Fitness-Tracking im Büro Schritte zählen für den Chef

Mit smarter Technik und Dauer-Datenlese lässt sich das Leben optimieren. Wollen Angestellte das wirklich? Anscheinend. 80.000 treten jetzt allein in Deutschland zum Wettbewerb der vielen Schritte an. Datenschützer finden das heikel.

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GCC

Positiv ist das Lieblingswort von Martin Zelger. Schritte zählen, Pfunde wiegen, Schlaf messen: für ihn "positive Erlebnisse". Zumindest, wenn man das mit der Hilfe seiner Firma macht. Sie verkauft an Konzerne eine "einfache und effektive Lösung, die Ihr wertvollstes Gut - Ihre Leute - in eine optimale Verfassung versetzt", so steht's auf der Webseite.

Die Idee: Die Mitarbeiter treten in Siebener-Teams mit Bewegungsmessern gegeneinander an. Jeder Schritt bringt sie auf einer virtuellen Weltreise voran. Auf der Landkarte gibt es Fotos zu bestaunen, virtuelle Pokale zu gewinnen und Lektionen zu lernen: Man braucht 6350 Schritte, um einen Caffè Latte abzutrainieren. Aber nur 25 Schritte für einen Espresso. Gewinner ist das Team mit den meisten Schritten nach 100 Tagen.

Mehr als 350.000 Menschen aus 185 Ländern machen in diesem Jahr bei der Aktion mit. Sie heißt wie die Veranstalterfirma, deren Europageschäft Martin Zelger leitet: "Global Corporate Challenge" (GCC). Herb Eliot, als Mittelstreckler 1960 Olympiasieger für Australien, gründete das Unternehmen vor gut zehn Jahren zusammen mit einem Marketingspezialisten. Die Nachfrage wächst, auch in Deutschland. 80.000 deutsche Angestellte starten diese Woche mit dem Programm. Sie arbeiten für Konzerne wie Siemens, die Deutsche Bank oder IBM, für die Deutsche Bundesbank, das Deutsche Rote Kreuz oder mittelständische Unternehmen.

Frank Duckwitz tritt für ein Team der Commerzbank in die Pedale
Commerzbank

Frank Duckwitz tritt für ein Team der Commerzbank in die Pedale

Frank Duckwitz, 51, ist Projektmanager der Commerzbank in Frankfurt und schon zum zweiten Mal dabei: "Ich habe mich vom Wettbewerbsgedanken ganz schön anstacheln lassen." Im GCC-Universum entspricht ein Kilometer Radfahren 300 Schritten. Für die 30 Kilometer zur Arbeit nahm Duckwitz das Rad, plus Laufeinheiten kam er auf rund 30.000 Schritte am Tag, das entspricht etwa 15 Kilometern. Da konnte kein Kollege mithalten.

Eine App misst auch die Stille im Schlafzimmer

Um durchschnittlich 5,2 Zentimeter haben 62 Prozent der Teilnehmer im vergangenen Jahr ihren Taillenumfang verringert, behauptet GCC. Das Maßband haben sich die Angestellten selbst um die Hüften geschlungen und die Werte online eingetragen, wie sie es auch jeden Tag mit ihren Schritten machen. Die GCC-Schrittzähler übertragen keine Daten.

"Der Trend geht ganz klar zu Fitnessarmbändern, aber da wollen wir unseren Kunden die Wahl lassen", sagt Zelger. Sie können solche Kleinstcomputer nutzen, ihre Daten manuell eingeben oder eine App fürs Smartphone starten. Die misst zum Beispiel auch die Schlafqualität - indem sie per Mikrofon analysiert, wie still es im Schlafzimmer ist.

Abgefragt werden neben Schritten und Taillenumfang auch Gewicht, Alter, Blutdruck, Cholesterinspiegel, tägliche Schlafdauer oder empfundener Stress. Im GCC-Deutschlandvergleich sind die Hamburger am aktivsten, die Münchner am schwersten, die Frankfurter am schlanksten. In Taiwan sind Angestellte besonders gestresst, in Indien besonders aktiv.

Martin Zelger ist der Europachef von GCC
GCC

Martin Zelger ist der Europachef von GCC

Die Firma wertet für jedes Land, jede Branche, jede Firma Gesundheitsdaten aus und übermittelt sie den Arbeitgebern anonymisiert. "Jede Gesundheitsinitiative muss messbar sein und Ergebnisse bringen, sonst würden Unternehmen sie ja nicht umsetzen", so Zelger. Rückschlüsse auf einzelne Mitarbeiter könnten aber nicht gezogen werden: "Alle Informationen beziehen sich auf den Durchschnitt der Belegschaft. Und bei sieben Leuten pro Team weiß man ohnehin nicht, wer welche Leistung erbracht hat."

Im Commerzbank-Team von Frank Duckwitz wusste jeder, wer am Vortag sportlich oder faul gewesen war. "Wir haben daraus kein Geheimnis gemacht", sagt er. "Zu wissen, wer wie viele Schritte schafft, hat zusätzlich motiviert." Martin Zelger nennt das "positiven Druck". Alles sei freiwillig, betont er. Niemand solle gemobbt oder ausgestoßen werden, "es geht hier nur um den Spaß". Deshalb gebe es auch keinen geldwerten Gewinn.

