Integration Wenn Flüchtlinge die Feuerwehr retten

Die Zuwanderung von Flüchtlingen könnte ein Problem der Freiwilligen Feuerwehren lösen: Nachwuchsmangel. Ein Dorf nahe Wolfsburg probiert das jetzt aus. In Flechtorf sitzt Jalal Daoud aus dem Sudan im Löschzug.

Jalal Daoud
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Jalal Daoud

Von Maximilian Gerl


Früher lebte Jalal Daoud im Sudan. Jetzt steht er im Dunkeln auf einem Feuerwehrwagen in Flechtorf, einem Dorf zwischen Wolfsburg und Braunschweig. Nur der Warnblinker macht etwas Licht. Endlich findet Daoud den richtigen Hebel, er zieht, gemeinsam mit einem Kameraden richtet er den Scheinwerfermast auf. Alles richtig gemacht.

Daoud steht am Anfang seiner Feuerwehrausbildung. An diesem Abend übt der 31-Jährige das Ausleuchten von Unfallstellen. Als er später zurück auf der Wache ist, sagt er, er freue sich auf seinen ersten Einsatz.

Daouds Vater wurde im Sudan von der Militärpolizei erschossen, zehn Jahre ist das jetzt her. Seither ist Daoud auf der Flucht. Die ersten 800 Kilometer legte er zu Fuß zurück. In Libyen arbeitete er erst als Schafhirte, dann als Koch, um für die gefährliche Fahrt übers Mittelmeer zu sparen. Weil er keinen Pass hatte, musste er acht Monate ins Gefängnis. Im Oktober 2011 hatte er das Geld für den Schlepper zusammen. Drei Tage dauerte die Fahrt im Schlauchboot zur Insel Lampedusa, vier Mitreisende überlebten sie nicht.

In Italien pflückte Daoud Tomaten, bis er wieder Geld für die Weiterreise hatte. Er schaffte es bis Köln, dort fiel er der Polizei wegen fehlender Papiere auf. Seine nächsten Stationen: Flüchtlingsunterkünfte in Hannover und Braunschweig. Seit August lebt er nun in Flechtorf. Eine Familie hat ihn privat aufgenommen. "Ich habe ein sehr schönes Bett bekommen", sagt Daoud. Die Ausbildung zum Feuerwehrmann war seine Idee: Die Wache liegt im Ort direkt neben dem Supermarkt, er kam oft daran vorbei - und war einfach neugierig.

Flechtorf
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Flechtorf

Ortsbrandmeister Ralf Sprang war erst skeptisch, als er hörte, es gebe einen Asylbewerber in Flechtorf, der gerne Feuerwehrmann werden wolle. Trotzdem lud er Daoud zu einem Besuch ein. "Er hat sich vom ersten Moment an super bei uns eingefügt", sagt Sprang, "er will unbedingt helfen."

Ein Arbeitsplatz gilt als bestes Mittel zur Integration. Aber Asylbewerber finden selten einen Job, weil ihnen die nötigen Kontakte, Sprach- und Fachkenntnisse fehlen. Zudem klagen Firmen über bürokratische Hürden. Vereine könnten da eine gute Alternative sein, um Anschluss in Deutschland zu finden.

Flechtorf verändert sich

Feuer löschen hierzulande vor allem Ehrenamtliche. Erst Städte ab 100.000 Einwohnern verfügen über reine Berufsfeuerwehren. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 30.000 Wachen. "Wenn jede Feuerwehr zwei Menschen integriert, engagieren sich mehr als 60.000 Personen und können so in der Mitte der Gesellschaft ankommen", rechnet Hans-Peter Kröger, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, vor.

Die Freiwillige Feuerwehr Flechtorf hat 30 aktive Mitglieder, ihre 40-köpfige Jugendabteilung gilt als größte im Landkreis. Hinzu kommen mehr als 200 Unterstützer und Ehemalige. Keine schlechte Quote bei 3000 Einwohnern. Trotzdem hat Sprang Personalsorgen. Flechtorf verändert sich. Die Straßen im Norden säumen alte Höfe, einige sehen abgewirtschaftet aus. Dahinter stehen Einfamilienhäuser, im Süden Wohnblöcke. Viele Einwohner pendeln zum Arbeiten nach Wolfsburg. Die Bindung an den Ort und zu seinen Vereinen schwindet.

Sprang begreift es deshalb als Chance, wenn Asylbewerber wie Daoud sich engagieren wollen: "Das ist eine neue Möglichkeit, um aktive Mitglieder zu gewinnen." Mit Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden müsse man eben umzugehen lernen.

Fremde Gesten des Respekts

Sprang erzählt, anfangs habe Daoud Gerätschaften alleine schleppen wollen - in vielen afrikanischen Ländern gilt es als eine Geste des Respekts, wenn der Chef nichts tragen muss. "Wir haben ihm dann erklärt, dass wir gemeinsam anpacken", sagt Sprang, "schon aus Sicherheitsgründen."

Daoud gefällt es bei der Feuerwehr, "wir sind eine Familie", sagt Sprang. Er will Daoud einen Job bei der Mühle gegenüber vermitteln. So könnte er sein eigenes Geld verdienen. Und Sprang bekäme einen Feuerwehrmann, der bei Alarm nur über die Straße laufen müsste, um einsatzbereit zu sein.

Neulich rief der Kommandant einer anderen Wache bei Sprang an: Bei ihm wollten drei Asylbewerber anfangen. Ob er sie in seine Truppe aufnehmen solle? Sprang lächelt: "Ich hab ihm gesagt: Mach das."

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