Sieben Tage beim Schlachter Ich werde Blut sehen

Ein Tier töten? Niemals! Aber Hackfleisch kaufen wir trotzdem beim Discounter. Fabienne Hurst ist von ihrer eigenen Heuchelei genervt. Sie heuert sieben Tage beim Schlachter an.

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Zunge schnalzend lockt Adrian das Schwein zu sich, dann verpasst er ihm per Elektrozange einen Schock. Ketten rasseln, das Tier wird kopfüber an einem Bein aufgehängt. Es zuckt noch.

Mit einem Messer schneidet der 22-Jährige dem betäubten Tier die Hauptschlagader durch, packt die Vorderbeine und pumpt mit schnellen Bewegungen das Blut in einen Plastikeimer. Nach etwa 60 Sekunden stirbt das Schwein durch Blutverlust. Mir ist schlecht.

Es ist der erste Tag von sieben, die ich beim Schlachter verbringen will. Ausgesucht habe ich mir einen Familienbetrieb im Osten Hamburgs. Nah am Menschen, nah am Tier, nah am Tod.

Mich nervt meine eigene Heuchelei schon lange: Ich finde Tiere niedlich, esse aber gerne Steak. Als hätte beides nichts miteinander zu tun.

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Selbstversuch als Schlachter: Manche denken, wir streicheln die Tiere tot
Meine Eltern sind auf einem Bauernhof aufgewachsen. Regelmäßig kam der Hausschlachter vorbei, tötete und zerlegte ein Tier, danach war die Speisekammer wieder voll. Nur eine Generation später treibe ich meinen Großstadtfreunden das Entsetzen ins Gesicht, als ich ihnen von meinem Plan erzähle. Tiere töten? Niemals!

Einige sind Vegetarier oder Veganer, für sie sind Schlachter Tiermörder. Andere halten mir Kurzvorträge über Tierethik, kaufen ihr Hackfleisch aber beim Discounter, wo das Fleisch schön angestrahlt wird und so künstlich aussieht, dass das Tier ganz weit weg scheint. Auch wenn es mit Kochlöffel und Schürze von der Packung grinst.

Ich finde: Wir haben ein gesundes Verhältnis zum Fleischessen verloren. Ich will es wieder zurück haben. Das geht am besten da, wo es morgens nach Stall riecht und abends nach Katenschinken.

Einmal ausgeblutet, wird das Schwein bei 63 Grad abgebrüht und mit einem Bunsenbrenner abgeflämmt, zur Desinfektion. Schlachtergeselle Adrian zeigt mir, wie man die restlichen Borsten mit dem Messer abkratzt. Das tote Tier fühlt sich warm und glatt an.

Ich rasiere ein totes Schwein!

Es macht keinen Spaß, aber es ist viel weniger eklig, als ich erwartet habe. Ich mache aus einem toten Tier ein Lebensmittel.

Die Schlachter zerteilen das Schwein und entnehmen die Organe. Aus den Ohren wird später Hundefutter, die Augen holt eine Lehrerin ab - für den Biologieunterricht. Bis auf Galle und Hufe landet nichts im Müll.

Ich habe schweigsame Kollegen. Beim Frühstück schmieren sie still Mettbrote. Meine Fragen nach Albträumen und ihren Gefühlen beim Schlachten beantworten sie mit einem Schulterzucken. Alles Routine.

Ab und zu fragen Kunden im Laden nach den Bedingungen, unter denen geschlachtet wird. "Manche Leute denken echt, wir streicheln die Tiere tot", sagt Verkäuferin Heike. Irgendwie habe ich mir das bisher auch gewünscht. Hier merke ich: Wer das Schlachten eines Tieres ausblendet, verliert leicht den Respekt davor. Für den wird Fleisch so banal wie eine Tüte Kartoffelchips.

Die größte Herausforderung sei, die Tiere so wenig wie möglich zu quälen, sagen meine Kollegen. In Großschlachthöfen sterben bis zu 15.000 Schweine pro Tag, teilweise aus ganz Europa her gekarrt, in Massen betäubt mit Kohlenstoffdioxid. In diesem Betrieb ist das anders: Pro Woche werden etwa zehn Tiere aus der Region geschlachtet, alle Abläufe sollen so stressfrei wie möglich für die Tiere sein.

Früh morgens, es ist eisig kalt, fahren wir die 15 Minuten zum Mastbetrieb. Als die Stalltür aufgeht und vier Schweine in den Anhänger getrieben werden sollen, sträuben sie sich, quieken laut, drängeln sich aneinander. Ich spüre ihre Panik, bilde mir ein, sie wüssten, wohin es geht. Auf der Rückfahrt habe ich Bauchweh:

Ob sich die Schlachter wohl auch manchmal schuldig fühlen?

