Herr Schmiedl und die Ingenieure "Der Fliesenleger hat doch recht"

Ein Handwerker empfindet Ingenieure als Problemkunden und will nicht mehr für sie arbeiten. Sozialwissenschaftler Fritz Böhle kann den Fliesenleger verstehen - und erklärt, warum viele Akademiker mit der Lebensrealität fremdeln.

Fliesenleger bei der Arbeit (Archivbild)
imago/Photoshot/Construction Photography

Fliesenleger bei der Arbeit (Archivbild)


Audi- und Siemens-Ingenieure? Für die will er nicht mehr arbeiten, schrieb Fliesenleger Michael Schmiedl aus dem niederbayerischen Riedenburg auf die Webseite seines Betriebs. Und dass sich die angesprochene Personengruppe deshalb gar nicht mehr bei ihm zu melden brauche. Begründung: Ihm reichten die Besserwisserei und die mangelnde Zahlungsmoral der Kunden aus diesem Berufsfeld.

Mehr als 1,7 Millionen Menschen lasen den Text und kommentierten im Forum von SPIEGEL ONLINE und in den sozialen Medien die Entscheidung Schmiedls. Viele Leser konnten sich mit dem Fliesenleger identifizieren - andere kritisierten die Pauschalverurteilung der Ingenieure.

Kunden aus bestimmten Berufsgruppen sind halt qualifiziert, die Leistungen zu beurteilen und lassen sich nicht so leicht über den Tisch ziehen. Viele Vermieter vermieten auch nicht an Lehrer und Rechtsanwälte. Die kennen sich zu sehr mit Mietrecht aus. (Forist "rainerwäscher" im SPIEGEL ONLINE-Forum)

Manche Leser statteten ihre Kommentare mit viel Ironie aus.

Respekt! So sind die Handwerker. Klar und ehrlich. Und keinen Millimeter Abweichung vom deutlichen Standpunkt. Nur beim Fliesenmaß. Was nicht passt wird passend gemacht. (Forist "rundandrock" im SPIEGEL ONLINE-Forum)

Michael Schmiedl stößt mit seiner Radikalkritik aber auf erstaunlich viel Zustimmung. Offenbar können viele Leser seine Aussage, Ingenieure seien realitätsfremd, einiges abgewinnen.

Der Münchner Sozialwissenschaftler Fritz Böhle hat sich als Forscher mit Fragen von beruflichem Erfahrungswissen beschäftigt. Er kann dem Vorstoß des Fliesenlegers einiges abgewinnen - und er bewundere den Handwerker sogar, erklärt Böhle im Interview mit dem SPIEGEL.

Zur Person
  • Mike Gallus
    Prof. Fritz Böhle, Jahrgang 1945, war bis 2018 Vorstandsvorsitzender des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. in München. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung von Arbeit, beruflicher Bildung und Erfahrungswissen. Außerdem ist er Leiter der Forschungseinheit für Sozioökonomie der Arbeits- und Berufswelt an der Universität Augsburg.

Was haben Sie gedacht, als Sie gelesen haben, dass Fliesenleger Michael Schmiedl Ingenieure als Kunden ablehnt?

Ich dachte: Gut, dass er das so klar sagt. Ich habe ihn doppelt bewundert dafür, dass er offensiv die Kunden kritisiert und den Mut hatte, sich dazu zu bekennen. Obwohl er ja die Klischees kennt, in denen es heißt, der einfache Handwerker hat sowieso keine Ahnung.

Wie bewerten Sie denn die Vorwürfe von Michael Schmiedl?

Der Fliesenleger hat Recht. Aber das Problem ist keine persönliche Arroganz der Ingenieure, sondern dahinter liegt vielmehr ein Problem der akademischen Ausbildung und der Erwartungen, die Unternehmen an Ingenieure haben.

Was heißt das konkret?

Das Defizit der akademischen Ausbildung liegt darin, dass sie wissenschaftlich fundiert ist und man davon ausgeht, dass Wissenschaft in der Lage ist, alle wichtigen Dinge der Realität und Praxis exakt zu erfassen und zu beschreiben. Gerade im Bereich Naturwissenschaften und Technik. Und das ist leider nicht der Fall. Die Wissenschaft kann längst nicht alles vollständig und objektiv beschreiben. Nicht alle Gegebenheiten laufen immer nach exakten Regeln ab. Der Vorteil des Fliesenlegers ist: Er hat ein fundiertes Erfahrungswissen über diese Unabwägbarkeiten - anders als viele Ingenieure.

Heißt das, dass Ingenieure im Arbeitsalltag nur für die Theorie taugen?

In Großunternehmen sitzen viele Ingenieure in Abteilungen, die gar keinen Kontakt zur Fertigung haben. Und sie bekommen - daran tragen sie selbst keine Schuld - auch nicht die Chance, diese Bereiche kennenzulernen und sich mit dem Erfahrungswissen der Facharbeiter auseinanderzusetzen.

War das mal anders?

In Kleinbetrieben hatte der Ingenieur früher einen direkten Kontakt zur Fertigung. Viele Ingenieure hatten darüber hinaus auch zusätzlich eine Facharbeiterausbildung und haben sich weiterqualifiziert. Der Ingenieur in einem Großunternehmen lebt in einer völlig anderen Welt. Diese Trennung hat zugenommen, denn es gibt immer weniger den Aufstieg von unten nach oben, sondern immer mehr Leute, die direkt von der Universität in die Betriebe kommen. Natürlich sammeln auch weiterhin viele Ingenieure praktische Erfahrungen, das will ich gar nicht pauschalisieren. Aber gerade die Jüngeren stehen so unter Druck, dass sie sich gar nicht trauen zu sagen: "Das weiß ich nicht, da weiß der Facharbeiter mehr." Das ist aber nicht nur im Ingenieurbereich so. Im Krankenhaus sieht es ganz ähnlich aus.