Für die Arbeitgeber geht es freilich schon ums Geld. Pro Teilnehmer zahlen sie zwischen 46 und 65 Euro, je nach Firmengröße. Laut GCC rechnet sich das durch bessere Leistung im Job: 41 Prozent der Teilnehmer seien nach der Aktion seltener krank. Sie fühlten sich weniger gestresst, seien zufriedener mit ihrem Job, insgesamt produktiver.

Die Nachfrage der Arbeitgeber ist mittlerweile so hoch, dass auch Fitnessarmband-Hersteller Jawbone ein eigenes Programm für Firmen entwickelt hat. Eine Londoner Großkanzlei geht laut "Berliner Zeitung" einen Schritt weiter - und überwacht per App den Gemütszustand ihrer Mitarbeiter: die Frequenz der Stimme, die Nutzung des Smartphones und mittels Bewegungssensor den Schlaf.

Datenschützer sehen Probleme

Datenschützer besorgt diese Entwicklung. Die Kontrolle des Gesundheitszustands durch den Arbeitgeber berge die Gefahr "unzähliger Missbrauchsszenarien", sagte Bundesdatenschutzbeauftrage Andrea Voßhoff (CDU) der "Berliner Zeitung". Heikel sei das zum Beispiel bei Kündigungswellen und der Frage, auf wen das Unternehmen am ehesten verzichten kann.

Auch freiwillige Vereinbarungen hält die Datenschützerin für problematisch: "Die geltenden Vorschriften und Grundsätze würden umgangen, wenn der Arbeitgeber vom Arbeitnehmer über dessen Einwilligung umfassende personenbezogene Gesundheitsdaten per Fitness-App erhielte."

Martin Zelger kennt die Bedenken: "Der Schutz der Privatdaten hat für uns oberste Priorität." Persönliche Daten seien nur für den einzelnen Teilnehmer abrufbar. Auch bei der Commerzbank will man von persönlicher Überwachung nichts wissen. "Wir bekommen nur eine sehr globale Auswertung, keine Daten für einzelne Abteilungen oder gar Mitarbeiter", sagt Karin Goldstein vom Gesundheitsmanagement. Entscheidend sei, dass die Mitarbeiter wegen des Wettbewerbs häufiger über Gesundheit sprächen: "Wir setzen da auf den Domino-Effekt."

Nur sehr selten versuche jemand, bei der Schrittzahl zu schummeln, sagt Martin Zelger. Wer etwa angibt, mehr als 100 Kilometer am Tag mit dem Rad zu fahren, wird von GCC gefragt, ob denn das so stimmen könne - auch Frank Duckwitz nach einer großen Fahrradtour.

"Oft kommen da spannende Geschichten heraus", so Zelger. Ein 350-Kilometer-Radler sei ein auf Langstreckenrennen spezialisierter Amateursportler gewesen - und trotzdem nicht der Sieger: "In der Regel gewinnen Damen zwischen 50 und 60 Jahren, die jeden Tag brav die Treppe statt des Aufzugs nehmen, einen Umweg zum Drucker laufen oder sich zum Spazierengehen in der Mittagspause verabreden."

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.



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wrangel3 29.05.2015
1. einen Umweg zum Drucker laufen ?
das reicht heute , um im Fittnesswahn mitzumachen ? Wer heute immer noch seine Daten verschleudert und freiwillig zugänglich macht , scheint die Zeichen der Zeit nicht richtig gedeutet zu haben .
Sibylle1969 29.05.2015
2. Datenschutz
Dass das Ganze datenschutztechnisch sehr heikel ist, finde ich auch. Davon mal abgesehen, ist es natürlich für einen trainierten Radfahrer kein Problem, mehr als 100 km mit dem Rad zu fahren. In diesem Jahr war meine längste Radtour bisher 99 km, die 100 km knacke ich sicher spätestens im Juni.
Leser161 29.05.2015
3. Nix gegen Sport
Sport ist eine gesunde Sache und sollte geördert werden. Problem ist wie gesagt der Datenmissbrauch. Was man da alles mit machen kann. Ob das wirklich stimmt was da rauskommt ist egal. Der Algorithmus hat es ja gesagt. Datenaberglaube halt.
alohas 29.05.2015
4. Dümmer geht's nicht!
Da kann man nur hoffen, dass die Mitarbeiter von Unternehmen, die diesen Unsinn veranstalten, aus gelebtem Gesundheitswahn so viele und so weite Umwege zum Drucker machen, dass dabei ordentlich wertvolle Arbeitszeit draufgeht. Wer sich freiwillig überwachen lässt, ist selbst schuld. Wenn ich über so einen Quatsch lese, kommt mir zuweilen der ketzerische Gedanke, dass NSA und Co. am Ende gar noch von den Überwachten dazu genötigt werden, sie zu überwachen. Was ist denn eigentlich, wenn ein Mitarbeiter aus nachvollziehbaren Gründen bei diesem „Spaߓ nicht mitmachen will?
Spiegelwahr 29.05.2015
5. Mit 50 geht es dann ins Ersatzteillager
Ich kenne viele Fitnessverrückte, die dann vor verschieden Schmerzen von Knie, Hüfte usw. dann ins Ersatzteillager gehen und sich dort die Ersatzteile einfügen lassen. Lieber mit Maßen als mit Massen. Wer seine Gesundheit durch seinen Arbeitgeber unter Kontrolle stellt, darf sich nicht wundern, wenn er aussortiert wird.
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