"Wir nehmen dem Bürger das Töten ab, der würde sich das nicht zutrauen", sagt Eberhard Stöck, der Chef. Früher habe es Jäger und Sammler gegeben, und dann eben den Schlachter, der das für andere erledigt. Stöck ist ein ruhiger Mann Anfang 60, mildes Lächeln, müdes Gesicht. Er sei kein Tierfeind, er sei Menschenfreund. Seinen Job sieht er als Dienst an der Gesellschaft. Die sei nach wie vor auf Fleisch als Lebensmittel angewiesen. Und er sorge dafür, dass sie gutes bekommt, sagt er. Denken wird er wohl: Eigentlich müsstet ihr uns alle unendlich dankbar sein.

Stattdessen hat kaum ein Beruf so ein schlechtes Image wie der Metzger. Geselle Adrian kennt das. Seinen Beruf verrät er Fremden nicht sofort. "Was soll ich denn sagen?", fragt er. "Hi, ich bin Schlachter, hab' heute noch'n Tier abgemurkst, und wie geht's dir so?"

So richtig verstehen kann er seine Scham aber nicht. Deshalb hat er in der Berufsschule seine Lehrerin gefragt, warum der Schlachter so einen miesen Ruf hat. "Wenn früher ein Mord passiert ist", habe sie geantwortet, "war immer der Schlachter der Schuldige. Denn der hatte das Messer mit der blutigen Klinge. Daher komme das."

Auch Adrians Kollege Jörg versteht es nicht: "Der Schlachter ist doch ein Künstler. Es ist eine Kunst, aus einem Tier, das eigentlich nur scheißt und frisst, eine Delikatesse zu machen." Später zeigt er mir, wie man einem Rind die Haut abzieht.

Meine Fragen nach Moral und Gewissen kommen mir von Tag zu Tag alberner vor.

Diese Leute machen ihren Job, und sie machen ihn gut.

Ich wünsche mir, dass es nur noch solche kleinen, nachhaltigen Betriebe gibt, am liebsten direkt in meinem Viertel. Aber außer den Stöcks und einer Schlachterei nördlich der Elbe gibt es keinen Schlachthof mehr im Hamburger Umland, der noch selbst schlachtet, zerlegt und verkauft.

Als 2001 Billigsupermärkte plötzlich eingeschweißtes Hack anbieten durften, sei der Umsatz eingebrochen, sagt Stöck. Er musste zwei seiner Filialen dichtmachen und zehn Mitarbeiter entlassen. Um mit der Konkurrenz einigermaßen mithalten zu können, arbeiten er und seine Frau 80 Stunden die Woche. Würden sie sich selbst angemessen entlohnen, wäre das Fleisch doppelt so teuer. Und Urlaub machen die beiden fast nie - aus Angst, die Kunden könnten sich von ihnen abwenden. Bald gehen sie in Rente. Einen Nachfolger gibt es noch nicht.

Der Film "7 Tage beim Schlachter" von Hans Jakob Rausch und Fabienne Hurst läuft am 26. April um 15.30 Uhr im NDR-Fernsehen.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Fabienne Hurst (Jahrgang 1987) ist freie Journalistin in Hamburg und hat zuvor Medienwissenschaften sowie an einer Journalistenschule in Straßburg studiert.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
hammelbein84 24.04.2015
1. Schade!
Solceh Betriebe drüfen nicht aussterben, hier werden die Tiere noch mit Respekt behandelt. Es gehört nuneinmal zum Fleischessen dazu und man schätzt es mehr. Wenn ich einen Fisch töte, ausnehme und verwerte, dann auch komplett und ohne Verschwendung.
Pfaffenwinkel 24.04.2015
2. Fische
habe ich schon getötet, das geht. Bevor ich aber andere Tiere töten müsste vor dem Essen, würde ich lieber Vegetarier werden.
polarwolf14 24.04.2015
3. Ohne Industrie
und Fortschritt wäre so ein Thema nicht auf den Tisch gekommen. Deutschland verweichlicht immer mehr. Um Fleisch zu essen, ist es notwendig, Tiere zu töten. Wo ist das Problem?
rakoge 24.04.2015
4.
Respekt vor der jungen Frau! Jemand vom Grossstadt-Mainstream der wirklich mal unvoreigenommen den Dingen, die wir so gerne ausblenden, auf den Grund geht!
tmhamacher1 24.04.2015
5. Was für eine Journalistin!
Ich glaube es nicht! Beim Spiegel, dem Magazin für höhere Moral und Diplom-Besserwisserei erscheint ein Artikel über eine Journalistin, die sich tatsächlich mit der Realität und der Lebenswelt von einfachen Bürgern beschäftigt! Chapeau!
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