigenen. Das heißt aber nicht, dass er niemand aus dieser Branche Ahnung hätte. Und selbst bei einem unbeliebten Job (80% aller Bürger machen einen Job, der nicht ihr "liebster" ist), kann dennoch Lebensunterhalt herausspringen. Eben darum macht man ihn ja, und nicht aus Fun am Aufstehen. So einfach sind Wirtschaft und Kapitalanlage nun auch nicht, dass alles gleich und egal wäre.
lupidus 23.07.2015
5.
Zitat von mborevi... an dieser ganzen Finanzberaterei nichts dran ist: Wäre etwas damit los, dann wären die Finanzberater selbst die reichsten Leute und bräuchten diesen unbeliebten Job nicht mehr zu machen.
ich glaube sie haben das berufsbild nicht verstanden. nach ihrer logik wären ärzte niemals krank und kfz-mechaniker hätten nie einen schaden am auto...
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