Fitness für Büromenschen Raketenfrau auf dem Bürostuhl

Sitzen ist schlecht. Sport ist gut. Das eine tun wir den ganzen Tag, das andere zu selten. Gegen dieses Übel haben findige Bürokenner eine Idee entwickelt: Der "Office Gym" macht den Schreibtischstuhl zum Fitnesscenter. Bringt's das? Maren Hoffmann absolvierte den schonungslosen Selbsttest.

Sport am Schreibtisch: Wer sich traut, kann seinen Bürostuhl zum Fitnesscenter tunen

Sport am Schreibtisch: Wer sich traut, kann seinen Bürostuhl zum Fitnesscenter tunen


Tag für Tag acht Stunden auf diesem Bürostuhl. Ich telefoniere, ich schreibe, ich lese. Im Grunde spielt sich ein Großteil meines Lebens auf rund einem Viertelquadratmeter schwarzen Polsterstoff mit Rollen drunter ab. Gut ist das nicht. Wer lange sitzt, schadet seiner Gesundheit. Eigentlich müssten Bürostühle Aufdrucke haben: "Sitzen ist schädlich für Ihren Bewegungsapparat".

Aber ab heute wird alles anders. Ich werde meinen Arbeitsplatz zum Sportstudio umbauen. Möglich machen soll das der "Office Gym", die Kreation zweier findiger Baden-Württemberger. Im Karton liegt ein mit vielen Gurten versehenes Gerät, das aussieht, als könne ich es mir auf den Rücken schnallen und damit wahlweise steile Grate erklimmen oder die Welt retten. Es handelt sich aber um eine Art Expander, den man auf die Rückenlehne des Bürostuhls schnallt.

"Kann man damit abheben?", fragt ein Kollege interessiert. "Nein", prahle ich, "aber damit wird sich mein Bizeps verdoppeln." Der Kollege flieht sicherheitshalber Richtung Raucherecke.

Ich gurte fleißig, nach einer Weile sieht mein harmloser Rollenstuhl aus, als hätte er Auspuffrohre. Er wirkt jetzt definitiv nicht mehr wie der Stuhl von jemandem, der möglicherweise eine große Karriere vor sich hat. Eher wie der Stuhl von jemandem, der vielleicht in einer ruhigen Ecke im Archiv besser aufgehoben wäre als im direkten Kunden- oder Kollegenkontakt. Aber es gibt kein Zurück mehr. Beim Anbringen der Griffe entscheide ich mich für die Variante "Strong" mit markigen schwarzen Bändern. Als Frau muss ich mich schließlich in einer von Männern dominierten Arbeitsumgebung durchsetzen. Die zartlila Gummistränge "Soft" können da nur kontraproduktiv sein.

Und ziiieeehen...

"Sieht aus wie ein Raumschiff", muntert mich Kollege zwei auf, als der Stuhl fertig getunt ist. Ich sehe aber genau, dass in der Denkblase über seinem Kopf etwas ganz anderes steht, als er Richtung Kaffeeküche schlendert. Er kommt zurück, als eine Kollegin und ich gerade versuchen, eine Übung auf dem Stuhl auszuprobieren: Rechte Pobacke auf der Sitzfläche, linkes Knie auf dem Boden und ziiieeehen. Ziiieeehen. Ziiieeehen.

Das geht tatsächlich auf die Muskeln. Und auch die Spontan-Gaffer aus dem Großraumbüro reagieren begeistert. Die anderen Übungen sind ebenfalls nicht ohne. Ein Begleitheftchen informiert, welche Muskelgruppen mit Lumbal-Dehner, Bankdrücker, Schulter-Aktivator und Cuff Rotator aktiviert werden.

Für einige Übungen muss man das Gestänge nach unten klappen. Das wirkt etwas dezenter, sieht aber gleich so aus, als bräuchte ich Steigbügel, um auf meinen Sitz zu kommen. Prinzipiell soll das Gerät auf allen Stühlen montiert werden können. Bei manchen Modellen geht das aber nur mit den Horizontalgurten ohne Vertikalsicherung - das schließt einige der Übungen aus.

Zum Glück ist mein Stuhl für die Vertikalmontage geeignet. Ich wüsste nicht, wie ich meinem Chef erklären sollte, warum ich gerade mit einer großen schwarzen Stahlspinne die beiden nagelneuen Monitore auf meinem Schreibtisch zertrümmert habe.

Schweißflecken oder Schulterverspannung? Geschmackssache

Nach zwei Tagen Test steht fest: Das Gerät erfüllt seinen Zweck nicht schlecht. Alle Übungen aus dem Heftchen sind möglich und fühlen sich auch richtig an. Das ist schon echtes Workout, wahrscheinlich ist es auch gesundheitsfördernd. Allerdings habe ich Hemmungen, mich im Büro-Outfit auszupowern. Wenn ich die Wahl zwischen Schweißflecken und Schulterverspannung habe, nehme ich die Verspannung. Das ist halt Geschmackssache.

Und ich kann mir vorstellen, dass es nicht in allen Unternehmen wirklich gern gesehen wird, wenn sich Mitarbeiter hörbar außer Atem keuchend am Telefon melden. Das lässt zwar körperlichen Einsatz vermuten, aber eben auch die ausgeruhte Souveränität vermissen, mit der eher unsportliche Schreibtischdiener ihren Tätigkeiten nachgehen.

Es gibt noch Steigerungen. Der Luxusversand Hammacher Schlemmer bietet für 8000 Dollar den "Elliptical Machine Office Desk" an, bei dem man während der Schreibtischarbeit angeblich rund 4000 Kalorien pro Woche extra verbrennen kann (und die Arme bequem frei hat, um während des Trainings in die Chipstüte zu greifen).

Wer es spartanisch liebt, könnte auf den "Tai Chi Chair" der französischen Designerin Yuan Yuan zurückgreifen, dessen Gestänge übungsfreundliche Ausbuchtungen hat - den allerdings gibt es bisher nur als Prototyp. Mehrere Anbieter verkaufen kleine Pedal-Trainingsgeräte, die man unter dem Schreibtisch parken kann. Meist heißen sie Mini-Bike oder Mini-Trimmer, damit kann man während der Arbeit fast lautlos in die Pedale treten.

  • Maren Hoffmann ist Redakteurin bei manager magazin Online. Dort erschien ihr Beitrag zuerst.



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