Dass Akademiker in der Gesellschaft schon immer über ein höheres Ansehen verfügten, ist aber nicht neu?

Wir haben nun mal in unserer Gesellschaft diese Hierarchie: da unten der Fliesenleger, der hat "nur" eine berufliche Bildung, und da oben der akademisch Ausgebildete. Das ist falsch. Ich plädiere nicht gegen die akademische Ausbildung, aber wir müssen sehen, dass sich die akademische und die praktische Ausbildung ergänzen. Beide Berufsgruppen müssen sich gegenseitig wertschätzen und auf Augenhöhe miteinander sprechen. Ein Studium ist super, aber es sagt einem nicht alles über die Welt. Die sich verstärkende Trennung der Arbeitswelten sorgt aber zunehmend dafür, dass man überhaupt nicht mehr miteinander spricht.

Entdeckt das Handwerk gerade ein neues Selbstbewusstsein?

Ja, aber es darf nicht zu einer einfachen Akademikerschelte kommen. Da bin ich strikt dagegen. Der Fliesenleger muss anerkennen, dass der Ingenieur auch Dinge kann, die er nicht kann. Nicht, weil er dumm ist, sondern einfach deshalb, weil er sich auf etwas anderes spezialisiert hat. Und umgekehrt muss der Akademiker anerkennen, dass es da noch andere Experten gibt.

Das klingt nach einer tief gespaltenen Gesellschaft, die Sie da beschreiben.

Ich glaube, dass das letztlich eine Kulturfrage ist. Sie haben in allen großen Betrieben, nicht nur in der Automobilindustrie, studierte Mitarbeiter, die ahnen, dass sie noch wenig von der Praxis verstehen - aber das zuzugeben wäre ein Zeichen von Schwäche. Wir haben in Deutschland eine Kultur, in der Nicht-Wissen sofort als Fehler und eben nicht als besondere Qualität bewertet wird.

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peterle3 16.01.2019
1. Zwei Klischees.
Zunächst einmal finde ich es gut und mutig, dass der Fliesenleger sich da so positioniert. Er hat wohl seine Erfahrungen gemacht. Das darf man aber nicht so einfach generalisieren, sonst wird das zum Klischee. Das andere, gegenläufige Klischee ist bekanntermaßen das vom Pfusch am Bau, da hat auch jeder so seine Beispiele. Wie Prof. Böhle das sagt: Die Dinge miteinander bereden und klären. Im Mittelalter sagte man: "Ein Bauer und ein Doktor wissen mehr als ein Doktor." Und nicht vergessen: Die Verantwortung liegt beim Handwerker, das muss man halt im Zweifelsfall nachweisen.
wi_hartmann@t-online.de 16.01.2019
2.
Akademiker fast alles Erbsenzähler und belehren Handwerker auf deren Fachgebiet. Deshalb sagt die Erfahrung diese Klientel meiden.
syracusa 16.01.2019
3. Unterschied zwischen Theorie und Praxis
Der Artikel bringt mich zur bekannten Frage, was denn nun der relevante Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist. Die simple Antwort: In der Theorie gibt es keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, in der Praxis aber schon.
hegoat 16.01.2019
4.
Da macht es sich der Herr Sozialwissenschaftler aber ein bisschen einfach. Es geht nicht um eine eingebildete bessere Expertise der akademischen Auftraggeber oder deren Weltfremdheit, es geht vielmehr darum, dass solche Menschen sei es qua Ausbildung oder qua Intelligenz relativ penibel bei der Bewertung von Leistungen oder Sachverhalten sind. Ich will auch keine schiefe Küche oder unsaubere Fugenarbeiten haben, aber ich kenne genug Leute, denen sowas egal ist. Der Fliesenleger des Artikels kann ja gerne bei denen Fliesen legen.
Luke1973 16.01.2019
5. falsche Diskussion
Ich glaube die Diskussion hier geht völlig am eigentlichen Problem vorbei. Der Gegensatz ist hier nicht Akademiker - Facharbeiter, sondern es kommt darauf an womit sich jemand beruflich beschäftigt und ob er denkt, er könne das auf alle anderen Bereiche übertragen. Mit einem Bauingenieur wäre dem Fliesenleger das jedenfalls nicht passiert, denn der hätte gewusst, dass es für "Toleranzen im Hochbau" eine Norm gibt, die genau vorgibt wie groß Maßabweichungen sein dürfen. Und die sind bei Fliesen relativ groß. Kann auch gar nicht anders sein. Leitspruch hier: "Millimeter ist kein Baumaß!" Der Maschinenbauingenieur bei Audi hingegen ist gewohnt im Bereich von Zehntel- oder gar Hundertstelmilimeter zu arbeiten. Und die Facharbeiter dort setzen das auch so um. Aber eben an der Dreh- und Fräßmaschine - nicht bei Fliesen. Ich habe schon erlebt, dass ein befreundeter Facharbeiter aus dem metallverarbeitenden Gewerbe (Werkzeugmacher) die Holzbalken für den heimischen Dachstuhl mit der Schieblehre nachgemessen und sich dann beschwert hat, dass der Sparren gar nicht 80x160 sondern nur 79x158 war. Oder ein anderer, der seine Fliesen selber legen wollte und dann alle aussortiert hat, die nicht maßhaltig sind. Es waren nicht mehr viele übrig....
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