Fitness mit Allah, ohne Männer Musliminnen lassen Muskeln spielen

Streng gläubige Musliminnen haben ein Problem beim Sport: Entweder stören sie fremde Blicke, oder sie köcheln unterm Kopftuch. So fand Emine Aydemir eine Marktlücke und gründete ein Kölner Fitnessstudio. Männer müssen draußen bleiben, und in der Gebetsecke zeigt der Teppich gen Mekka.

Ayse Tasci-Steinebach

Von Almut Steinecke


An einem heißen Tag hatte Emine Aydemir, heute 43, die Nase voll. Ihre Haare klebten nass am heißen Kopf. Sie sah die irritierten Blicke der anderen Frauen, die zu sagen schienen: Wie hält sie das bloß aus, unter ihrem Kopftuch?

Immer war sie eine Außenseiterin im Fitnessstudio gewesen, denn die junge muslimische Frau nahm ihr Kopftuch nicht ab. "Ich hätte es gekonnt, wenn da wirklich keine Männer gewesen wären. Aber dann gab es doch einen männlichen Fensterputzer oder einen männlichen Postboten, der im Club auftauchte. Ein fremder Mann also, der meine Haare sehen könnte." Also zog Aydemir es vor, die Blicke der anderen Frauen zu ertragen - und das Schwitzen.

Doch dann, an diesem heißen Tag vor gut fünf Jahren, traf sie eine Entscheidung: Sie beschloss, selbst ein Fitness-Center zu gründen. Eines ohne Männer, ohne Blicke von Fensterputzern oder Postboten. So wurde aus Emine Aydemir eine besondere Existenzgründerin: Ihr gehört heute das Kölner Studio "Hayat" (türkisch für: das Leben). Dort können auch streng gläubige Musliminnen wie sie ohne Kopftuch Sport treiben.

Die Schwiegermutter gab das Startkapital

Die Gründung war schweißtreibend. Noch mit Kopftuch machte sie einen Trainerschein in einem deutschen Frauen-Fitnessstudio. "Vom Arbeitsamt konnte ich keine Förderung erwarten, da ich zu dem Zeitpunkt Hausfrau und nicht arbeitslos gemeldet war. Also machte ich alles aus eigener Kraft", erzählt Aydemir. "Meine Schwiegermutter in der Türkei schenkte mir eine Wohnung, die ich für 25.000 Euro verkaufen konnte. Das war mein Startkapital."

Sie sah sich nach einer geeigneten Immobilie um, nicht so einfach im teuren Köln. Im Stadtteil Bickendorf, eine halbe U-Bahn-Stunde vom Dom entfernt, fand sie halbwegs bezahlbare 420 Quadratmeter. Ein schmuckloser Zweckbau, im ersten Stock ihr Studio, im Erdgeschoss ein Kik-Markt. Die Fitnessgeräte sind geleast, mit einem Bankkredit, den sie ohne die Hilfe der Schwiegermutter wohl nicht bekommen hätte. Im April 2007 war die Eröffnung.

"Männliche Besucher haben keinen Zutritt", steht in großen schwarzen Buchstaben an der Eingangstür. Auch männliche Lieferanten dürfen nicht eintreten, sondern müssen klingeln und warten. "Das ist wichtig", unterstreicht Aydemirs Schwester Saliha, Azubi im "Hayat". "Nur mein Vater, meine Brüder und mein Onkel dürften mich ohne Kopftuch sehen, die Söhne meines Onkels aber schon nicht mehr."

Nicht unverhüllt in die Sauna

Auch zwischen muslimischen Frauen gebe es eine besondere Verhüllungssensibilität, die im "Hayat" mit bedacht wurde. Zwar können die Frauen dort in T-Shirts und Shorts herumlaufen, dürfen sich aber untereinander nicht vollständig nackt zeigen - so die Regeln, die Emine Aydemir für richtig hält: "Der Bereich zwischen Bauchnabel und Knie muss immer bedeckt sein."

Ihre Sauna darf man deshalb nur mit Peschtamel betreten, einem dünnen Baumwolltuch, wie man es in der Türkei im Dampfbad "Hamam" trägt. Aydemir verleiht das karierte Tuch für einen Euro oder verkauft es für acht. Es gibt auch keine Sammelduschen, nur Einzelkabinen. Neben dem Wellnessbereich mit Massageraum und Liegestühlen hat das "Hayat" eine Gebetsecke. Verborgen hinter einem Paravent liegt ein Gebetsteppich, ausgerichtet gen Mekka.

Das "Hayat" lief gut an. Aydemir hatte offenbar eine Marktlücke aufgespürt. "Schon nach einem Jahr konnte ich kostendeckend arbeiten, nach zwei Jahren war ich aus den roten Zahlen raus." Heute hat Aydemirs Fitness-Center rund 400 Mitglieder, 70 Prozent der Frauen sind Türkinnen. Die übrigen kommen aus anderen Kulturen, darunter Italienerinnen, Russinnen, Marokkanerinnen, auch deutsche Frauen.

Aerobic mit Allah im Herzen - ist das ein besonderer Schutzraum für Musliminnen, einfach eine clevere Geschäftsidee oder ein weiterer Schritt in eine Parallelgesellschaft, in die sich türkische Einwanderer in Großstädten wie Köln zurückziehen können?

Gebetsteppich und Fatburner-Kurse auf Deutsch

Kritik an einer "Abkapselung" kennt Emine Aydemir seit der Gründung. Sie betont, dass die türkischen Frauen in ihrem Studio nicht klüngeln, sondern "sich auch integrieren". In einer Sitzecke liegen türkische neben deutschen Zeitschriften, aus den Lautsprechern dringt mal türkischer Pop, mal internationale Charts. Alle Kurse laufen in deutscher Sprache, von Aerobic über Fatburner bis zum Bauch-Oberschenkel-Po-Training.

Aydemir selbst wurde in Ankara geboren und kam mit sieben Jahren nach Deutschland. 36 Jahre später meint sie immer noch die türkische, wenn sie von "meiner Kultur" spricht: "Nur Zeit für sich zu haben, indem man als Frau ins Fitness-Center geht, das ist in meiner Kultur so nicht üblich", sagt Aydemir. "Sport wird bei uns unter Frauen nicht so groß geschrieben; nicht umsonst kämpfen viele Landsmänninnen mit Übergewicht."

Gerade zieht sich Melise Sezen, 16, um. Sie hat mal ein Probetraining bei einer großen Fitness-Kette in der Innenstadt absolviert, aber: "Ich habe mich dort überhaupt nicht wohl gefühlt. Wenn ich anfing zu schwitzen und mein Top an meinem Oberkörper klebte, hatte ich immer sofort das Gefühl, dass die Männer mich anstarren. Das war mir total unangenehm. Mein Vater war auch nicht glücklich damit. Er ist froh, dass ich jetzt im 'Hayat' bin."

Das ist kein ungewöhnlicher Hinweis. Oft sind es die Gatten und Väter, die Neugier fremder Männer fürchten und für die Frauen gleich einen Jahresvertrag im "Hayat" abschließen. Nur per Telefon, wohlgemerkt. Aber irgendwie sind sie so doch präsent.

Autorin Almut Steinecke (Jahrgang 1972) ist Online-Redakteurin und freie Journalistin in Köln.

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